Winterreise

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Im Reisebüro wussten sie nicht, wo N. liegt. Ich musste es wie immer erklären: in Mannheim umsteigen und das letzte Stück nicht über Saarbrücken, sondern vorher die Nebenstrecke nehmen … Ich hatte die Reise schon oft gemacht, meist am Tag vor Heiligabend. Die einzelnen Fahrten unterschied ich längst nicht mehr, es war immer die gleiche Reise. Den anderen im Zug schien es ebenso zu gehen – Gesichter wie in der U-Bahn nach Büroschluss. Alle schwiegen, sie lasen oder dösten.

Die Anschlüsse klappten. Nach sieben Stunden stand ich auf unserem Hauptbahnhof, der diese Bezeichnung so wenig verdiente. Jedes Mal erschien er mir bei der Ankunft kleiner als bei der vorigen Abreise. Die Umgebung meiner Kindheit war ein Land für Liliputaner geworden, in das ich mich für ein paar Tage hineinzwängte.

Es war später Abend, eine frostige Nacht schon. Die übrigen Reisenden zerstreuten sich innerhalb von zwei Minuten. Ich stand allein in der Halle, sie gewann dadurch wieder etwas an Größe. Ich wollte zu Hause anrufen, damit meine Eltern mich abholten, wie jedes Jahr. Zu Hause war ich dort allerdings schon lange nicht mehr.

Ich wählte ihre Nummer und ließ es läuten. Während ich in den Apparat hineinlauschte, sah ich ihr kleines Wohnzimmer vor mir, so still und mit Tag und Nacht heruntergelassenen Rollläden. Sie bewohnten es so wenig wie das große Wohnzimmer daneben. Es würde einige Zeit dauern, bis meine Mutter aus der im Souterrain gelegenen Kellerküche am Apparat war. Nach dem vierten Klingeln ertönte das Besetztzeichen. Ich wartete zwei Minuten und wählte erneut. Vielleicht hatte sie versehentlich die Gabel berührt. Es blieb beim Besetzt, auch nach einem weiteren Versuch. Meine Mutter hatte neulich in einem Brief über Herzbeschwerden geklagt - ich verscheuchte jetzt die Vorstellung, wie sie, überanstrengt vom eiligen Treppensteigen, auf dem Teppich zusammengebrochen war, den Hörer noch in der verkrampften Hand …

Ich ging zur Haltestelle und hatte Glück. Schon nach zwei Minuten kam ein Bus aus der Stadt herauf. Eigentlich brauchten sie mich nicht abzuholen. Der Bus rollte die Hügel auf und ab. Die wenigen Fahrgäste stiegen nach und nach aus. Ich blieb als Letzter zurück, schon nahte die Endhaltestelle. Da entdeckte ich sie, als wir am Friedhof vorbeifuhren. Mein Vater lenkte den Wagen umsichtig vorbei, meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und blickte geradeaus. Sie kamen nicht auf den Gedanken, in den Bus hineinzusehen, sie selbst benutzten ihn nie. Ich versuchte, sie durch Winken auf mich aufmerksam zu machen, und kam mir, wie ich im leeren Bus gestikulierte, ein wenig lächerlich vor. Die beiden sahen weiter starr geradeaus, ich geriet nicht in ihr Blickfeld. Mein Vater fuhr jetzt im Alter wieder wie ein Fahrschüler, sehr vorschriftsmäßig, ganz auf den Verkehr konzentriert. Er chauffierte vergeblich zum Bahnhof, sie würden bald zurück sein.

Erleichtert verließ ich den Bus und ging zwischen den Stadtrandhäusern langsam den Hang hinauf. Ich bog von der Asphaltstraße ab und schlug den Feldweg ein, der zwischen Wiesen auf ein Wäldchen zielte, in ihm verbarg sich das Elternhaus. Der Weg war voller Schlaglöcher, die Pfützen in ihnen zu dünnen Eisdecken gefroren. Wenn ich auf sie trat, zersplitterten sie krachend. Sonst war es vollkommen still, eine helle Nacht, wolkenlos. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so viele Sterne am Himmel gesehen zu haben. Im Wald war es sehr dunkel, die Kronen der hohen Robinien und Vogelkirschen verflochten sich über mir und ließen so gut wie kein Licht durch. Meine Augen hatten sich noch kaum an die Finsternis gewöhnt, ich war fast blind weitergegangen, da tauchte ihr weißes Haus auf der Lichtung auf. Diese Lichtung, vor einem Vierteljahrhundert beim Hausbau gerodet, wuchs von den Rändern immer mehr zu, sie verkleinerte sich mit jedem Jahr.

Ich vertrieb mir die Zeit damit, den Himmel zu betrachten. Aber ich kannte mich mit Sternbildern nicht aus und wusste nicht mal, wo der Abendstern stand. Ich ging am Haus auf und ab und spürte die Kälte vom Boden in meinen Körper eindringen. Eines Tages, dachte ich, würden die Eltern tot sein. Vielleicht würde ich dann ebenso einsam wie jetzt um das verlassene, totenstille Haus herumgehen. Eine traurige Vorstellung, doch beinahe noch mehr bedrückte mich die Sorge, dieser Lage nicht gewachsen zu sein. Meine Eltern hatten sich eine neue Redensart angewöhnt: Das überlassen wir unserem Nachfolger … Mal davon abgesehen, dass ihre Verhältnisse ziemlich verwickelt waren – da stand jetzt das große Haus, leer an Menschen, dafür vom Keller bis zum Boden mit Kram angefüllt, für den ich keine Verwendung hatte. Ich lebe weit weg, sagte ich mir, mir fehlt die Zeit, das alles aufzulösen. Ich werde mich auf andere verlassen müssen - wird man mich betrügen?

Schon nach zehn Minuten kamen sie zurück und erklärten mir, weitschweifig und sich gegenseitig ins Wort fallend, dass das Telefon seit Tagen defekt sei. Als es vorhin nur kurz geläutet hatte, waren sie gleich zum Bahnhof gefahren, ich war ja erwartet worden. Sie fragten mich wie üblich nach dem Verlauf der Reise, die sie selbst nie unternommen hatten. Ich stellte wie immer die Gegenfrage nach ihrer Gesundheit. Damit waren wir schnell fertig. Mein Vater gähnte, und eine halbe Stunde später waren wir alle schlafen gegangen.


Am anderen Morgen frühstückten wir gemeinsam in der Kellerküche. Die Eltern erschienen mir im grellen Neonlicht älter als je zuvor. Es war nicht nur so, dass ich sie ein volles Jahr nicht gesehen hatte – sie waren rascher gealtert als früher in derselben Zeitspanne. Das Alter hatte die letzten Spuren weiblicher Schönheit vom Gesicht meiner Mutter weggewischt. Von anderen Greisinnen unterschied sie nur der Höcker unterhalb der linken Schulter. Dieser Buckel verzerrte die große, schlanke Gestalt, er machte sie kleiner, es war eine zunehmende Krümmung und aussichtslos das Bemühen, durch ein Hauskleid mit strengem Rautenmuster vom Hinfällig-Asymmetrischen der Erscheinung ablenken zu wollen. Dennoch war meine Mutter viel rüstiger als mein Vater. Ihm hätte ein Friseurbesuch gutgetan. Das früher so kräftige dunkle Haar, damals lockig und widerspenstig, umringelte jetzt in langen, kraftlosen grauweißen Strähnen die kahle Stelle auf der Schädelmitte, die ich noch nicht kannte.

Ihre seltsamen Tischsitten hatten sich noch stärker ausgeprägt. Ihnen lagen Pedanterie und Selbstquälerei zugrunde, beide im Bewusstsein, nur das Gute und Richtige zu tun, ja insoweit nie genug tun zu können. Meine Mutter konnte keine zwei Minuten am Tisch sitzen bleiben. Immer war noch etwas für die Mahlzeit des Gatten, des Sohnes zu besorgen. Mein Vater hielt nach wie vor strenge Diät ein. Er litt seit Jahren an einer chronischen Verdauungsstörung, die er nicht behandeln ließ, aus Starrsinn, aufgrund unsinniger Ängste und da er Geschmack am Martyrium gefunden hatte. Er schnitt sich den Zwieback klein. Mit dem Messer fegte er auch die Brösel zusammen, exakt von den vier Ecken des Frühstücksbretts her. Er schob den angehäuften Krümelberg mit dem Zeigefinger auf die Schneide und führte sie langsam zum Mund.

Nach jeder Mahlzeit ruhte der Vater auf dem Sofa, das in der Kellerküche stand. Er verbrachte, in eine Wolldecke gewickelt, einen großen Teil des Tages darauf. Die Katze lag dann oft in dem Winkel, den Füße und Unterschenkel bildeten und der durch die Falten der Decke ausgepolstert war. Beide schliefen dort einen sehr leichten Schlaf, der es ihnen erlaubte, die Geräusche und Vorgänge in der Küche noch zu überwachen. Gelegentlich sah ich hinüber zu dem Mann, der mein Vater war, mit dem bekannten Bild des Vaters jedoch kaum Ähnlichkeit hatte. Die Wangen waren eingefallen, so tief in die Mundhöhle eingesunken, wie ich es anatomisch nie für möglich gehalten hätte. Diese riesigen, schon fast völlig vom Fleisch entblößten Jochbeine – gehörte diese atmende Totenmaske meinem Vater? Sie war das Negativ zu dem Bild, das ich in Jahrzehnten von ihm gewonnen hatte und dessen einzelne Bestandteile mir schon seit langem nicht mehr bewusst waren, sondern unauflöslich verschmolzen mit seinem Gesamteindruck. Da es jetzt fehlte, erkannte ich mit einem Mal, was bisher der Grundzug in seinem Gesicht gewesen war: die ständige Anstrengung, gute Miene zu einem Spiel zu machen, das ihm innerlich widerstrebte. Dieses Bemühen um Ausgleich und Zustimmung, siebzig Jahre durchgehalten, hatte ihn zu Tode erschöpft. Ich konnte diesen Anblick nicht lange ertragen und suchte ihn dennoch immer wieder von neuem.

