Wort, Wort - Mord! (Für Jugendliche ab 14Jahren)

ahorn

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Irina ist nach einer dreiwöchigen Reise durch Deutschland auf dem Heimweg. In Bad Gandersheim setzt sich eine geschätzt gleichaltrige Frau zu ihr. Nichts ahnend lässt Irina alle Vorsicht außer acht.


Wort, Wort - Mord!

Die letzte Fahrt
Es war Irinas letzter Tag in Deutschland. Etliche Jahre hatte sie ihr Taschengeld gespart, sowie auf den Feldern geschuftet, um sich die Reise zu leisten. Hatte das Land ihrer Vorväter erkundet, in das ihre Mutter sich weigerte zu siedeln. Aufbauen, zu neuer Blüten treiben wollten ihrer Eltern die Ukraine. Nächtelang diskutierten sie mit ihren akademischen Freunden, wie sie die russlandfreundliche Regierung mit einer zweiten orangenen Revolution von der Macht vertreiben konnten. Keiner fragte Irina. Sie hatte keine Meinung zu haben, war erst siebzehn. Wie gern wäre sie ausgewandert, hätte ihre Sachen zu gepackt, um wie andere Deutschstämmige diesem korrupten Staat den Rücken zu kehren. Ein Wunsch, der sich durch ihre Reise verstärkte, anstatt wie ihre Eltern meinten, abzuebben.

Der Zug fuhr in Bad Gandersheim ein. Fahrgäste stiegen aus, stiegen ein. Da schritt die junge Frau auf sie zu, warf ihren Rucksack in die Gepäckablage und drehte den Schirm ihrer Baseballkappe nach vorne. Ohne die Mitreisenden zu fragen, ließ sie sich auf den Fensterplatz in Fahrtrichtung fallen, dabei flatterte der zerfranste Saum ihres bauchfreien Muskelshirt, welcher den Blick auf ihre Brüste freigab. Ihre Füße steckten in Springerstiefel, die sie auf den neben Irina freien Sitzplatzes platziert, dabei wandte sie Irina ihr Gesicht zu, rümpfte die Nase, zog die Oberlippe heraus und fletschte mit den Zähnen. Sie hob ihren Hintern und stocherte in der Gesäßtasche, bis sie einen Kaugummistreifen aus ihrer Hotpants zerrte. Diesen klemmen sie zwischen ihre rabenschwarzen Lippen, starrte nach vorn und knurrte Irina an. Dann zog sie den Streifen, wie eine Nudel in ihren Mund, blinzelte Irina zu und griente.

Es gab nicht viel, was Irina an Deutschland auszusetzen hatte, aber die Art wie junge Menschen sich benahmen, verstand sie nicht. Zuhause wäre längst ein Schaffner herangeeilt und hätte mit drohender Faust der jungen Frau gezeigt, wo es langging.
Ein Schaffner kam. Aber nach seiner Frage, ob jemand zugestiegen sei, folgte nichts. Kein Verweis, kein Tadel. Dafür durchstöberte die Frau ihre Hosentaschen. Nach einer gefühlten Ewigkeit präsentiere sie dem Kontrolleur ihre Fahrkarte, worauf dieser grüßte und ihr eine gute Fahrt wünschte.

Irina wandte sich ab, starrte aus dem Fenster. Ihre Mitreisende schien, dieses nicht zu akzeptierten. Sie textete Irina zu, erzählte von einem geilen Konzert, welches sie besucht hatte. Das interessierte Irina genauso weinig, weshalb das Mädchen mit sechzehn von Zuhause ausgerissen war.

Irina wunderte sich eher darüber, wo sie danach gelebt hatte. In ihrer Heimat steckte man Ausreißer in ein Heim und nicht in eine Wohngruppe. Oder die Behörden brachten das Kind, ohne zu fragen, zurück zu den Eltern, egal, ob der Vater es täglich verprügelte. Anstand hätte es zumindest gelernt.

Erst nachdem ein vollbärtiger, südeuropäisch aussehender Mann grummelte, dann gegen ihre Beine stieß, nahm sie ihre Füße herunter. Bevor der Mann sich hinsetzte, sprang sie auf, zwängte sich an ihm vorbei und fiel auf den Platz, auf dem zuvor ihre Füße geruht hatten. Mit den Achseln zuckend, setzte er sich auf den Fensterplatz, streckte den Hals und wandte den Kopf. Erst nachdem eine Frau, deren Haupt mit einem Kopftuch bedeckt war, an der Sitzreihe ankam, stoppte er die Rotation. Die Frau wies in Fahrtrichtung, woraufhin er aufstand und ihr folgte.
»Scheiß Hammelfresser! Die glauben, die können sich alles erlauben.«
Irina Stirn kräuselte sich, worauf das Mädchen ihr die Hand reichte. »Hab mich gar nicht vorgestellt. Alex.«
Irina ergriff die Hand und schüttelte diese. »Ira!«

Alle ihre Freunde nannten sie Ira. Daher ging sie davon aus, dass Alex ebenfalls der Kosename des Mädchens war, empfand es passend, die Gunst zu erwidern.
Alex beugte sich nach rechts, bis ihr Kopf in den Gang reichte. »Die werden schon sehen, wo hin das führt.« Sie lehnte sich zurück und wandte Irina ihr Gesicht zu. »Sprichst nicht viel, hast ein Problem oder«, sie griff an den Spitze besetzten Saum von Irinas blütenweißen mit Rosen bedruckten Kleides, »bist eine Feine?« Sie drückte zuerst ihre Nase an Irinas Hals, dann zupfte sie an ihrem Knie. »Rosenwasser. Strumpfhöschen. Das Letztere.«
Irina umgriff das silberne Kreuz an ihrer Halskette, welches ihre Patentante Elwira ihr geschenkt hatte und wandte sich ab. Alex stank aus dem Mund nach Bier sowie unter den Achseln, als hätte sie sich tagelang nicht gewaschen. »Ich bin auf dem Weg zu meiner Patentante.«
Es war nicht gelogen, obwohl sie sich vorgenommen hatte, zwei Tage bei Tante Elwira zu verbringen, hätte sie nur zwei bis drei Stunden Zeit, bevor der Zug von Braunschweig nach Warschau abfuhr.
»Kommst vom Fischkopf?«
Diesmal zog Irina ihre Augenbrauen zusammen.
»Vom Norden?«, harkte Alex nach.
»Nein. Von Frankfurt.«
»Ich dachte, wegen deines Akzentes. In der Wohngruppe hatten wir einen aus Nordenham.«
Irina verstand Alex nicht. Auf ihrer gesamten Reise hatten sie alle wegen ihres akzentfreien Deutsch bewundert, woraufhin Stolz in ihr aufkeimte. In ihrer Familie sprachen nur ihre Mutter und ihre Großmutter Deutsch, sie schnackten mit Akzent, weshalb ihre Deutschlehrerin sie anhielt ein klares Hochdeutsch zu sprechen. Einzig ein paar Wörter fehlten Irina. Umgangssprache, die sie nicht verstand.

