Wann immer Finley blank war, war er auf seine Tante Mildred nicht gut zu sprechen und nahm kein Blatt vor den Mund. „Die alte Schachtel ist so reich! Die hockt mit ihrem breiten Arsch auf einem Haufen Geld wie eine Glucke auf ihrem Ei“, sprudelt es dann aus ihm heraus. „Bis du bei dieser Ziege mal 10 Pfund verdienst, musst du den ganzen Garten umgraben.“ Was er meinte, war das Mähen des Rasens, das höchstens eine Stunde in Anspruch nimmt.
Mildred war so sehr von altem Schlag, dass für sie Leistung ohne Gegenleistung undenkbar war. Dieses Prinzip verstand Finley völlig falsch. „Was soll ich mich abrackern, wenn sie mich bei allem, was ich für sie tue, mit ein paar Pennys abspeist?“
Mildreds Verständnis war entgegengesetzt: Was soll ich dem Faulenzer Geld nachwerfen, wenn er nicht einmal bereit ist, aus Höflichkeit den Mülleimer draußen zu leeren?
Bei seinem letzten Besuch legte sie die Finger in die Wunde. „Warum arbeitest du eigentlich nicht wie andere Leute auch? Du bis 22 Jahre alt. Wie lange willst du anderen noch auf der Tasche liegen? Dein Aushilfsjob im Supermarkt kann ja deine Lebenserfüllung nicht sein.“
„Tante, das ist ganz einfach. Ich habe noch nicht die Arbeit gefunden, die mich ein Leben lang glücklich machen könnte. Ich bin besonnen genug, bei der Wahl nichts zu überstürzen.“
Daraufhin gab sie auf.
Eines Tages im Juli erhielt er von ihr einen Anruf. „Finley, ich brauche dich hier, ich muss für vier Tage nach Alnwick an der schottischen Grenze. Meine Schwester ist notoperiert worden. Könntest du für diese Zeit in meinem Haus wohnen? Ich möchte nicht, dass es tagelang leer steht. Du weißt schon, wegen der Typen, die hier herumlungern. Du kannst den Pool benutzen und von mir aus auch einen Freund mitbringen, damit es dir nicht zu langweilig wird. Ach ja, und Shadow musst du füttern, ein Döschen Fleisch morgens, eines abends, dazu immer etwas Trockenfutter bereitstellen. Und gegen Mittag musst du das Katzenklo säubern.“
„Wusste gar nicht, dass du eine Katze hast.“
„Ja, Shadow ist mein Liebling. Und ehe ich es vergesse: Im Gefrierschrank befinden sich ein paar Fertiggerichte. Die kannst du natürlich essen“.
Finley sagte sofort zu. „Das ist doch selbstverständlich, dass ich dir helfe, Tante. Du kannst dich auf mich verlassen“, erklärte er betont verantwortungsbewusst.
„Das will ich hoffen, Fin. Ich habe auch nichts anderes erwartet. Deine Hilfe soll nicht umsonst sein. 150 Pfund, wäre das in Ordnung? Am Montagnachmittag werde ich zurück sein.“
„Oh, danke, Tante, das ist sehr großzügig“, heuchelte er Zufriedenheit. Er hätte sie erwürgen können. Geizhals!, schimpfte er in sich hinein. Das ganze verlängerte Wochenende für nicht einmal zwei lumpige Hunderter.
Solche Gefühlsausbrüche waren für Finley immer Auslöser für schlimme Gedanken. Es war einer seiner Wesenszüge, in solchen Situationen seine persönliche Gerechtigkeit durchzusetzen. Hier war das Unrecht natürlich die in seinen Augen grottenschlechte Bezahlung. Diese armseligen 150 Piepen, so argumentierte er, reichen nicht einmal aus für den Sonntagszuschlag. Aber was soll ich machen?, resümierte er, ich muss geduldig sein, ich bin einer ihrer Erben.
*
Auf der ganzen Fahrt zum Bahnhof musste er sich ein weiteres Mal anhören, was seine Aufgaben waren. Und bevor sie ausstieg, fasste sie alles noch einmal in Kurzform zusammen:
Shadow versorgen, nachts abschließen, schlafen im Gästezimmer, Poolwasser überprüfen. Dann noch ein Hinweis.
