Die breiten, völlig gerade verlaufenden Straßen Taschkents lagen feucht und makellos sauber im ersten, noch schwachen Tageslicht. Noch vor Sonnenaufgang waren Reinigungsfahrzeuge durch jede Straße gefahren und hatten mit mächtigen Wasserstrahlen jedes bisschen Schmutz entfernt. In der ganzen Stadt roch es jetzt nach frischem Seifenwasser. Selim und Murat, zwei Brüder von zehn und dreizehn Jahren, liefen eilig über die Bürgersteige auf den Stadtrand zu. Es war noch vor 6 Uhr morgens.
Ein kompliziertes Bewässerungssystem sorgte dafür, dass Taschkent voller Bäume und frischer Blumen war. Aber die letzten Plattenbauten, ganz im Sowjetstil errichtet, gingen beinahe übergangslos in die leere Wüste über.
Die Brüder liefen einige hundert Meter in die Wüste hinaus. Noch war es draußen kühl, fast kalt. Sie erreichten einen Holzschuppen, der schon halb im Wüstensand versunken war. Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihnen, die Tür des Schuppens zu öffnen. Und da war es. Ihre Erfindung. Sie bestand aus einem schlanken Holzboot ihres Großvaters, an das sie vier stabile, mit Gummi überzogene Reifen angebracht hatten. Durch die Mitte des Boots war ein kräftiger, angespitzter Stock getrieben worden, der jetzt ein großes, weißes Segel trug. Sie hatten sich ein Wüstenfahrzeug gebaut, das nur durch den Wind angetrieben wurde. Sie rollten ihr Fahrzeug gemeinsam aus der Hütte und setzten sich dann auf die Sitze, die aus zwei waagerechten Holzplatten bestanden.
„Selim, was sagt der Kompass?“
„Unser Kurs ist Süd-Süd-West.“
Murat spannte das Segel auf, und das Gefährt setzte sich in Bewegung, erst ganz langsam, dann immer schneller. Schließlich schienen sie nur so über den Wüstenboden zu gleiten. Die Sonne stand jetzt tief und mächtig am Horizont und tauchte den Himmel in ein tiefes Rotorange.
Es war inzwischen später Vormittag, und die Hitze war unerbittlich. Murat und Selim hatten ihre Shirts ausgezogen, die ihnen schon nass am Rücken geklebt hatten.
Selim betrachtete seinen älteren Bruder. Er hatte schon Muskeln an den Schultern und Oberarmen.
Selim war etwas errötet, als er vorher sein Shirt ausgezogen hatte und seine dünnen Ärmchen und die noch komplett flache Brust zum Vorschein gekommen waren. Er stellte sich oft vor, wie es wäre, schon dreizehn zu sein, wie sein großer Bruder.
Am Horizont tauchten riesige Maschinen aus Stahl auf. Eine Art großer Hammer machte kreisende Bewegungen, hinein in die Erde und wieder heraus.
„Was ist das denn?“, fragte Selim.
Murat lachte. „Du weißt ja wirklich noch gar nichts. Das sind Erdölraffinerien.“
Selim gefiel der Klang des Wortes „Raffinerien“.
„Und wozu sind die da?“
„Für Fortschritt. Weißt du, wie die Kosmonauten.“
Selim nickte. „Ja, das ist gut.“
Er wollte selbst einmal Kosmonaut werden. Oder Physiker.
„Murat, pass auf!“
Einige Meter vor ihnen glitt eine schwarze Schlange über den Weg.
Murat griff ins Steuer und fuhr die Schlange zu Matsch.
Selim schluckte, sagte aber nichts.
„Werd ich auch so gemein sein, wenn ich erst mal dreizehn bin?“, fragte er sich. Er wusste es nicht.
Manchmal hasste er seinen großen Bruder. Noch vor einem Jahr war er viel netter gewesen. Seine Mutter hatte gesagt, Murat sei jetzt anders, weil er in die Pubertät gekommen war.
Die Landschaft, die die ganze Zeit über leer und monoton gewesen war, wurde jetzt immer grüner. Sträucher und kleine Bäume wuchsen hier, die der Trockenheit offenbar standhielten. Es gab sogar einige Blumen, in Rot und tiefem Dunkelblau.