Irina bündelte ihr schulterlanges sandblondes Haar, streifte ein zweifingerbreites, fliederfarbiges Gummihaarband von ihrem linken Handgelenk und band sich einen Pferdeschwanz.
Alex ergriff Irinas linke Hand und strich über eine Armkette, an dem eine silberne Doppelaxt befestig war, auf deren Klingen, jeweils zwei gekrümmte und gekreuzte Rosen eingraviert waren.
Alex blinzelte ihr zu. »Schick!«
Irina hatte in ihrem Leben nie gestohlen, aber sie hatte nicht widerstanden. Richtiger wäre es gewesen, wenn sie das Schmuckstück in der Jugendherberge abgeben hätte. Zuerst hatte sie es vergessen, dann konnte sie sich nicht von der Armkette trennen.

Um von ihrer Pein abzulenken ergriff Irina Alex linken Unterarm und tippte auf ein Tattoo. »Ebenso schick! Der Wolf«
»Habe ich mir heute Morgen stechen lassen. Ist aber eine Wölfin. Sieht man doch!«
Irina legte ihre Stirn in Falten.
Alex grinste. »Siehst du einen Schwanz?«
Sie sah keinen. Wie auch! Nur das Konterfei eines Wolfskopfes war eingestochen.
»Hast du andere?«
Alex reckte sich. »Klaro!«, betätigte sie, wobei sie an den Saum ihres Tops fasste.
Die Augen aufgerissen, die rechte Hand auf ihren Mund gepresst, hielt Irina sie mit der Linken von der Tat ab. »Nicht hier.«
»Warum nicht.« Alex sah sich um. »Die Spießer können meine Titten sehen oder sind wir in Molukkistan.«


Molukkistan
Irina kannte kein Land, welches auf Deutsch Molukkistan hieß. Sie grenzt das Gebiet ein. Alex Schilderung der Kultur und des Glaubens halfen ihr dabei. Ein Staat in Nordafrika oder Arabien bezeichnete die Deutschen als Molukkistan.
Inwieweit die Bewohner für Deutschland eine Gefahr darstellten, erschloss sich ihr nicht aus Alex Bericht.
Alex sagte, Frauen, die voll verschleiert, nicht einmal ihr Gesicht zeigten, und ihre terroristischen Männer das Land überrannten. Sie produzierten Hunderte von Kindern, um in nähere Zukunft Deutschland zu unterwerfen, gar das deutsche Volk mit dem Irrigen zu tauschen.
Dass muslimische Frauen Kopftuch trugen, war nichts Verwerfliches. Viele Frauen in der Ukraine – meist auf dem Lande - trugen es. Aber wie stellten sie eine Gefahr da? Deutschland war ein liberales Land, in dem jeder seine Meinung kundtat und trug, was er für korrekt hielt. Vollverschleierte hatte sie nur eine Handvoll gesehen. Einzig in den Großstädten wie Frankfurt oder München hatte sie welche erblickte. Vielleicht waren sie aber keine Frauen, sondern die Terroristen.
Irina wusste wenig vom Islam. Gut. Die Krimtataren pflegten diesen Glauben, aber gefährlich waren sie nicht. Sie erinnerte sich an die lustigen Tänze, die sie aufführten. Jeden Sommer fuhr Irina mit ihren Eltern nach Jalta, um im Schwarzen Meer zu baden. In ihrer Heimat waren es eher die Russen, die sich überall einmischten, wie ihre Eltern ihr sagten, um irgendwann die Ukraine zu unterwerfen, zu annektieren, wie sie es in der Vergangenheit bereits getan hatten. Ihr Vater konnte Irina sogar, wenn sie durch die Kiewer Innenstadt flanierten, zeigen, welche Frau Russin und welche Ukrainerin war. Im Gegensatz zu den Molukkistanerinnen trugen sie fast nichts auf dem Körper und stöckelten auf zu hohen Schuhen über das Pflaster, den Kopf erhoben, als gehöre ihnen die Stadt.

Erst das Knurren von Irinas Magen, stoppte den Redeschwall von Alex. »Hast Hunger!«
»Ja«, antwortete Irina.
»Ich glaube, ich habe noch etwas.«
Alex stand auf, wandte ihr Gesicht zur Gepäckablage und schmunzelte.
Sie streckte sich, zog einen Florentiner Strohhut von der Ablage. »Deiner?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm Alex ihre Baseballkappe ab, strich durch ihr militärisch geschorenes pechschwarzes Haar, setzte sich den Florentiner und Irina ihre Kappe auf. Dann drückte sie ihre Linke in die Taille und den Zeigefinger der anderen Hand an ihre rechte Wange.
»Bin ich jetzt eine feine Dame?«

Ein Herr im Dreiteiler und einem Bologneser an der Leine schob sich an Alex vorbei. Der anfahrende Zug ließ ihn straucheln, sodass er Alex anstieß, worauf diese sich an der Gepäckablage abstützte.
»Hey du Spießer. Hast keine Augen im Kopf!«
Der Herr setzte sich auf den freien Fensterplatz und sein Hund legte sich zwischen seine und Irinas Füße.
Irina hatte bereits oft das Wort Spießer gehört, nie hatte sie gewusst, was es bedeutete. Da Alex fast jeden Herren im Anzug derart titulierte und der Hundebesitzer ihr gegenüber nicht verärgert dreinschaute, sondern sich in die Lektüre einer Zeitschrift versenkte, war sie sich sicher, dass diese Bezeichnung einen Anzugträger beschrieb.

