Anonym
Gast
Die Schalttafel der Ausländerbehörde war ein riesiges schwarzes Quadrat aus Plastik, und darin blinkten rote LEDs. Sie hing in einem viel zu kleinen Warteraum mit Fenstern, eng wie zusammengekniffene Augen, und der Raum war stickig, und darin roch es stechend nach kaltem Schweiß. Einige schwere Frauen, deren Röcke sich über die Stuhlkante falteten und Männer mit runden, wachen Augen, die die Tür nicht losließen, hockten auf den aufklappbaren Stühlen aus Plastik und warteten, dass die LEDs ihre Nummer abbildeten. Da der Raum so klein war, rückten alle immer wieder an dessen Ende, um die Nummern auf der Schalttafel entziffern zu können, sonst sah man nur große, rote Farbpixel.
Der breitschultrige, glattrasierte Mann mit der schwarzen Lederjacke saß vornübergebeugt neben einem jungen Mädchen mit ebenmäßigen Zügen. Sein dicker, dreifach gefalteter Nacken und die beginnende Glatze ließen ihn viel älter aussehen, als er war, und sowohl das Mädchen als auch er hatten bläuliche Tränensäcke unter ihren Augen. Die Umrandung ihrer Augen war dunkler als der restliche Teint ihrer Gesichter und machte sie schon jung müde und irgendwie auch traurig, fand das Mädchen. Sie waren aber Europäer und waren vor Armut nach Deutschland geflohen, einer Armut, die sie von ihren Eltern geerbt hatten.
„Wo müssen wir hin?“, fragte das Mädchen mit dünn gepressten Lippen. Sie hob die Hand ungeübt vor den Mund, und dadurch trat die Lücke in ihrem Oberkiefer erst recht hervor, und Scham bedeckte ihr weiches Gesicht, das noch rund war wie das eines Kindes.
„Hier stinkt es nach Pisse“, sagte der Mann.
„Wir können doch mal fragen ...“
„Excuse me, what room for … äh, Verlängerung Aufenthalt, please?“, fragte er einen neben sich sitzenden Afrikaner, der stoisch an einem Kugelschreiber kaute und eine der schmutzigen Türen nicht aus den Augen ließ. Eine blonde Sachbearbeiterin ging dort ein und aus, und jedes Mal, wenn die Tür aufging, konnte man eine schwarze Frau und zwei dunkle Bengel vor dem Schreibtisch sitzen sehen.
„You want Duldung or just Verlängerung?“
„Verlängerung“, sagte der Mann und rümpfte dabei mit der Nase.
Der Afrikaner hob wortlos seinen Finger und deutete auf einen der vielen Räume hinter der Anzeigetafel. Er sah sich das ungleiche Paar genauer an und sah, dass das Mädchen gedankenverloren auf die Anzeigetafel blickte. Die Anzeigetafel ragte riesig über ihren Köpfen, und wenn die Nummern gewechselt wurden, gab sie ein tiefes Surren von sich.
„Sieht aus wie das Smartphone des Teufels“, sagte sie.
„Hab' so was nie gesehen“, sagte ihr Begleiter trocken und schielte nach der Tür hin, wo über die Verlängerungen von Aufenthaltsvisa entschieden wurde.
„Ja, das glaube ich auch.“
„Aber das hätte ich vielleicht sehen können“, sagte er. „Nur weil du denkst, ich könnte so was nicht sehen, heißt es noch lange nicht, dass du recht hast.“
Das Mädchen schaute auf die Wände um sie herum und blieb mit dem Blick an einem der Plakate hängen.
