Xaver und die Märtyrerin zu Darenwede

Hagen

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Xaver und die Märtyrerin zu Darenwede



Es begab sich eines Tages, dass sich ein bayrischer Handwerksbursche auf der Walz in Darenwede, welches zu der Zeit noch ein Dorf war, verirrte und sich niederließ. Xaver mit Namen, denn alle Bayern heißen Xaver oder Sepp und waren Wilddiebe, so glaubte man damals in Darenwede, denn das bayrische Land war weit weg und man munkelte, dass mit dem Manne etwas nicht in Ordnung sein müsse. Ob er ein Verbrecher war, ein Sittenstrolch oder gar ein Wilddieb, vermochte niemand mit Gewissheit zu sagen, zudem gab es im Darenweder Holz auch nicht genügend Wild, dem er nachstellen konnte.

„I moag koan Berg, net“, pflegte er zu sagen, „aber hier hat’s schöne Madeln und a guate Mühlen“, und die Darenweder Bürger schüttelten ihre Köpfe, hatten sie doch beim Kegelschieben mit glühenden Wangen den Erzählungen des Bürgermeisters gelauscht, der von der Pracht und Gewalt der Gebirgsmassive des Bayernlandes erzählte, das er vor vielen Jahren mal bereist hatte. Man verstand den jungen Mann einfach nicht.

Doch da Xaver ein kräftiger Bursche war und gut zupacken konnte, nahm ihn der Müller in seine Dienste und Xaver war ihm stets bei der Hand, wenn die Mühle windgängig gehalten werden musste. Per Flügelsprache setzte er selten das Zeichen für Pause und den Feierabend kündigte er oft spät in der Nacht an, erst wenn das letzte Korn gemahlen war.

Er war ein junger, gesunder, gerade gewachsener, lustiger Bursche. Singen und jodeln konnte er wie kein Zweiter in Darenwede, schön und laut. Weder in Darenwede noch in der Umgebung hat er je versucht, mit den heiratsfähigen Mädels anzubändeln.

Daraufhin erzählten die Burschen im Dorf der Xaver sei überhaupt kein richtiger Mann. Er sei zwar kein Weibsbild, aber irgendeinen körperlichen Fehler müsse er bestimmt haben. Solche Nachrede sprach sich schnell rum in Darenwede.

Meistens am Sonntag in der Neun-Uhr-Messe, wurden von den Mädels derartige Gerüchte flüsternd erzählt. Schließlich mussten die Frauen und Mädels zusammenhalten. Es wäre doch auch ein Unglück, wenn eine von ihnen gar nur einen halben Mann bekäme.

Die Edelgard war derzeit Schankmaid im ‘Grünen Jäger‘ und sehr unglücklich über diese Reden; - hatte sie sich doch in den gesunden, gerade gewachsenen, lustigen, jungen Mann verguckt.

Nun, das Frühjahr verging, Xaver jodelte bei der Arbeit in der Mühle wie kein anderer, und da er des Abends beim Feierabendbier die glühenden Blicke Edelgards auffing, brachte er ihr manchen Strauß dunkelroter Rosen, welche die Schüchterne errötend entgegennahm. Auch zum Tanz hat Xaver die Edelgard öfter geholt, und im Galerieboden der Mühle tauschten sie zarte Küsse. Weiter passierte aber nichts, sodass sich Edelgard in ihrer Verzweiflung an ihre Tante Gesine wandte. Genauso wie es war, hat sie es erzählt, von ihrer Liebe zu Xaver, von der Nachrede, und ob da wirklich was dran wäre, dass der Xaver kein richtiger Mann sei.

„Musst ihn halt ausprobieren!“, sprach Tante Gesine.

„Ausprobieren?“ Edelgard spürte ihr Blut zu Kopfe steigen, „ausprobieren ist ganz schön. Aber was mach‘ ich dann, wenn der Xaver, nachdem alles geklappt hat, mich nachher nicht heiraten will?“

„Ja, du hast Recht!“, und Tante Gesine legte ihr Gesicht in arge Falten.

An diesem heißen Augustabend saßen Tante Gesine und ihre Nichte lange zusammen, tranken manchen Likör und grübelten.

Aber dann kam Tante Gesine eine Idee. Sie wollte sich der großen Liebe, die Edelgard für den Xaver fühlte, opfern! Richtiggehend eine Märtyrerin wollte sie werden.

Gewiss, sie war im ‘Johannestriebalter‘, gegen fünfzig, doch sie war von ebenso schlanker Gestalt, und auch ihre Brüste standen noch ebenso stramm und fest, wie die von der Edelgard.

Ihren Gatten hat sie längst unter die Erde gebracht, und sehnte sich auch ab und zu nach einem richtigen Mann, die Hormone verlangten es halt. Sie wusste viel vom Leben. Ebendarum hatte sie auch für ihre Edelgard Verständnis.

„Also Edelgard, geh schön schlafen. Ich werd schon auskundschaften, wie die Sache mit dem Xaver steht!“

Wie gesagt, so getan.

Als der Xaver am nächsten Abend auf ein Bier in den ‘Grünen Jäger‘ kam, war die Edelgard sehr lieb zu ihm, warf ihm glühende Blicke zu und streifte ihn hin und wieder mit ihrem festen Busen. Dem Xaver verschlug es die Sprache und er stammelte immer wieder: „Ich muss dich kriegen, Edelgard, ich muss dich kriegen.“

Die Edelgard aber schlug ehrsam die Augen nieder und schaute ebenso unschuldig zu Boden. Verschämt antwortete sie leise: „Du kannst mich haben, wenn du willst. Komm heute Nacht um zehn, wenn der ‘Grüne Jäger‘ geschlossen hat, zu mir in die Kammer.“

Xaver konnte sich vor Freude kaum halten, er jodelte auf dem Heimweg, dass es laut über die Wiesen schallte. Ein Brauch, den er aus dem Bayernlande mitgebracht hatte, ebenso wie das ‘Fensterln‘, das sich bald darauf in Darenwede auch verbreiten sollte.