Wenn er nicht schlief, versuchte er ab und zu, ein Gespräch mit mir in Gang zu bringen. Es gelang kaum einmal. Von klein auf hatte ich mich daran gewöhnt, ihm zu widersprechen und alles besser zu wissen. Tatsächlich wusste ich inzwischen über fast alles genauer Bescheid. Dies wenigstens war ihm bekannt, daher war er unsicher, zögerte beim Reden und hörte nicht selten mitten im Satz auf. Statt mich nachgiebiger zu stimmen, reizte mich seine Verlegenheit und ich antwortete gewöhnlich schroff. Er wollte über die abgedroschensten Fragen der Politik sprechen, lauter Angelegenheiten, über die es nichts Neues zu sagen gab und von denen ich nichts weiter hören wollte. Noch mehr erbitterte mich das stille Lächeln, das seine einzige Antwort war, wenn ich doch einmal auf etwas ausführlicher einging und mir Mühe gab, eine Sache zu erklären.

Mit der Mutter ging es besser. Es fand sich immer irgendein Gesprächsstoff. Gewöhnlich bezog er sich auf die praktische Lebensführung – das Essen, den Haushalt – oder auf die Familiengeschichte. Ich brauchte selbst wenig zu sagen. Meine Mutter war nicht neugierig. Mein eigenes Leben spielte sich fern von ihnen wie hinter einem dichten Vorhang ab. Außerdem war sie dankbar dafür, selbst reden zu können. Sie hatte ein ganzes Jahr lang mehr als genug geschwiegen und wollte nur, dass ich ihr ein Stichwort gab, das den aufgestauten Redefluss entfesselte. Meinen Vater interessierten ihre Themen nicht, er unterbrach sie jedoch nie. Ihr Geplauder deckte nur das Schweigen zu, das in Wahrheit zwischen uns herrschte.
Am Tag nach meiner Ankunft war es draußen trüb und neblig. Ich verließ das Haus nicht.


Am folgenden Tag klarte es auf. Ich ging zum Friedhof, um die Gräber der Großeltern zu besuchen. So wollte es die Pietät. Kein Mensch war auf den Straßen. Einmal kam mir ein Auto entgegen, an dessen Steuer vielleicht ein alter Lehrer von mir saß. Doch ich war mir nicht sicher, und was lag schon daran.

Der ausgedehnte Urnenfriedhof erstreckte sich von der Leichenhalle bis zu den Gräbern der Soldaten und Kriegsgefangenen. In der Nähe lag das Vatergrab des berühmten Politikers. Meine Großeltern hatten die Leute gut gekannt, aber auch das bedeutete nichts mehr. Und war es nicht widersinnig, den eigenen Leichnam verbrennen zu lassen, der Asche dann jedoch wieder eine Parzelle zu sichern, ganz so als ruhten da doch Gebeine? Wozu überhaupt die Asche, den flüchtigsten aller festen Stoffe, in ein metallenes Gefäß füllen und darüber ein kleines Denkmal errichten? Diese Gräber waren zu klein für wahre Trauer und treues Gedenken und zu groß zum bloßen Vergessen. In jüngster Zeit wählte man zunehmend größere und kostbarere Grabsteine. Meine Großmutter hatte für ihr Doppelgrab einen schwarzen polierten Marmorstein ausgesucht. Die obere Kante lief in zwei angedeuteten Arabesken aus, ein letzter Nachklang aus der Zeit, als der Jugendstil modern und sie selbst jung war.

Vom Friedhof ging ich nicht gleich zurück. Auf einem Umweg kam ich an vielen stillen Häusern vorbei, Eigenheimen in winterlichen Gärten. Ich konnte oft in die Wohnzimmer hineinsehen. In ihnen standen fast immer geschmückte Weihnachtsbäume. Manchmal sah ich daneben Bildschirme flimmern. Seltsamerweise gelang es mir nie, die menschlichen Bewohner dieser Behausungen zu entdecken. Vielleicht hockten sie in schlecht beleuchteten Winkeln, die ich nicht einsehen konnte. Da sich, von ein paar vorbeirollenden Autos abgesehen, auch draußen nichts regte, dachte ich plötzlich, so müsste es nach einem Angriff mit der Neutronenbombe aussehen.

Daheim fragte mein Vater, ob ich Bekannte getroffen hätte. Die Frage war ich gewohnt, sie kam seit Jahren bei dieser Gelegenheit. Und wie immer antwortete ich auch jetzt wieder: Nein, die Leute sind mir ja fremd geworden, und außerdem geht hier keiner mehr zu Fuß.


Bei den Eltern drehte sich fast alles um die Katze. Ihr weißes Fell härte sich stark. Sie war anhänglich und ließ sich bei Tisch füttern. Mein Vater schnitt ihr von seinem Hühnerbein immer wieder kleine Fleischstreifen herunter. Diese Fütterung füllte inzwischen den größten Teil seiner Mahlzeit aus und die Katze bekam mehr als die Hälfte seiner Fleischportion. Danach ruhte sie mit dem Vater auf dem Sofa.

Die Eltern sprachen auch mit ihr. Sie benutzten dabei eine eintönige Lautmalerei, wie sie Erwachsene im Umgang mit Säuglingen verwenden. Meine Eltern erzeugten mit den Stimmbändern tief im Kehlkopf kurze, fast ununterscheidbare klagende Laute, die ebenso gut lauter Behagen ausdrücken konnten. Die Katze antwortete ihnen in gleicher Weise. Sie stimmten völlig überein. Es war unwahrscheinlich, dass meine Eltern der Katze die menschliche Sprache beibringen wollten. Es lief darauf hinaus, dass die Katze meine Eltern domestizierte und durch den Gebrauch einer Art Babysprache ihren eigenen schwach differenzierten Ausdrucksmöglichkeiten anpasste.


Meine Mutter hatte noch ein Geschenk für mich. Aus ihrem Fundus oder Depot bekam ich am Tag vor meiner Abreise jenen Krug. Von weitem sah er prachtvoll aus, ein neobarocker Prunkhumpen, wie ich ähnliche im Museum für Kunst und Gewerbe gesehen hatte. Er fasste einen halben Liter und war aus bemaltem und reliefartig verziertem Steingut. Aus der Nähe betrachtet, konnten nicht alle Details überzeugen. Am schönsten war noch der Sockel: auf blauem Grund braune Medaillons, von cremefarbenen Rocaillen umspielt. Weiter oben die Hauptsache: Mutter Germania, eine violett gewandete Heroine mit langem kastanienfarbenen Haar. Ein schwarzer Adler spreizte sich auf ihrer knapp sitzenden grauen Bluse, mit seinen Flügeln liebkoste er den prallen Busen. Ein weiterer Adler hockte zu ihrer Rechten, mit wulstig gebogenem Schnabel einem Papagei nicht unähnlich. Die Germania umfasste mit der Linken ein Schwert wie aus Lübecker Marzipan und mit der Rechten stemmte sie eine Krone, die einem Napfkuchen ähnlich sah. Von der ganzen Figur gingen Strahlen aus, so regelmäßig wie bei einer Rosenkranzmadonna.

Ein verknotetes schwarzweißrotes Band umflatterte die figürliche Darstellung … und auf dieser Flagge ein frei schwebender Tisch … und auf dem Tisch ein frei schwebendes Bierfass. Aus ihm zapfte eine spröde Saaltochter für sechs winzige Gestalten, die ihre Humpen hoben, ihre Spazierstöcke in die Luft warfen. Darüber: „Parole Heimat!“ und rechts und links vom gebogenen Henkel zwei lange Namensreihen: Becker I und Becker II, Bleibtreu, Presser, Schäfer I und Schäfer II und noch andere … Am oberen Rand des Kruges stand in fetter Fraktur der Name seines vormaligen Besitzers: Schneider I, der ältere Bruder meines Großvaters. Der Krug war von 1905.

Von 1905 war auch die Fotografie des angehenden Reservisten, die meine Mutter dazu legte. Es war ein Brustbild in Uniform. Sie war ihm lästig, offenkundig. Er streckte den Hals ein wenig nach rechts aus dem hohen Kragen heraus. Er war ein hübscher Junge um die zwanzig mit sehr dunklem Haar, das gerade noch einen Scheitel zuließ. Ein mittelgroßer Schnurrbart, ein wenig aufgezwirbelt. Schöne dunkle Augen mit großen glänzenden Pupillen. Die Ohren zu groß und auch noch leicht abstehend. Im Ganzen war das Gesicht oval geschnitten mit hoher und breiter Stirn. Weich war das Kinn, weich die Unterlippe, nur die Oberlippe ein strenger Strich.