„Was heißt das?“
„Selbsthilfegruppe. Für junge Frauen.“
„Meinst du, ich könnte da hingehen? Ohne Visum und alles?“
Der Mann mit dem wulstigen Nacken drehte sich erneut nach dem Schwarzen. „You know where this is?“
„It's in Wedding“, sagte der Schwarze. „Tuesdays for young mothers, Fridays for rape victims.“
„Für junge Mütter oder Vergewaltigungsopfer?“
„Ich weiß nicht“, sagte das Mädchen. „Trifft so was auf mich überhaupt zu?“
„Keine Ahnung, du kannst den Deutschen normalerweise alles erzählen, was du willst. Aber junge Mütter klingt eigentlich ganz okay.“
„Dann junge Mütter“, sagte sie und legte ihre Arme vor ihren Unterleib. Dabei schaukelte sie hin und her und mimte eine Mutter nach, die ihr Baby in den Schlaf wiegt. „Die Deutschen respektieren ihre Frauen, nicht wie bei uns.“
„Ach, hör doch auf damit.“
„Du hast damit angefangen“, sagte das Mädchen, „nicht ich. Ich wollte nur ein wenig Spaß haben und nett sein, das ist alles.“
„Also gut, lass uns nett zueinander sein, in Ordnung?“
„Das bin ich doch, oder? Ich sagte doch nur, dass die Tafel da wie das Smartphone des Teufels aussieht. Findest du das nicht witzig?“
„Das war witzig, ja.“
„Ich wollte nur zu einer dieser Gruppen gehen und um etwas Geld bitten. Das ist doch alles, was wir machen. Wir laufen hin und her und bitten die Deutschen um Geld, oder?“
„Ja, so kann man's sagen.“
Das Mädchen schaute auf die Anzeigetafel.
„Das ist ein furchtbares Ding“, sagte sie. „Es sieht nicht wirklich nach einem Smartphone aus, aber diese Zahlen machen einen nur krank.“
„Sollen wir nicht nachher zur Mission gehen? Die geben am Abend warme Gerichte aus.“
„Also gut“, sagte sie.
Einige Männer durchquerten den Warteraum, und ein stechender Geruch nach rohen Zwiebeln wehte ihnen ins Gesicht.
„Der Braten in der Mission hat wirklich gut geschmeckt“, sagte der Mann, und seine Hand fuhr schwer durch sein spärliches Haar.
„Ja, wirklich gut“, sagte sie. „Und so viel Rindfleisch, das war spitze.“
„Es ist eigentlich eine ganz einfache Sache, und du brauchst dich dafür nicht zu schämen, Nela“, sagte der Mann. „Es ist nicht so, dass dir das nicht gefallen würde ...“
Das Mädchen bohrte ihren Blick auf die Turnschuhe des Schwarzen.
„Und ich weiß, dass dir das irgendwann mal gefallen wird. Aber vor allem hätten wir dann Geld, Nela.“
Das Mädchen blieb stumm.
„Ich wäre immer in der Nähe, und wenn etwas wäre, könntest du jederzeit nach mir rufen. Es ist etwas ganz Natürliches, und niemand muss sich deswegen schämen.“
„Ja, aber was ist danach?“
„Was soll sein? Wir werden Geld haben und glücklich leben wie früher, nur hier bei den Deutschen, in einer zivilisierten Welt.“
„Woher willst du das wissen?“
„Das ist doch das, was uns immer gefehlt hat, siehst du das nicht? Nirgends können wir glücklich werden ohne Geld, nirgends, verstehst du?“
Das Mädchen schaut sich die Plakate an den Wänden an. Sie fährt mit ihrer Zunge in der Zahnlücke entlang und versucht, die scharfen Kanten abzutasten.
