Winter

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L'étranger

Mitglied
Mein Atem dampft, und auf dem Waldweg
knirschen die Schritte. Ich streiche das
Wort "Winter" aus dem Gedicht.

Kein gutes Wort
für das, was bleibt,
wenn du das Licht der frohen Tage
ausgetrunken hast,
die kalten Schultern
sich in die Nächte recken,

für Nächte, da die Welt dir scheint
wie eine Nebelkerze, ein Licht,
das deiner Dunkelheit
nicht widersteht,

für Tage, da du dich fest
in tausend Blätter hüllen willst,
auf denen traurige Geschichten stehn.
 
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Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Lé,

wieder ein prosaisches Gedicht, das sich aber wieder mehr in Richtung Lyrik begibt.

Einige Sachen, die mir spontan eingefallen sind:

Mein Atem dampft, und auf dem Waldweg
knirschen die Schritte. Im Geiste streiche
ich das Wort "Winter" aus dem Gedicht.
"und" in V1 ist eigentlich entbehrlich.

In V3 würde "das Wort" streichen. So vermeidest du die Wortwiederholung in Strophe 2.

Kein gutes Wort
für das, was bleibt,
wenn du das Licht der frohen Tage
ausgetrunken hast,
und sich die kalten Schultern
in die Nächte recken,
Hier könnte man das "und" wieder streichen.

für Tage, da du dich fest
in tausend Blätter hüllen willst,
auf denen traurige Geschichten stehn.
Hier wäre ich etwas vom Gaspedal gegangen, sonst wirkt es insgesamt als zu dick aufgetragen.

Vielleicht so:

auf denen stehen
die Geschichten


Liebe Grüße
Manfred
 

L'étranger

Mitglied
Lieber Franke,

das erste "und" mag ich, weil, ich mich das ganze Gedicht über unauffällig im jambischen Versmaß bewege.

Das zweite "und" konnte ich durch eine Satzumstellung vermeiden.

Was die Üppigkeit oder das Gaspedal angeht, könnte man aus meiner Sicht nur drüber nachdenken, die ganze letzte Strophe zu streichen. Da gehört das Wort "traurig" aus meiner Sicht untrennbar dazu.

Danke fürs Lesen und Mitdenken,

Gruß Lé.
 
"für Tage, da du dich fest
in tausend Blätter hüllen willst,
auf denen traurige Geschichten stehn."


das ist doch der beste part in dem gedicht. bloß nicht streichen!!

lg
patrick
 

L'étranger

Mitglied
Danke Patrick,

ich hatte es auch nicht wirklich vor. Wollte man es in ein lakonisch kurzes Gedicht wandeln, müsste man ja viel mehr ändern.

Gruß Lé.
 

Mondnein

Mitglied
Ich muß Patrick widersprechen.
Da will sich das Lyrdu (eigentlich Lyri) in "tausend" (warum nicht fünf?) Blätter hüllen, auf denen Geschichten stehen. Nun ja, ein Knospenautor für "traurige Geschichten", die auf diesen Blättern stehen. Fishing for compassion, und der Leser weiß nicht, ob er sich vor den traurigen Geschichten fürchten soll - gottseidank gehen die Knospen erst im Frühling auf - oder sonst was, z.B. Mitleid haben soll mit dem fröstelnden Bittelestmich-Bettler.

Aber es ist nicht völlig mißlungen. Die Präteritio - so nennt man eine durch ihre Ausführung selbstwidersprüchliche Formulierungs-Verweigerung - in der ersten Strophe ist originell. Der Winter wird ausdrücklich exhibitioniert: "Seht her, dieses Wort, das ich hier streiche, steht gut lesbar da!" Der halbe Martins-Mantel bedeckt das Gemächte des Dichters nicht - wie auch, er wird ja weit geöffnet. Und dann wimmerts "Mir ist so kalt". Das hat was.
 
Zuletzt bearbeitet:

revilo

Mitglied
Mein Atem dampft, und auf dem Waldweg
knirschen die Schritte. Ich streiche das
Wort "Winter" aus dem Gedicht.

Kein gutes Wort
für das, was bleibt,
wenn du das Licht der frohen Tage
ausgetrunken hast,
die kalten Schultern
sich in die Nächte recken,

für Nächte, da die Welt dir scheint
wie eine Nebelkerze, ein Licht,
das deiner Dunkelheit
nicht widersteht,

für Tage, da du dich fest
in tausend Blätter hüllen willst,
auf denen traurige Geschichten stehn.
Die 1. Strophe gefällt mir sehr gut. In der 2. Strophe gibst du einfach zu viel Gas. Damit meine ich „wenn du das Licht der frohen Tage ausgetrunken hast, die kalten Schultern sich in die Nächte recken“. Das ist meiner Auffassung nach viel zu dick aufgetragen. Die 3. Strophe erschließt sich mir nicht; das gilt insbesondere für den Passus mit der Nebelkerze und dem Licht, „das deiner Dunkelheit nicht widersteht“. Das klingt mir ein wenig geschraubt. Auch nicht nachvollziehen, wer sich in 1000 Blätter hüllen will. Und wie es möglich ist, dass auf ihnen „traurige Geschichten“ stehen, kann ich auch nicht so recht nachvollziehen. Ich gebe zu, dass sich ein Purist bin. Herzliche Grüße von Oliver
 

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