Wollsocken

5,00 Stern(e) 7 Bewertungen
Sie trägt ihre Wollsocken und er schreit. Nicht kantig schreit er, nicht scharf. Er schreit nicht geschliffen, oder spitz. Er schießt nicht mit Scherben, wenn er schreit, nicht mit Splittern, nein, - wenn er schreit, fallen unendlich dumpfe und stumpfe, träge und plumpe Worte aus seinem Mund heraus, Wort um Wort, Satz um Satz, fast so, als übe er seine Zunge in einer Art geheimer Elefantengymnastik … lächerlich!

Dabei beobachtet sie, wie seine Lippen sich zu allerlei betonschweren Bögen und zu Geraden, zu stumpfen Zacken und noch stumpferen Winkeln verformen, aus denen dann die Worte herausplumpsen und wie schwere Blöcke auf den Fußboden klatschen. Sie beobachtet, wie aus den Blöcken an beiden Seiten riesige Beine herauswachsen und wie die Beine sich auf sie zubewegen, um sie zum Stolpern zu
bringen.

Sie aber – ja, sie trägt ihre Wollsocken. Wollsocken, so warm und leicht und wollen, wie die Wolken am Himmel eines Spätsommerabends. Und dann wird sie selber zur Wolke. Sie stolpert nicht mehr, nein, - leicht wie ein Geschöpf aus warmen Winden und Feenflügeln, schwebt sie über dem Boden und alle seine Worte laufen ins Leere hinein und verstummen.

Das war nicht immer so. Früher hatte sie sich geschämt, wenn er schrie.

„Lea“, hatte man ihr gesagt, „du musst darüber stehen, wenn er dich anschreit, du musst fliegen lernen, glaub es mir nur, glaub es!“ Und sie hatte es gelernt. Anders als Ben.

Ben ist ihr Bruder und er ist schon immer gestolpert, wenn er angebrüllt wurde … er tut es noch, - warum? Weil er Mitleid hat, weil er immer gesagt hat, das Gebrüll käme daher, dass Vater krank sei, dass er nicht zurechtkomme, dass er sterbe und nichts dagegen tun könne – Idiot! Sie glaubt sogar, das Ben deshalb mit dem Trinken angefangen hat. Dass er sich schämt gesund zu sein, während Vater langsam umkommt– Idiot! Ja, das er sich zerstört, Tag für Tag und Flasche für Flasche, weil er eigentlich gesund ist, weil er das als nicht richtig empfindet gesund zu sein – Idiot! Weil er sich zerstören muss, weil er sich seines Glücks schämt, noch immer schämt, vor einem alten, dummen Mann, der immer bloß brüllt und brüllt – Herrgott nochmal, was ein Dummkopf!

Sie trägt ihre Wollsocken und er schreit. Wie es wohl in ihm aussieht, wenn er so brüllt? Sie stellt sich eine zorngepeitsche, schwarze Felsverschattung vor, in deren totem Winkel eine lebendige Düsternis wohnt, die in unablässigem Würgen ihre Innereien in seinem Mund spuckt – eklig! Eine Geröllhalde. Übergänge, die schroff von farblosem Grau in ein farbloseres Grau übergehen. Abstufungen eines Wechselspiels von Mondgrau und Mitternachtsschwarz und überall Winkel und Verstecke für diese kleinen, zornigen Monstren, die später als Worte aus ihm herausfallen.

Wenn er jetzt, während er so brüllt, einfach umfallen würde, denkt sie, so wie ein Sack, so wie ein dummer nasser Sack umfallen würde, weil sein Herz stehenbliebe, weil es einfach so stehenbliebe, mitten zwischen zwei Schlägen, würde er sich dann auflösen? In ganz kleine Spinnen auflösen, die dann auseinanderkrabbeln und auseinanderhuschen und es bliebe von ihm nur noch hier und dort, in einem Winkel an einer Decke, eine kleine, ekelhafte, knopfäugige Spinne?

Ob Ben dann auch eine Spinne werden wollte? – der Idiot! Sicher wollte er eine Spinne werden, weil er sich schämen würde, nicht auch in hunderttausend winzige, krabbelnde Leiber zerflossen zu sein, weil er sich immer schämt! – weil er sich für alles schämt, was er nicht selber durchgemacht hat - Herrgott, was ein Dummkopf!

Und Vater würde man dann begraben, der Sarg bliebe leer, sicher, aber es müsste doch ein Begräbnis geben! Ben käme sicherlich ganz betrunken zu dem Begräbnis. Und heulen würde er, wie ein Kind würde er heulen … sie aber trüge ihre Wollsocken. Wollsocken, so warm und leicht und wollen, wie die Wolken am Himmel eines Spätsommerabends.