„Dann glaubst du, alles wäre in Ordnung, wie?“
„Ich glaube nicht, ich weiß es. Du brauchst keine Angst davor zu haben. Ich kenne viele, die das gemacht haben.“
„Kenne ich auch“, sagte das Mädchen sauer. „Hinterher waren die nicht wirklich glücklich.“
„Na dann“, sagte der Mann. „Wenn du nicht willst, dann willst du halt nicht. Ich will dich nicht dazu zwingen, du bist frei. Aber ich weiß, dass jede Frau das tun kann, ich weiß, dass es ganz einfach ist.“
„Du meinst wirklich, ich soll das tun?“
„Ich glaube, das ist unsere beste Option jetzt. Aber ich will dich dazu nicht zwingen.“
„Wenn ich das also mache, dann werden wir endlich glücklich sein?“
„Ich liebe dich, Nela, das weißt du.“
„Ich weiß. Wenn ich aber das mache, dann sind wir glücklich und du findest es witzig, wenn ich Sachen sage wie, dass die Tafel da wie das Smartphone des Teufels aussieht?“
„Ich würde es dann lieben. Ich finde es auch jetzt gut, aber ich kann jetzt nicht darüber nachdenken. Du weißt, wie schlecht es meinem Magen geht, wenn ich mich aufrege.“
„Wenn ich es also mache, dann regst du dich nicht mehr auf?“
„Darüber rege ich mich nicht auf, denn ich weiß, dass es ganz einfach ist.“
„Dann mache ich das. Es ist doch sowieso alles egal.“
„Was meinst du damit?“
„Na, nichts ist von Bedeutung, oder?“
„Also, du bedeutest mir was.“
„Ja, klar. Aber mir ist alles egal. Dann mache ich das und wir werden glücklich sein.“
„Wenn du so denkst, dann möchte ich nicht, dass du das machst.“
Das Mädchen stand auf und schritt im Wartezimmer umher. Sie hatte lange Beine und trug eine schwarze Strumpfhose und ihr Rücken federte die Schritte weich und biegsam. Sie trug weiße Ballerinas und die Füße darin waren nackt. Frauen aus den fernsten Winkeln der Welt schauten sie erbost an, sie schlenderte an ihnen vorbei, und die Männer warfen ihr verstohlene Blicke hinterher. Die Schalttafel surrte vor sich hin, und immer wieder wurden darauf Zahlen angezeigt. Irgendwo in der Ferne ertönte die Hupe eines Schiffes, gleich hinter dem Bürogebäude floss träge der Fluss. Dann war sie wieder bei dem Mann angelangt.
„Wir könnten alles haben, hast du gesagt. Jeden Tag aber machen wir es nur noch schlimmer.“
„Was meinst du?“
„Ich sagte, wir könnten alles haben, hast du gesagt.“
„Wir können alles haben.“
„Nein, können wir nicht.“
„Wir können die ganze Welt haben.“
„Nein, können wir nicht.“
„Wir können überall hingehen.“
„Nein, können wir nicht. Sie gehört uns nicht.“
„Die Welt gehört uns.“
„Tut sie nicht. Sie gehört immer den anderen, und wenn sie uns einmal die Welt weggenommen haben, dann geben sie sie uns nie wieder zurück.“
„Aber sie haben uns nichts weggenommen.“
„Wart's nur ab.“
„Setz dich wieder hin“, sagte er. „Du darfst so was nicht glauben.“
„Ich glaube nicht“, sagte sie. „Ich weiß einfach nur Sachen, das ist alles. Können wir bitte nicht mehr darüber reden?“
Sie setzte sich wieder hin, und der Mann schaute sie an, und dann schaute auch er auf die Turnschuhe des Afrikaners. Sie aber blickte starr auf die Wand gegenüber, blickte durch die dicken Zementschichten an den Lastkähnen auf der Spree vorbei und verlor sich dahinter in einer unendlichen Ferne.
