Wie halten es die Anderen?

Möchte ich gerne mal wissen. Es geht darum, dass mich die Frage bewegt, ob es angeraten ist, dass ich meine anonymen Texte, die ich im Internet veröffentliche, an Leute schicke, die mich kennen. Einmal habe ich das schon gemacht. Meiner ehemaligen Kommilitonin und Freundin, mit der ich seit langem nicht mehr in Kontakt war, sendete ich einen Link von einem Text. Es ging um unsere gemeinsame Studienzeit.
Wer Interesse hat: schwirrt unter „Ikarusblues“ im Netz rum. Ich habe lange gezögert. „Waren es nicht schon etwas zu viele Jahre, in denen wir nichts mehr miteinander zu tun hatten?“, fragte ich mich.
Sie antwortete mir begeistert. Ist ja klar, war ja für sie eine Reise in die Jugend, und sie kannte fast alle Leute. Ich frage mich bloß, ob sie den Text auch mit ihrer family und ihren Freunden geteilt hat, oder ob sie dort lieber weiter als die gelten wollte, die alle in ihr sahen. Vielleicht war meine Darstellung zu realistisch für ihren Geschmack?

Da habe ich vielleicht was richtig gemacht. Falsch gemacht habe ich es dagegen, als ich im Netz einen Text über meine Berufsschule fand und die Verfasserin, auch ein ehemaliger Lehrling, auf meinen Text „Traktor“ aufmerksam machte. Sie, für die diese Zeit in der Berufsschule die „Schönste ihres Lebens“ war, reagierte not amused auf meine kritischen Anmerkungen. Wir beide kennen uns aber gar nicht. Besser.

Es juckte mir auch gewaltig in den Fingern, meine Cousine auf „Kurze Straße 19“ aufmerksam zu machen. Schwirrt auch im Netz. Ich wollte ihr eine Freude machen und sie an diesen Sommer, als wir beide Große Ferien hatten und in die achte Klasse kamen, erinnern. Mindestens sechs Wochen brachten wir bei meiner Oma zu und lasen total verrückte Bücher, aus der Zeit der Weimarer Republik, die uns eine Großtante lieh. Wir beide verstritten uns auf ewig. Ich sah sie darauf nur noch ein Mal. Da war ich einundzwanzig. Wir sprachen nicht miteinander.

Trotz großer Bedenken, die absolut nicht unberechtigt sind, kommt mich trotzdem immer wieder das Bedürfnis an, ihr meine Geschichte zu lesen zu geben. Aber ich werde diesem Drang nicht nachgeben. Zu gut kenne ich meine geizige, kleinliche Oma, zweite Frau meiner Opas und mit der ich genau wie mit meiner Cousine eigentlich gar nicht verwandt bin.
Auch deren Sohn, ihr Vater, wurde später genauso nach seiner Rock´n-Roll-Phase. Wenn ich mich an meine Cousine wenden würde, laufe ich Gefahr an eine schwer konservative Dame zu geraten, die das nur als Belästigung empfinden würde. Sie würde über mich den Kopf schütteln. Das ich irgendwie irre war, wusste sie schon seit diesem gemeinsamen Sommer, dem letzten, in dem wir uns als Cousinen fühlten.

Ich frag mich manchmal: „Wie bin ich an diese Leute geraten?“ Da ist ja keiner, der in Ordnung ist oder war. Kein Wunder, dass ich später mit Macht ausbrechen wollte. Ob mir das gelungen ist in meiner Hippiezeit? Zweite Frage.
Ich kenne nur Leute, die sich allein von der Vernunft, oder das, was dafür hielten, leiten ließen. Mein unbekannter Vater ja noch an erster Stelle. Kein Wunder, dass ich mich später nur von Freaks angezogen gefühlt habe. Einfach zu schlechte Erfahrungen mit den sogenannten Normalen gemacht.

Mein Vaterfamilie ist ja auch noch so´ne Baustelle. Ich habe meine Schwester im Internet gefunden. Sogar die zweite Schwester auch. Nun stelle ich mir öfter mal die Frage, ob ich der ersten, erheblich jünger als die andere, den Text „Vater vacant“, den ich hier bei Leselupe eingestellt habe, zugänglich machen soll. Ich sehe da vor meinem geistigen Auge die Schwestern, die sich immer bei Julia Leischik in die Arme fallen. Die eine, in Australien verlorengegangen, hat inzwischen schon sieben Kinder von fünf Männern und haufenweise Enkel.