Alex zerrte ihren Rucksack hervor, bevor sie wieder auf ihren Sitz fiel. »Hat dein Pisser überhaupt ein Ticket?«
»Es heißt Fahrschein«, murmelte der Herr, ohne von seiner Lektüre aufzusehen.
»Besserwisser«, zischte Alex, öffnete ihren Rucksack, sah hinein, zog eine angebrochene Chipstüte heraus und hielt sie Irina vor die Nase. »Greif zu! Wo musst du überhaupt raus.«
»Hannover.«
»Ich auch.«
Irina betrachtete erst den Inhalt der Tüte, dann Alex.
»Komm! Sind frisch. Erst von gestern Nacht!«, forderte sie Irina auf, griff hinein und steckte einen Kartoffelchip in Irinas Mund.
Frisch war etwas anders, dachte sich Irina, trotzdem schluckte sie. Rechtzeitig genug, denn der Nächste klopfte an ihren Lippen an. Dann griff sie selbst zu.
Ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen, stopfte sie ihre Beute in Alex Mund. Immer wieder steckten sie ihre Finger in die Tüte, um anschließend die Chips zwischen die Lippen des anderen zu drücken. Bis Alex nicht mehr kaute, sondern sich zu Irina vorbeugte. Sie hatte den Rand des Kartoffelchips eingeklemmt und beförderte diesen in Irinas Mund, dabei schielte sie zu dem Fahrgast mit Hund. Ihre Lippen berührten sich und Alex Hand glitt erst über Irinas Schulter, dann über ihre Brust.
Weiterhin ihre Finger an Irinas Busen, glotzte Alex in deren Dekolleté. »Du hast geile Titten!«

Alex sank zurück in ihren Sitz, streckte den Hals, presste ihren Hinterkopf an die Kopfstütze und schloss die Augen. »Komm!«
»Was?«
»Greif zu!«
Irina vermutete, was Alex von ihr verlangte und Pein überkam sie. Sie sah zu dem Herrn, der weiterhin in seine Zeitschrift vertieft war.
»Las dich von dem Penner nicht ablenken. Der ist nur neidisch.«
Das Gesicht dem Herrn zugewandt, lehnte sich Irina nach rechts und berührte Alex Bauchnabel.
»Höher!«
Ihre Fingerspitzen glitten über Alex Haut, unter ihr Muskelshirt, bis an ihre Brust.

Irina hatte nie - außer ihren Eigenen - einen Busen berührt. Es war nicht unangenehm. Wenn sie nicht mit Hunderten Fremden in einem Zug gesessen hätte. Daher schloss sie ihre Augen. Tastete. Sie hatte sich soeben an Alex Haut gewöhnt, da packte Alex sie am Hals, presste sie sie an sich und küsste Irina erneut. Der Kuss unterschied sich vom Ersten. Dieser glich eher dem der Mutter, des Vaters oder, Irina legte ihre Hand auf Alex Taille, dem vom Fedja.

Fedja war Irinas Freund, aber nicht so eine Art Freund, die sie bei gleichaltrigen Mädchen in Deutschland kennengelernt hatte. Irina ging mit Fedja ins Kino. Sie unternahmen ausgiebige Spaziergänge rund um ihr Dorf und er begleitete sie, in die Stadt, wenn weder Eltern noch Freundinnen Zeit hatten. Denn allein nach Kiew zum Einkaufsbummel zu fahren, war für sie als Mädchen zu gefährlich. Die Ukraine war nicht Deutschland.
Mehr als ein Abschiedskuss von Fedja erlaubte Irina nie, kämme ihr niemals in den Sinn. Körperkontakt mit einem Mann vor der Ehe zu haben für sie undenkbar. Nicht, dass ihr es die Eltern verbaten - jedenfalls solange er kein Russe war. Ihre Großmutter hatte sie überzeugt.

Irinas Finger berührten Alex Gesäß und Alex Hand glitt über Irinas Knie. Alex mit Wachs bedeckten Lippen schmeckten nach Kirsche. Sie schloss ihre Augen. Obgleich sie sich immer davor ekelte, wenn ihre Großmutter ihr Taschentuch bespuckte, um ihr damit die Wangen zu reinigen, erlaubte sie Alex Zunge in ihren Mund einzudringen, versuchte sogar mit ihrer Zungenspitze, diese zu fangen.

In der Welt ihrer Babusya war es unvorstellbar, dass eine Frau ohne Segen Gottes einem Manne beischlief. Sie war zwar kein aktives Mitglied ihrer Gemeinde, dennoch gab es für sie Grenzen. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn ein Anhänger ihrer Gemeinschaft Irina zur rechten Zeit zum Altar führe. Aber die Auswahl an Mennoniten in der Ukraine war begrenzt oder dermaßen der westlich Welt zugetan, dass diese für Großmutter Jana kaum infrage kamen.
Jana bereute, wenn sie Irinas Vater sah, dass sie sich ihrem Mann gebeugt und der Ehe zugestimmt hatte. Sogar ein Moslem oder Hindu waren für sie eher zu ertragen, als ein Atheist.

Irinas Puls raste, als sie Alex Finger erst zwischen ihren Schenkeln, anschließen weiter oben spürte und sie ihre Fingernägel in Alex Hotpants stieß. Verschmolz mit ihr. Stellte sich vor, sie läge mit ihr, wie Gott sie geschaffen hatte, auf einer Blumenwiese, die in allen Farben des Regenbogens leuchtete.