„Wunder dich nicht! Manchmal dauern die Ausflüge zwei Tage, dann musst du trotzdem das Nassfutter erneuern und das Trockenfutter bereitstellen. Und das Klo kontrollieren.“
Finley schaute nach rechts aus dem Seitenfenster und verdrehte die Augen. „Mann! Die Alte nervt!“
Nach vier Tagen kehrte sie wie angekündigt zurück. Er parkte den uralten Rover seiner Tante direkt vor dem Bahnhofsgebäude und wartete. Unbeschwert und locker wie ein Teeny kam sie aus dem Gebäude, zog ihren Koffer hinter sich her, öffnete die hintere Tür und beförderte ihn mit einem Schwung auf die Rückbank. Dann stieg sie sein.
„So, da bin ich“, begrüßte sie ihn kühl, „alles in Ordnung zu Hause?“
Er zögerte, dann antwortete er, ohne eine Miene zu verziehen. „Ja, jetzt wieder.“
„Jetzt wieder? Was soll das heißen? Ist etwas passiert? Nun red schon!“
„Shadow ist entführt worden, ist aber inzwischen wieder da.“
Mildred schluckte trocken. „Herrgott! Nun erzähl schon!“
„Na ja, da gibt es nicht viel zu erzählen: Es war am Freitag. Ich hatte gerade ein Döschen Futter für Shadow geöffnet, als das Telefon klingelte. Ich hob ab und da hörte ich den Erpresser mit verstellter Stimme. Er forderte eintausend Pfund. Wenn ich nicht zahlen würde, würde ich meine Katze nie wiedersehen.“
„Tausend Pfund! Der hat vielleicht Nerven! Woher weiß der, dass mir Shadow so viel Geld wert ist?“ Sie schaute Finley voller Zweifel an. „Fin, hast du irgend etwas damit zu tun?“
„Gott bewahre!“, protestierte er. „Das ist nicht schön von dir, mir so etwas zuzutrauen.“
„Na ja, es hätte ja sein können. Ich habe ja nichts behauptet.“
Ich kann es mir nur so vorstellen, dass er dich ausspioniert hat und weiß, dass du vermögend bist.“
Darauf hatte Mildred keine Antwort. Obwohl ihr die Sache suspekt vorkam, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm den Vorfall abzukaufen. „Und wie hast du bezahlt? Du willst mir hoffentlich nicht weismachen, dass du schnell mal auf die Bank gegangen bist und tausend Pfund von deinem Konto abgehoben hast?“
„Ich habe es mir von einem Freund geliehen. Der Erpresser wollte das Geld bis Samstag um 16 Uhr; was hätte ich denn anders machen können.“
„Und wer ist dieser Freund?“
„Tommy Biggs.“
„Wer ist das?“
„Der Sohn von ‚Biggs Immobilien‘. Wir sind seit eh und je dicke Freunde, seit der Schulzeit, um genau zu sein. Auf Tommy kann ich mich immer verlassen.“
Mildred schüttelte den Kopf. „Fahr in die Stadt. Ich muss noch in die Apotheke.“
Finley bog in die Winston Road ein, eine der Hauptadern, die in die City führten. Nach 200 m ließ sie ihn anhalten. Mildred betrat die Barkley‘s Bank und kam nach 10 min zurück. „Und jetzt fährst du zu Tommy, damit ich ihm das Geld zurückgeben kann.“
„Das kann ich doch machen, Tante. Bitte, ich möchte mich nochmal persönlich bei ihm bedanken.“
Sie schaute ihn mit großen Augen an. Dann hielt sie die offene Hand vor ihr Gesicht und zeigte ihm den Wischer. „Mach dich nicht lächerlich, Junge!“ Ihre Verachtung für seinen Wunsch war nicht zu übersehen. „Wo arbeitet er?“ Sie wartete seine Antwort nicht ab. „Fahr hin!“
Finley startete den Motor und fuhr los, aber er steuerte die alte Kiste nicht so unbeschwert wie zuvor. Er schaltete zu spät, der Wagen ruckelte, und statt achtsam durch den Feierabendverkehr zu steuern, kam er der Gegenfahrbahn regelmäßig zu nahe. Schließlich erreichten sie den Hof von ‚Biggs Immobilien‘.
*
„Bitte nehmen Sie Platz. Was führt sie zu mir?“, wollte Mr. Biggs wissen.