Mit den Leuten hat aber meine Verwandtschaft nichts gemein. Alle erzkonservativ und auf den guten Ruf bedacht. Meinen Vater kenne ich zwar nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass meine spießige Mum mal einen Mann geliebt hat, der nicht genauso war wie sie. Sein Nachwuchs wird genau so sein. Also nichts mit familienkritische Texte weiterleiten. Mein Schwestern würden bestimmt nur versuchen, mich wieder loszuwerden, aber erst nachdem sie meinen gesellschaftlichen Status erfragt hätten. Man kann ja nie wissen! Vielleicht hab ich ja ne Professur oder ne Firma. Ich kenne meine Pappenheimer.

Last not least: auch die Idee, den Text „Trampen nach Norden“, etwa gekürzt heißt er „Sommer, Sand, Sowjetliteratur", an die beiden Mädels, heute natürlich längst keine Mädchen mehr, die ich als Betty und Mary titulierte, zu senden, kam mir schon. Es waren die Töchter von unser Zimmervermieterin in Rostock Lichtenhagen. Jedes Jahr fuhr ich mit meiner Mutter an die Ostsee. Ich liebte die Beiden und nannte sie meine Mädels. Auch sie sah ich wie meine Cousine zuletzt mit Anfang Zwanzig.

Meine Mutter, die noch lange mit ihrer Mutter in Kontakt war, erzählte mir, dass sie gefragt hatten, was ich so mache. Über beide fand ich im Internet einiges. Besonders über die, die bei einer Hamburger Behörde arbeitet.
Ihre Mutter, eine bildhübsche, intelligente Frau, aber im Grunde auch sehr konservativ und auf Sicherheit aus, begegnete mir auf der Treppe von einem Tunnel in der Nähe vom Alex. Noch vor der Wende. Es war schon fast Nacht. Sie besuchte wohl Mary, die auch hier wohnt. Ich sah eine große, schlanke Frau mit einem langen grauen Mantel und schlohweißem Haar, auch wenn sie erst in den Vierzigern war.
Eine Schönheit vor dem Herrn. Sie war sogar noch schöner geworden mit den Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben. Zum Glück hat sie mich nicht erkannt. Es ging mir damals gerade nicht besonders gut. Auf ihre Fragen hätte ich irgendwas erzählen müssen. Das verlegene Gestammel blieb mir zum Glück erspart.

Das mit den Ferienaufenthalten in Rostock ist wohl zu lange her. Keine gute Idee Betty und Mary und damit auch deren Mutter, jetzt diesen Text zur Verfügung zu stellen.

Fazit: Mensch Leute, wo bin ich da bloß reingeraten? Alles verkrustet, stockkonservativ. Warum ist in meiner Familie nicht jemand so wie die Leute, die ihre Schwester - ich meine die in Australien verschollen ist und einen Haufen Kinder hatte - in die Arme schlossen? Wo bleibt mein ausgeflippter Künstleronkel – habe keinen -, der alle Fünfe gerade sein lässt. Kann mir das mal einer sagen.
 
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Hallo Arno, dann wird es ja nichts, dass wir dich im Fernsehen dabei besichtigen können, wie du in Afrika deinem Halbbruder bei Julia Leischick in die Arme fällst. Tränenüberströmt. Scherz beiseite, ich finde die Sendung eigentlich ätzend, habe aber auch schon mitgeheult. Frieda
 
Guten Morgen, Friedrichshainerin! - Ein Paradebeispiel für die in deinem Text angesprochene Problematik ist die Beziehung Christopher Isherwood - Heinz Neddermeyer. Letzterer soll es gar nicht geschätzt haben, dass der erfolgreiche britische Autor ihn (bzw. sein jüngeres Selbst) zu einer Figur der Literaturgeschichte gemacht hat. (Die Geschichte wurde später sogar verfilmt.) Also, ich würde mich da nicht so anstellen, aber mich hat meines Wissens bisher noch keiner als Sujet verwendet. Alles muss man selbst machen ...
 

Anders Tell

Mitglied
Ich habe einmal ein Gedicht unter einem wohlklingenden Pseudonym an Bekannte geschickt. Weil alle dachten, sie müssten den Autor kennen, waren sie ganz begeistert. Manche haben dann recherchiert und zu dem Namen keine Einträge gefunden. Als ich sagte, dass ich es geschrieben hatte, war die Begeisterung deutlich gedämpft.
 
