Wolken

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Ofterdingen

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Die Wolken richten ihre Zacken auf über der Stadt, graue Zähne auf perlmuttenem Zahnfleisch. Zwischen den gläsernen Ladenpalästen schlurfen ahnungslose Menschen. Sie tragen bereits Überdruss im Gesicht und schlenkern doch die Arme, als könne es noch länger weitergehen mit ihnen. Dabei sind sie schon jetzt kaum noch die Haut und das Fleisch wert, die ihnen auf den Knochen hängen. Sie laufen herum wie Verlorengegangene, die sich nicht finden in den Häuserschluchten, scheinen sich zurückziehen zu wollen bis in die Atome, als den einzigen Ort, wo sie bleiben, nicht weggegangen werden können. Wie weit doch ihr Weg sein muss und wie kurz. Und müssen wir nicht bedenklich dreinschauen, wenn wir auf unsere eigenen Schritte blicken? Sind nicht auch wir Ahnungslose, die glauben, sie könnten sich vor dem Gewitterregen schützen, indem sie sich unter irgendwelche Bäume stellen? Welchen Trost vermögen uns die Bäume zu bieten außer ihrer Langlebigkeit? Und dabei taugen sie doch bei aller unserer Anstrengung keinesfalls als Vorbild.

Und der Regen. Wie schlagen uns die Nässe ins Gesicht und die finsteren Gedanken eines gleichgültigen Gewittergottes? Was nützt es, sich zu sagen, die Erde braucht Wasser? Hat es nicht gestern erst geschüttet und vorgestern? Und warum fing es an, als wir noch weit von zu Hause waren? Sicher, keiner zielt auf uns. Das brauchen wir uns nicht einzubilden. Sie setzen sich einfach über uns hinweg. Aber ist das nicht genauso schlimm? Wo soll die Liebe bleiben, wenn es immer regnet?

Und wo bleibst du, geliebte K.? Genießen wir denn sonst nicht den Schatten unter Sonnenschirmen, die unbekümmert warme Luft, diesen Tisch, den Cappuccino, die entspannten Gesichter? Ja, das Wort entspannt schätzt du sehr. Und die Menschen, die herauskommen aus ihren Atomen, Gestalten werden, anfangen zu fließen. Vielleicht ist Fließen Leben. Nicht erstarren, zumindest noch zu zucken, bevor die große Stille einkehrt. Wie schön die Stadt ist, wenn es geregnet hat und uns jemand einen Lappen in die Hand gibt, um die Caféstühle wieder trocken zu wischen! Bitte noch einen Cappuccino!
 
mir gefällt der text sehr, hervorragend geschrieben, nur das hier;

Welchen Trost vermögen uns die Bäume zu bieten außer ihrer Langlebigkeit?
würde ich streichen. ich weiß, es ist sicher als anspielung und spielerische umkehr dieser eich verse gedacht;

Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!
Wie gut, daß sie am Sterben teilhaben!
da deine zeile im vergleich aber plump (und der rest des textes ist es nicht) wirken und die anspielung überhaupt wenig sinn macht, würde ich sie rausnehmen. aber das entscheidet am ende natürlich der autor ;)

lg
patrick
 

Ofterdingen

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Danke für deine kundige Antwort, patrick. Ja, ich habe an Günter Eich gedacht, den ich sehr liebe. Aber du hast Recht. Die Stelle könnte ich auch streichen, ohne dass etwas Wesentliches verloren geht. Ich lasse das noch ein bisschen stehen. Mal sehen, was sonst noch an Kommentaren kommt.
 

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