Wie schreibt man eine humoristische Geschichte?

Bo-ehd

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Meine Frau Julia hatte das alles angezettelt. Als wäre sie mit den „Gartenfreunden“ und den Damen von der „Landküche“ nicht genug ausgelastet, hat sie sich jetzt auch noch den Ladys der „Writers‘ Guild“ angeschlossen. Dass diese Clübchen einen englischen Titel trägt, ist einer Schottin zu verdanken, die vor vielen Jahren nach „Eschenhagen“, wo ich wohne, geheiratet hat.
Kaum hatte Julia das Aufnahmepapier unterschrieben, musste sie versprechen, mich solange zu bedrängen, bis ich zusagte, vor den Mitgliedern der Gilde einen Vortrag zu halten. Sie hatten sogar schon das Thema für mich ausgesucht: „Wie schreibt man eine humoristische Geschichte?“ Mit mangelnder Begeisterung tat ich meiner Julia den Gefallen. Sie stellte mich kurz vor, betonte, dass ich professioneller Schriftsteller sei, der mit Romanen sein Geld verdiene, und es weit und breit keinen Besseren gäbe, um über dieses Thema zu referieren. Da hatte ich den Salat – und fing an:

*

Ein humoristischer Text steht und fällt mit einer humoristischen Geschichte. Also nicht einer Story, die lediglich mit Witzchen und humorvollen Namen und Begriffen geschmückt ist. Bevor ich mich dem Inhalt einer Geschichte widme, möchte ich auf verschiedene Dinge hinweisen, deren man sich bewusst sein sollte, bevor man mit dem Schreiben beginnt. Es sind sozusagen goldene Regeln, deren Beachtung dazu führt, dass Ihre Geschichte nicht … ich sage mal: verhunzt wird. Lassen sie mich mit dem Offensichtlichen beginnen: mit den Namen Ihrer Figuren. Beispiel: Für Felix kam es dick: Insolvenz, Scheidung, Unterhaltszahlungen und Hodenkrebs. Der Name Felix bedeutet der Glückliche, ist also hier nicht ganz zutreffend.
Weiteres Beispiel: Wo hast du dich denn die ganze Nacht herumgetrieben, Innozentia? Innozentia, gut, das ist ein fast verjährter Name, ist die Unschuldige. Oder: Warum lässt du dir immer wieder diesen Mist andrehen, Sophie? Sophie ist die Kluge, die Wissende. Oder: Was hast du nur wieder für einen Bock geschossen, Diana? Diana ist die Göttin der Jagd.
Noch schlimmer sind manche Kombinationen von Vor- und Nachnamen: Rotraut Kohl etwa oder Rosa Roth, Lilly Puth und Bella Donna. Oder Reiner Zufall, obwohl es diesen Namen tatsächlich gibt. Mit diesen Wort- und Sinnspielen beziehungsweise Zuordnungen kann man beim Leser nicht punkten.
Ähnliches gilt für altbekannte Witze. Wenn Sie eine Pointe setzen wollen, bereichern Sie immer eine Geschichte, und manchmal gelingt das Thema Humor sowieso nur mit einer Pointe. Die müssen Sie in jedem Fall neu erfinden. Einen abgedroschenen Witz zu verwenden, bewirkt genau das Gegenteil. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Sache mit dem Vergessen:
„Deine Frau sagte mir, dass du hierher an diesen schönen Ort gekommen bist, um zu vergessen. Was in Gottes Name willst du denn vergessen?“
„Das habe ich vergessen.“

Vorsicht auch bei neuen Wortschöpfungen oder Sinnentstellungen. Die mögen hier und da voll ins Schwarze treffen, normalerweise rutschen sie ab in die Abteilung „Kalauer“:
Der Wagen einer älteren Dame startet nicht. Ein Passant bietet sich an zu helfen und klopft mit dem Griff eines Schraubenziehers einige Male gegen den Anlasser. Der Motor startet, und sie bedankt sich.
Da antwortet der Passant lässig: „Kein Problem, Madam, alles Klopfsache.“
Oder
Er legte seine rechte Hand sanft um ihren Hinterkopf. Ihre Münder näherten sich, seine Lippen berührten die ihren. Sie spürte seine Zunge, und plötzlich vereinten sie sich zu einem leidenschaftlichen Kuss … Als er endete, schaute sie ihn verliebt an, und es drängte sie, ihm zu gestehen.
„Robert, du bist der beste Lipp-haber, den ich je hatte.“