Ihr Fahrzeug wurde jetzt schneller. Anscheinend war der Wind stärker geworden. Und dann änderte der Wind seine Richtung, und ihr Gefährt geriet ins Schlingern. Murat umklammerte ganz fest das Steuer, aber sie hatten die Kontrolle verloren und fuhren nun in großem Tempo auf einen kleinen, steinigen Hügel zu, der von niedrigen Bäumen und Sträuchern bewachsen war. Dann kam eine kurze, starke Windböe, und ihr Fahrzeug kippte zur Seite und überschlug sich. Selim verlor das Bewusstsein.
Als er erwachte, bemerkte er zuerst den Geruch von Harz und Blumen. Er lag inmitten einer spärlichen, aber wunderschönen Landschaft. Ein Schmetterling mit einem faszinierenden, farbenfrohen Muster auf den Flügeln setzte sich auf den Kelch einer lilafarbenen Blume.
Jetzt kam Selim erst richtig zur Besinnung. Wo war sein Bruder?
„Murat!“, schrie er.
Er blickte sich hektisch um.
Da lag er.
Sein Kopf lag direkt an einer sandfarbenen Steinmauer.
Selim rannte zu ihm.
„Murat!“
Er bewegte sich nicht.
Selim fing an, ihn zu schütteln. Murats Körper war völlig locker und ohne Spannung.
„Nein! Murat, nein!“ Selim schrie und fing an zu schluchzen.
Murat öffnete die Augen. „Selim! Ich hab doch nur Spaß gemacht!“
Selims Angst und Verzweiflung schlugen sofort in rasende Wut um. Er hämmerte mit seinen kleinen Fäusten gegen Murats Oberkörper und schrie: „Du blöder Bastard! Ich hasse dich! Du Scheißkerl!“
Murat entschuldigte sich immer wieder und versuchte, seinen kleinen Bruder zu beruhigen. Dann rief er plötzlich: „Selim, schau mal da!“
Selim drehte sich um und sah jetzt ein niedriges, langgezogenes Haus, das die Form eines „L“ hatte. Sein Zorn verpuffte.
Murat und er liefen auf das merkwürdige Haus zu.
Die Tür war verschlossen. Sie gingen um das Gebäude herum.
„Wer seid ihr, und was macht ihr hier?“
Die Brüder drehten sich schnell um. Vor ihnen stand ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit kurz geschnittenen, schwarzen Haaren.
„Wir sind mit unserem Fahrzeug liegen geblieben“, erklärte Murat schnell.
„Euer Fahrzeug?“, fragte das Mädchen erstaunt.
„Ja“, antworteten Murat und Selim gleichzeitig und nickten ernst.
Das Mädchen schien kurz zu überlegen, dann sagte sie in höflich-erwachsenem Ton: „Dann kommt doch erst mal rein auf eine Tasse Cay.“
Die Brüder wechselten einen Blick und folgten ihr dann ins Haus.
Darin war es sehr sauber, und alles wirkte modern. Aber es sah nicht so aus, als ob hier so wirklich jemand wohnen würde. Es gab keine Teppiche und keine Tapeten.
Sie setzten sich auf ein Sofa aus beigem Leder und warteten, bis das Mädchen mit drei gläsernen Tassen Cay auf einem Tablett zurückkam.
„Bitteschön“, sagte sie.
Selim bemerkte, dass das Mädchen grüne Augen hatte. Er hatte noch nie ein Mädchen mit grünen Augen gesehen oder überhaupt einen Menschen, außer im Fernsehen.
„Ich heiße übrigens Nasiba.“
Die Brüder nannten schnell ihre Namen.
Selim gab einen Würfel Zucker in seinen Cay und rührte ihn mit einem kleinen Löffel sorgfältig um.
Er hätte gerne drei Würfel genommen, aber nur einer wirkte erwachsener.
Er schaute das Mädchen ununterbrochen an. Die Bewegung, mit der sie ihre Tasse zum Mund führte, sah irgendwie besonders aus.
„Was ist das hier eigentlich für ein Haus? Lebst du hier alleine?“, fragte Murat, nachdem sie zwei Minuten lang alle geschwiegen hatten.
Das Mädchen lachte. „Das ist eine Forschungsstation. Wir erforschen hier Schlangen und ihre Gifte. Mein Vater ist auch noch hier, aber der ist gerade draußen bei den Schlangen.“
Murat verzog das Gesicht. „Wozu erforscht man denn Schlangen? Die sind doch eklig.“
Das Mädchen lachte wieder. „Man kann aus ihren Giften Medizin machen.“
Selim verschluckte sich an seinem Tee.
„Kommt mit, ich bringe euch zu meinem Vater.“
Die beiden folgten ihr mit etwas Abstand.