Er lächelte nicht. Leise fragend sah er in die Kamera. Was geschieht mit mir, schien er zu fragen. Und: Warum – warum?

Ich drehte das Foto um. Das Atelier verwies auf glänzende Empfehlungen, etwa auf das Cabinet- und Dankschreiben Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen von Neapel, auf Hohe Anerkennung Seiner Königlichen Hoheit, des Herzogs Max Emanuel in Bayern, und auf die krönende Allerhöchste Anerkennung durch Kaiser Wilhelm II. Auch konnten die Fotografierten der Zukunft sorglos entgegensehen: „Platten werden aufbewahrt & können jederzeit Abzüge und Vergrößerungen davon gemacht werden.“ Wie gut, der Reservist Schneider I hatte nicht mehr oft Gelegenheit, sich porträtieren zu lassen. Wenige Jahre später biss er in Belgien ins Gras. Ich durfte das Foto behalten.

Die Wettervorhersage im Radio lautete: Eisregen in der Nacht, am Morgen gefährliche Eisglätte.


Es war noch dunkel, als ich aufstand. Mein Vater war schon vor der Tür gewesen und sagte, der Regen habe aufgehört, der Boden sei zentimeterdick mit Eis überzogen. Ich müsste versuchen, den Bahnhof per Bus zu erreichen.

Mein Vater ging mit, als ich nach dem Frühstück aufbrach. Ich nahm den weichen, am Vorabend gepackten Handkoffer. Ich öffnete ihn noch einmal, den Krug würde ich doch lieber dalassen. Aber meine Mutter wollte sich unbedingt von diesem Gegenstand der Erinnerung trennen. Sie stopfte Zeitungspapier hinein und umwickelte ihn mit einem Handtuch.

Draußen sah ich das Eis zunächst nicht, es war noch zu finster. Dann ein mattes Schimmern im kleinen, runden Schein der Taschenlampe, die mein Vater vor meine Schritte richtete. Dabei bestand kaum Gefahr auszugleiten, so rau und steinig war der Weg hier. Dann standen wir vor der Asphaltstraße: eine abschüssige Eisbahn unter strahlender elektrischer Beleuchtung. Kein Mensch unterwegs, die Gehwege dick vereist und noch völlig unberührt. Mein Vater sagte, wir sollten durch die Vorgärten gehen. Wir betraten die weichen Rasenflächen, wir umgingen die Blautannen und Forsythien, wie hielten uns an Essigbäumen und Jägerzäunen fest, wenn wir doch einmal auf den nicht gangbaren Gehweg ausweichen mussten.

Nach zehn Minuten hatten wir den Abstieg zur Haltestelle geschafft. Von hier an war schon Salz gestreut, die Fahrbahn feucht und gefahrlos. Mein Vater verabschiedete sich rasch und kehrte sogleich um.

Immerhin – der Krug war gerettet.
 
A

aligaga

Gast
Bravo, Arno!

Selten hab ich eine „Winterreise“ mitmachen dürfen, in der wirklich alles so schrecklich froststarr war wie auf dieser. Es ist dir gelungen, die Objekte, die früher einmal Menschen waren, sprachlich so gekonnt zu zeichnen, dass der Leser Interesse bekommt, ganz genau hinzusehen: Er stellt fest, dass diese Menschen, der Protagonist eingeschlossen, bereits vor ihrer Aschewerdung versinnlosen und dass die graue Schicht, die über ihrem Äußeren und inwendig an ihren Gemütern liegt, kein Puderzucker ist, sondern aus Eiskristallen besteht, wie sie sich später auch auf dem Weg zum Bahnhof finden.

Ich glaube, dass man sich eine solche Erzählung nicht aus den Fingern saugen kann und, vor allem, dass man sehr gute Nerven braucht, um sie so sorgfältig aufzuschreiben, wie du’s getan hast.

Ich bin hingerissen!

Einziger (winziger) Kritikpunkt: Der Bruder des Großvaters sollte nicht „ins Gras beißen“ müssen. Das ist platte Kalauersprache, die in einem kultivierten Text wie diesem eigentlich nichts verloren hat. Ich würde den jungen Mann ganz profan fallen lassen. Dann kann sich jeder Leser selbst vorstellen, wie erbärmlich.

Gruß

aligaga
 
Großen Dank, aligaga, für deine Beurteilung. Ja, deine Kritik bezüglich des einen Ausdrucks leuchtet mir sogleich ein. Ich bringe das noch in Ordnung, muss aber jetzt gleich weg ... Es wird etwas dauern.

Schönen Morgengruß
Arno Abendschön
 

valcanale

Mitglied
Hallo Arno,

die Erzählung hat mich beim Lesen richtig gefesselt, - nicht zuletzt auch durch die bewegende, intensive Bildsprache und deine genaue Beobachtungsgabe, die du so gut in Worte umsetzen kannst. Ein für mich äußerst gelungener Text mit dem Hintergrund der Begegnung und Veränderung zwischen den Generationen, fast leidenschaftslos erzählt und doch so betroffen machend.
Nur einmal war ich kurz irritiert, - das "ins Gras beissen" unterscheidet sich plötzlich so gänzlich von deinem sonstigen Erzählstil in dieser Geschichte (wird ja auch schon im vorhergehenden Feedback angesprochen).
Das ist aber auch das Einzige und möglicherweise reisst es einen sogar dadurch aus dem sonst so durchgehenden Erzählstil spontan heraus und zwingt zu einer neuen Denkweise, - könnte sogar gewollt sein.
LG Valcanale
 
A

aligaga

Gast
Hallo Arno,

ich nochmal.

Der vorstehende Kommentar veranlasst mich zu der Bemerkung, dass ein aufmerksamer, einfühlsamer Leser niemals auf die Idee kommen könnte, in deinem Stück würde thematisiert, wie sich das Verhältnis eines Kindes zu seinen Eltern über Jahrzehnte nachhaltig veränderte.

Es wird vielmehr offenbar, dass der "Besucher" auch schon vorher nie wirklich bei seinen Eltern zuhause war. Man darf ganz zu Beginn nicht überlesen, dass es dort heißt:
Ich hatte die Reise schon oft gemacht, meist am Tag vor Heiligabend. Die einzelnen Fahrten unterschied ich längst nicht mehr, es war immer die gleiche Reise.
Und man muss sich fragen, wie weit entfernt einem Eltern sein müssen, dass man ein "Reisebüro" braucht, dem man erklären muss, wo man überall umsteigen muss, um zu ihnen zu gelangen.

Vielleicht lässt die Melancholie, die das Stück gleich zu Beginn bedeckt wie Mehltau die Blätter einer Kürbispflanze, per se keine freundliche Reminiszenz zu. Aber es gibt auch später nicht einmal einen Ansatz von Bedauern, dass die Physis der Eltern ebenso wie deren mentale Präsenz vom Fleisch fallen. In der beschriebenen Gesellschaft scheint nicht bloß jahreszeitlich bedingt Winter zu herrschen, sondern Permafrost. Wahrscheinlich hat die besagte Neutronenbombe dort bereits vor der Geburt des Erzählers eingeschlagen.

Diese Erkenntnis ist deshalb so bedrückend, weil sie jeden Gedanken an eine Erlösung ausschließt.

Gruß

aligaga
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Arno, welch bedrückende Atmosphäre Du hier geschaffen hast! Du räumst gründlich mit allen Eltern-Kind-Klischees auf. Hier gibt es keine Liebe, keinen Hass, ja nicht einmal Mitleid, hier gibt es nur noch Gleichgültigkeit.
Das ist so verstörend wie wahr herausgearbeitet.

Sehr gut.

LG DS

Eine Kleinigkeit stört mich: Die "spröde Saaltochter". Was meint dieser Ausdruck und wie lässt sich die Sprödigkeit auf einem Krug erkennen?!
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Arno,

als ich diese Geschichte in der vergangenen Woche las, hat es mich in zweifacher Hinsicht getroffen: Einerseits, weil sie mich auf Anhieb außerordentlich beeindruckte, andererseits, weil ich seit Tagen an meiner Geschichte „Die eisige Nacht …“ mit einer ähnlichen (aber wirklich nur entfernt ähnlichen) Thematik saß. Ich war drauf und dran, die Arbeit einzustellen, denn neben einem Profi wie Dir konnte ich nur verlieren.
Aber dann dachte ich mir: Als Hobbyschreiberin werde ich mich nie mit Profis wie Dir messen können. Also schrieb ich weiter. Warum die Flinte ins Korn werfen, wenn die Geschichte fast fertig ist?

Heute machte man mir nun den Vorwurf, ich hätte versucht, es „Arno Abendschön gleich zu tun und ebenfalls eine Winterreise zu machen“. Was für eine Unterstellung!
Deine Geschichte geht unter die Haut, meine ist nur „unerträgliche Betroffenheitsprosa“. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Profi und einem Laien.

Gewertet habe ich neulich schon entsprechend und ohne groß überlegen zu müssen. Ich bin immer noch sehr beeindruckt!

Einen schönen Abend
und Gruß
Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Ich bin mir ganz sicher, Frau @Doktor, dass @Arno ein professioneller Winterreiseführer ist.

So eine wie diese saugt sich, wie schon weiter oben gesagt, keiner nur aus den Fingern. Es bedarf dazu einer ganz besonderen Sicht.