Wenn man einer ungebildeten Person ein paar charakterisierende Worte in den Mund legen will, gilt es, fein zu dosieren:
„Schääksbier? Nee, der schreibt wie ein Gestörter. So spricht doch kein Mensch heute.“
Oder: „Die Katze darf nicht in den Trockner? Aber die ist doch klatschnass, wenn ich sie aus der Maschine nehme.

Einen Fehler, den auch ich anfangs gemacht habe, war das nächtliche Feilen an einer Geschichte. Das ist immer gefährlich, denn man ist, ob man es merkt oder nicht, schlaftrunken, auch wenn man sich für hellwach hält. Das täuscht die Sinne, und was nachts als besonderer Geistesblitz gilt, entpuppt sich Stunden später als langweiliger Allgemeinplatz. Es mag vereinzelt funktionieren, für die Schaffung von spannenden Handlungsabläufen und Pointen sollte man nicht nur wacher, sondern vor allem ausgeschlafen sein.
Da ist noch etwas, was ich Ihnen ans Herz legen möchte. Es ist mir ein bisschen peinlich, weil es sich um Hausfrauen und Hausmänner handelt, wie Sie es, mein wertes Publikum, zum Teil sind. Ich spreche hier von den Turbosichverwirklichern, denen es nicht schnell genug gehen kann, den Olymp schreiberischen Schaffens zu erklimmen. Ich habe sehr viele Briefe von diesen Ladys und Gentlemen enthalten, in denen sie mich bitten, zu ihren Schöpfungen, die meistens entstanden sind, während das Baby schlief, Stellung zu beziehen. Einer war so atemberaubend schräg, dass ich nicht glauben wollte, was ich da las. Ihm lag ein Bild von der ganzen Familie mit Hund bei, und er war in einer extrem vereinfachten Sprache verfasst, und das teilweise im Dialekt. Der erste Satz lautete: Es gibt keinen ersichtlichen Grund, dass Kurti seiner Frau ein Dreirad schenkte. Offensichtlich fand die Autorin diesen ersten Satz so gelungen, dass sie versuchte, daraus eine Geschichte zu entwickeln. Aber was als Geschichte rübergekommen ist, handelte von … nein, das hier vorzutragen wäre zu viel des Schlechten.
Ich habe meine Sekretärin angewiesen, das Manuskript zurückzuschicken mit dem Hinweis, ich sei verstorben.

Wenn Sie sich eine Geschichte ausdenken, ist es wichtig, sich vorher darüber klar zu werden, mit welcher Art Humor Sie Ihre Leserschaft beglücken wollen. Sie ahnen nicht, wieviel Möglichkeiten Sie haben bei Inhalt und Sprache. Und ich versichere Ihnen, die Auswahl überfordert Sie. Sie können sich entscheiden für hierzulande üblichen Beobachtungshumor, über britischen, schwarzen und trockenen. Dabei können Sie mit der Sprache spielen, sich für Satire und Ironie, Parodie und Sarkasmus entscheiden, sich über Schadenfreude auslassen oder über Fettnäpfchen, in die immer die anderen treten. Und wenn Ihnen gar nichts einfällt, reduzieren Sie Ihre Geschichte auf einen gut geschriebenen Witz. Damit hat Diether Krebs angefangen. Seine Sketche, eine Form des erzählten Witzes, der auf die Pointe reduziert ist, haben Weltruhm erlangt.
Bleiben Sie beim Schreiben bei der Realität. Ich habe vor gar nicht so langer Zeit ein Manuskript einsehen müssen, das den spannenden Titel „Hochwasser im Weinberg“ trug. Ich bat meine Sekretärin, den Text zurückzuschicken mit dem Hinweis, ich sei verstorben, obwohl ich ja schon längst tot bin.
 



 
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