wie Rauch

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Tula

Mitglied
Hallo Herbert

der Bezug auf das Hirn wirkt auf mich etwas merkwürdig (metaphysisch), vielleicht gäbe es eine andere Form, sich auf sein gedankliches und gefühltes Innere zu beziehen ?

Wenn du die 'wo' Konstruktionen herausnimmst, bleibt:

in diesem meinen Hirn ... verrinnt die Zeit wie Rauch
wobei Rauch eigentlich nicht verrinnt .... hhmm, vielleicht passt 'verweht' sowohl für Rauch als auch für Zeit

LG
Tula
 
T

Trainee

Gast
Hallo Herbert,

hier schließe ich mich Tula an.
Und setze hinzu, dass ich die Formulierung
"in diesem meinem" entsetzlich finde.
Sehr schön hingegen den Bezug auf von Eichendorff.

Liebe Grüße
Trainee
 

HerbertH

Mitglied
Das Hirn ist hier schon wichtig, wie auch die Kategorien Raum und Zeit. Ich werde zur ursprünglichen Variante "in diesem kleinen Hirn" zurückkehren, die wegen des anatomischen Bezugs besser ist, wenn auch weniger auf ein LyrI deutend.

Zum Thema 'Zeit & Rauch' will ich noch etwas nachdenken.

Vielen Dank für die Textarbeit

LG

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
In diesem kleinen Hirn
wo Düfte wohnen
und Lieblichkeit

wo Zellen Lichter schenken
und Bilder herrlichen Gehabes

verbrannt im Augenblick

im Zilienschlag veratmet
vermischt mit Wasserdunst

verrinnt die Zeit wie Rauch
wie auch der Raum vergeht

bis hin zum Ende

jeden Zaubers jeden Anfangs
der jemals innewohnte
 
T

Trainee

Gast
Entschuldige,
mein 2. Kommentar hat sich mit deiner Änderung überschnitten.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Herbert,

ich wage mich mal an dein Gedicht in der Hoffnung etwas halbwegs Sinnvolles beitragen zu können.

Mir sind zwei Stellen aufgefallen, die ich schwierig finde:

verrinnt die Zeit wie Rauch
wie auch der Raum vergeht
Das erste Bild ist soweit stimmig, aber mit dem zweiten tue ich mich schwer. Raum ist, ebenso wie Zeit, kategoriell etwas Unbegrenztes. Insofern passt hier für mich das Verb vergehen, anders als dasverinnen der Zeile davor, nicht. Raum ist immer da, ein Nichtraum ist nicht wirklich vorstellbar.

jeden Zaubers jeden Anfangs
der jemals innewohnte
An dieser Stelle ist es eher ein subjektiver Eindruck, mir ist, glaube ich, das doppelte jeden gepaart mit dem jemals zu viel. So bricht diese Strophe für meinen Geschmack mit dem Rythmus des restlichen Gedichtes, was ich beim Lesen als störend empfunden habe.

Bei aller Kritik fand ich das Gedicht trotzdem interessant zu lesen.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Mondnein

Mitglied
Welcher Eichendorff? Ich sehe nur die etwas abgetretenen Stufen von Hesses Hermann.

Raum ist, ebenso wie Zeit, kategoriell etwas Unbegrenztes.
Da reibe ich mir die Hände, weil es wie Philosophie aussieht. Nun, Raum und Zeit sind (zumindest bei Kant, der hier wohl angerissen wird) keine Kategorien, sondern reine Anschauungsformen, d.h. sie sind die Matrix aller Anschauungen. Der Raum allerdings nur die der äußeren. Dem inneren Sinn erscheinen ganze Welten, die mit Raum bestenfalls die imaginative Verräumlichung in der Einbildungskraft gemeinsam haben. Aber da gibt es genug Bereiche, die nicht primär rüumlich sind. Zum Beispiel musikalische Intervalle auf der Basis zugleichklingender Töne mit deren Verhältnissen (Brüche kleiner natürlicher Zahlen und deren harmonische Verschmelzung).

Das gefällt mir ausgezeichnet: das "Vergehen" des Raums erkenntnistheoretisch zu erwägen. Hat was.