„Es muss dir klar sein, dass du das nicht tun musst, wenn du nicht willst“, sagte der Mann. „Du sollst das nur machen, wenn dir die Sache etwas bedeutet.“
„Bedeutet sie dir etwas? Wir kämen schon zurecht, ich weiß das.“
„Natürlich bedeutet mir das etwas. Aber ich möchte das Beste für uns und ich weiß, dass es eine einfache Sache ist.“
„Ja, ja, du weißt, das ist eine einfache Sache.“
„Du kannst dich ruhig lustig darüber machen, aber ich weiß es.“
„Würdest du jetzt sofort etwas für mich tun?“
„Ich würde alles für dich tun.“
„Könnten wir in Gottes Namen bitte nicht mehr darüber reden?“
Er sagte nichts mehr, stattdessen zog er einen Papierfetzen aus der Jackentasche hervor und verglich die Nummer darauf mit der Anzeigetafel. Die Knöchel seiner rechten Hand waren verletzt und die Haut war nicht verheilt, sodass einige Bluttropfen sichtbar wurden. Er hielt sich den Handrücken vor den Mund und saugte daran.
„Aber ich möchte dich nicht dazu zwingen. Es bedeutet mir gar nichts.“
„Ich schreie gleich“, sagte sie.
Der Afrikaner zeigte auf ihre Nummer und sagte dann:
„I think you are next.“
„Was sagt er?“, fragte das Mädchen.
„Er sagt, wir sind gleich dran.“
Das Mädchen lächelte mit zusammengepressten Lippen, und der Afrikaner grinste, seine Zähne blitzten im dunklen Gesicht.
„Ich würde gerne noch kurz aufs Klo gehen“, sagte er.
Das Mädchen strahlte ihn an.
„Beeil dich. Wenn du zurückkommst, gehen wir dann rein.“
Er lief an den vielen Wartenden vorbei und fand die Toilette am Ende eines langen Ganges. Dort ließ er den Wasserhahn laufen und wusch sich ausgiebig das Gesicht. Das Wasser schmeckte nach Metall, und die alten Rohre spuckten immer wieder blutfarbenen Rost aus. Auf dem Weg zurück blieb er an einem Snackautomaten stehen und wählte einen Schokoriegel aus, um den Geschmack von Kupfer zu vertreiben. Der Gang war vollgepackt mit Menschen, Frauen, Männern und Kindern aller Altersstufen. Alle warteten dort, warteten geduldig auf ihre Termine, und obwohl kaum einer den anderen verstehen konnte, herrschte dort eine Ordnung, für die niemand eine gemeinsame Sprache brauchte. Als er wieder im Warteraum war, saß sie immer noch dort und lächelte ihn an.
„Fühlst du dich besser?“, fragte er.
„Alles in Ordnung“, sagte sie. „Mir geht es gut, warum soll ich mich schlecht fühlen?“
Der breitschultrige, glattrasierte Mann mit der schwarzen Lederjacke saß vornübergebeugt neben einem jungen Mädchen mit ebenmäßigen Zügen. Sein dicker, dreifach gefalteter Nacken und die beginnende Glatze ließen ihn viel älter aussehen, als er war, und sowohl das Mädchen als auch er hatten bläuliche Tränensäcke unter ihren Augen. Die Umrandung ihrer Augen war dunkler als der restliche Teint ihrer Gesichter und machte sie schon jung müde und irgendwie auch traurig, fand das Mädchen. Sie waren aber Europäer und waren vor Armut nach Deutschland geflohen, einer Armut, die sie von ihren Eltern geerbt hatten.
„Wo müssen wir hin?“, fragte das Mädchen mit dünn gepressten Lippen. Sie hob die Hand ungeübt vor den Mund, und dadurch trat die Lücke in ihrem Oberkiefer erst recht hervor, und Scham bedeckte ihr weiches Gesicht, das noch rund war wie das eines Kindes.
„Hier stinkt es nach Pisse“, sagte der Mann.
„Wir können doch mal fragen ...“
„Excuse me, what room for … äh, Verlängerung Aufenthalt, please?“, fragte er einen neben sich sitzenden Afrikaner, der stoisch an einem Kugelschreiber kaute und eine der schmutzigen Türen nicht aus den Augen ließ. Eine blonde Sachbearbeiterin ging dort ein und aus, und jedes Mal, wenn die Tür aufging, konnte man eine schwarze Frau und zwei dunkle Bengel vor dem Schreibtisch sitzen sehen.
