Winterabend

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HerbertH

Mitglied
Winterabend

Das Licht gräbt blaue Blumen in den Schnee
Und Kurven voller Sinnlichkeit ins Eis,
Die irrste Blütenpracht, erhellt in Weiß,
mit Fühlern tief hinunter in den See.

Im Atem wabern voll Erinn'rung Schemen,
An Pirouetten purer Poesie,
An Kufendrehen, dicht verschlung'ne Knie.
Sie bleiben stumm und blass, nicht zu vernehmen.

Er schaut auf Schlittschuhspuren, deren Schatten
Im Mondlicht violette Striche malen.
Er denkt an ihren vollen Mund, mit satten,
In Rot erglühten Lippen. Und an Qualen,
Nach all den tollen Jahren, die sie hatten -
Warum nur muss dafür die Liebe zahlen?
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Trasla,

gedacht ist das "irrste" als leichte Verfremdung, um dem Leser klarzumachen, dass da ein Mensch dahintersteht, mit Ecken und Kanten.

Ich denke aber nochmal darüber nach, ob das anders zu lösen ist.

Es freut mich sehr, dass Dich dieses Gedicht erreicht hat :)

Liebe Grüße

Herbert
 

Walther

Mitglied
lb. herbert,

das ist ein gelungenes sonett über den winter und sein ende auf einer ganz anderen perspektive. ich habe mich sehr gefreut, dieses sonett hier gefunden zu haben.

lg w.
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Walther,

Du hast recht, es ist ein ziemlich spezieller Winterabend als Kulisse für das Innenleben des Lyri.

Danke für Deine Gedanken zu dem Sonett.

Liebe Grüße

Herbert
 
O

orlando

Gast
Hallo Herbert,
mein Beitrag sieht jetzt ein wenig nach Retoure aus, aber ich wollte dir schon lange sagen, wie gut mir dein Sonett gefällt.
Aufgrund meiner unzerstörbaren Liebe zu jungen Expressionisten kann es gar nicht anders sein. Denn diese wirbeln mir sofort im Kopf herum ...
Hier klingt nicht leere Emphase an, sondern die Eindrücke eines Menschen, der sich nicht arrangieren kann und wohl auch nicht will. Eines Menschen, der einiges begriffen hat.

Am zweiten Quartett ließe sich noch feilen, falls du weiter am Gedicht arbeiten möchtest, aber das hast du sicherlich längst selber gemerkt ...Eine Möglichkeit:
Im Atem wabern längst verjährte Schemen
An Pirouetten purer Poesie,
An Kufendrehern: eng verschränkte Knie.
Sie bleiben stumm und blass, nicht zu vernehmen
Insgesamt bleibt bei mir ein nachhaltiger und positiver Eindruck zurück.
Liebe Grüße
orlando


Die "Pirouetten purer Poesie" sind übrigens meine erklärte Lieblingsstelle. :)
 

HerbertH

Mitglied
Liebe orlando,

erstmal vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar und das Gefallen an diesem Gedicht :). Welche jungen Expressionisten da genau herumwirbeln, würde ich übrigens sehr gerne wissen ;)

über das zweite Quartett muss ich noch mal nachdenken:

Abgesehen von Inhaltlichem wäre Dein Vorschlag die Ersetzung von "voll Erinn'rung - Kufendrehen, dicht verschlung'ne" (mit korrespondierenden 'ung') mit " längst verjährte - Kufendrehern: eng verschränkte" (mit korrespondierenden 'ä' und 'e'). Ich sag mal: klanglich leichte Vorteile bei Deinem Vorschlag. Inhaltlich ist "Im Atem wabern voll Erinn'rung Schemen, An ..." ein wenig anders als "Im Atem wabern längst verjährte Schemen, An ...". Hier fehlt mir das Wort 'Erinnerung' , was erst die 'An' motiviert. Auch sind es die Schemen voller Erinnerung, die ich inhaltlich gerne hätte. Die Umstellung "voll Erinn'rung Schemen, An ..." sehe ich als Sprachfigur. Auch finde ich 'Kurvendrehern' nicht so gut wie 'Kurvendrehen'. Ich sehe also inhaltlich leichte Vorteile bei der Originalversion.

Vielleicht fällt mir noch etwas ein, was beide Aspekte verknüpft.

Was sagst Du eigentlich zu der Anordnung der beiden Terzette ohne Zwischenzeile, im Gegensatz zu den Quartetten? Hintergrund: Ich wollte wegen des Enjambements keine Trennung der beiden Terzette. Üblich sind entweder jeweils Zwischenzeilen oder gar keine.

