Wohin man gehen soll

frynstaden

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Harald saß da und gewahrte das Treiben um sich herum. Es war wie ein jedes Mal, wenn Menschen um ihn herum zusammen kamen. Ob es die Familienfeiern waren, das Treffen zur Konfirmation seiner Tochter, das Fest zu ihrem späteren Studienabschluss, ihre Verlobung, ihre Ehe, die Geburt seiner Enkeltöchter oder auch der erst jüngst geschehene Tod seiner Frau. Er saß nur da, in irgendeiner Ecke, wo er alles sehen konnte. Harald beobachtete. Harald wartete insgeheim auf ein Gespräch, welches nur selten kam.

Selbst wenn jemand sich erbarmte, ihn zu fragen, wie es ihm ginge oder ob er etwas machen möge, waren seine Antworten kühl und knapp. Ein Gespräch mit Harald erschöpfte sich immer in der Einsilbigkeit seiner Reaktionen. Die Menschen um Harald herum waren demgegenüber immer so aufgeregt am Reden, so laut am Bewegen und so geschäftig in ihrem Treiben. Je nach Situation waren sie fröhlich, traurig, lustig oder ausgelassen. Sie waren manchmal erschöpft, manchmal auch ratlos und taten ihr Bestes, dies den anderen mitzuteilen. Harald war anders. Harald blieb stumm.

Er konnte gar nicht anders. Harald hatte gelernt, leise zu gehen, seine Schritte nicht nur still zu setzen, sondern auch aufrecht. „Ein Mann steht fest im Leben“, erinnerte sich Harald der Worte seines eigenen Großvaters, „und macht keinen Bohei um sich.“ Sein Großvater war es auch, der ihn mit harter Hand daran erinnerte, seine Freude oder Trauer für sich zu behalten. Sein Vater tolerierte dies und machte selbst hin und wieder vom Teppichklopfer Gebrauch, wenn er zu unmännlich wirkte. „Ein Mann steht fest im Leben“, waren wiederkehrende Worte der beiden gewesen, „wie eine Eiche muss er stehen. Ein Mann lässt sich nicht biegen.“

Harald hatte versucht, ein paar Dinge anders zu machen, doch die Vergangenheit war stärker gewesen. Wenn seine Tochter gravierende Regelverletzungen beging, war es die Sprache seines Vaters und Großvaters, die er nutzte. Es war die Sprache, die Ordnung garantierte. Harald sprach nicht darüber, konnte er doch nicht aus seiner Haut heraus, die ihm in seiner Kindheit schon übergestreift wurde. Auch seine Tochter sprach nicht darüber.

„Opa“, rief auf einmal seine Enkeltochter in Begleitung ihres Zwillings und zupfte an seinem Ärmel. Die Worte rissen ihn aus der Eintönigkeit der Beobachtung. „Spielen wir zusammen?“ Es war diese Frage, die eine Erinnerung entflammte. Es mochte nun dreißig Jahre her sein. Seine eigene Tochter war gerade einmal fünf Jahre alt und hatte seinen Großvater zu Weihnachten dasselbe gefragt. Sein Großvater saß ebenfalls stets allein. „Mein liebes Kind“, hatte dieser mit altersschwerer Stimme geantwortet und strich über die Wange seiner kleinen Sophie, „meine Füße sind mir fest gewachsen. Aber das macht nichts, denn ich weiß ohnehin nicht mehr, wohin ich gehen soll.“

Harald hatte diese Worte damals nicht verstanden, doch nun verstand er sie. Er konnte nicht mehr sagen, wann es angefangen hatte, doch eines Tages war es so geworden. Auch seine Füße waren fest gewachsen. Harald öffnete den Mund, um seinen Enkeltöchtern zu antworten. Neben ihm setzte Sophie an, etwas zu sagen.
 

steyrer

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo frynstaden,

herzlich willkommen in der Leselupe. Das ist ein schöner, runder Einstandstext über die Ausweglosigkeit des Schicksals. Der eine redet zu wenig, die anderen viel zu viel. Zu sagen haben sie alle nichts. Nur die Kinder sind eine Ausnahme, aber auch die verlernen es bald.

Schöne Grüße
Steyrer
 



 
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