Dichter Erdling
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Lange Zeit dachte ich, der Geruch im Haus meiner Oma wäre etwas ganz Besonderes und einzigartig irgendwie. Es roch anders dort als daheim. Anders als in der Wohnung der Tante oder bei meiner Freundin, deren Eltern aus Pakistan stammten.
Das eigene Zuhause riecht man ja nicht so bewusst. Dort, wo die Nase täglich ist, ist sie schon zu sehr eingewöhnt und ist mit der Zeit blind geworden. Hier hat sie sich ihren olfaktorischen Nullpunkt eingerichtet. Hingegen dort, wo man sich nicht so oft aufhält, wird die Nase aufmerksam und findet einprägsame Koordinaten.
Wo auch immer meine Tante gewohnt hat – und sie ist oft umgezogen – zog auch der Qualm ihrer Zigaretten ein, gepaart mit Parfum und dem Odeur fabrikneuer Ware, denn immer hatte die Tante etwas Trendiges, Neues: Möbel, Technik, Dekoration…
Hingegen, wenn ich bei meiner Freundin zu Besuch war, musste meine Nase sofort an Erbswurstsuppe denken. Erbswurstsuppe: Das war eine sämige Suppe aus industriellem Konzentrat, die heute gar nicht mehr verkauft wird. Es war wohl die Würzmischung dieser Suppe Teilmenge jener Gewürze, mit denen im pakistanischen Haushalt gekocht wurde, sodass sich beides über meinen Geruchssinn gedanklich verknüpfte.
Gerüche können ja nicht aufgezeichnet werden wie Bilder oder Gespräche, so ist es am Gehirn allein, sie zu katalogisieren und sich zu erinnern.
Das Haus meiner Oma war schon allein deshalb etwas Besonderes, weil ich es so sehr mochte. Auch wenn ich nicht so oft dort sein konnte, fühlte ich mich zuhause und geborgen – und oft geborgener als zuhause, wo es Streit, Geschrei und einen wankelmütigen Alltag gab.
Omas ruhiges Haus lag am Land, nicht in der Stadt, und außerdem in einem Ausland, wo man ganz eigen redete. Es war in jeder Hinsicht alles anders. Sogar in ihrem ausländischen Ort war meine Oma eine Normabweichung, weil sie keinen Mann hatte. Ganz allein musste sie sich um ihr kleines Häuschen kümmern, das kleiner war als die übrigen Häuser im Dorf und abseits auf einem Hügel lag.
In der Schule kam ich mir jedenfalls sehr speziell vor, dass ich solch eine außergewöhnliche Anlaufstelle hatte. Die meisten meiner Mitschüler hatten das nicht. Deren Omas lebten nicht im Ausland, hatten keine Häuser oder waren schlichtweg nicht zu besuchen, wie etwa die pakistanische Großmutter, die über viele tausend Kilometer unerreichbar blieb.
Das Haus meiner Oma musste etwas absolut Einzigartiges sein, schlussfolgerte ich.
Wenn man es betrat, trat einem zunächst der kühle Hauch von altem Holz und kaltem Stein entgegen. Im ungeheizten Vorraum, unter der knarzenden Stiege, die ins Obergeschoß führte, hatte Oma ihren Getränkevorrat in Form von Limo- und Bierkisten eingelagert. So konnte es auch schon mal nach Gerstensaft riechen, wenn eine Flasche zu Bruch gegangen war.
Weiter innen im Haus mengte sich das rustikale Bouquet von vielen Portionen Schweinebraten und Sauerkraut dazu. Omas Tabak ergab in Kombination mit geräuchertem Fleisch und dem übrigen Küchendunst eine ganz eigene Duftnote. Es roch nach herzhaft angeschmorten Zwiebeln, mit denen in Omas Küche viele Zubereitungen anfingen; nach Kartoffelkeller und nach Gaststube, in welcher fröhlich geraucht und getrunken wurde. Die Holzscheite in den Öfen verbreiteten über allem ihre rauchig gewürzte Wärme.
Vom Badezimmer blieb der Wohnraumduft weitgehend ausgesperrt. Hier hatte sich die kühle Feuchte des Nassraums leicht modrig abgesetzt und zog es vor, mit dem Odeur einer Handseife und der Blume von Sagrotan gemischt zu sein.
Derweil im oberen Stockwerk, wo wir schliefen, gab es Bücherschränke, bunte Tapeten, alte Teppiche und anderen Krimskrams, der untertags mit sich allein sein durfte. Dort duftete es herrlich nach vergilbtem Papier, nach Bibliothek und nach Flohmarkt.
Es war mit nichts zu vergleichen, das Haus meiner Oma, mit seinem unnachahmlichen Wohlgeruch.
Umso erschütterter war ich, als ich einmal mit Oma Kartoffeln kaufen ging.
Dafür gingen wir nicht in einen Supermarkt wie zuhause, sondern zu einem Bauernhof im Ort.
Die Frau, die uns die Kartoffeln verkaufte, sah aus wie die Frau, die mich an der Hand hielt. Blaugeblümte Kittelschürze, darin ein massiger Körper, welcher nur noch müde Bewegungen konnte - das zog die Einzigartigkeit meiner lieben Oma schon mal in erste kindliche Zweifel.
Die fremde alte Frau bedeutete uns, ihr ins Haus zu folgen.
Sowie wir dies Haus betraten, stieg uns das Aroma von altem Holz und kaltem Stein in die Nasen. Dunkle Zwiebeln, Rauchfleisch, Braten, Bier, Aschenbecher, ein leichter Moder – und Kartoffelkeller, aus dem man uns die gewünschte Ware holte.