„Meine Name ist Mildred of Dunkworthy. Ihr Sohn hat meinem Neffen 1000 Pfund geliehen, um einen Erpresser zu bezahlen. Ich möchte mich bedanken und das Geld zurückzahlen.“
Er stand auf. „Warten Sie bitte einen Moment. Ich hole ihn. Er sitzt in meinem Büro und hilft bei der Buchhaltung.“
„Ich möchte Ihnen ganz herzlich danken. Als Alleinstehende bedeutet mir Shadow sehr viel, das Tier ist mein Ein und Alles sozusagen. Danke nochmals.“ Mildred klang sehr demütig.
Mr. Biggs verstand nicht recht. „Kann mich mal jemand aufklären?“, bat er, und Tommy sah sich gezwungen, ihm den Gefallen zu tun.
„Die Katze der Lady of Dunkworthy ist entführt worden. Der Erpresser forderte 1000 Pfund, und da die Lady verreist war, musste sich Finley darum kümmern, dass das Tier wieder ins Haus kam. Er hatte aber das Geld nicht, um es auszulösen. Deshalb rief er mich an.“
„Und warum hast du mir nichts davon gesagt, Tommy?“ Mr. Biggs interessierte sich plötzlich für den Fall. „Woher hast du eigentlich die 1000 Pfund?“
„Aus dem Geldautomaten.“
„Wir haben den gesamten Samstag auf dem Golfgelände verbracht. Dort gibt es doch gar keinen Automaten.“
Tommy wurde für einen Moment verlegen, was Mildred nicht entging.
„Ich hab’s am Sonntag geholt und ihm gegeben.“
Mildred wurde kreidebleich. „Am Sonntag, sagen Sie?“
„Ja, so gegen Mittag.“
„Haben Sie sich eine Quittung geben lassen, Tommy?“
„Wir sind Freunde. Da gilt unser Wort.“
„Na gut. Also dann! Ich möchte Sie nicht länger aufhalten.“ Mildred schob ein Bündel mit zehn Scheinen über den Tisch und stand auf.
„Ich begleite Sie hinaus.“
In der Tür blieb Mildred stehen. „Mr. Biggs, ich fürchte, da stimmt was nicht.“
„Ja, eigenartig, das alles. Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden. Auf Wiedersehen.“
*
„Alles in Ordnung, Tante?“ Finley klang höchst nervös.
„Ja, alles gut. Sehr nette Leute, diese Biggs.“
Finley startete den Motor. „Es gibt noch etwas sehr Positives zu berichten. Aber ich verrate es jetzt nicht. Warte, bis wir nach Hause kommen.“
„Sei nicht so kindisch! Mit welcher Überraschung willst du mir die letzten Nerven rauben? Komm schon, raus damit!“
„Nein, Tante, so etwas ist nicht mit Worten zu beschreiben. Sei geduldig, wir sind ja gleich da. Du wirst deinen Spaß haben.“
Finley ging voraus, schloss die Haustür auf und stellte Mildreds Koffer ab. „So, Tante, jetzt will ich dich erlösen: Shadow liegt oben auf dem dicken Wollteppich und bewacht die Überraschung!“
Mildred presste ihre Lippen zusammen und schnaubte. Sie ahnte nichts Gutes und war auf alles gefasst, als sie die Treppe hochging.
Finley, fest davon überzeugt, dass sein Entführungscoup geglückt war, nickte und grinste. Allerdings nur für 15 Sekunden. Dann hallte ein gellendes „Uuäääää!“ durchs Haus, gefolgt von einem dröhnend lautem „Du Idiot, du Nichtsnutz“.
„Was ist denn, Tante?“
„Du Trottel! Shadow ist ein Kater! Wie soll der denn Junge kriegen?“
„Das hab ich nicht gewusst. Man kann’s ja auch nicht erkennen.“
Mildred war kurz davor, die Fassung zu verlieren. Dann packte sie ihn am Arm und führte ihn zur Haustür. „So, mein Lieber, jetzt gehst du zu deinem Freund und holst mir meine 1000 Pfund zurück. Du kannst sie aber auch für dich behalten; dann streiche ich dich aus dem Testament. Als die Tür ins Schloss fiel, griff sie zum Telefon.