Ob Vaters Geist aus dem Sarg heraus schriee? Nein sicher nicht, nein.
Sie trüge ihre Wollsocken und er schwiege. Und das Schweigen würde nach Wald und Sommer duften, nach Frühling vielleicht und nach Süßigkeit. Sie trüge ihre Wollsocken und er schwiege! Kaum zu glauben, dass es so etwas geben könnte; er schwiege und sie wäre allein. Plötzlich beginnt sie zu weinen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Isbahan

Mitglied
Hallo @Patrick Schuler: Mich wundert’s, dass hier noch kein Sternenregen auf Deinen Text niederprasselt. Eine Lust zu lesen - obwohl das Thema hart und kratzig ist und nicht wolleweichgespült, sondern nur der ganz alltägliche Wahnsinn zu Wort kommt. Mich hat’s ergriffen und gepackt.
 

Scal

Mitglied
Hallo Patrick,

ich habe sehr gerne einige der besonderen Bilder in mich hineingepflückt ... lebendige Düsternis, Mondgrau, Monsterwinkel ...
Über Erzählprosa zu urteilen, überlasse ich Kundigeren.

Fragen erheben sich in mir zum letzten Absatz:
Ob Vaters Geist aus dem Sarg heraus schriee ?
Sie trüge ihre Wollsocken und er schwiege
.
Er schwiege und sie wäre allein

Der Schlusssatz ... hm ... fühlt sich für mich zu "erwartbar" und zu abgegriffen an. Alternative?

... er schwiege und sie wäre allein.
Beginnt sie ... beginnt sie zu weinen ...


LG
Scal
 

Ulritze

Mitglied
Lieber Patrick Schuler,
beklemmend, das Thema, vortrefflich in Worte gefasst und in Szene gesetzt!


Und weil's so vortrefflich ist, ein paar klitzekleine Kleinigkeiten:
"... Felsverschattung, in deren Winkeln... "
"... um sie zum Stolpern zu bringen."
"... wegen seines Glücks... "

Gruß Ulritze
 
hallo isbahan

freut mich sehr, dass es dir gefällt :) ich bin ja bei prosa momentan am üben, weil ich sie nicht so häufig schreibe, da tut es gut, lobende worte zu hören :)

lg
patrick
 
hallo scal

yepp! das ende ist irgendwie vorhersehbar, andererseits auch die stringenteste Auflösung der vorherigen Passagen. hmmm... ich denke da nochmal drüber nach :)

lg
patrick
 
vielen dank ulritze :)

das freut mich wirklich, dass es dich überzeugen konnte! die angesprochenen fehler, habe ich ausgebessert :)

lg
patrick
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Patrick,

meiner Meinung nach ist dir hier ein Text über eine Familientragödie gelungen, welcher sprachlich fesselnd ist und inhaltlich berührend. Ein aggressiver Vater und Kinder, welche auf Gedeih und Verderb an diesen gebunden sind und irgendeinen Umgang - nein, eine Überlebensstrategie - suchen, um dieses Tyrannische zu überstehen. Das Ende erinnert dabei ein bisschen an Kafkas "Die Verwandlung", wenngleich hier dieselbe dem Vater gelten soll, der aber in der Figur Ben eine leidvolle Gestalt gefunden hat, die ihm, wie es leider viele Kinder tun, seine Qualen abnehmen will und dabei selbst zu Grunde geht. Das ist, wenn ich mir diesen persönlichen Kommentar erlauben darf, einfach nur schlimm!

Zur Form möchte ich überdies noch sagen, dass ich diesen Text eher für einen Kurzprosatext halte, da er als Kurzgeschichte mangels einer progressiven Handlung nicht wirklich taugt. Aber das ist nicht so entscheidend, da das Forum zwar diese Unterscheidung anbietet, sollte dein Text aber z.B. in einem Buch veröffentlich werden, dann gibt es diese Kategorien ja nicht.

Weitere Anmerkungen:

Weil er Mitleid hat, weil er immer gesagt hat, das Gebrüll käme daher, dass Vater krank sei, dass er nicht zurechtkomme, dass er sterbe und nichts dagegen tuen könne – Idiot!
Ob Ben dann auch eine Spinne werden wollte? – der Idiot! Sicher wollte er eine Spinne werden, weil er sich schämen würde, nicht auch in hunderttausend winzige, krabbelnde Leiber zerflossen zu sein, weil er sich immer schämt! – weil er sich für alles schämt, was er nicht selber durchgemacht hat - Herrgott, was ein Dummkopf!
Liebe Grüße
Frodomir
 
danke dir, frodomir :)

ja, du hast recht. es ist wohl eher kurzprosa, wobei die grenzen hier sicherlich verschwimmen. ;) ich mag deine interpretation. sie trifft schon ziemlich genau zu, ich habe ja oft die angst zu undeutlich zu werden, wenn ich einen eher poetischen stil benutze.

die fehler, habe ich ausgebessert. :)

lg
patrick
 

Oben Unten