Gruß

aligaga
 
Im Reisebüro wussten sie nicht, wo N. liegt. Ich musste es wie immer erklären: in Mannheim umsteigen und das letzte Stück nicht über Saarbrücken, sondern vorher die Nebenstrecke nehmen … Ich hatte die Reise schon oft gemacht, meist am Tag vor Heiligabend. Die einzelnen Fahrten unterschied ich längst nicht mehr, es war immer die gleiche Reise. Den anderen im Zug schien es ebenso zu gehen – Gesichter wie in der U-Bahn nach Büroschluss. Alle schwiegen, sie lasen oder dösten.

Die Anschlüsse klappten. Nach sieben Stunden stand ich auf unserem Hauptbahnhof, der diese Bezeichnung so wenig verdiente. Jedes Mal erschien er mir bei der Ankunft kleiner als bei der vorigen Abreise. Die Umgebung meiner Kindheit war ein Land für Liliputaner geworden, in das ich mich für ein paar Tage hineinzwängte.

Es war später Abend, eine frostige Nacht schon. Die übrigen Reisenden zerstreuten sich innerhalb von zwei Minuten. Ich stand allein in der Halle, sie gewann dadurch wieder etwas an Größe. Ich wollte zu Hause anrufen, damit meine Eltern mich abholten, wie jedes Jahr. Zu Hause war ich dort allerdings schon lange nicht mehr.

Ich wählte ihre Nummer und ließ es läuten. Während ich in den Apparat hineinlauschte, sah ich ihr kleines Wohnzimmer vor mir, so still und mit Tag und Nacht heruntergelassenen Rollläden. Sie bewohnten es so wenig wie das große Wohnzimmer daneben. Es würde einige Zeit dauern, bis meine Mutter aus der im Souterrain gelegenen Kellerküche am Apparat war. Nach dem vierten Klingeln ertönte das Besetztzeichen. Ich wartete zwei Minuten und wählte erneut. Vielleicht hatte sie versehentlich die Gabel berührt. Es blieb beim Besetzt, auch nach einem weiteren Versuch. Meine Mutter hatte neulich in einem Brief über Herzbeschwerden geklagt - ich verscheuchte jetzt die Vorstellung, wie sie, überanstrengt vom eiligen Treppensteigen, auf dem Teppich zusammengebrochen war, den Hörer noch in der verkrampften Hand …

Ich ging zur Haltestelle und hatte Glück. Schon nach zwei Minuten kam ein Bus aus der Stadt herauf. Eigentlich brauchten sie mich nicht abzuholen. Der Bus rollte die Hügel auf und ab. Die wenigen Fahrgäste stiegen nach und nach aus. Ich blieb als Letzter zurück, schon nahte die Endhaltestelle. Da entdeckte ich sie, als wir am Friedhof vorbeifuhren. Mein Vater lenkte den Wagen umsichtig vorbei, meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und blickte geradeaus. Sie kamen nicht auf den Gedanken, in den Bus hineinzusehen, sie selbst benutzten ihn nie. Ich versuchte, sie durch Winken auf mich aufmerksam zu machen, und kam mir, wie ich im leeren Bus gestikulierte, ein wenig lächerlich vor. Die beiden sahen weiter starr geradeaus, ich geriet nicht in ihr Blickfeld. Mein Vater fuhr jetzt im Alter wieder wie ein Fahrschüler, sehr vorschriftsmäßig, ganz auf den Verkehr konzentriert. Er chauffierte vergeblich zum Bahnhof, sie würden bald zurück sein.

Erleichtert verließ ich den Bus und ging zwischen den Stadtrandhäusern langsam den Hang hinauf. Ich bog von der Asphaltstraße ab und schlug den Feldweg ein, der zwischen Wiesen auf ein Wäldchen zielte, in ihm verbarg sich das Elternhaus. Der Weg war voller Schlaglöcher, die Pfützen in ihnen zu dünnen Eisdecken gefroren. Wenn ich auf sie trat, zersplitterten sie krachend. Sonst war es vollkommen still, eine helle Nacht, wolkenlos. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so viele Sterne am Himmel gesehen zu haben. Im Wald war es sehr dunkel, die Kronen der hohen Robinien und Vogelkirschen verflochten sich über mir und ließen so gut wie kein Licht durch. Meine Augen hatten sich noch kaum an die Finsternis gewöhnt, ich war fast blind weitergegangen, da tauchte ihr weißes Haus auf der Lichtung auf. Diese Lichtung, vor einem Vierteljahrhundert beim Hausbau gerodet, wuchs von den Rändern immer mehr zu, sie verkleinerte sich mit jedem Jahr.

Ich vertrieb mir die Zeit damit, den Himmel zu betrachten. Aber ich kannte mich mit Sternbildern nicht aus und wusste nicht mal, wo der Abendstern stand. Ich ging am Haus auf und ab und spürte die Kälte vom Boden in meinen Körper eindringen. Eines Tages, dachte ich, würden die Eltern tot sein. Vielleicht würde ich dann ebenso einsam wie jetzt um das verlassene, totenstille Haus herumgehen. Eine traurige Vorstellung, doch beinahe noch mehr bedrückte mich die Sorge, dieser Lage nicht gewachsen zu sein. Meine Eltern hatten sich eine neue Redensart angewöhnt: Das überlassen wir unserem Nachfolger … Mal davon abgesehen, dass ihre Verhältnisse ziemlich verwickelt waren – da stand jetzt das große Haus, leer an Menschen, dafür vom Keller bis zum Boden mit Kram angefüllt, für den ich keine Verwendung hatte. Ich lebe weit weg, sagte ich mir, mir fehlt die Zeit, das alles aufzulösen. Ich werde mich auf andere verlassen müssen - wird man mich betrügen?

Schon nach zehn Minuten kamen sie zurück und erklärten mir, weitschweifig und sich gegenseitig ins Wort fallend, dass das Telefon seit Tagen defekt sei. Als es vorhin nur kurz geläutet hatte, waren sie gleich zum Bahnhof gefahren, ich war ja erwartet worden. Sie fragten mich wie üblich nach dem Verlauf der Reise, die sie selbst nie unternommen hatten. Ich stellte wie immer die Gegenfrage nach ihrer Gesundheit. Damit waren wir schnell fertig. Mein Vater gähnte, und eine halbe Stunde später waren wir alle schlafen gegangen.


Am anderen Morgen frühstückten wir gemeinsam in der Kellerküche. Die Eltern erschienen mir im grellen Neonlicht älter als je zuvor. Es war nicht nur so, dass ich sie ein volles Jahr nicht gesehen hatte – sie waren rascher gealtert als früher in derselben Zeitspanne. Das Alter hatte die letzten Spuren weiblicher Schönheit vom Gesicht meiner Mutter weggewischt. Von anderen Greisinnen unterschied sie nur der Höcker unterhalb der linken Schulter. Dieser Buckel verzerrte die große, schlanke Gestalt, er machte sie kleiner, es war eine zunehmende Krümmung und aussichtslos das Bemühen, durch ein Hauskleid mit strengem Rautenmuster vom Hinfällig-Asymmetrischen der Erscheinung ablenken zu wollen. Dennoch war meine Mutter viel rüstiger als mein Vater. Ihm hätte ein Friseurbesuch gutgetan. Das früher so kräftige dunkle Haar, damals lockig und widerspenstig, umringelte jetzt in langen, kraftlosen grauweißen Strähnen die kahle Stelle auf der Schädelmitte, die ich noch nicht kannte.

Ihre seltsamen Tischsitten hatten sich noch stärker ausgeprägt. Ihnen lagen Pedanterie und Selbstquälerei zugrunde, beide im Bewusstsein, nur das Gute und Richtige zu tun, ja insoweit nie genug tun zu können. Meine Mutter konnte keine zwei Minuten am Tisch sitzen bleiben. Immer war noch etwas für die Mahlzeit des Gatten, des Sohnes zu besorgen. Mein Vater hielt nach wie vor strenge Diät ein. Er litt seit Jahren an einer chronischen Verdauungsstörung, die er nicht behandeln ließ, aus Starrsinn, aufgrund unsinniger Ängste und da er Geschmack am Martyrium gefunden hatte. Er schnitt sich den Zwieback klein. Mit dem Messer fegte er auch die Brösel zusammen, exakt von den vier Ecken des Frühstücksbretts her. Er schob den angehäuften Krümelberg mit dem Zeigefinger auf die Schneide und führte sie langsam zum Mund.

Nach jeder Mahlzeit ruhte der Vater auf dem Sofa, das in der Kellerküche stand. Er verbrachte, in eine Wolldecke gewickelt, einen großen Teil des Tages darauf. Die Katze lag dann oft in dem Winkel, den Füße und Unterschenkel bildeten und der durch die Falten der Decke ausgepolstert war. Beide schliefen dort einen sehr leichten Schlaf, der es ihnen erlaubte, die Geräusche und Vorgänge in der Küche noch zu überwachen. Gelegentlich sah ich hinüber zu dem Mann, der mein Vater war, mit dem bekannten Bild des Vaters jedoch kaum Ähnlichkeit hatte. Die Wangen waren eingefallen, so tief in die Mundhöhle eingesunken, wie ich es anatomisch nie für möglich gehalten hätte. Diese riesigen, schon fast völlig vom Fleisch entblößten Jochbeine – gehörte diese atmende Totenmaske meinem Vater? Sie war das Negativ zu dem Bild, das ich in Jahrzehnten von ihm gewonnen hatte und dessen einzelne Bestandteile mir schon seit langem nicht mehr bewusst waren, sondern unauflöslich verschmolzen mit seinem Gesamteindruck. Da es jetzt fehlte, erkannte ich mit einem Mal, was bisher der Grundzug in seinem Gesicht gewesen war: die ständige Anstrengung, gute Miene zu einem Spiel zu machen, das ihm innerlich widerstrebte. Dieses Bemühen um Ausgleich und Zustimmung, siebzig Jahre durchgehalten, hatte ihn zu Tode erschöpft. Ich konnte diesen Anblick nicht lange ertragen und suchte ihn dennoch immer wieder von neuem.