Liebe Grüße

Herbert
 
O

orlando

Gast
Lieber Herbert,
die Themen und Motive der jungen Expressionisten sind ja endlich und ähneln einander (Großstadt, Stätten des bezahlten Vergnügens, Wahnsinn und Selbstmord, Regressionsfantasien, Ich-Zerfall etc.)
Es ist auch mehr die Sprache, der Wortschatz, das angedeutete Untergangsmotiv, die mich an diese Epoche erinnern. ---
Meine Lieblinge sind Heym, Trakl und der frühe Benn. - Heym ist ja nur 24 geworden, war also immer jung. Sein Motto "Umbra vitae" prägte sein kurzes Leben und seine Lyrik; er ist auch, der mir spontan beim Lesen deiner Verse einfällt; ich empfinde das aber keineswegs als epigonal.
Die strophische Aufteilung gefällt mir gut; Ich glaube, es ist um die Jahrhundertwende (zum 20.) öfter so verfahren worden. Ich habe das jedenfalls schon mehrfach gesehen.
Der Ursprung liegt aber wohl in einer ganz frühen Form ... müsste ich nachschlagen. Aber Walther, unser Sonettexperte, weiß es vielleicht aus dem Kopf ...
Herzliche Grüße
Heidrun
 

HerbertH

Mitglied
Liebe orlando,

danke für die Expressionisten Hinweise :) Die spielen m.E. in einer ganz anderen Liga ;)

Auch Czernin kannte ich bisher nicht, da werde ich gerne mal "schmökern" ...

Wegen der Stropheneinteilung werde ich Walther fragen, danke auch für diesen Tipp.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Umfrage :)

Was hieltet Ihr von einem kleinen Zyklus

Sommernacht, Winterabend & zwei noch zu schreibende Sonette

Arbeitstitel: Frühlingsmorgen, Herbst(mit)tag

Danke im Voraus für Eure Meinungen

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Verbesserungsvorschläge?

In einem anderen Forum wurden die letzten 4 Zeilen als nicht so gut wie die 10 Zeilen davor kommentiert.

Seht Ihr das auch so?

Wenn ja, was würdet Ihr ändern?

Vielen Dank im Voraus

Herbert
 

Ann-Britt

Mitglied
Ein Sonett!
Da Du fragst, der Begriff "tollen" in der vorletzten Zeile passt für mein Empfinden nicht so gut,
aber sonst: einfach klasse!
 

ENachtigall

Mitglied
Hallo Herbert,

ich habe da noch - geringfügig - was zu meckern ...
Er schaut auf Schlittschuh[red]spuren, deren Schatten[/red]
Im Mondlicht violette Striche malen.
Als selbsternannte Expertin auf dem Gebiet der Spurensuche und -sicherung muss ich anmerken, dass Spuren keine Schatten werfen; es sei denn, es handelt sich voluminöse Spuren, was bei Schlittschuhspuren nicht der Fall ist.
Also schlage ich Dir vor, an erwähnter Stelle die Schlittschuh[blue]kufen[/blue] Schatten werfen zu lassen. Die können das nämlich.
Um nun nicht die Kufen zweimal nacheinander zu bemühen, könntest Du das "Kufendrehen" durch "Drehmomente" ersetzten. Die Silbenzahl bleibt dabei stimmig und es passt auch sonst eigentlich perfekt - auch klanglich - ins Bild.

Und das war' s dann auch schon. Viel Spaß beim Übergrübeln ;-)

LG

Elke
 
Hallo Herbert,
die E-Mail „Werk des Monats“ habe ich auch bekommen. Dann las ich: 2014.
Und habe mir gedacht, gut, lesen kann nicht schaden. Bei einem Mal ist es nun nicht geblieben. Ein schönes Sonett. Wahrscheinlich würde ich mich in Sachen Superlativ erheblich steigern, wenn ich selbst eines schreiben könnte. Ich werde es mir zum Vorbild nehmen, wenn ich darf.
Gruß Paul.
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Elke,

ich muss Dir widersprechen ;)

Schlittschuhspuren können sehr wohl Schatten werfen :) Es gibt dazu sogar zwei Möglichkeiten. Zum einen sind bei entsprechend schneller Kurvenfahrt die Spuren tief und an der Außenkrümmung durchaus genügend hoch aufgetürmt, um Schatten werfen zu können, zumindest im Mondlicht unter dem "richtigen" Einfallswinkel. Zum anderen kann bei eher senkrechtem Einfall des Lichtes unter dem Eis liegendes Wasser in den Spuren "durchscheinen", was beides je nach Lichtverhältnissen violett erscheinen kann.

Ausserdem ist das Bild der Spuren hier wichtig im Zusammenhang mit den Erinnerungen. Dies können die Kufen keinesfalls liefern, so scheint mir.

Ich möchte daher das Gedicht hier nicht ändern.

Für die Anregung, hier noch einmal über das Gedicht nachzudenken, danke ich Dir.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Paul,

es ist oft der Fall, dass als Werk des Monats "ältere" Beiträge ausgewählt werden. Ich selbst hatte nicht damit gerechnet.

Du kannst selbstverständlich gerne dies Gedicht als Vorlage für eigene Sonette nehmen. Bei mir hat es einige Zeit gedauert, bis ich mit der Form zurecht kam. Hier hat Walther mir am Anfang sehr geholfen.

Liebe Grüße

Herbert
 

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