„You want Duldung or just Verlängerung?“
„Verlängerung“, sagte der Mann und rümpfte dabei mit der Nase.
Der Afrikaner hob wortlos seinen Finger und deutete auf einen der vielen Räume hinter der Anzeigetafel. Er sah sich das ungleiche Paar genauer an und sah, dass das Mädchen gedankenverloren auf die Anzeigetafel blickte. Die Anzeigetafel ragte riesig über ihren Köpfen, und wenn die Nummern gewechselt wurden, gab sie ein tiefes Surren von sich.
„Sieht aus wie das Smartphone des Teufels“, sagte sie.
„Hab' so was nie gesehen“, sagte ihr Begleiter trocken und schielte nach der Tür hin, wo über die Verlängerungen von Aufenthaltsvisa entschieden wurde.
„Ja, das glaube ich auch.“
„Aber das hätte ich vielleicht sehen können“, sagte er. „Nur weil du denkst, ich könnte so was nicht sehen, heißt es noch lange nicht, dass du recht hast.“
Das Mädchen schaute auf die Wände um sie herum und blieb mit dem Blick an einem der Plakate hängen.
„Was heißt das?“
„Selbsthilfegruppe. Für junge Frauen.“
„Meinst du, ich könnte da hingehen? Ohne Visum und alles?“
Der Mann mit dem wulstigen Nacken drehte sich erneut nach dem Schwarzen. „You know where this is?“
„It's in Wedding“, sagte der Schwarze. „Tuesdays for young mothers, Fridays for rape victims.“
„Für junge Mütter oder Vergewaltigungsopfer?“
„Ich weiß nicht“, sagte das Mädchen. „Trifft so was auf mich überhaupt zu?“
„Keine Ahnung, du kannst den Deutschen normalerweise alles erzählen, was du willst. Aber junge Mütter klingt eigentlich ganz okay.“
„Dann junge Mütter“, sagte sie und legte ihre Arme vor ihren Unterleib. Dabei schaukelte sie hin und her und mimte eine Mutter nach, die ihr Baby in den Schlaf wiegt. „Die Deutschen respektieren ihre Frauen, nicht wie bei uns.“
„Ach, hör doch auf damit.“
„Du hast damit angefangen“, sagte das Mädchen, „nicht ich. Ich wollte nur ein wenig Spaß haben und nett sein, das ist alles.“
„Also gut, lass uns nett zueinander sein, in Ordnung?“
„Das bin ich doch, oder? Ich sagte doch nur, dass die Tafel da wie das Smartphone des Teufels aussieht. Findest du das nicht witzig?“
„Das war witzig, ja.“
„Ich wollte nur zu einer dieser Gruppen gehen und um etwas Geld bitten. Das ist doch alles, was wir machen. Wir laufen hin und her und bitten die Deutschen um Geld, oder?“
„Ja, so kann man's sagen.“
Das Mädchen schaute auf die Anzeigetafel.
„Das ist ein furchtbares Ding“, sagte sie. „Es sieht nicht wirklich nach einem Smartphone aus, aber diese Zahlen machen einen nur krank.“
„Sollen wir nicht nachher zur Mission gehen? Die geben am Abend warme Gerichte aus.“
„Also gut“, sagte sie.
Einige Männer durchquerten den Warteraum, und ein stechender Geruch nach rohen Zwiebeln wehte ihnen ins Gesicht.
„Der Braten in der Mission hat wirklich gut geschmeckt“, sagte der Mann, und seine Hand fuhr schwer durch sein spärliches Haar.
„Ja, wirklich gut“, sagte sie. „Und so viel Rindfleisch, das war spitze.“
„Es ist eigentlich eine ganz einfache Sache, und du brauchst dich dafür nicht zu schämen, Nela“, sagte der Mann. „Es ist nicht so, dass dir das nicht gefallen würde ...“
Das Mädchen bohrte ihren Blick auf die Turnschuhe des Schwarzen.