„Hallo Agathe, hier ist Mildred. Falls du deine Lucy suchst, die ist bei mir. Zusammen mit 5 Jungen. Kannst gleich vorbeikommen, wenn du willst. Hast du Shadow gesehen? Sieht so aus, als wäre er vier Tage nicht nach Hause gekommen.“
Mildred war so sehr von altem Schlag, dass für sie Leistung ohne Gegenleistung undenkbar war. Dieses Prinzip verstand Finley völlig falsch. „Was soll ich mich abrackern, wenn sie mich bei allem, was ich für sie tue, mit ein paar Pennys abspeist?“
Mildreds Verständnis war entgegengesetzt: Was soll ich dem Faulenzer Geld nachwerfen, wenn er nicht einmal bereit ist, aus Höflichkeit den Mülleimer draußen zu leeren?
Bei seinem letzten Besuch legte sie die Finger in die Wunde. „Warum arbeitest du eigentlich nicht wie andere Leute auch? Du bis 22 Jahre alt. Wie lange willst du anderen noch auf der Tasche liegen? Dein Aushilfsjob im Supermarkt kann ja deine Lebenserfüllung nicht sein.“
„Tante, das ist ganz einfach. Ich habe noch nicht die Arbeit gefunden, die mich ein Leben lang glücklich machen könnte. Ich bin besonnen genug, bei der Wahl nichts zu überstürzen.“
Daraufhin gab sie auf.
Eines Tages im Juli erhielt er von ihr einen Anruf. „Finley, ich brauche dich hier, ich muss für vier Tage nach Alnwick an der schottischen Grenze. Meine Schwester ist notoperiert worden. Könntest du für diese Zeit in meinem Haus wohnen? Ich möchte nicht, dass es tagelang leer steht. Du weißt schon, wegen der Typen, die hier herumlungern. Du kannst den Pool benutzen und von mir aus auch einen Freund mitbringen, damit es dir nicht zu langweilig wird. Ach ja, und Shadow musst du füttern, ein Döschen Fleisch morgens, eines abends, dazu immer etwas Trockenfutter bereitstellen. Und gegen Mittag musst du das Katzenklo säubern.“
„Wusste gar nicht, dass du eine Katze hast.“
„Ja, Shadow ist mein Liebling. Und ehe ich es vergesse: Im Gefrierschrank befinden sich ein paar Fertiggerichte. Die kannst du natürlich essen“.
Finley sagte sofort zu. „Das ist doch selbstverständlich, dass ich dir helfe, Tante. Du kannst dich auf mich verlassen“, erklärte er betont verantwortungsbewusst.
„Das will ich hoffen, Fin. Ich habe auch nichts anderes erwartet. Deine Hilfe soll nicht umsonst sein. 150 Pfund, wäre das in Ordnung? Am Montagnachmittag werde ich zurück sein.“
„Oh, danke, Tante, das ist sehr großzügig“, heuchelte er Zufriedenheit. Er hätte sie erwürgen können. Geizhals!, schimpfte er in sich hinein. Das ganze verlängerte Wochenende für nicht einmal zwei lumpige Hunderter.
Solche Gefühlsausbrüche waren für Finley immer Auslöser für schlimme Gedanken. Es war einer seiner Wesenszüge, in solchen Situationen seine persönliche Gerechtigkeit durchzusetzen. Hier war das Unrecht natürlich die in seinen Augen grottenschlechte Bezahlung. Diese armseligen 150 Piepen, so argumentierte er, reichen nicht einmal aus für den Sonntagszuschlag. Aber was soll ich machen?, resümierte er, ich muss geduldig sein, ich bin einer ihrer Erben.
*
Auf der ganzen Fahrt zum Bahnhof musste er sich ein weiteres Mal anhören, was seine Aufgaben waren. Und bevor sie ausstieg, fasste sie alles noch einmal in Kurzform zusammen:
Shadow versorgen, nachts abschließen, schlafen im Gästezimmer, Poolwasser überprüfen. Dann noch ein Hinweis.