Wenn er nicht schlief, versuchte er ab und zu, ein Gespräch mit mir in Gang zu bringen. Es gelang kaum einmal. Von klein auf hatte ich mich daran gewöhnt, ihm zu widersprechen und alles besser zu wissen. Tatsächlich wusste ich inzwischen über fast alles genauer Bescheid. Dies wenigstens war ihm bekannt, daher war er unsicher, zögerte beim Reden und hörte nicht selten mitten im Satz auf. Statt mich nachgiebiger zu stimmen, reizte mich seine Verlegenheit und ich antwortete gewöhnlich schroff. Er wollte über die abgedroschensten Fragen der Politik sprechen, lauter Angelegenheiten, über die es nichts Neues zu sagen gab und von denen ich nichts weiter hören wollte. Noch mehr erbitterte mich das stille Lächeln, das seine einzige Antwort war, wenn ich doch einmal auf etwas ausführlicher einging und mir Mühe gab, eine Sache zu erklären.

Mit der Mutter ging es besser. Es fand sich immer irgendein Gesprächsstoff. Gewöhnlich bezog er sich auf die praktische Lebensführung – das Essen, den Haushalt – oder auf die Familiengeschichte. Ich brauchte selbst wenig zu sagen. Meine Mutter war nicht neugierig. Mein eigenes Leben spielte sich fern von ihnen wie hinter einem dichten Vorhang ab. Außerdem war sie dankbar dafür, selbst reden zu können. Sie hatte ein ganzes Jahr lang mehr als genug geschwiegen und wollte nur, dass ich ihr ein Stichwort gab, das den aufgestauten Redefluss entfesselte. Meinen Vater interessierten ihre Themen nicht, er unterbrach sie jedoch nie. Ihr Geplauder deckte nur das Schweigen zu, das in Wahrheit zwischen uns herrschte.
Am Tag nach meiner Ankunft war es draußen trüb und neblig. Ich verließ das Haus nicht.


Am folgenden Tag klarte es auf. Ich ging zum Friedhof, um die Gräber der Großeltern zu besuchen. So wollte es die Pietät. Kein Mensch war auf den Straßen. Einmal kam mir ein Auto entgegen, an dessen Steuer vielleicht ein alter Lehrer von mir saß. Doch ich war mir nicht sicher, und was lag schon daran.

Der ausgedehnte Urnenfriedhof erstreckte sich von der Leichenhalle bis zu den Gräbern der Soldaten und Kriegsgefangenen. In der Nähe lag das Vatergrab des berühmten Politikers. Meine Großeltern hatten die Leute gut gekannt, aber auch das bedeutete nichts mehr. Und war es nicht widersinnig, den eigenen Leichnam verbrennen zu lassen, der Asche dann jedoch wieder eine Parzelle zu sichern, ganz so als ruhten da doch Gebeine? Wozu überhaupt die Asche, den flüchtigsten aller festen Stoffe, in ein metallenes Gefäß füllen und darüber ein kleines Denkmal errichten? Diese Gräber waren zu klein für wahre Trauer und treues Gedenken und zu groß zum bloßen Vergessen. In jüngster Zeit wählte man zunehmend größere und kostbarere Grabsteine. Meine Großmutter hatte für ihr Doppelgrab einen schwarzen polierten Marmorstein ausgesucht. Die obere Kante lief in zwei angedeuteten Arabesken aus, ein letzter Nachklang aus der Zeit, als der Jugendstil modern und sie selbst jung war.

Vom Friedhof ging ich nicht gleich zurück. Auf einem Umweg kam ich an vielen stillen Häusern vorbei, Eigenheimen in winterlichen Gärten. Ich konnte oft in die Wohnzimmer hineinsehen. In ihnen standen fast immer geschmückte Weihnachtsbäume. Manchmal sah ich daneben Bildschirme flimmern. Seltsamerweise gelang es mir nie, die menschlichen Bewohner dieser Behausungen zu entdecken. Vielleicht hockten sie in schlecht beleuchteten Winkeln, die ich nicht einsehen konnte. Da sich, von ein paar vorbeirollenden Autos abgesehen, auch draußen nichts regte, dachte ich plötzlich, so müsste es nach einem Angriff mit der Neutronenbombe aussehen.

Daheim fragte mein Vater, ob ich Bekannte getroffen hätte. Die Frage war ich gewohnt, sie kam seit Jahren bei dieser Gelegenheit. Und wie immer antwortete ich auch jetzt wieder: Nein, die Leute sind mir ja fremd geworden, und außerdem geht hier keiner mehr zu Fuß.


Bei den Eltern drehte sich fast alles um die Katze. Ihr weißes Fell härte sich stark. Sie war anhänglich und ließ sich bei Tisch füttern. Mein Vater schnitt ihr von seinem Hühnerbein immer wieder kleine Fleischstreifen herunter. Diese Fütterung füllte inzwischen den größten Teil seiner Mahlzeit aus und die Katze bekam mehr als die Hälfte seiner Fleischportion. Danach ruhte sie mit dem Vater auf dem Sofa.

Die Eltern sprachen auch mit ihr. Sie benutzten dabei eine eintönige Lautmalerei, wie sie Erwachsene im Umgang mit Säuglingen verwenden. Meine Eltern erzeugten mit den Stimmbändern tief im Kehlkopf kurze, fast ununterscheidbare klagende Laute, die ebenso gut lauter Behagen ausdrücken konnten. Die Katze antwortete ihnen in gleicher Weise. Sie stimmten völlig überein. Es war unwahrscheinlich, dass meine Eltern der Katze die menschliche Sprache beibringen wollten. Es lief darauf hinaus, dass die Katze meine Eltern domestizierte und durch den Gebrauch einer Art Babysprache ihren eigenen schwach differenzierten Ausdrucksmöglichkeiten anpasste.


Meine Mutter hatte noch ein Geschenk für mich. Aus ihrem Fundus oder Depot bekam ich am Tag vor meiner Abreise jenen Krug. Von weitem sah er prachtvoll aus, ein neobarocker Prunkhumpen, wie ich ähnliche im Museum für Kunst und Gewerbe gesehen hatte. Er fasste einen halben Liter und war aus bemaltem und reliefartig verziertem Steingut. Aus der Nähe betrachtet, konnten nicht alle Details überzeugen. Am schönsten war noch der Sockel: auf blauem Grund braune Medaillons, von cremefarbenen Rocaillen umspielt. Weiter oben die Hauptsache: Mutter Germania, eine violett gewandete Heroine mit langem kastanienfarbenen Haar. Ein schwarzer Adler spreizte sich auf ihrer knapp sitzenden grauen Bluse, mit seinen Flügeln liebkoste er den prallen Busen. Ein weiterer Adler hockte zu ihrer Rechten, mit wulstig gebogenem Schnabel einem Papagei nicht unähnlich. Die Germania umfasste mit der Linken ein Schwert wie aus Lübecker Marzipan und mit der Rechten stemmte sie eine Krone, die einem Napfkuchen ähnlich sah. Von der ganzen Figur gingen Strahlen aus, so regelmäßig wie bei einer Rosenkranzmadonna.

Ein verknotetes schwarzweißrotes Band umflatterte die figürliche Darstellung … und auf dieser Flagge ein frei schwebender Tisch … und auf dem Tisch ein frei schwebendes Bierfass. Aus ihm zapfte eine spröde Saaltochter für sechs winzige Gestalten, die ihre Humpen hoben, ihre Spazierstöcke in die Luft warfen. Darüber: „Parole Heimat!“ und rechts und links vom gebogenen Henkel zwei lange Namensreihen: Becker I und Becker II, Bleibtreu, Presser, Schäfer I und Schäfer II und noch andere … Am oberen Rand des Kruges stand in fetter Fraktur der Name seines vormaligen Besitzers: Schneider I, der ältere Bruder meines Großvaters. Der Krug war von 1905.

Von 1905 war auch die Fotografie des angehenden Reservisten, die meine Mutter dazu legte. Es war ein Brustbild in Uniform. Sie war ihm lästig, offenkundig. Er streckte den Hals ein wenig nach rechts aus dem hohen Kragen heraus. Er war ein hübscher Junge um die zwanzig mit sehr dunklem Haar, das gerade noch einen Scheitel zuließ. Ein mittelgroßer Schnurrbart, ein wenig aufgezwirbelt. Schöne dunkle Augen mit großen glänzenden Pupillen. Die Ohren zu groß und auch noch leicht abstehend. Im Ganzen war das Gesicht oval geschnitten mit hoher und breiter Stirn. Weich war das Kinn, weich die Unterlippe, nur die Oberlippe ein strenger Strich.

Er lächelte nicht. Leise fragend sah er in die Kamera. Was geschieht mit mir, schien er zu fragen. Und: Warum – warum?