Zeitweise hatte Irina sogar erwägt die Großmutter zu animieren ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie es besser bei der Patentante hätte. Denn sie hatte Kontakte in die Staaten, damit hatte sie die Aussicht, Irina einen adäquaten Mann vorzustellen. Ein Leben in den Staaten lockte sie.
Bei der Vorstellung, ihrem zukünftigen Ehemann hörig zu sein, um diesem duzende Kindern zu gebären, überkam sie Brechreiz. Der Preis war Irina zu hoch. Allein der Verzicht auf Hosen schreckte sie ab. Nicht, dass sie Kleider verabscheute, waren nicht ihr Ding. Das Kleid hatte sie gekauft, um der Tante einen Gefallen zu erweisen.

Alex stieß mit ihrem Stiefel gegen die Zeitschrift des Herren und plumpste zurück in ihren Sitz. »Na Wichser! Hast ein Ständer oder kriechst keinen hoch!«
Der Mann stand auf, atmete tief ein und zog an der Leine. »Komm Trixi, wir gehen. Die Jugend von heute ist widerlich.« Er schritt in den Gang und wandte sich zu den Mädchen um. »Früher hätte man euersgleichen in den Gulag gesteckt.«
Dann kehrte er ihnen den Rücken zu, woraufhin sich Alex in den Gang lehnte. »Gern! Als Wachfrau.«
Sie streckte ihren rechten Arm, die Hand flach, in die Höhe, krümmte Mittel-, Ring und kleinen Finger. »Peng!«
Irina drückte sich in ihren Sitz. Ihre Gefühle drehten sich im Kreis. Vor Sekunden hatte der Pein sie in der Gewalt. Der Kuss ihr die Schamesröte ins Gesicht getrieben, dann hatte das Verlangen sie gepackt, obwohl sie sich auf ihrer Reise mit Scham abgewandt hatte, wenn sie Frauen sah, die sich küssten. Zuhause wäre dieses undenkbar. Es gab nicht einmal Frauen, die sich an den Händen hielten, zumindest hatte sie niemals welche gesehen, oder es war ihr nie aufgefallen. In Deutschland war alles anders. Sogar Männer küssten sich, und zwar nicht nur auf die Wangen.
In diesem Moment überwältigte sie der Dank. Der Dank Alex gegenüber, die ihren Mann stand. Sie hatte ihre Arme wie Engelsflügel ausgebreitet, um sie zu schützen. Sie war eine Seherin. Alex hatte in die schwarze Seele des Mannes geschaut, ihn entlarvt und in die Flucht geschlagen. War es das Schicksal. Irina umfasste ihr Kreuz. Hielt der Herr seine Hand über sie? Hatte er Alex gesandt? Sie war ein Engel mit schwarzen Lippen. Sie dachte an ihre Babusya, gehe hin, wo die Düsternis waltet, denn die im Licht brauchst du nicht zu erretten. Irina schloss ihre Augen. War Alex den Weg gegangen? Lud Alex sie ein, ihr zu folgen.

Alex stupste sie an. »Schnecke, hast die Beule in seiner Hose gesehen, wenn der keinen Hoch hatte, dann küss ich eine Zecke.«
Irina ergriff Alex Hand. »Beruhige dich.«

Das Quietschen der Zugbremsen dröhnte durch den Waggon und Alex lehnte sich über Irinas Schoss. »Mensch Schnalle, wir müssen raus!« Sie sprang auf, ergriff ihren Rucksack und eilte den Gang entlang.
Irina sah aus dem Fenster, erblickte das Schild Hannover Hauptbahnhof. Ohne weiter auf Alex zu achten, stand sie auf, reckte sich und zerrte ihren Reiserucksack über die Ablage. Das Gepäckstück schlug auf ihren Kopf auf, riss ihr die Baseballkappe herunter, die auf den Sitz segelte.
Irina ergriff die Kappe. »Alex deine Mütze!«
Aber Alex war verschwunden.

Sie hing den Riemen ihre enzianblaue Handtasche über ihre Schulter, schnappte mit der linken Hand ihren Rucksack und rannte zum Ausgang. Behielt in der Hektik die Kappe in der Rechten. Irina erreichte die Tür, als bereits neue Fahrgäste zustiegen. Erst als der Letzte sich an ihr vorbeigedrängt hatte, stieg sie aus dem Zug.
Der Bahnsteig war, bis auf die Personen, die am gegenüberliegenden Fahrsteig warteten, leer. »Alex!«

Irina schulterte ihren Rucksack und schritt auf die Fahrtreppen zu. Sie schaute hinab. Ein glatzköpfiger Mann in einer Lederjacke, welcher sich mit einer in einem violetten Kostüm gekleideten Frau unterhielt, versperrte ihr die Sicht. Erst, als Irina die erste Stufe betrat, erblickte sie Alex, die sich nach dem verlassen der Fahrtreppe nach links wandte. Danach erkannte sie Trixi, sowie dessen Herrschen, das Alex folgte.
Die Angst übermannte Irina. Sie ergriff den Handlauf und glitt in das Dunkel des Untergrundes.


An der Leine
Es war die Hoffnung, die Irina getrieben hatte. Wie ein Zombie war sie durch die Unterwelt des Hannoveraner Bahnhofs gegangen. Hatte die Menschen, die ihr entgegenmarschierten, nur als Silhouetten wahrgenommen, starrte, die Augen aufgerissen, in die Geschäfte, im Focus ein Gesicht, welches ihr Innerstes verlangte wiederzusehen. Mit jeder Minute, die verging, verkrampfte sich ihr Magen stärker. Sie fasste ihr Glück kaum, als sie in einem Drogeriemarkt ihren Florentinerhut erblickte, ihre Beine, ohne dass sie einen Befehl gegeben hatte, sie zu der Person trugen.