Stockfinster war es in dieser Nacht, als sich der Xaver mit einer Leiter aus der Mühle zu Edelgards Kammerfester schlich. Als die Turmuhr der Dorfkirche die elfte Stunde schlug, lehnte er die Leiter an das Fenster zu Edelgards Kammer und stieg auf, Sprosse um Sprosse.

Stockfinster war‘s und auch in Edelgards Zimmer brannte kein Licht, nicht mal eine Kerze.

Doch er wurde mit Liebe empfangen. Nackt und bloß lag die Frauengestalt bereits im Bett, heiße Küsse wurden getauscht, doch Xaver durfte nicht reden, wieder und wieder verschloss die Liebste mit einem Kuss seinen Mund, wenn Xaver anhub ihr seine Liebe zu gestehen. Kein Wort fiel und Xaver glaubte, dass Ruhe geboten war, weil der Wirt nicht erwachen sollte … Nur das Bett knarrte leise im Rhythmus der Liebe.

Dann ist dem Xaver, als er wieder mit der Leiter auf dem Buckel heimging, viel leichter ums Herz gewesen. Ein Hahn krähte und Xaver war glücklich und jodelte.

„Sakra, sakra, dass es sowas gibt!“, sinnierte er vor sich hin. „Und morgen darf ich schon wiederkommen!“, und der Xaver jauchzte und jodelte in den jungen Morgen.

Bis in Edelgards Kammer drang der Jodler, und Edelgard fragte neugierig am nächsten Morgen ihre Tante aus: „Wie war’s denn? Stimmt es mit der Nachrede? Ist der Xaver ein richtiger Mann?“

Tante Gesine seufzte leise und wiegte den Kopf, stand sie doch noch im Banne ihres dargebrachten ‘Opfers‘.

Sie beruhigte ihre Nichte: „Lass gut sein, mein Mädel. Dein Xaver wird sich bestimmt entwickeln! – Doch noch kann ich nichts Abschließendes sagen.“

An die vierzehn Tage brauchte Tante Gesine bis sie Xaver erforscht hatte, vierzehn Tage, an denen sie aufblühte wie eine Rose im Morgentau.

Und Xaver?

Dieser wurde etwas hohlwangig in dieser Zeit, aber er schob mit blitzenden Augen die Mühlenflügel an, wenn der Wind nicht so recht blies, stieß einen Jodler aus, wenn die Mühle windgängig wurde und dachte bei sich: ‚Heute Abend werd‘ ich wieder zur Edelgard gehen!‘, sein Blick streifte die Leiter, die griffbereit an der Wand lehnte und stieß noch einen Jodler aus, voller Inbrunst, und so laut, dass er bis in Edelgards Kammer drang …

Edelgard indes rückte ihrer Frau Tante nach nunmehr vierzehn Tagen energisch auf den Leib und drohte ihr, dem Xaver alles zu gestehen, alles zu erzählen, zu wem er in Wirklichkeit fensterln gekommen war!

Schließlich bequemte sich die Tante unter Seufzen endlich zuzugeben, dass der Xaver ein Mordskerl von einem Mann war. Ein richtiger Mann sei er, und ihr, der Edelgard, war zu gratulieren.

Nun stand einer Hochzeit nichts mehr im Wege und wurde bald darauf mit allem Pomp, deren Edelgard und Xaver mächtig waren, gefeiert.

Doch Xaver war erstaunt, als er in der Hochzeitsnacht mit der Edelgard bei dem nunmehr ehelichen Beischlafe einen ‘Widerstand‘ verspürte, den er schon überwunden zu haben glaubte.

„Sakra, sakra“, widerholte er, „du bist ja wieder eine Jungfrau geworden.“

Und Edelgard lachte still in sich hinein. „Muss wohl so sein, weil der Pfarrer seine Einwilligung dazu gegeben hat. Jetzt ist es aber noch viel schöner! Komm, lass es uns nochmal tun …“

Und das taten sie auch, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, etliche kleine ‘Xaverln‘ brachte die Edelgard zur Welt.

Doch die Freude wurde getrübt, als Tante Gesine krank zu Bette lag.

Alles, was sie in ihrem Leben erspart hatte, schenkte sie Xaver. Dankbar drückte sie vor ihrem Ableben seine Hand: „Hast mir viel Freude gemacht, mein Xaver!“

Doch Edelgard schwieg. Sie kannte die Auslegung dieser Worte und lächelte wiederum still in sich hinein. Xaver jedoch glaubte, weil er der Edelgard so ein guter, treuer Ehemann geworden ist, würde er belohnt.

Tante Gesine nahm ihr Geheimnis mit ins Grab.

Wenn später von der seligen Frau Tante die Rede war, seufzte die Edelgard: „Ja ja, Tante Gesine war eine gute Frau. Man kann ruhig sagen, sie war eine echte Märtyrerin!“, und Xaver streichelte mit Freude über den wiederum runden Babybauch seiner Edelgard.
 

Hagen

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Danke für's Lob, lieber Thomas.
Ich werde mich bemühen auf diese Art weiterzumachen,

Wir lesen uns!
Yours Hagen
 

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