Ich vermute, es geht in Deinem Gedicht, HerbertH, um das Sterben. Ich beschäftige mich viel damit, wie alles vergehen kann. Gerade in Anbetracht der "transzendentalen Idealität" des Raumes und der Zeit (bei Kant). Gerade deshalb, weil die in diesem Konzept (bei Kant immerhin von jeweils vier Beweisen getragen) nicht "vergehen" können. Und wir sterben doch.

Spannend.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Hans und Herbert,

da scheint kategoriell ein Triggerwort gewesen zu sein. Damit meinte ich nicht die Kategorien Kants im speziellen, dort sind Raum und Zeit wie du sagst reine Formen der Anschauung und als subjektive Erkenntnisleistung Basis empirischer Erkenntnis. (Mal in der Kurzfassung).

Im Gedicht ist, wenn ich es richtig verstanden habe vom Raum als solchem die Rede, Begriffe man diesen nach Kant wäre er als Grundlage sinnlicher Erfahrung nichtwegzudenken. Auch ein Vakuum ist beispielsweise ein Raum, nur eben ein Luftleerer. Im Gedicht zeigt sich das direkt in der nächsten Zeile, die mit bis zum Ende eine Grenze setzt, die aus dem Kontext in meinen Augen räumlich und zeitlich verstanden werden muss. Nur, wo eine räumliche Grenze ist, muss auch ein Raum sein.

Aber zurück zum Text: Mir ging es um etwas anderes. Auf sprachlicher Ebene ist vergehen, ein Wort, das sich auf zeitliches bezieht. Die Zeit vergeht, der Sommer vergeht, etc. Hier gehört in meinen Augen etwas hin, was sich auf den Raum bezieht. Man könnte z.B. beides - Zeit und Raum - unter verrinnen zusammenfassen, das kann Raum - beispielsweise Dalis surrealistische, verrinnende Gegenstände oder man nimmt ein anderes Wort wie schwinden, zurückweichen etc.

Beste Grüße

Blumenberg
 

HerbertH

Mitglied
Ich bin ja von der Resonanz begeistert. Meine Stilmittel, auch sprachlich nicht so ganz Eingängiges mit einander zu kontrastieren, um damit eine Idee zu transportieren und zu verdeutlichen, trägt schöne Früchte. Interessanterweise werden bestimmte Schlüsselwörter wie Zilienschlag oder Zellen bisher nicht kommentiert. Ich bin schon mal sehr gespannt auf weitere Kommentare. In gewisser Weise steckt in diesem Text ein Sterben, Aber eines unter einem Blickwinkel grundsätzlicher Prozesse, die selbst die philosophischen Ideen a priori relativieren.

LG

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Heisenberg hat sinngemäß geschrieben, dass man Philosophie nur noch betreiben könne, wenn man Quantenmechanik beherrsche. Ich glaube, das muss man heutzutage um Biologie und Künstliche Intelligenz erweitern. Was also bedeuten Raum und Zeit im Lichte dieser Disziplinen? Und was passiert dort an der Grenze zwischen Zellen und Geist? Darum geht es mir in diesem Gedicht.

Rein lyrisch betrachtet ist es ein erster Wurf zu diesem Thema, sicherlich nicht mehr. Mich hat es einfach gereizt, das abstrakte Thema mit den Mitteln der Poesie einzukreisen.

LG

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Hallo tula, danke für die Rückmeldung. Ich werde es gleich umsetzen.

Herzliche und geneigte Gr?ße ;)

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
In diesem kleinen Hirn
wo Düfte wohnen
und Lieblichkeit

wo Zellen Lichter schenken
und Bilder herrlichen Gehabes

verbrannt im Augenblick

im Zilienschlag veratmet
vermischt mit Wasserdunst

verfliegt die Zeit wie Rauch
wie auch der Raum vergeht

bis hin zum Ende

jeden Zaubers jeden Anfangs
der jemals innewohnte
 

HerbertH

Mitglied
In diesem kleinen Hirn
wo Düfte wohnen
und Lieblichkeit

wo Zellen Lichter schenken
und Bilder herrlichen Gehabes

verbrannt im Augenblick

im Zilienschlag veratmet
vermischt mit Wasserdunst

verfliegt die Zeit wie Rauch
wie auch der Raum vergeht

bis hin zum Ende

jeden Zaubers jeden Anfangs
der jemals innewohnte


Rezitation: mp3/134552_wierauch.mp3
 

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