„Wie heißt sie nochmal?“, flüsterte Selim seinem Bruder zu.
„Psst! Nasiba heißt sie.“
Sie verließen das Haus und kamen zu einem Gehege, das in einer Vertiefung im Boden lag. Darin stand ein schwarzhaariger Mann von etwa 40 Jahren.
„Papa, das sind Murat und Selim. Sie sind mit ihrem Fahrzeug liegen geblieben“, erklärte Nasiba.
Der Mann musterte die Brüder überrascht.
„Mit eurem Fahrzeug?“
„Ja“, antworteten Murat und Selim gleichzeitig und nickten dabei ernst.
Der Mann lächelte. „Dann glaube ich, kann ich euch beiden weiterhelfen. Ich hab da nämlich was auf der Rückseite des Hauses gefunden.“
Er stapfte in seinen Gummistiefeln davon.
Selim blickte in das mit Sträuchern überwucherte Gehege. Hunderte Schlangen aller Farben und Längen schlängelten sich auf dem Boden.
Er bekam eine Gänsehaut, die sich aber ein bisschen angenehm anfühlte.
„Sind die giftig?“, fragte er Nasiba.
„Die meisten schon“, antwortete sie stolz.
„Wie kann etwas, das giftig ist, eine Medizin sein?“
Nasiba fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Weißt du, gerade weil es giftig ist, ist es auch eine Medizin. Es kommt immer nur auf die Menge an.“
Selim dachte eine Weile über diesen Satz nach. Dann betrachtete er seinen Bruder.
Schließlich kam der Mann zurück. Er schob etwas über den Boden.
Es war ihr Wüstenfahrzeug.
Eine halbe Stunde später saßen die beiden Brüder wieder in ihrem Gefährt, und Murat spannte das Segel auf. Sie rollten langsam los. Alle winkten sich zum Abschied zu. Als sie schon fünfzig Meter von dem Mädchen und ihrem Vater entfernt waren, rief Selim laut: „Auf Wiedersehen, Nasiba, ich werd an dich denken!“
Murat blickte ihn belustigt an, und Selim errötete. Aber nur ein kleines bisschen.
„Selim, kannst du unseren Kurs neu bestimmen?“
„Wird gemacht, Abi“, sagte Selim und lächelte.
Nasiba und ihr Vater sahen dem Wüstengefährt noch eine Zeit lang hinterher, wie es sich der Bergkette am Horizont näherte, dabei immer kleiner wurde und schließlich ganz verschwand.
Ein kompliziertes Bewässerungssystem sorgte dafür, dass Taschkent voller Bäume und frischer Blumen war. Aber die letzten Plattenbauten, ganz im Sowjetstil errichtet, gingen beinahe übergangslos in die leere Wüste über.
Die Brüder liefen einige hundert Meter in die Wüste hinaus. Noch war es draußen kühl, fast kalt. Sie erreichten einen Holzschuppen, der schon halb im Wüstensand versunken war. Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihnen, die Tür des Schuppens zu öffnen. Und da war es. Ihre Erfindung. Sie bestand aus einem schlanken Holzboot ihres Großvaters, an das sie vier stabile, mit Gummi überzogene Reifen angebracht hatten. Durch die Mitte des Boots war ein kräftiger, angespitzter Stock getrieben worden, der jetzt ein großes, weißes Segel trug. Sie hatten sich ein Wüstenfahrzeug gebaut, das nur durch den Wind angetrieben wurde. Sie rollten ihr Fahrzeug gemeinsam aus der Hütte und setzten sich dann auf die Sitze, die aus zwei waagerechten Holzplatten bestanden.
„Selim, was sagt der Kompass?“
„Unser Kurs ist Süd-Süd-West.“
Murat spannte das Segel auf, und das Gefährt setzte sich in Bewegung, erst ganz langsam, dann immer schneller. Schließlich schienen sie nur so über den Wüstenboden zu gleiten. Die Sonne stand jetzt tief und mächtig am Horizont und tauchte den Himmel in ein tiefes Rotorange.
Es war inzwischen später Vormittag, und die Hitze war unerbittlich. Murat und Selim hatten ihre Shirts ausgezogen, die ihnen schon nass am Rücken geklebt hatten.
Selim betrachtete seinen älteren Bruder. Er hatte schon Muskeln an den Schultern und Oberarmen.