In Trance war sie ihr gefolgt, stieg mit ihr in eine U-Bahn, die später eine Straßenbahn war. Irina interessierte sich nicht für die Gebäude, die an ihr vorbeiflogen, sondern fixierte allein Alex schwarze Lider und Lippen. Sie spürte nicht die Steine unter ihren zarten Ballerinasohlen, als sie einen ausgetretenen Weg entlang einer Schnellstraße wanderten. Das Stechen der Äste an ihren Armen und Beine nahm sie wie Liebkosungen wahr, als Alex ihr einen Weg durch das Gebüsch bahnte. Erst nachdem sie sich auf einer Wiese an einem Fluss setzte und die Laufmasche begutachtete, kam sie wieder zu sich. Sie erkannte, dass sie vom Wege abgekommen, ihr Zeitplan nicht mehr einzuhalten war.

Irina öffnete die Handtasche, zog ihr Mobiltelefon heraus und rief Elwira an, während Alex sich ihrer Stiefel entledigte und bis zu den Knöcheln ins Wasser schritt.
Irina entschuldigte sich bei ihrer Patentante, begründete den Verzug damit, dass sie die Bahn nach Hannover verpasst hätte, versprach ihr, sie am Braunschweiger Bahnhof zu treffen, bevor ihr Nachtzug abführe.
»Ich komm vom Lande«, bellte Alex über den Fluss, als wäre es eine Schande dort aufgewachsen zu sein. Sie wandte sich um und schritt auf Irina zu. »In der Stadt hat man keine Freunde. Ist allein.« Alex hob ihren Rucksack auf, fischte eine Weinflasche und ein Schweizer-Messer heraus, entkorkte die Flasche, nahm einen Schluck, und reichte diese Irina.
Irina lehnte ab, sie trank keinen Alkohol, woraufhin Alex sich zwischen Irinas Beine kniete. Sie stellte den Wein zur Seite und strich über Irinas Busen. »Erst ficken, dann schwimmen oder umkehrt?«

Sie runzelte ihre Stirn, verstand ihre Frage nicht. Was schwimmen war, war ihr klar, aber ficken? Das Wort hatte sie des Öfteren bei Jugendlichen gehört, sogar gefragt, was es bedeutet. Nie hatte sie eine plausible Antwort bekommen, einzig Gekicher.
Erst nachdem Alex ihre Lippen auf die ihrigen presste, war ihr klar, was das Wort ausdrückte – schmusen. Irina vermutete, Alex habe gemerkt, dass sie sich im Zug geniert hatte. Denn der Fremde hatte sie angestarrt, als täten sie irgendetwas Verbotenes.
Sie kniff ihre Augen zusammen. Es war eine Sünde! Ihr Herz verlangte dennoch nach einer Wiederholung, obwohl ihr Verstand sich wehrte. Nein! Einzig ein inniger Kuss, eine zärtliche Berührung war es, nicht mehr, ohne Zweifel von einer Frau, aber kein Eindringen eines Mannes, denn sie außerhalb der Ehe begehrte. Außerdem spürte sie ihre Panik, die Panik vor dem Fluss. Die Angst vor derlei Gewässern, welche sie peinigte, seitdem Jungen aus ihrem Dorf sie in den Dnjepr gestoßen hatten.
»Ficken!«, hörte sie ihre eigene Stimme.

Alex zog sich ihr abgeschnittenes Muskelshirt über den Kopf, und Irina blickte auf ihre Brüste. Mit dem rechten Zeigefinger strich sie über eine Achtzehn, die oberhalb von Alex linker Brustwarze eintätowiert war.
»Was ist das?«
Alex sackte zusammen, sodass ihr Gesäße ihre Hacken berührte, streckte den Hals und betrachtete den wolkenlosen Himmel. »Ja! Ich habe versprochen es mir über zu tätowieren.«
Die Lippen geschürzt, wandte sie sich von Irina ab.
»Reg dich nicht künstlich auf«, blaffte Alex sie an, dann schlug sie gegen ihre Stirn. »Bin ich blöd!«
Sie rutschte von ihren Hacken, streckte das rechte Bein und vergrub ihre Hand in der Hosentasche. »Warte, ich hab es gleich.«
Sie stand auf, zog die Hotpants aus, steckte erneut ihre Hand in die Tasche und fischte, dabei lächelte sie Irina an, ein Kettchen heraus und hielt dieses ihr vors Gesicht.
Es war die gleiche Kette, die Irina trug.
»Brauchst dich nicht zu verstellen! Wir gehören demselben Klub an.«

Irina verstand nichts, nur, dass die Kette eine Art Erkennungszeichen war. Im ersten Moment wollte sie Alex aufklären. Dann empfand sie Angst, Alex könne sie verlassen.
»Wie sollte ich wissen …«
»Meine Schuld«, fuhr ihr Alex ins Wort und fiel vor ihr auf das Gras. Sie überschlug die Arme, stütze ihren Oberkörper auf Irinas Knien ab und lächelte. »Ich bin halt nicht soweit. Bin, wie ich bin. Zecken klatschen, zeigen wer der Herr, ist mein Ding. Direkt ohne Worte. Aber sich einzuschleimen, den wahren Weg zu verlassen, nur, um irgendwann das Gesindel zu vertreiben. Das ist nichts für mich. Ich bin kein Kopfmutant. Die glauben es einfach. Einzig, weil ich ein Einser Abi gebaut habe. Wer nicht zu blöd ist, schafft das mit Links. Diese Gutmenschenlehrer sind alle verweichlicht.«
Irina entdeckte den Zweifel in Alex Herzen, versuchte Worte zu finden, die Alex stärkten. »Du schaffst das.« Um ihrer Aussage mehr Inhalt zu geben, strich sie über Alex Brust und hauchte einen Kuss auf ihre Wange.
Anstatt sich zu fangen, sprang Alex auf. »Ich raffe es jetzt«. Sie wies mit dem Zeigefinger auf Irina. »Angesetzt haben sie sich auf mich. Bin ich blöd!«
Irina streckte den Hals. »Da ist jemand!«
»Wir sind allein!«, schnauzte sie Alex an.
Irina wandte den Kopf. »Dort im Gebüsch.«