Ich drehte das Foto um. Das Atelier verwies auf glänzende Empfehlungen, etwa auf das Cabinet- und Dankschreiben Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen von Neapel, auf Hohe Anerkennung Seiner Königlichen Hoheit, des Herzogs Max Emanuel in Bayern, und auf die krönende Allerhöchste Anerkennung durch Kaiser Wilhelm II. Auch konnten die Fotografierten der Zukunft sorglos entgegensehen: „Platten werden aufbewahrt & können jederzeit Abzüge und Vergrößerungen davon gemacht werden.“ Wie gut, der Reservist Schneider I hatte nicht mehr oft Gelegenheit, sich porträtieren zu lassen. Wenige Jahre später starb er in Belgien den Soldatentod. Ich durfte das Foto behalten.

Die Wettervorhersage im Radio lautete: Eisregen in der Nacht, am Morgen gefährliche Eisglätte.


Es war noch dunkel, als ich aufstand. Mein Vater war schon vor der Tür gewesen und sagte, der Regen habe aufgehört, der Boden sei zentimeterdick mit Eis überzogen. Ich müsste versuchen, den Bahnhof per Bus zu erreichen.

Mein Vater ging mit, als ich nach dem Frühstück aufbrach. Ich nahm den weichen, am Vorabend gepackten Handkoffer. Ich öffnete ihn noch einmal, den Krug würde ich doch lieber dalassen. Aber meine Mutter wollte sich unbedingt von diesem Gegenstand der Erinnerung trennen. Sie stopfte Zeitungspapier hinein und umwickelte ihn mit einem Handtuch.

Draußen sah ich das Eis zunächst nicht, es war noch zu finster. Dann ein mattes Schimmern im kleinen, runden Schein der Taschenlampe, die mein Vater vor meine Schritte richtete. Dabei bestand kaum Gefahr auszugleiten, so rau und steinig war der Weg hier. Dann standen wir vor der Asphaltstraße: eine abschüssige Eisbahn unter strahlender elektrischer Beleuchtung. Kein Mensch unterwegs, die Gehwege dick vereist und noch völlig unberührt. Mein Vater sagte, wir sollten durch die Vorgärten gehen. Wir betraten die weichen Rasenflächen, wir umgingen die Blautannen und Forsythien, wie hielten uns an Essigbäumen und Jägerzäunen fest, wenn wir doch einmal auf den nicht gangbaren Gehweg ausweichen mussten.

Nach zehn Minuten hatten wir den Abstieg zur Haltestelle geschafft. Von hier an war schon Salz gestreut, die Fahrbahn feucht und gefahrlos. Mein Vater verabschiedete sich rasch und kehrte sogleich um.

Immerhin – der Krug war gerettet.
 
Herzlichen Dank, valcanale, für das übergroße Lob. Den unpassenden Ausdruck habe ich soeben durch einen anderen ersetzt.

Schönen Abendgruß
Arno Abendschön
 
aligaga, deiner Sichtweise, wie das Eltern-Kind-Verhältnis hier beschaffen ist bzw. war, schließe ich mich ausdrücklich an.

Den stilistischen Missgriff habe ich eben nach Rückkehr von einer Reise zu beheben versucht.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Doc, auch dir sei herzlich gedankt für die freundliche Aufnahme des Textes.

Tja, die "spröde Saaltochter" ... Das Figürchen sieht so aus: offenkundig arbeitsam, Augen beim Zapfen niedergeschlagen, Alter unbestimmt, angeklatschte schwarze Haartolle, wohl mit Dutt, evtl. mit Mittelscheitel, rostrote Bluse, die Ärmel an den Handgelenken zugeknöpft, blauer Rock, aus dem außer zwei winzigen schwarzbeschuhten Füßchen nichts herausschaut, eine schimmelgrüne Servierschürze. Solche Kellnerinnen habe ich gelegentlich in Schweizer oder österreichischen Klosterwirtshäusern gesehen.

Schönen Abendgruß
Arno
 
Geschätzte Kollegin Ciconia - also die Unterscheidung Profi- vs. Hobbyschreiber ist gar nicht nach meinem Geschmack. Professionell heißt doch nur, dass einer fürs Schreiben Geld bekommt und davon seinen Unterhalt ganz oder zum Teil bestreitet. Na und? Dazu gehört neben einem Mindestniveau vor allem Talent und Willen zur Selbstvermarktung. Fehlt es daran, bleibt Autor zwangsläufig in der Amateurliga. Dort tummeln sich sehr viele, und nicht wenige von ihnen haben auch beträchtliches Talent und machen nicht selten was Brauchbares, Ansprechendes daraus. Nach dem, was ich schon von dir kenne, gehörst du für mich zweifellos zu dieser letzteren Kategorie.

Beim Lesen fremder Texte bin ich leider mal wieder im Rückstand, war zuletzt wiederholt verreist und stark mit Wohnungsfragen beschäftigt. Bis Jahresende habe ich etwas Luft und gelobe Besserung.

Freundlichen Abendgruß
Arno

PS: Und danke für die positive Reaktion.
 

Vagant

Mitglied
Hallo Arno

// Die Umgebung meiner Kindheit war ein Land für Liliputaner geworden, in das ich mich für ein paar Tage hineinzwängte. //

Wenn es hier einen "Satz des Jahres" zu wählen gäbe; dieser hätte das Zeug dazu, diese Wahl zu gewinnen.

Lg Vagant.
 
Danke, Vagant, fürs Herausheben dieses Satzes. Na, ich glaube, dieses Empfinden - man fühlt sich wie jemand aus Brobdingnag, zu Besuch bei Liliputanern - dürften in den kommenden Wochen gar manche haben, wenn sie mal wieder daheim vorbeischauen ...

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Im Reisebüro wussten sie nicht, wo N. liegt. Ich musste es wie immer erklären: in Mannheim umsteigen und das letzte Stück nicht über Saarbrücken, sondern vorher die Nebenstrecke nehmen … Ich hatte die Reise schon oft gemacht, meist am Tag vor Heiligabend. Die einzelnen Fahrten unterschied ich längst nicht mehr, es war immer die gleiche Reise. Den anderen im Zug schien es ebenso zu gehen – Gesichter wie in der U-Bahn nach Büroschluss. Alle schwiegen, sie lasen oder dösten.

Die Anschlüsse klappten. Nach sieben Stunden stand ich auf unserem Hauptbahnhof, der diese Bezeichnung so wenig verdiente. Jedes Mal erschien er mir bei der Ankunft kleiner als bei der vorigen Abreise. Die Umgebung meiner Kindheit war ein Land für Liliputaner geworden, in das ich mich für ein paar Tage hineinzwängte.

Es war später Abend, eine frostige Nacht schon. Die übrigen Reisenden zerstreuten sich innerhalb von zwei Minuten. Ich stand allein in der Halle, sie gewann dadurch wieder etwas an Größe. Ich wollte zu Hause anrufen, damit meine Eltern mich abholten, wie jedes Jahr. Zu Hause war ich dort allerdings schon lange nicht mehr.

Ich wählte ihre Nummer und ließ es läuten. Während ich in den Apparat hineinlauschte, sah ich ihr kleines Wohnzimmer vor mir, so still und mit Tag und Nacht heruntergelassenen Rollläden. Sie bewohnten es so wenig wie das große Wohnzimmer daneben. Es würde einige Zeit dauern, bis meine Mutter aus der im Souterrain gelegenen Kellerküche am Apparat war. Nach dem vierten Klingeln ertönte das Besetztzeichen. Ich wartete zwei Minuten und wählte erneut. Vielleicht hatte sie versehentlich die Gabel berührt. Es blieb beim Besetzt, auch nach einem weiteren Versuch. Meine Mutter hatte neulich in einem Brief über Herzbeschwerden geklagt - ich verscheuchte jetzt die Vorstellung, wie sie, überanstrengt vom eiligen Treppensteigen, auf dem Teppich zusammengebrochen war, den Hörer noch in der verkrampften Hand …

Ich ging zur Haltestelle und hatte Glück. Schon nach zwei Minuten kam ein Bus aus der Stadt herauf. Eigentlich brauchten sie mich nicht abzuholen. Der Bus rollte die Hügel auf und ab. Die wenigen Fahrgäste stiegen nach und nach aus. Ich blieb als Letzter zurück, schon nahte die Endhaltestelle. Da entdeckte ich sie, als wir am Friedhof vorbeifuhren. Mein Vater lenkte den Wagen umsichtig vorbei, meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und blickte geradeaus. Sie kamen nicht auf den Gedanken, in den Bus hineinzusehen, sie selbst benutzten ihn nie. Ich versuchte, sie durch Winken auf mich aufmerksam zu machen, und kam mir, wie ich im leeren Bus gestikulierte, ein wenig lächerlich vor. Die beiden sahen weiter starr geradeaus, ich geriet nicht in ihr Blickfeld. Mein Vater fuhr jetzt im Alter wieder wie ein Fahrschüler, sehr vorschriftsmäßig, ganz auf den Verkehr konzentriert. Er chauffierte vergeblich zum Bahnhof, sie würden bald zurück sein.