Selim war etwas errötet, als er vorher sein Shirt ausgezogen hatte und seine dünnen Ärmchen und die noch komplett flache Brust zum Vorschein gekommen waren. Er stellte sich oft vor, wie es wäre, schon dreizehn zu sein, wie sein großer Bruder.
Am Horizont tauchten riesige Maschinen aus Stahl auf. Eine Art großer Hammer machte kreisende Bewegungen, hinein in die Erde und wieder heraus.
„Was ist das denn?“, fragte Selim.
Murat lachte. „Du weißt ja wirklich noch gar nichts. Das sind Erdölraffinerien.“
Selim gefiel der Klang des Wortes „Raffinerien“.
„Und wozu sind die da?“
„Für Fortschritt. Weißt du, wie die Kosmonauten.“
Selim nickte. „Ja, das ist gut.“
Er wollte selbst einmal Kosmonaut werden. Oder Physiker.
„Murat, pass auf!“
Einige Meter vor ihnen glitt eine schwarze Schlange über den Weg.
Murat griff ins Steuer und fuhr die Schlange zu Matsch.
Selim schluckte, sagte aber nichts.
„Werd ich auch so gemein sein, wenn ich erst mal dreizehn bin?“, fragte er sich. Er wusste es nicht.
Manchmal hasste er seinen großen Bruder. Noch vor einem Jahr war er viel netter gewesen. Seine Mutter hatte gesagt, Murat sei jetzt anders, weil er in die Pubertät gekommen war.
Die Landschaft, die die ganze Zeit über leer und monoton gewesen war, wurde jetzt immer grüner. Sträucher und kleine Bäume wuchsen hier, die der Trockenheit offenbar standhielten. Es gab sogar einige Blumen, in Rot und tiefem Dunkelblau.
Ihr Fahrzeug wurde jetzt schneller. Anscheinend war der Wind stärker geworden. Und dann änderte der Wind seine Richtung, und ihr Gefährt geriet ins Schlingern. Murat umklammerte ganz fest das Steuer, aber sie hatten die Kontrolle verloren und fuhren nun in großem Tempo auf einen kleinen, steinigen Hügel zu, der von niedrigen Bäumen und Sträuchern bewachsen war. Dann kam eine kurze, starke Windböe, und ihr Fahrzeug kippte zur Seite und überschlug sich. Selim verlor das Bewusstsein.
Als er erwachte, bemerkte er zuerst den Geruch von Harz und Blumen. Er lag inmitten einer spärlichen, aber wunderschönen Landschaft. Ein Schmetterling mit einem faszinierenden, farbenfrohen Muster auf den Flügeln setzte sich auf den Kelch einer lilafarbenen Blume.
Jetzt kam Selim erst richtig zur Besinnung. Wo war sein Bruder?
„Murat!“, schrie er.
Er blickte sich hektisch um.
Da lag er.
Sein Kopf lag direkt an einer sandfarbenen Steinmauer.
Selim rannte zu ihm.
„Murat!“
Er bewegte sich nicht.
Selim fing an, ihn zu schütteln. Murats Körper war völlig locker und ohne Spannung.
„Nein! Murat, nein!“ Selim schrie und fing an zu schluchzen.
Murat öffnete die Augen. „Selim! Ich hab doch nur Spaß gemacht!“
Selims Angst und Verzweiflung schlugen sofort in rasende Wut um. Er hämmerte mit seinen kleinen Fäusten gegen Murats Oberkörper und schrie: „Du blöder Bastard! Ich hasse dich! Du Scheißkerl!“
Murat entschuldigte sich immer wieder und versuchte, seinen kleinen Bruder zu beruhigen. Dann rief er plötzlich: „Selim, schau mal da!“
Selim drehte sich um und sah jetzt ein niedriges, langgezogenes Haus, das die Form eines „L“ hatte. Sein Zorn verpuffte.
Murat und er liefen auf das merkwürdige Haus zu.
Die Tür war verschlossen. Sie gingen um das Gebäude herum.
„Wer seid ihr, und was macht ihr hier?“
Die Brüder drehten sich schnell um. Vor ihnen stand ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit kurz geschnittenen, schwarzen Haaren.
„Wir sind mit unserem Fahrzeug liegen geblieben“, erklärte Murat schnell.
„Euer Fahrzeug?“, fragte das Mädchen erstaunt.
„Ja“, antworteten Murat und Selim gleichzeitig und nickten ernst.