Hallo Arno,
du meinst doch das selbe Buch von C. Isherwood, dass auch schon Petra angesprochen hat? Nach dem der Film "Cabaret" gedreht wurde. Neugierig wie man ist, forschte ich bei www nach den Vorbildern für die Figuren. Der arme C. Isherwood. Er hat kein Glück mit seinen Freunden, die er so liebevoll beschrieben hat. Alle sind sauer auf ihn. Die jüdische Familie konnte vollständig aus Deutschland fliehen. Auch der Kaufhausbesitzer. Nun fühlen sie sich falsch dargestellt in dem Buch und dem Film. Mir ist nicht erklärlich warum. Er hat nur Gutes über sie geschrieben.

Eine andere Baustelle ist Sally. Diese junge, englische Frau, die Anfang der Dreißiger auf C. Isherwood traf, gab es wirklich. Diese Figur ist so liebevoll gezeichnet, dass jeder sie mögen muss. Leider sieht das das Vorbild völlig anders. Sie fühlt sich als leichtes Mädchen denunziert.

Sie sollten alle mal lieber froh darüber sein, dass sie in einem der bedeutendsten Filme über die Zeit der Machtergreifung des Faschismus verewigt worden sind.

Eigentlich haben den Schriftsteller ja seine beiden Berliner Freundinnen total hängen lassen. Seine jüdische Sprachschülerin heiratete - war noch vor der Machtergreifung - und vergaß ihn und auch die lustige Sängerin, mit der er so viel durchgemacht hat, verschwand plötzlich aus seinem Leben. Grundlos. Sie ist wohl der Typ Mensch, der ständig neu anfängt.
Für ihn als schwuler Mann, der weibliche Elemente in sich trug, war das ein Verlust. Er hing an den Beiden, die einen Halt für ihn im Berlin der Anfang Dreißiger bildeten. Besonders Sally, eine Engländer*in wie er selbst auch.
Sonst hätte er sie Jahre danach bestimmt nicht in seinem Berlin- Buch dargestellt.

Gruß aus Friedrichshain
 

petrasmiles

Mitglied
Teilweise beantwortest Du Deine Frage selbst, indem Du Gelegenheiten erzählst, bei denen Du es gemacht hast, und Gelegenheiten, bei denen Du es nicht gemacht hast. Das ist die Bandbreite.
Es geht doch einfach darum, wie wir mit den möglichen Reaktionen umgehen wollen - was wir uns überhaupt davon versprechen. Und dann kommt es natürlich auf unsere Texte an.
Ich finde die Rückmeldungen hier im Forum schön und wichtig - auch und gerade die kritischen - aber in meinem sonstigen Umfeld habe ich andere Berührungspunkte und Themen.
Außerdem: Die letzte Instanz ist man selbst. Keiner wird einem einen Text schönreden können, den man selbst für misslungen hält - und hoffentlich auch umgekehrt.
Sujet möchte ich nicht sein. Ich gehöre nur mir :)

Liebe Grüße
Petra
 
Hallo Petra, Anders und Arno,
die Idee zu dem hier kam mir, als ich letztens an der Kasse bei Penny stand und der, der hinter mir war, mich anredete. "Wir kennen uns doch. Bist du nicht... ?" Ich hatte ihn vorher gar nicht erkannt, besah ihn mir genauer und wusste, wer er war. Anfang der Neunziger hatte er mal mit Anderen in Lichtenberg in der Pfarrstraße ein Haus besetzt. Kurzzeitig war er mit meiner Freundin zusammen.

Auf die Frage: "Was machst du so?", musste ich natürlich ´nen Harten machen und prahlte mit meinen schriftstellerischen Aktivitäten. "Geh mal ins Internet und gib ein ..., dann findest du meine Texte. Über die Pfarrstraße ist auch was dabei", sagte ich zu ihm.

Das hat er wahrscheinlich auch gemacht. Und jetzt habe ich ständig das Gefühl, dass jemand, der mich kennt, meine Texte liest. Und sich natürlich irgendwie überlegt: "Wer ist eigentlich diese komische Frau, die ich in den Neunzigern mal gekannt habe?"
Irgendwie ein mulmiges Gefühl. Schriftstellern, die bekannter werden, wird es auch so ergehen. Lässt sich nicht vermeiden.
Gruß Friedrichshainerin
 



 
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