Erleichtert verließ ich den Bus und ging zwischen den Stadtrandhäusern langsam den Hang hinauf. Ich bog von der Asphaltstraße ab und schlug den Feldweg ein, der zwischen Wiesen auf ein Wäldchen zielte, in ihm verbarg sich das Elternhaus. Der Weg war voller Schlaglöcher, die Pfützen in ihnen zu dünnen Eisdecken gefroren. Wenn ich auf sie trat, zersplitterten sie krachend. Sonst war es vollkommen still, eine helle Nacht, wolkenlos. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so viele Sterne am Himmel gesehen zu haben. Im Wald war es sehr dunkel, die Kronen der hohen Robinien und Vogelkirschen verflochten sich über mir und ließen so gut wie kein Licht durch. Meine Augen hatten sich noch kaum an die Finsternis gewöhnt, ich war fast blind weitergegangen, da tauchte ihr weißes Haus auf der Lichtung auf. Diese Lichtung, vor einem Vierteljahrhundert beim Hausbau gerodet, wuchs von den Rändern immer mehr zu, sie verkleinerte sich mit jedem Jahr.

Ich vertrieb mir die Zeit damit, den Himmel zu betrachten. Aber ich kannte mich mit Sternbildern nicht aus und wusste nicht mal, wo der Abendstern stand. Ich ging am Haus auf und ab und spürte die Kälte vom Boden in meinen Körper eindringen. Eines Tages, dachte ich, würden die Eltern tot sein. Vielleicht würde ich dann ebenso einsam wie jetzt um das verlassene, totenstille Haus herumgehen. Eine traurige Vorstellung, doch beinahe noch mehr bedrückte mich die Sorge, dieser Lage nicht gewachsen zu sein. Meine Eltern hatten sich eine neue Redensart angewöhnt: Das überlassen wir unserem Nachfolger … Mal davon abgesehen, dass ihre Verhältnisse ziemlich verwickelt waren – da stand jetzt das große Haus, leer an Menschen, dafür vom Keller bis zum Boden mit Kram angefüllt, für den ich keine Verwendung hatte. Ich lebe weit weg, sagte ich mir, mir fehlt die Zeit, das alles aufzulösen. Ich werde mich auf andere verlassen müssen - wird man mich betrügen?

Schon nach zehn Minuten kamen sie zurück und erklärten mir, weitschweifig und sich gegenseitig ins Wort fallend, dass das Telefon seit Tagen defekt sei. Als es vorhin nur kurz geläutet hatte, waren sie gleich zum Bahnhof gefahren, ich war ja erwartet worden. Sie fragten mich wie üblich nach dem Verlauf der Reise, die sie selbst nie unternommen hatten. Ich stellte wie immer die Gegenfrage nach ihrer Gesundheit. Damit waren wir schnell fertig. Mein Vater gähnte, und eine halbe Stunde später waren wir alle schlafen gegangen.


Am anderen Morgen frühstückten wir gemeinsam in der Kellerküche. Die Eltern erschienen mir im grellen Neonlicht älter als je zuvor. Es war nicht nur so, dass ich sie ein volles Jahr nicht gesehen hatte – sie waren rascher gealtert als früher in derselben Zeitspanne. Das Alter hatte die letzten Spuren weiblicher Schönheit vom Gesicht meiner Mutter weggewischt. Von anderen Greisinnen unterschied sie nur der Höcker unterhalb der linken Schulter. Dieser Buckel verzerrte die große, schlanke Gestalt, er machte sie kleiner, es war eine zunehmende Krümmung und aussichtslos das Bemühen, durch ein Hauskleid mit strengem Rautenmuster vom Hinfällig-Asymmetrischen der Erscheinung ablenken zu wollen. Dennoch war meine Mutter viel rüstiger als mein Vater. Ihm hätte ein Friseurbesuch gutgetan. Das früher so kräftige dunkle Haar, damals lockig und widerspenstig, umringelte jetzt in langen, kraftlosen grauweißen Strähnen die kahle Stelle auf der Schädelmitte, die ich noch nicht kannte.

Ihre seltsamen Tischsitten hatten sich noch stärker ausgeprägt. Ihnen lagen Pedanterie und Selbstquälerei zugrunde, beide im Bewusstsein, nur das Gute und Richtige zu tun, ja insoweit nie genug tun zu können. Meine Mutter konnte keine zwei Minuten am Tisch sitzen bleiben. Immer war noch etwas für die Mahlzeit des Gatten, des Sohnes zu besorgen. Mein Vater hielt nach wie vor strenge Diät ein. Er litt seit Jahren an einer chronischen Verdauungsstörung, die er nicht behandeln ließ, aus Starrsinn, aufgrund unsinniger Ängste und da er Geschmack am Martyrium gefunden hatte. Er schnitt sich den Zwieback klein. Mit dem Messer fegte er auch die Brösel zusammen, exakt von den vier Ecken des Frühstücksbretts her. Er schob den angehäuften Krümelberg mit dem Zeigefinger auf die Schneide und führte sie langsam zum Mund.

Nach jeder Mahlzeit ruhte der Vater auf dem Sofa, das in der Kellerküche stand. Er verbrachte, in eine Wolldecke gewickelt, einen großen Teil des Tages darauf. Die Katze lag dann oft in dem Winkel, den Füße und Unterschenkel bildeten und der durch die Falten der Decke ausgepolstert war. Beide schliefen dort einen sehr leichten Schlaf, der es ihnen erlaubte, die Geräusche und Vorgänge in der Küche noch zu überwachen. Gelegentlich sah ich hinüber zu dem Mann, der mein Vater war, mit dem bekannten Bild des Vaters jedoch kaum Ähnlichkeit hatte. Die Wangen waren eingefallen, so tief in die Mundhöhle eingesunken, wie ich es anatomisch nie für möglich gehalten hätte. Diese riesigen, schon fast völlig vom Fleisch entblößten Jochbeine – gehörte diese atmende Totenmaske meinem Vater? Sie war das Negativ zu dem Bild, das ich in Jahrzehnten von ihm gewonnen hatte und dessen einzelne Bestandteile mir schon seit langem nicht mehr bewusst waren, sondern unauflöslich verschmolzen mit seinem Gesamteindruck. Da es jetzt fehlte, erkannte ich mit einem Mal, was bisher der Grundzug in seinem Gesicht gewesen war: die ständige Anstrengung, gute Miene zu einem Spiel zu machen, das ihm innerlich widerstrebte. Dieses Bemühen um Ausgleich und Zustimmung, siebzig Jahre durchgehalten, hatte ihn zu Tode erschöpft. Ich konnte diesen Anblick nicht lange ertragen und suchte ihn dennoch immer wieder von neuem.

Wenn er nicht schlief, versuchte er ab und zu, ein Gespräch mit mir in Gang zu bringen. Es gelang kaum einmal. Von klein auf hatte ich mich daran gewöhnt, ihm zu widersprechen und alles besser zu wissen. Tatsächlich wusste ich inzwischen über fast alles genauer Bescheid. Dies wenigstens war ihm bekannt, daher war er unsicher, zögerte beim Reden und hörte nicht selten mitten im Satz auf. Statt mich nachgiebiger zu stimmen, reizte mich seine Verlegenheit und ich antwortete gewöhnlich schroff. Er wollte über die abgedroschensten Fragen der Politik sprechen, lauter Angelegenheiten, über die es nichts Neues zu sagen gab und von denen ich nichts weiter hören wollte. Noch mehr erbitterte mich das stille Lächeln, das seine einzige Antwort war, wenn ich doch einmal auf etwas ausführlicher einging und mir Mühe gab, eine Sache zu erklären.

Mit der Mutter ging es besser. Es fand sich immer irgendein Gesprächsstoff. Gewöhnlich bezog er sich auf die praktische Lebensführung – das Essen, den Haushalt – oder auf die Familiengeschichte. Ich brauchte selbst wenig zu sagen. Meine Mutter war nicht neugierig. Mein eigenes Leben spielte sich fern von ihnen wie hinter einem dichten Vorhang ab. Außerdem war sie dankbar dafür, selbst reden zu können. Sie hatte ein ganzes Jahr lang mehr als genug geschwiegen und wollte nur, dass ich ihr ein Stichwort gab, das den aufgestauten Redefluss entfesselte. Meinen Vater interessierten ihre Themen nicht, er unterbrach sie jedoch nie. Ihr Geplauder deckte nur das Schweigen zu, das in Wahrheit zwischen uns herrschte.

Am Tag nach meiner Ankunft war es draußen trüb und neblig. Ich verließ das Haus nicht.


Am folgenden Tag klarte es auf. Ich ging zum Friedhof, um die Gräber der Großeltern zu besuchen. So wollte es die Pietät. Kein Mensch war auf den Straßen. Einmal kam mir ein Auto entgegen, an dessen Steuer vielleicht ein alter Lehrer von mir saß. Doch ich war mir nicht sicher, und was lag schon daran.

Der ausgedehnte Urnenfriedhof erstreckte sich von der Leichenhalle bis zu den Gräbern der Soldaten und Kriegsgefangenen. In der Nähe lag das Vatergrab des berühmten Politikers. Meine Großeltern hatten die Leute gut gekannt, aber auch das bedeutete nichts mehr. Und war es nicht widersinnig, den eigenen Leichnam verbrennen zu lassen, der Asche dann jedoch wieder eine Parzelle zu sichern, ganz so als ruhten da doch Gebeine? Wozu überhaupt die Asche, den flüchtigsten aller festen Stoffe, in ein metallenes Gefäß füllen und darüber ein kleines Denkmal errichten? Diese Gräber waren zu klein für wahre Trauer und treues Gedenken und zu groß zum bloßen Vergessen. In jüngster Zeit wählte man zunehmend größere und kostbarere Grabsteine. Meine Großmutter hatte für ihr Doppelgrab einen schwarzen polierten Marmorstein ausgesucht. Die obere Kante lief in zwei angedeuteten Arabesken aus, ein letzter Nachklang aus der Zeit, als der Jugendstil modern und sie selbst jung war.