Das Mädchen schien kurz zu überlegen, dann sagte sie in höflich-erwachsenem Ton: „Dann kommt doch erst mal rein auf eine Tasse Cay.“
Die Brüder wechselten einen Blick und folgten ihr dann ins Haus.
Darin war es sehr sauber, und alles wirkte modern. Aber es sah nicht so aus, als ob hier so wirklich jemand wohnen würde. Es gab keine Teppiche und keine Tapeten.
Sie setzten sich auf ein Sofa aus beigem Leder und warteten, bis das Mädchen mit drei gläsernen Tassen Cay auf einem Tablett zurückkam.
„Bitteschön“, sagte sie.
Selim bemerkte, dass das Mädchen grüne Augen hatte. Er hatte noch nie ein Mädchen mit grünen Augen gesehen oder überhaupt einen Menschen, außer im Fernsehen.
„Ich heiße übrigens Nasiba.“
Die Brüder nannten schnell ihre Namen.
Selim gab einen Würfel Zucker in seinen Cay und rührte ihn mit einem kleinen Löffel sorgfältig um.
Er hätte gerne drei Würfel genommen, aber nur einer wirkte erwachsener.
Er schaute das Mädchen ununterbrochen an. Die Bewegung, mit der sie ihre Tasse zum Mund führte, sah irgendwie besonders aus.
„Was ist das hier eigentlich für ein Haus? Lebst du hier alleine?“, fragte Murat, nachdem sie zwei Minuten lang alle geschwiegen hatten.
Das Mädchen lachte. „Das ist eine Forschungsstation. Wir erforschen hier Schlangen und ihre Gifte. Mein Vater ist auch noch hier, aber der ist gerade draußen bei den Schlangen.“
Murat verzog das Gesicht. „Wozu erforscht man denn Schlangen? Die sind doch eklig.“
Das Mädchen lachte wieder. „Man kann aus ihren Giften Medizin machen.“
Selim verschluckte sich an seinem Tee.
„Kommt mit, ich bringe euch zu meinem Vater.“
Die beiden folgten ihr mit etwas Abstand.
„Wie heißt sie nochmal?“, flüsterte Selim seinem Bruder zu.
„Psst! Nasiba heißt sie.“
Sie verließen das Haus und kamen zu einem Gehege, das in einer Vertiefung im Boden lag. Darin stand ein schwarzhaariger Mann von etwa 40 Jahren.
„Papa, das sind Murat und Selim. Sie sind mit ihrem Fahrzeug liegen geblieben“, erklärte Nasiba.
Der Mann musterte die Brüder überrascht.
„Mit eurem Fahrzeug?“
„Ja“, antworteten Murat und Selim gleichzeitig und nickten dabei ernst.
Der Mann lächelte. „Dann glaube ich, kann ich euch beiden weiterhelfen. Ich hab da nämlich was auf der Rückseite des Hauses gefunden.“
Er stapfte in seinen Gummistiefeln davon.
Selim blickte in das mit Sträuchern überwucherte Gehege. Hunderte Schlangen aller Farben und Längen schlängelten sich auf dem Boden.
Er bekam eine Gänsehaut, die sich aber ein bisschen angenehm anfühlte.
„Sind die giftig?“, fragte er Nasiba.
„Die meisten schon“, antwortete sie stolz.
„Wie kann etwas, das giftig ist, eine Medizin sein?“
Nasiba fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Weißt du, gerade weil es giftig ist, ist es auch eine Medizin. Es kommt immer nur auf die Menge an.“
Selim dachte eine Weile über diesen Satz nach. Dann betrachtete er seinen Bruder.
Schließlich kam der Mann zurück. Er schob etwas über den Boden.
Es war ihr Wüstenfahrzeug.
Eine halbe Stunde später saßen die beiden Brüder wieder in ihrem Gefährt, und Murat spannte das Segel auf. Sie rollten langsam los. Alle winkten sich zum Abschied zu. Als sie schon fünfzig Meter von dem Mädchen und ihrem Vater entfernt waren, rief Selim laut: „Auf Wiedersehen, Nasiba, ich werd an dich denken!“
Murat blickte ihn belustigt an, und Selim errötete. Aber nur ein kleines bisschen.
„Selim, kannst du unseren Kurs neu bestimmen?“
„Wird gemacht, Abi“, sagte Selim und lächelte.
Nasiba und ihr Vater sahen dem Wüstengefährt noch eine Zeit lang hinterher, wie es sich der Bergkette am Horizont näherte, dabei immer kleiner wurde und schließlich ganz verschwand.