Alex marschierte ins Unterholz. Fluchend kam sie zurück. »Scheiß Hecke!« Sie ergriff Irinas Pferdeschwanz und zerrte diesen in die Höhe. »Los gesteh! Wer hat dich auf mich angesetzt? Sabine! Claudia!«
Irina umklammerte ihr Haar und erblickte die Wut auf Alex Stirn. Angst breitete sich in ihrer Brust aus, nahm ihr die Luft zum Atmen.
»Du tust mir weh. Niemand! Ich weiß nichts.«
Alex ließ ab, kniete nieder und strich über Irinas Schulter.
»Tschuldigung!«
Die Trauer in Alex Augen vertrieb Irinas Angst und zauberte ihr ein Lächeln der Gnade auf die Lippen.
Alex lachte. »Ziehst! Ich kann lernen. Ich kann es besser.« Sie presste die Rechte an ihre Wange und grinste. »Entschuldigen sie Fräulein, dass ich ihnen zu nahegetreten bin, aber mein Naturell geht zu meinem Bedauern manchmal mit mir durch.« Ohne eine Antwort abzuwarten, beugte sie sich über Irina, presste ihre Lippen auf Irinas und drückte ihren Oberkörper gegen deren, bis Irinas Rücken das Gras berührte.

Ob es die Pein war, dass sie den Kuss genoss, oder die Scham darüber wie sie Alex Gesäß liebkoste, lag außerhalb von Irinas Wahrnehmung.
Sie schob Alex ab, richtete sich auf und starrte ins Gebüsch, dabei flirrten ihre Augen wie das Pendel eines Metronoms. »Da ist wer!«
»Hör auf! Da ist niemand! Schau selbst nach!«
Irina strich über die Laufmasche und schaute Alex an.
Diese verdrehte die Augen. »Schnecke, wenn ich irgendwann so etepetete werde wie du, sagst mir Bescheid, dann erschieß ich mich«, fluchte sie und trottete erneut ins Unterholz.

»Niemand da«, stöhnte Alex, trat an Irina heran und strich durch ihr Haar. »Mir ist die Lust vergangen. Lass uns schwimmen!« Sie beugte sich vor, streckte ihren Hintern Irina entgegen und streifte sich ihren Slip über die Beine.
Irina berührte Alex Gesäßbacken, strich über ein Tattoo, welches einen Davidstern darstellte. »Du bist Jüdin?«
Alex fuhr herum, griff um Irinas Hals, verzerrte ihr Gesicht zu einer Fratze, und drückte ihre Daumen gegen Irinas Kehle.


Hexentanz

Irina schnappte nach Luft. Was war Alex für ein Mensch. Es musste irgendetwas passiert sein, was sie aus der Bahn geworfen hatte.
Einerseits verlangten ihre Beine, ihr Verstand, von ihr aufzuspringen, anderseits strebten ihre Lippen, ihr Herz, danach Alex Mund zu berühren.
Sie betrachtete Alex Brüste, dann ihre linke Hand. Sie schloss ihre Augen und atmete ein. Und ihre Finger folgten ihren eigenen Gesetzen, indem sie über Alex Haut strichen.

Die Worte, welche über Lippen gesprungen waren, als Alex ihr die Kehle zuschnürte, waren nicht von dieser Welt, eine Zunge die Irina nicht verstand. Es war die Sprache des Satans. Die Gebete, die sie mit den anderen Jugendlichen auf ihrer Reise zum Herrn geschickt hatte, hatten Alex nicht erreicht. Oder war es das, was er wollte.
Liebe! War es ihr zuteilgeworden. Ihr, Irina? Nein! Eine Waffe des Herrn war die Liebe. Er hatte diese in ihr Herz gelegt und der Satan befehligte ihre Beine.
Der Teufel!

Die Bilder, welche sich bis in die letzte Ecke ihres Gehirns eingeprägt hatten, bahnten sich ihren Weg. Die Filme von den Vernichtungslagern, die sie in der Schule gesehen hatte.
Die Berge von Leichen – nein Gerippen, die Soldaten aufstapelten. Die Öfen aus denen Asche quoll. Asche von Menschen, unzähligen Menschen.
Die Skizzen ihres Urgroßvaters, welche ihr der Vater gezeigt hatte. Die gleichen ausgemergelten Körper, einzig der Unterschied, dass diese zu Eis gefroren am Wegesrand lagen.
Satanswerk!

Irina konnte es nicht fassen, wie es dem Satan immer wieder gelang, in Seelen einzudringen.
»Wir sind alle Kinder Gottes.«
Alex zog ihren Kopf zurück und starte Irina an. »Gehörst du zu denen?«
»Welchen?«
»Claudia hat mich gewarnt. Ich solle aufpassen!«
»Vor was?«
»Vor euch!«
»Mir?«
»Nein! Den anderen.« Alex grinste. »Gut! Ihr seid bereits weiter. Trotzdem ist das nicht meine Welt.« Sie schlug mit der Faust gegen Irinas Schulter. »Ich schlag lieber selber zu, als andere es machen zu lassen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Das Ziel ist dasselbe. Egal ob ihr euch auserwähltes Volk oder wir uns auserwählte Rasse nennen.«

»Das Ziel?«
»Schnecke, tue nicht so dämlich, oder willst du mich testen.« Alex rechter Arm schnellte nach vorn. »Das internationale Judentum vom Globus zu fegen.«
»Der Messias war Jude!«
»Von mir aus! Wer hat ihn ans Kreuz genagelt?«
Irina hob ihre linke Augenbraue. »Die Römer!«
»Wer hat dir den diesen Scheiß ins Gehirn geschissen. Die Römer waren Soldaten, Kämpfer. Die wussten, was sie taten. Warum sollten sie einen dahergelaufenen Juden kreuzigen, der war keine Gefahr. Die reichen Juden haben in vernichtet. Die hatten Angst, dass seine Predigten sich in die Köpfe bohrten und sie ihre Knete verlören. Später haben sie dann erkannt, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt haben, welche Macht im Christentum war und haben alle manipuliert.«
Die Lippen gepresst, warf Irina den Kopf in ihren Nacken. »Du sprichst wie ein Pope, der aus der Bibel zitiert.«
»Wie?«
»In der Bibel steht, dass es die Juden waren.«
»Das ist es!«
»Was?«
»Opferrolle. Dumm sind sie nicht. Außerdem gibt es keinen Gott.«