„Und ich weiß, dass dir das irgendwann mal gefallen wird. Aber vor allem hätten wir dann Geld, Nela.“
Das Mädchen blieb stumm.
„Ich wäre immer in der Nähe, und wenn etwas wäre, könntest du jederzeit nach mir rufen. Es ist etwas ganz Natürliches, und niemand muss sich deswegen schämen.“
„Ja, aber was ist danach?“
„Was soll sein? Wir werden Geld haben und glücklich leben wie früher, nur hier bei den Deutschen, in einer zivilisierten Welt.“
„Woher willst du das wissen?“
„Das ist doch das, was uns immer gefehlt hat, siehst du das nicht? Nirgends können wir glücklich werden ohne Geld, nirgends, verstehst du?“
Das Mädchen schaut sich die Plakate an den Wänden an. Sie fährt mit ihrer Zunge in der Zahnlücke entlang und versucht, die scharfen Kanten abzutasten.
„Dann glaubst du, alles wäre in Ordnung, wie?“
„Ich glaube nicht, ich weiß es. Du brauchst keine Angst davor zu haben. Ich kenne viele, die das gemacht haben.“
„Kenne ich auch“, sagte das Mädchen sauer. „Hinterher waren die nicht wirklich glücklich.“
„Na dann“, sagte der Mann. „Wenn du nicht willst, dann willst du halt nicht. Ich will dich nicht dazu zwingen, du bist frei. Aber ich weiß, dass jede Frau das tun kann, ich weiß, dass es ganz einfach ist.“
„Du meinst wirklich, ich soll das tun?“
„Ich glaube, das ist unsere beste Option jetzt. Aber ich will dich dazu nicht zwingen.“
„Wenn ich das also mache, dann werden wir endlich glücklich sein?“
„Ich liebe dich, Nela, das weißt du.“
„Ich weiß. Wenn ich aber das mache, dann sind wir glücklich und du findest es witzig, wenn ich Sachen sage wie, dass die Tafel da wie das Smartphone des Teufels aussieht?“
„Ich würde es dann lieben. Ich finde es auch jetzt gut, aber ich kann jetzt nicht darüber nachdenken. Du weißt, wie schlecht es meinem Magen geht, wenn ich mich aufrege.“
„Wenn ich es also mache, dann regst du dich nicht mehr auf?“
„Darüber rege ich mich nicht auf, denn ich weiß, dass es ganz einfach ist.“
„Dann mache ich das. Es ist doch sowieso alles egal.“
„Was meinst du damit?“
„Na, nichts ist von Bedeutung, oder?“
„Also, du bedeutest mir was.“
„Ja, klar. Aber mir ist alles egal. Dann mache ich das und wir werden glücklich sein.“
„Wenn du so denkst, dann möchte ich nicht, dass du das machst.“
Das Mädchen stand auf und schritt im Wartezimmer umher. Sie hatte lange Beine und trug eine schwarze Strumpfhose und ihr Rücken federte die Schritte weich und biegsam. Sie trug weiße Ballerinas und die Füße darin waren nackt. Frauen aus den fernsten Winkeln der Welt schauten sie erbost an, sie schlenderte an ihnen vorbei, und die Männer warfen ihr verstohlene Blicke hinterher. Die Schalttafel surrte vor sich hin, und immer wieder wurden darauf Zahlen angezeigt. Irgendwo in der Ferne ertönte die Hupe eines Schiffes, gleich hinter dem Bürogebäude floss träge der Fluss. Dann war sie wieder bei dem Mann angelangt.