„Wunder dich nicht! Manchmal dauern die Ausflüge zwei Tage, dann musst du trotzdem das Nassfutter erneuern und das Trockenfutter bereitstellen. Und das Klo kontrollieren.“
Finley schaute nach rechts aus dem Seitenfenster und verdrehte die Augen. „Mann! Die Alte nervt!“
Nach vier Tagen kehrte sie wie angekündigt zurück. Er parkte den uralten Rover seiner Tante direkt vor dem Bahnhofsgebäude und wartete. Unbeschwert und locker wie ein Teeny kam sie aus dem Gebäude, zog ihren Koffer hinter sich her, öffnete die hintere Tür und beförderte ihn mit einem Schwung auf die Rückbank. Dann stieg sie sein.
„So, da bin ich“, begrüßte sie ihn kühl, „alles in Ordnung zu Hause?“
Er zögerte, dann antwortete er, ohne eine Miene zu verziehen. „Ja, jetzt wieder.“
„Jetzt wieder? Was soll das heißen? Ist etwas passiert? Nun red schon!“
„Shadow ist entführt worden, ist aber inzwischen wieder da.“
Mildred schluckte trocken. „Herrgott! Nun erzähl schon!“
„Na ja, da gibt es nicht viel zu erzählen: Es war am Freitag. Ich hatte gerade ein Döschen Futter für Shadow geöffnet, als das Telefon klingelte. Ich hob ab und da hörte ich den Erpresser mit verstellter Stimme. Er forderte eintausend Pfund. Wenn ich nicht zahlen würde, würde ich meine Katze nie wiedersehen.“
„Tausend Pfund! Der hat vielleicht Nerven! Woher weiß der, dass mir Shadow so viel Geld wert ist?“ Sie schaute Finley voller Zweifel an. „Fin, hast du irgend etwas damit zu tun?“
„Gott bewahre!“, protestierte er. „Das ist nicht schön von dir, mir so etwas zuzutrauen.“
„Na ja, es hätte ja sein können. Ich habe ja nichts behauptet.“
Ich kann es mir nur so vorstellen, dass er dich ausspioniert hat und weiß, dass du vermögend bist.“
Darauf hatte Mildred keine Antwort. Obwohl ihr die Sache suspekt vorkam, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm den Vorfall abzukaufen. „Und wie hast du bezahlt? Du willst mir hoffentlich nicht weismachen, dass du schnell mal auf die Bank gegangen bist und tausend Pfund von deinem Konto abgehoben hast?“
„Ich habe es mir von einem Freund geliehen. Der Erpresser wollte das Geld bis Samstag um 16 Uhr; was hätte ich denn anders machen können.“
„Und wer ist dieser Freund?“
„Tommy Biggs.“
„Wer ist das?“
„Der Sohn von ‚Biggs Immobilien‘. Wir sind seit eh und je dicke Freunde, seit der Schulzeit, um genau zu sein. Auf Tommy kann ich mich immer verlassen.“
Mildred schüttelte den Kopf. „Fahr in die Stadt. Ich muss noch in die Apotheke.“
Finley bog in die Winston Road ein, eine der Hauptadern, die in die City führten. Nach 200 m ließ sie ihn anhalten. Mildred betrat die Barkley‘s Bank und kam nach 10 min zurück. „Und jetzt fährst du zu Tommy, damit ich ihm das Geld zurückgeben kann.“
„Das kann ich doch machen, Tante. Bitte, ich möchte mich nochmal persönlich bei ihm bedanken.“
Sie schaute ihn mit großen Augen an. Dann hielt sie die offene Hand vor ihr Gesicht und zeigte ihm den Wischer. „Mach dich nicht lächerlich, Junge!“ Ihre Verachtung für seinen Wunsch war nicht zu übersehen. „Wo arbeitet er?“ Sie wartete seine Antwort nicht ab. „Fahr hin!“
Finley startete den Motor und fuhr los, aber er steuerte die alte Kiste nicht so unbeschwert wie zuvor. Er schaltete zu spät, der Wagen ruckelte, und statt achtsam durch den Feierabendverkehr zu steuern, kam er der Gegenfahrbahn regelmäßig zu nahe. Schließlich erreichten sie den Hof von ‚Biggs Immobilien‘.
*
„Bitte nehmen Sie Platz. Was führt sie zu mir?“, wollte Mr. Biggs wissen.