Welcher Art Gehirnwäsche Alex widerfahren war, lag außerhalb Irinas Fantasie. Daher ging sie davon aus, dass der Satan tief in ihre Seele eingedrungen war.
Irina verstand es nie, dass es Menschen gab, die nicht an Gott glaubten. Er war immer da. Sie lehnte ihren Kopf zur Seite. Obwohl! Ihr Vater gehörte zu denen, dabei wusste Irina, wenn er einmal seinem Herzen einen Schups gab, würde der Heilige Geist in ihn fahren und er seine Pracht bewundern. Ihre Großmutter hatte es aufgegeben, nicht weil sie seine Seele aufgab, sie war zur Erkenntnis gekommen, der Herr leite ihn. Dabei hatte sie die besseren Argumente. Wenn der Vater der Großmutter das Gleichnis von den zwei Seelen vor der Himmelpforte erzählte, legte jene ihre Hände auf seine Schulter und sagte Barmherzigkeit, Gott ist barmherzig, er lässt jeden ins Paradis.

Irina wandte sich zu Alex und strich über ihren Bauch. »Stell dir vor zwei Seelen stehen vor dem Herrn und wollen Einlass ins Paradis. Die eine betete zu Lebzeiten dreimal am Tage zu Gott, verachtete aber die Menschen, beutete sie aus, brachte sie um. Die andere weigerte sich, an den Herrn zu glauben, lebte dennoch in Nächstenliebe.«
Alex kratzte sich die Nase. »Wenn du so fragst. Der Zweite, der nicht Gebete hat.«
Irinas Finger wanderten über Alex Brust. »Beide. Barmherzigkeit! Allein aus der Tatsache, dass sie beide vor der Himmelpforte stehen, zeigt das sie bereuten, ihre Fehler eingestanden haben. Wer bereut hat immer ein Platz an Gottes Seite. Es ist nie zu spät dem Satan abzuschwören.«
»Claudia hat recht. Ihr seid krank. Schickt andere vor, damit sie bereuen, ihre Seele, so ein Schwachsinn, befreien. Genauso abgefahren wie bei den Molukken, die sich einbilden, wenn sie sich in die Luft jagen, zwölf Jungfrauen zu bekommen.« Alex schob Irinas Hand von ihren Busen. »Habe keine Lust. Lass uns schwimmen.«

Alex erfasste mit der linken Hand Irinas Nacken und mit der Rechten zog sie den Zipper von Irinas Reißverschluss herab.
Irina presste den Stoff des Kleides gegen ihre Brust. »Was machst du?«
Das Gesicht der Leine zugewandt, hob Alex ihre Schulter. »Willst du im Kleid schwimmen?«
»Nackt?«
»Wie den sonst!«
Das Alex keine Scham verspürte sich, ohne Kleider zu zeigen, war ihre Sache. Sie? Gut! Alex war eine Frau. Dennoch bestand die Chance, dass ein Fremder sie sah. Ihr Instinkt hatte entschieden, mit Alex zu kuscheln.

Alex lachte. »Grade wolltest du mit mir vögeln und jetzt genierst du dich. Ihr seid komisch. Macht das Licht beim Sex aus, wie?«
Das Wort Sex hallte in ihrem Gehirn nach, brannte sich ein. Hatte sie, ‚ficken‘ falsch interpretiert, besagte es nicht schmusen, sondern den Geschlechtsakt. Alex war eine Frau, sie war eine Frau, das passte nicht.
Es sei denn, der Satan hatte sich ihrer vollständig bemächtigt. Alex war eine Hexe.
Ihre Großmutter hatte ihr die Geschichten von den Hexen erzählt. Sie brachten sich im Tanz in Ektase, dann verschlangen sie ihre nackten Leiber ineinander, bis der Teufel sich in einer manifestierte, er, wie der Bulle auf der Kuh, in sie eindrang und …
Alex zupfte am Stoff von Irinas Büstenhalters, lachte. »Hast von deiner Großmutter geerbt. Das Ding ist ja hässlich. Müssen mal shoppen gehen. Ich halt ja nichts von Spitze und Rüschen, aber dir würde es stehen, bist halt eine Feine. Schnecke.« Sie fasste an Irinas Rücken, öffnete den Verschluss des Büstenhalters und zerrte diesen von Irinas Oberkörper. »Obwohl bei deinen geilen Titten brauchst du die Dinger gar nicht, stehen wie eine Eins.« Sie hob ihre eigenen Brüste an. »Nicht so wie bei mir.«

Irina bekreuzigte sich. »Herr hilf mir! Treibe den Satan aus ihrem Körper.«
»Mann seid ihr kompliziert. Sag, was du willst und gut. Mache ich auch.« Sie spreizte die Beine. »Bedien dich!«
Was verlangte der Herr von ihr, sollte sie die Dämonen mit Gewalt austreiben. Sie musste einen anderen Weg finden.
Irina legte ihren Arm auf Alex Schulter. »Dich bedrückt was?«
»Machst du jetzt auf Psycho?«
»Erzähl! Es befreit.«