„Wir könnten alles haben, hast du gesagt. Jeden Tag aber machen wir es nur noch schlimmer.“
„Was meinst du?“
„Ich sagte, wir könnten alles haben, hast du gesagt.“
„Wir können alles haben.“
„Nein, können wir nicht.“
„Wir können die ganze Welt haben.“
„Nein, können wir nicht.“
„Wir können überall hingehen.“
„Nein, können wir nicht. Sie gehört uns nicht.“
„Die Welt gehört uns.“
„Tut sie nicht. Sie gehört immer den anderen, und wenn sie uns einmal die Welt weggenommen haben, dann geben sie sie uns nie wieder zurück.“
„Aber sie haben uns nichts weggenommen.“
„Wart's nur ab.“
„Setz dich wieder hin“, sagte er. „Du darfst so was nicht glauben.“
„Ich glaube nicht“, sagte sie. „Ich weiß einfach nur Sachen, das ist alles. Können wir bitte nicht mehr darüber reden?“
Sie setzte sich wieder hin, und der Mann schaute sie an, und dann schaute auch er auf die Turnschuhe des Afrikaners. Sie aber blickte starr auf die Wand gegenüber, blickte durch die dicken Zementschichten an den Lastkähnen auf der Spree vorbei und verlor sich dahinter in einer unendlichen Ferne.
„Es muss dir klar sein, dass du das nicht tun musst, wenn du nicht willst“, sagte der Mann. „Du sollst das nur machen, wenn dir die Sache etwas bedeutet.“
„Bedeutet sie dir etwas? Wir kämen schon zurecht, ich weiß das.“
„Natürlich bedeutet mir das etwas. Aber ich möchte das Beste für uns und ich weiß, dass es eine einfache Sache ist.“
„Ja, ja, du weißt, das ist eine einfache Sache.“
„Du kannst dich ruhig lustig darüber machen, aber ich weiß es.“
„Würdest du jetzt sofort etwas für mich tun?“
„Ich würde alles für dich tun.“
„Könnten wir in Gottes Namen bitte nicht mehr darüber reden?“
Er sagte nichts mehr, stattdessen zog er einen Papierfetzen aus der Jackentasche hervor und verglich die Nummer darauf mit der Anzeigetafel. Die Knöchel seiner rechten Hand waren verletzt und die Haut war nicht verheilt, sodass einige Bluttropfen sichtbar wurden. Er hielt sich den Handrücken vor den Mund und saugte daran.
„Aber ich möchte dich nicht dazu zwingen. Es bedeutet mir gar nichts.“
„Ich schreie gleich“, sagte sie.
Der Afrikaner zeigte auf ihre Nummer und sagte dann:
„I think you are next.“
„Was sagt er?“, fragte das Mädchen.
„Er sagt, wir sind gleich dran.“
Das Mädchen lächelte mit zusammengepressten Lippen, und der Afrikaner grinste, seine Zähne blitzten im dunklen Gesicht.
„Ich würde gerne noch kurz aufs Klo gehen“, sagte er.
Das Mädchen strahlte ihn an.
„Beeil dich. Wenn du zurückkommst, gehen wir dann rein.“
Er lief an den vielen Wartenden vorbei und fand die Toilette am Ende eines langen Ganges. Dort ließ er den Wasserhahn laufen und wusch sich ausgiebig das Gesicht. Das Wasser schmeckte nach Metall, und die alten Rohre spuckten immer wieder blutfarbenen Rost aus. Auf dem Weg zurück blieb er an einem Snackautomaten stehen und wählte einen Schokoriegel aus, um den Geschmack von Kupfer zu vertreiben. Der Gang war vollgepackt mit Menschen, Frauen, Männern und Kindern aller Altersstufen. Alle warteten dort, warteten geduldig auf ihre Termine, und obwohl kaum einer den anderen verstehen konnte, herrschte dort eine Ordnung, für die niemand eine gemeinsame Sprache brauchte. Als er wieder im Warteraum war, saß sie immer noch dort und lächelte ihn an.
„Fühlst du dich besser?“, fragte er.
„Alles in Ordnung“, sagte sie. „Mir geht es gut, warum soll ich mich schlecht fühlen?“