Das eigene Zuhause riecht man ja nicht so bewusst. Dort, wo die Nase täglich ist, ist sie schon zu sehr eingewöhnt und ist mit der Zeit blind geworden. Hier hat sie sich ihren olfaktorischen Nullpunkt eingerichtet. Hingegen dort, wo man sich nicht so oft aufhält, wird die Nase aufmerksam und findet einprägsame Koordinaten.
Wo auch immer meine Tante gewohnt hat – und sie ist oft umgezogen – zog auch der Qualm ihrer Zigaretten ein, gepaart mit Parfum und dem Odeur fabrikneuer Ware, denn immer hatte die Tante etwas Trendiges, Neues: Möbel, Technik, Dekoration…
Hingegen, wenn ich bei meiner Freundin zu Besuch war, musste meine Nase sofort an Erbswurstsuppe denken. Erbswurstsuppe: Das war eine sämige Suppe aus industriellem Konzentrat, die heute gar nicht mehr verkauft wird. Es war wohl die Würzmischung dieser Suppe Teilmenge jener Gewürze, mit denen im pakistanischen Haushalt gekocht wurde, sodass sich beides über meinen Geruchssinn gedanklich verknüpfte.
Gerüche können ja nicht aufgezeichnet werden wie Bilder oder Gespräche, so ist es am Gehirn allein, sie zu katalogisieren und sich zu erinnern.
Das Haus meiner Oma war schon allein deshalb etwas Besonderes, weil ich es so sehr mochte. Auch wenn ich nicht so oft dort sein konnte, fühlte ich mich zuhause und geborgen – und oft geborgener als zuhause, wo es Streit, Geschrei und einen wankelmütigen Alltag gab.
Omas ruhiges Haus lag am Land, nicht in der Stadt, und außerdem in einem Ausland, wo man ganz eigen redete. Es war in jeder Hinsicht alles anders. Sogar in ihrem ausländischen Ort war meine Oma eine Normabweichung, weil sie keinen Mann hatte. Ganz allein musste sie sich um ihr kleines Häuschen kümmern, das kleiner war als die übrigen Häuser im Dorf und abseits auf einem Hügel lag.
In der Schule kam ich mir jedenfalls sehr speziell vor, dass ich solch eine außergewöhnliche Anlaufstelle hatte. Die meisten meiner Mitschüler hatten das nicht. Deren Omas lebten nicht im Ausland, hatten keine Häuser oder waren schlichtweg nicht zu besuchen, wie etwa die pakistanische Großmutter, die über viele tausend Kilometer unerreichbar blieb.
Das Haus meiner Oma musste etwas absolut Einzigartiges sein, schlussfolgerte ich.
Wenn man es betrat, trat einem zunächst der kühle Hauch von altem Holz und kaltem Stein entgegen. Im ungeheizten Vorraum, unter der knarzenden Stiege, die ins Obergeschoß führte, hatte Oma ihren Getränkevorrat in Form von Limo- und Bierkisten eingelagert. So konnte es auch schon mal nach Gerstensaft riechen, wenn eine Flasche zu Bruch gegangen war.
Weiter innen im Haus mengte sich das rustikale Bouquet von vielen Portionen Schweinebraten und Sauerkraut dazu. Omas Tabak ergab in Kombination mit geräuchertem Fleisch und dem übrigen Küchendunst eine ganz eigene Duftnote. Es roch nach herzhaft angeschmorten Zwiebeln, mit denen in Omas Küche viele Zubereitungen anfingen; nach Kartoffelkeller und nach Gaststube, in welcher fröhlich geraucht und getrunken wurde. Die Holzscheite in den Öfen verbreiteten über allem ihre rauchig gewürzte Wärme.
Vom Badezimmer blieb der Wohnraumduft weitgehend ausgesperrt. Hier hatte sich die kühle Feuchte des Nassraums leicht modrig abgesetzt und zog es vor, mit dem Odeur einer Handseife und der Blume von Sagrotan gemischt zu sein.
Derweil im oberen Stockwerk, wo wir schliefen, gab es Bücherschränke, bunte Tapeten, alte Teppiche und anderen Krimskrams, der untertags mit sich allein sein durfte. Dort duftete es herrlich nach vergilbtem Papier, nach Bibliothek und nach Flohmarkt.
Es war mit nichts zu vergleichen, das Haus meiner Oma, mit seinem unnachahmlichen Wohlgeruch.
Umso erschütterter war ich, als ich einmal mit Oma Kartoffeln kaufen ging.
Dafür gingen wir nicht in einen Supermarkt wie zuhause, sondern zu einem Bauernhof im Ort.
Die Frau, die uns die Kartoffeln verkaufte, sah aus wie die Frau, die mich an der Hand hielt. Blaugeblümte Kittelschürze, darin ein massiger Körper, welcher nur noch müde Bewegungen konnte - das zog die Einzigartigkeit meiner lieben Oma schon mal in erste kindliche Zweifel.
Die fremde alte Frau bedeutete uns, ihr ins Haus zu folgen.
Sowie wir dies Haus betraten, stieg uns das Aroma von altem Holz und kaltem Stein in die Nasen. Dunkle Zwiebeln, Rauchfleisch, Braten, Bier, Aschenbecher, ein leichter Moder – und Kartoffelkeller, aus dem man uns die gewünschte Ware holte.