Alex schnappte sich die Weinflasche, setzte diese an und leerte sie bis zur Hälfte. »Ich habe einen Kameraden in Stich gelassen.«
»Ich verstehe.«
Irina verstand nichts. Weder Alex Verhalten noch ihre Worte, aber, dieses wusste sie, hasste der Satan die Beichte.
»Ich war mit Sam auf dem Konzert. Abschied. Dir muss ich es nicht sagen. Keine Kontakte. Die Brücken zum alten Leben abbrechen. Egal!«
Sie streckte ihren Arm aus und klopfte auf das Wolfstattoo. »Hat Sam sich auch stechen lassen.« Sie nahm einen weiteren Schluck. »Es ist ohne Absicht passiert.«
»Was?«
Alex verdrehte die Augen. »Ich habe Sam geküsst.«
»Ist das schlimm?«
»Bist gaga!«, schnauzte sie Irina an und schlug sich an die Stirn. »Hey, mega Auflauf.« Sie leckte über ihre Oberlippe. »Wo Claudia herkam keinen Blassen. Sie zerrte mich weg und hielt mir eine Predigt.«
»Deine Freundin?«
»Sie ist nicht meine Freundin. Wir sind, wir waren Kameraden.« Sie klemmte den Daumen zwischen Ring- und Zeigefinger ein. »So fett standen wir uns.«
»Was ist mit ihr passiert?«
»Sam haben die verwichsten Russen mitgenommen. Ich muss dir wohl nicht erklären, was diese dreckige Bande mit Sam gemacht hat.«
»Konntest du dich von ihr verabschieden?«
Alex stand auf und schritt zum Fluss. Irina sah ihr nach und zog sich Strümpfe aus.
Alex spuckte ins Wasser. »Habt dir gesagt, Claudia hat mich weggezogen.« Sie ging in die Hocke. »Soweit mir Claudia gesagt hat, haben die Viecher von Russen Sam in ein Camp nahe diesem versaute Kiew verfrachtet.«

Das Wort Kiew drang in Irinas Kopf ein wie ein Pfeil. Erst recht mit der Kombination versaut und Russe.
»Du hast dich mit Sicherheit verhört.«
»Schnecke ich habe Ohren und Claudia lügt mich nicht an. Außerdem kenne ich diese Russen, die essen mit den Fingern«, Alex presste, »und scheißen ins Bett.« Kot fiel ihr zwischen die Füße. »Zuscheißen dieses Kiew. Einäschern mit Mann und Maus. Das sind keine Menschen.«
Irina verknotete ihre Strümpfe. »Sei still, du lügst!«
Alex hob den rechten Arm zum Gruß und streckte ihrer Hand. »Von der Maas bis an die Memel. Die Fahne hoch! Zum Kampfe steh’n, wir alle schon bereit!«
Danach schrie Alex Tiraden von Schimpfwörtern, wobei Hurensohn eins der nettesten war.
Irina sah sich um. Kein Stück Seife erblicke sie. Ihre Großmutter wusch ihr den Mund, wenn sie fluchte. Sie sagte ihr dann, dass der Teufel Reinlichkeit hasste. Irina hielt sich die Ohren zu und schritt auf Alex zu. »Sei still, sei still. Treib den Teufel aus dir.«

Alex hörte nicht auf sie, schrie weiterhin ihre Wut über den Fluss. Irinas Hände zitterten, als sie die Strümpfe Alex um den Hals legte. Sie wollte, dass sie aufhört. »Genau erwürgen die Plage, jede Kugel zu schade für sie«, rief Alex.
Die Augen geschlossen zehrte Irina an den Enden der Strümpfe und presste ihr rechtes Knie gegen Alex Rücken. Sie betete das Ave Maria. Sie betet, wie es ihre Großmutter beten musste, als es verboten war deutsch zu sprechen.
Alex röchelte, wandt sich, zerrte mit beiden Händen an den Zwirn, welcher ihr den Hals einschnürte. »Du ... Rus ... Schlam ... die ... ge«, stieß Alex aus.
Irina betete, zog, stemmte ihr Knie gegen Alex Rücken, lehnte ihren Oberkörper zurück und sah gen Himmel.
Bis der Teufel aus Alex Seele entwisch, ihr Körper erschlaffte und ihr Kopf herabhing, wie bei den Hühner, welche Irinas Großmutter vorm Rupfen über eine Leine hing.


E N D E
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo ahorn,
das ist witzig. Ich hatte die Geschichte durchgelesen, dann mal eine Weile wirken lassen, und wollte jetzt nach den Fehlern, die ich beim Lesen entdeckt hatte, suchen. Und schwupp, Du warst schneller und hast sie schon korrigiert.
Dann kann ich nur noch sagen: eine krasse Geschichte, deren Ende man kaum erahnen konnte. Aber man liest weiter, weil man wissen will, wie es weitergeht.
Hat mir gefallen.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
dank für deine löblichen Worte.
Ich würd mich dafür interessieren, was dir gefällt uns was nicht.
Warum? Weil ich neigierig bin. ;)
Ernst!
Der Text ist ein "Opener" - immer dieses Denglisch - für einen Roman - genauer einem Mehrteiler.

Sonnige Sommergrüße
Ahorn
 
Hallo ahorn,
oh, jetzt habe ich doch noch einen Fehler gefunden. Ganz am Ende des ersten Kapitels: 'Sie griff an den Saum ihres Tops, woraufhin Irina ... , sodann mit der Linken Irina davon abhielt, ihre Tat umzusetzen.'
Beim zweiten Mal muss es nicht 'Irina', sondern 'Alex' heißen, richtig?
Die Sprache von Alex ist manchmal etwas grob. Hast Du da Studien betrieben, um sie authentisch hinzukriegen?
Oh, es gibt eine Fortsetzung? Na, klar, es ist ein Mord geschehen. Der muss aufgeklärt werden. Ich bin gespannt.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
Danke für den Hinweis - Fehler beseitigt.
Hast Du da Studien betrieben, um sie authentisch hinzukriegen?
Schreiben heißt: Viel Lesen - und dies beinhaltet nicht nur moderne Werke, viel schreiben und viel beobachten.
Ich weiß ja nicht, wie alt du bist.
Lebenserfahrung ;)

Gruß
Ahorn
 
Hallo ahorn,
na, der Jüngste bin ich nicht mehr, aber auch nicht so alt. Aber mit dem Sprachgebaren der heutigen Jugend oder solchen kleinen Anarchisten, wie ich diese Alex sehe, kann ich nicht wirklich viel anfangen. Ich wüsste nicht, ob ich das in geschriebener Form so hinbekommen würde.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

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