„Meine Name ist Mildred of Dunkworthy. Ihr Sohn hat meinem Neffen 1000 Pfund geliehen, um einen Erpresser zu bezahlen. Ich möchte mich bedanken und das Geld zurückzahlen.“
Er stand auf. „Warten Sie bitte einen Moment. Ich hole ihn. Er sitzt in meinem Büro und hilft bei der Buchhaltung.“
„Ich möchte Ihnen ganz herzlich danken. Als Alleinstehende bedeutet mir Shadow sehr viel, das Tier ist mein Ein und Alles sozusagen. Danke nochmals.“ Mildred klang sehr demütig.
Mr. Biggs verstand nicht recht. „Kann mich mal jemand aufklären?“, bat er, und Tommy sah sich gezwungen, ihm den Gefallen zu tun.
„Die Katze der Lady of Dunkworthy ist entführt worden. Der Erpresser forderte 1000 Pfund, und da die Lady verreist war, musste sich Finley darum kümmern, dass das Tier wieder ins Haus kam. Er hatte aber das Geld nicht, um es auszulösen. Deshalb rief er mich an.“
„Und warum hast du mir nichts davon gesagt, Tommy?“ Mr. Biggs interessierte sich plötzlich für den Fall. „Woher hast du eigentlich die 1000 Pfund?“
„Aus dem Geldautomaten.“
„Wir haben den gesamten Samstag auf dem Golfgelände verbracht. Dort gibt es doch gar keinen Automaten.“
Tommy wurde für einen Moment verlegen, was Mildred nicht entging.
„Ich hab’s am Sonntag geholt und ihm gegeben.“
Mildred wurde kreidebleich. „Am Sonntag, sagen Sie?“
„Ja, so gegen Mittag.“
„Haben Sie sich eine Quittung geben lassen, Tommy?“
„Wir sind Freunde. Da gilt unser Wort.“
„Na gut. Also dann! Ich möchte Sie nicht länger aufhalten.“ Mildred schob ein Bündel mit zehn Scheinen über den Tisch und stand auf.
„Ich begleite Sie hinaus.“
In der Tür blieb Mildred stehen. „Mr. Biggs, ich fürchte, da stimmt was nicht.“
„Ja, eigenartig, das alles. Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden. Auf Wiedersehen.“
*
„Alles in Ordnung, Tante?“ Finley klang höchst nervös.
„Ja, alles gut. Sehr nette Leute, diese Biggs.“
Finley startete den Motor. „Es gibt noch etwas sehr Positives zu berichten. Aber ich verrate es jetzt nicht. Warte, bis wir nach Hause kommen.“
„Sei nicht so kindisch! Mit welcher Überraschung willst du mir die letzten Nerven rauben? Komm schon, raus damit!“
„Nein, Tante, so etwas ist nicht mit Worten zu beschreiben. Sei geduldig, wir sind ja gleich da. Du wirst deinen Spaß haben.“
Finley ging voraus, schloss die Haustür auf und stellte Mildreds Koffer ab. „So, Tante, jetzt will ich dich erlösen: Shadow liegt oben auf dem dicken Wollteppich und bewacht die Überraschung!“
Mildred presste ihre Lippen zusammen und schnaubte. Sie ahnte nichts Gutes und war auf alles gefasst, als sie die Treppe hochging.
Finley, fest davon überzeugt, dass sein Entführungscoup geglückt war, nickte und grinste. Allerdings nur für 15 Sekunden. Dann hallte ein gellendes „Uuäääää!“ durchs Haus, gefolgt von einem dröhnend lautem „Du Idiot, du Nichtsnutz“.
„Was ist denn, Tante?“
„Du Trottel! Shadow ist ein Kater! Wie soll der denn Junge kriegen?“
„Das hab ich nicht gewusst. Man kann’s ja auch nicht erkennen.“
Mildred war kurz davor, die Fassung zu verlieren. Dann packte sie ihn am Arm und führte ihn zur Haustür. „So, mein Lieber, jetzt gehst du zu deinem Freund und holst mir meine 1000 Pfund zurück. Du kannst sie aber auch für dich behalten; dann streiche ich dich aus dem Testament. Als die Tür ins Schloss fiel, griff sie zum Telefon.
„Hallo Agathe, hier ist Mildred. Falls du deine Lucy suchst, die ist bei mir. Zusammen mit 5 Jungen. Kannst gleich vorbeikommen, wenn du willst. Hast du Shadow gesehen? Sieht so aus, als wäre er vier Tage nicht nach Hause gekommen.“