Zapfenstreich

Anders Tell

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Zapfenstreich

Ille zapfte vor. Dazu hatte sie fünf Reihen zu je acht Gläsern auf der linken Thekenseite aufgebaut. Sobald sie das erste Glas angezapft hatte, führte sie mit einer fließenden Bewegung das nächste Glas unter den Hahn, um mit der anderen Hand das vorgefüllte Glas auf der rechten Seite abzusetzen. So füllte sie die vierzig Gläser, ohne den Zapfhahn einmal zu schließen. Jetzt hatte ihre Körpererinnerung den Ablauf wieder programmiert. Nach drei Seitenwechseln waren die Gläser weit genug gefüllt, dass sie mit einem letzten Schuss nur noch die Krone aufsetzen musste. Wenn der erste Andrang einsetzt, würde sie die Geschwindigkeit noch steigern.
Für die Veranstalter war Ille die erste Adresse als Zapferin. Bei turbulenten Festen hatte sie mehr als einmal ein Fünfzig Liter Fass leer gezapft, ohne den Hahn ein einziges Mal zu schließen. Alles hing aber von der Koordination mit den Kolleginnen ab. Die Thekenkraft musste die vollen Gläser zügig abräumen und die Spülerin die leeren Gläser an die Stelle der ausgegebenen stellen.
Als es richtig losging, lief Ille wie auf Autopilot. Das Zapfen erfolgte fast ohne Aufmerksamkeit und Konzentration. Sie konnte gleichzeitig den Überblick behalten, dass die Serviererinnen die leeren Gläser von den Tischen zügig zur Kollegin an der Spüle brachten.
Der kritische Moment war der Fasswechsel, der jetzt fällig wurde. Bis dieser vollzogen war, konnte Ille nur noch wenige Gläser füllen, indem sie den Inhalt teilgefüllter Gläser zusammen schüttete. Als das Signal gegeben wurde, dass das neue Fass angeschlossen war, ließ Ille zunächst einige Gläser Schaum ablaufen, bis wieder Bier aus dem Hahn lief. Durch die Aktion ergab sich eine Pause, die das Team zur Eile antrieb. Meist setzte nach dem ersten Fass eine geringere Nachfrage ein, aber der Bürgermeister spendierte ein Fass Freibier. So ging es mit unvermindertem Tempo weiter.
Beim dritten Fass beruhigte sich die Abfrage und das Team konnte aufatmen. Ille setzte ihre Routine fort. Jetzt konnte sie es sich leisten, einen Blick in den Saal und die Gäste zu werfen. Direkt vor ihr, in etwa drei Meter Abstand zur Theke stand ein kleines Mädchen. Sie trug ein helles Chiffon Kleidchen und in ihren blonden Locken steckte ein silberner Haarreif, der ihren Kopf umrahmte. Die Kleine bemerkte, dass Ille zu ihr hinsah und sie lächelte sie an. Ille erwiderte diesen freundlichen Gruß. Nach kurzer Zeit begann das Mädchen Illes Bewegungsabläufe nachzuahmen. Sie machte es recht präzise, wenn sie Gläser von der einen zur anderen Seite bewegte. Ille beobachtete fasziniert, wie ihr Zapfvorgang gespiegelt wurde. Es entstand ein merkwürdiger Sog, der Ille die Gewissheit nahm, wer eigentlich wen nachahmte.
Das Kind wurde des Spiels müde und unkonzentriert. Plötzlich griff es mit der falschen Hand zum Glas. Noch bevor Ille bemerkte, dass sie die falsche Bewegung kopiert hatte, wurde ihr Blick starr, das Glas glitt ihr aus der Hand und sie knickte in den Knien ein. Sie sackte in sich zusammen und ihr Oberkörper kippte gegen die Rückwand. Das Bier lief weiter.
Helga, die Kollegin an der Spüle, hatte alles beobachtet und rief über Handy die 112 an. Dann suchte sie den Sanitäter im Saal. Er stellte eine Ohnmacht fest und maß Illes Puls. Schon kurz darauf kam Ille wieder zu Sinnen. Mit Helgas und des Sanitäters Hilfe bewegte sie sich zu einem Nebenraum, wo man sie auf ein Sofa legte.
“Hoffentlich hat die Kleine das nicht gesehen,” sagte Ille besorgt.
Helga sah den Sanitäter an.
“Das fantasiert sie noch aus der Ohnmacht,” meinte er. Im Saal sind keine kleinen Kinder.
Jetzt hörten sie das Martinshorn und die Rettungsassistenten rückten mit einer Trage an. Gegen anfänglichen Widerstand ließ Ille sich überzeugen, mit in die Notaufnahme zu fahren. Im Rettungswagen war sie schnell ans EKG angeschlossen und ihre Vitalwerte wurden bereits in die Notaufnahme im Krankenhaus übertragen. Ille lag auf der Trage und schaute durch das Dachfenster in den Sternenhimmel. Wenn sie zuvor ein Martinshorn gehört und die Lampen gesehen hatte, hatte sie immer geglaubt, dass sie niemals in einem solchen Fahrzeug liegen wollte. Aber sie war ganz ruhig und fühlte sich sicher und in guten Händen.
Der Kompaktere der beiden Sanitäter sprach sie an: “Sie sind doch Frau Müggenborg, oder?”
“Ja, die bin ich.”
“Ich bin mit Ihrem Sohn in eine Klasse gegangen.”
Der Sanitäter und Ille plauderten über die Schulzeit und gemeinsame Bekannte. Wenig später erreichten sie das Krankenhaus.
“Wir bringen eine Synkope. Ich meine, wir bringen Frau Müggenborg,” erklärte der Sanitäter der Dame an der Notaufnahme. Ille wurde in einen Behandlungsraum gefahren und auf eine Liege gelegt. Die Sanitäter verabschiedeten sich herzlich. Der Raum war kühl. Erst jetzt stellte Ille fest, dass sie eingenässt hatte. Sie dachte, nun liege ich hier frierend und eingepinkelt. Man sagte ihr, dass der Arzt gleich kommen würde.
Sie hatte den Begriff Synkope registriert und wusste, dass es sich dabei um eine Taktverschiebung handelte. “Aus dem Takt geraten,” dachte sie.
Ille war überzeugt, dass einem nichts ohne Grund widerfuhr. Ob die Erscheinung des Mädchens nun real oder ein Fingerzeug ihres Unterbewusstsein war, ein Aussetzer beim Zapfen hatte sie von den Beinen geholt und sie war ganz sicher, was sie in ihrem Leben würde ändern müssen.
 