Vom Friedhof ging ich nicht gleich zurück. Auf einem Umweg kam ich an vielen stillen Häusern vorbei, Eigenheimen in winterlichen Gärten. Ich konnte oft in die Wohnzimmer hineinsehen. In ihnen standen fast immer geschmückte Weihnachtsbäume. Manchmal sah ich daneben Bildschirme flimmern. Seltsamerweise gelang es mir nie, die menschlichen Bewohner dieser Behausungen zu entdecken. Vielleicht hockten sie in schlecht beleuchteten Winkeln, die ich nicht einsehen konnte. Da sich, von ein paar vorbeirollenden Autos abgesehen, auch draußen nichts regte, dachte ich plötzlich, so müsste es nach einem Angriff mit der Neutronenbombe aussehen.

Daheim fragte mein Vater, ob ich Bekannte getroffen hätte. Die Frage war ich gewohnt, sie kam seit Jahren bei dieser Gelegenheit. Und wie immer antwortete ich auch jetzt wieder: Nein, die Leute sind mir ja fremd geworden, und außerdem geht hier keiner mehr zu Fuß.


Bei den Eltern drehte sich fast alles um die Katze. Ihr weißes Fell härte sich stark. Sie war anhänglich und ließ sich bei Tisch füttern. Mein Vater schnitt ihr von seinem Hühnerbein immer wieder kleine Fleischstreifen herunter. Diese Fütterung füllte inzwischen den größten Teil seiner Mahlzeit aus und die Katze bekam mehr als die Hälfte seiner Fleischportion. Danach ruhte sie mit dem Vater auf dem Sofa.

Die Eltern sprachen auch mit ihr. Sie benutzten dabei eine eintönige Lautmalerei, wie sie Erwachsene im Umgang mit Säuglingen verwenden. Meine Eltern erzeugten mit den Stimmbändern tief im Kehlkopf kurze, fast ununterscheidbare klagende Laute, die ebenso gut lauter Behagen ausdrücken konnten. Die Katze antwortete ihnen in gleicher Weise. Sie stimmten völlig überein. Es war unwahrscheinlich, dass meine Eltern der Katze die menschliche Sprache beibringen wollten. Es lief darauf hinaus, dass die Katze meine Eltern domestizierte und durch den Gebrauch einer Art Babysprache ihren eigenen schwach differenzierten Ausdrucksmöglichkeiten anpasste.


Meine Mutter hatte noch ein Geschenk für mich. Aus ihrem Fundus oder Depot bekam ich am Tag vor meiner Abreise jenen Krug. Von weitem sah er prachtvoll aus, ein neobarocker Prunkhumpen, wie ich ähnliche im Museum für Kunst und Gewerbe gesehen hatte. Er fasste einen halben Liter und war aus bemaltem und reliefartig verziertem Steingut. Aus der Nähe betrachtet, konnten nicht alle Details überzeugen. Am schönsten war noch der Sockel: auf blauem Grund braune Medaillons, von cremefarbenen Rocaillen umspielt. Weiter oben die Hauptsache: Mutter Germania, eine violett gewandete Heroine mit langem kastanienfarbenen Haar. Ein schwarzer Adler spreizte sich auf ihrer knapp sitzenden grauen Bluse, mit seinen Flügeln liebkoste er den prallen Busen. Ein weiterer Adler hockte zu ihrer Rechten, mit wulstig gebogenem Schnabel einem Papagei nicht unähnlich. Die Germania umfasste mit der Linken ein Schwert wie aus Lübecker Marzipan und mit der Rechten stemmte sie eine Krone, die einem Napfkuchen ähnlich sah. Von der ganzen Figur gingen Strahlen aus, so regelmäßig wie bei einer Rosenkranzmadonna.

Ein verknotetes schwarzweißrotes Band umflatterte die figürliche Darstellung … und auf dieser Flagge ein frei schwebender Tisch … und auf dem Tisch ein frei schwebendes Bierfass. Aus ihm zapfte eine spröde Saaltochter für sechs winzige Gestalten, die ihre Humpen hoben, ihre Spazierstöcke in die Luft warfen. Darüber: „Parole Heimat!“ und rechts und links vom gebogenen Henkel zwei lange Namensreihen: Becker I und Becker II, Bleibtreu, Presser, Schäfer I und Schäfer II und noch andere … Am oberen Rand des Kruges stand in fetter Fraktur der Name seines vormaligen Besitzers: Schneider I, der ältere Bruder meines Großvaters. Der Krug war von 1905.

Von 1905 war auch die Fotografie des angehenden Reservisten, die meine Mutter dazu legte. Es war ein Brustbild in Uniform. Sie war ihm lästig, offenkundig. Er streckte den Hals ein wenig nach rechts aus dem hohen Kragen heraus. Er war ein hübscher Junge um die zwanzig mit sehr dunklem Haar, das gerade noch einen Scheitel zuließ. Ein mittelgroßer Schnurrbart, ein wenig aufgezwirbelt. Schöne dunkle Augen mit großen glänzenden Pupillen. Die Ohren zu groß und auch noch leicht abstehend. Im Ganzen war das Gesicht oval geschnitten mit hoher und breiter Stirn. Weich war das Kinn, weich die Unterlippe, nur die Oberlippe ein strenger Strich.

Er lächelte nicht. Leise fragend sah er in die Kamera. Was geschieht mit mir, schien er zu fragen. Und: Warum – warum?

Ich drehte das Foto um. Das Atelier verwies auf glänzende Empfehlungen, etwa auf das Cabinet- und Dankschreiben Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen von Neapel, auf Hohe Anerkennung Seiner Königlichen Hoheit, des Herzogs Max Emanuel in Bayern, und auf die krönende Allerhöchste Anerkennung durch Kaiser Wilhelm II. Auch konnten die Fotografierten der Zukunft sorglos entgegensehen: „Platten werden aufbewahrt & können jederzeit Abzüge und Vergrößerungen davon gemacht werden.“ Wie gut, der Reservist Schneider I hatte nicht mehr oft Gelegenheit, sich porträtieren zu lassen. Wenige Jahre später starb er in Belgien den Soldatentod. Ich durfte das Foto behalten.

Die Wettervorhersage im Radio lautete: Eisregen in der Nacht, am Morgen gefährliche Eisglätte.


Es war noch dunkel, als ich aufstand. Mein Vater war schon vor der Tür gewesen und sagte, der Regen habe aufgehört, der Boden sei zentimeterdick mit Eis überzogen. Ich müsste versuchen, den Bahnhof per Bus zu erreichen.

Mein Vater ging mit, als ich nach dem Frühstück aufbrach. Ich nahm den weichen, am Vorabend gepackten Handkoffer. Ich öffnete ihn noch einmal, den Krug würde ich doch lieber dalassen. Aber meine Mutter wollte sich unbedingt von diesem Gegenstand der Erinnerung trennen. Sie stopfte Zeitungspapier hinein und umwickelte ihn mit einem Handtuch.

Draußen sah ich das Eis zunächst nicht, es war noch zu finster. Dann ein mattes Schimmern im kleinen, runden Schein der Taschenlampe, die mein Vater vor meine Schritte richtete. Dabei bestand kaum Gefahr auszugleiten, so rau und steinig war der Weg hier. Dann standen wir vor der Asphaltstraße: eine abschüssige Eisbahn unter strahlender elektrischer Beleuchtung. Kein Mensch unterwegs, die Gehwege dick vereist und noch völlig unberührt. Mein Vater sagte, wir sollten durch die Vorgärten gehen. Wir betraten die weichen Rasenflächen, wir umgingen die Blautannen und Forsythien, wie hielten uns an Essigbäumen und Jägerzäunen fest, wenn wir doch einmal auf den nicht gangbaren Gehweg ausweichen mussten.

Nach zehn Minuten hatten wir den Abstieg zur Haltestelle geschafft. Von hier an war schon Salz gestreut, die Fahrbahn feucht und gefahrlos. Mein Vater verabschiedete sich rasch und kehrte sogleich um.

Immerhin – der Krug war gerettet.
 

John Wein

Mitglied
Hallo Arno,
Was soll ich dazu noch sagen, ist es denn nicht alles schon mehrfach gesagt? Gefällt mir gut deine bittersüße und einfühlsame Wintergeschichte mit ihren feinsinnigen Wortmalereien aus einem versteinerten Land und einer erstarrten Zeit.
Gruß, John W.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Arno,

dieser Text ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben - ist er doch einer Deiner besten. Diese auf den Punkt gebrachte, einfühlsame Erzählung eines obligatorischen Weihnachtsbesuches, der zugleich das Verhältnis zwischen Sohn und Eltern schonungslos beleuchtet - ohne falsche Scham und ohne Klischees. Die Winterreise, die nur Erstarrtes hervorbringt, verdient den Stempel zu Recht.

Sehr gerne vergeben von

DS mit vielen Grüßen!
 

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