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klausKuckuck

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Hey Anders Tell,
das ist alles ganz schlüssig erzählt, aber der Strang zu dem kleinen Mädchen ist liegengeblieben, hängt am Ende der Geschichte in der Luft: Da wäre eine Schlusspointe fällig. KK
 

Anders Tell

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Lieber Kuckuck,
dieses Mädchen gibt es nicht oder wenn doch ist es vielleicht ein Wesen nicht von dieser Welt. Ein Trugbild der aufkommenden Ohnmacht. Die Psychomotorik läuft weiter wie das Bier, aber das Bewusstsein ist schon getrübt. Es steht alles im Text. Wenn Ille wieder zu Sinnen kommt, schauen Helga und der Sanitäter sich irritiert an, als sie von der Kleinen spricht. Es sind keine Kinder im Saal. Kann man vielleicht schnell überlesen.
Anders
 

klausKuckuck

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Mag sein, ich habe es überlesen. Aber, selbst wenn: Ich, der Leser, brauche en dieser entscheidenden Stelle einen deutlicheren Fingerzeig, vielleicht als Frage formuliert: Gibt … gab es das Mädchen überhaupt? KK
 

Anders Tell

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Diese Frage könnte Ille sich bei ihrer Schlussbetrachtung stellen. Das sie aus dem Zapfgeschäft aussteigen wird, ist glaube ich klar. Vielen Dank Kuckuck.
Anders
 



 
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