Zauber der Vergangenheit

3,30 Stern(e) 3 Bewertungen

Rei

Mitglied
Ich ging einen vorsichtigen Schritt weiter, dann noch einen... und nochmals einen. Schließlich war meine Hand nur noch wenige Zoll von ihm entfernt.
Ich zögerte.
War er das Risiko überhaupt wert? Sollte ich mich seinetwegen in Gefahr bringen?
Aber ich musste irgendwas tun!
Ich sah ihn durch die Gitterstäbe, sah sein schmutziges Gesicht, das vor Schweiß glänzte. Er sah aus wie damals… Dunkle Haare, die ihm ins Gesicht hingen, ein Drei-Tage-Bart, nicht so gepflegt, wie er sonst immer war, die Augen, die unruhig unter den geschlossenen Lidern hin und her zuckten.
War er es überhaupt wert? Meine Hand glitt durch die Gitterstäbe hindurch und berührte sein Gesicht.
Im gleichen Moment riß ich die Augen auf. Das wohlige Halbdunkel meiner Kammer empfing mich. Ich drehte mich auf den Rücken und setzte mich schwer atmend auf.
Gott sei dank, dachte ich, es war nur ein Traum gewesen…

-*-*-*-

Déja-vu!
Ich ging einen vorsichtigen Schritt weiter, dann noch einen und nochmals einen. Ich ging in die Hocke. Ich streckte meine Hand aus, zwischen den Gitterstäben hindurch, bis sie ganz knapp vor ihm in der Luft hing.
Ich zögerte.
Ein Geräusch ließ mich erschrocken herumfahren, aber da war nichts, niemand, nur der lange Korridor, den ich seit drei Jahren regelmäßig als Wache abschritt. Die Fackeln loderten in ihren Halterungen an der Wand und spielten Bewegungen in den Schatten vor, wo keine waren.
Ich drehte mich wieder zu ihm um…
Flinn…
Bilder stiegen in mir auf. Geräusche, Gerüche, Gefühle, all das prasselte plötzlich auf mich ein mit einer Gewalt, die mich fast zurückwarf.
Meine Hand fiel auf mein Knie, und meine Fingernägel bohrten sich durch den groben Stoff meiner Uniform, bis sie in meine Haut drangen und mir Schmerzen bereiteten, die die Erinnerungen zurückdrängten.
Ich löste meine verkrampfte Hand und stemmte mich in die Höhe.
Er war unrasiert und schmutzig, Schweiß überzog sein ganzes Gesicht und ließ ihn im Flackern der Fackeln glänzen. Über seinem linken Auge sah ich eine Platzwunde, um die sich jemand stümperhaft gekümmert hatte. Eine Narbe würde zurückbleiben. Seine Kleidung war schäbig und aus grobem Stoff, der unter den unbarmherzigen Händen der Wachen gerissen war. Seine Brust hob und senkte sich unter dem zerschlissenen Stoff und schimmerte wie sein Gesicht schweißig-nass und schmutzig vom Dreck der Straße. Ich erkannte den Ansatz der Narbe die sich quer über seine Brust zog und verbannte die Gedanken an den Tag, als er die Verletzung erlitt, verbannte die Erinnerung an die Schmerzen, die Angst und das Bangen. Ich hatte geglaubt, ich hätte das alles vergessen.
Im Gang hinter mir drangen nun wirklich Geräusche von Schritten und dumpfen Stimmen. Ich warf ihm einen letzten Blick zu, dann wand ich mich ab und ging den Geräuschen entgegen, weg von meinen Erinnerungen.
Nach ein paar Schritten begegnete ich Stoven.
„Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen“, lachte er. Ich mochte Stoven mit seiner freundlichen, besorgten Art und lächelte zurück. Wir waren uns sehr ähnlich: Beide waren wir Halbelfen, die keine Magie wirken konnten. Es war nichts Seltenes oder Aufregendes. Das Zeitalter der Magie ging zu Ende, und wir waren ein Teil davon. Einzig Magie spüren konnte ich, das hatte ich Stoven voraus. Aber dieses Wissen brachte mir meist nicht viel, da ich sowieso keine Magie wirken konnte. Es war ein Teufelskreis.
„Nein, nur schlecht geschlafen“, log ich.
Flinn… Wer hätte damit gerechnet?
„Ich mache deine Runde fertig. Mach, dass du ins Bett kommst.“
Ich nickte und war froh, aus dem Gewölbekeller herauszukommen. Glücklich erreichte ich mein Zimmer, schlug die Tür zu und ließ mich aufs Bett fallen.
Ich seufzte und schloss die Augen.
Flinn… Warum tat es so weh? Ich dachte… Ich wälzte mich herum. Aber ich dachte, das sei alles… schon lange vergessen
Ich wischte mir eine Träne aus dem Auge.
Es tat immer noch weh, auch nach so langer Zeit und allem, was passiert war.
Was tat er hier, verdammt noch mal!
Ich schlug mit der Faust in mein Kissen.
Warum war er hier?
Ich fluchte lautlos und wischte mir noch mehr Tränen aus dem Gesicht.
Ich musste wissen, was passiert war. Ich stand wieder auf und trat nach draußen auf den Gang, von dem die Zimmer der Hohen Palastwachen abgingen. Ich warf einen raschen Blick nach rechts und links, und als ich niemanden entdecken konnte, schloss ich meine Zimmertür hinter mir.
Ich hastete lautlos über den Gang, hastete treppab zum Gewölbekeller mit den Zellen. Ich brauchte einen Moment, bis sich meine Augen an das halbdunkle Flackern der Fackeln gewöhnt hatten. Leise schlich ich an den ersten drei Zellen vorbei, dann war ich schon bei Flinn. Er lag noch immer so da, wie ich ihn vor einigen Stunden verlassen hatte. Ich klammerte meine Hände um die Gitterstäbe und drückte so fest zu, daß meine Knöchel weiß hervortraten.
Damals… Damals, als ich noch mit Flinn durchs Land zog, damals, als wir uns noch mit kleineren und größeren Gaunereien am Leben hielten, damals, als er mir mein Kind nach der Geburt entrissen hatte, um es…
„Loreley.“
Ich sprang erschrocken auf und drehte mich gleichzeitig zu der Stimme um.
„Was machst du denn hier?“ Die Wache trat ins flackernde Licht.
„Barnard“, japste ich atemlos. „Hast du mich erschreckt.“
„Das ist meine Runde“, sagte er mit einer gewissen Amüsiertheit in der Stimme.
„Ich weiß. Aber als ich vorhin auf meiner Runde gesehen habe…“
„Dass wir einen Neuzugang haben, wurdest du neugierig?“
Ich nickte. Ich war froh, dass Barnard aufgetaucht war.
„Die Wachmannschaft hat ihn gestern Nacht aufgegabelt. Er lag in der Gosse, sturzbetrunken.“ Barnard schüttelte den Kopf, als ob er noch nie jemanden gesehen hatte, der betrunkener gewesen war. „Eine der Palastwachen, Aolis, hat ihn an den Arm getreten, um zu sehen, ob er noch lebt… Er lebte. Und sprang Aolis in einer so schnellen Bewegung an den Hals, dass niemand der drei anderen Wachen etwas tun konnte. Sie waren alle so überrascht und hilflos, dass sie nur zusahen, wie er hier“, Barnard zeigte mit dem Kinn auf Flinn „Aolis erwürgte.“
Ich schauderte bei dem Gedanken und dachte daran, wie Flinn mir diesen Griff gezeigt hatte.
„Danach ging alles sehr schell. Die Wachen sind aus ihrer Starre erwacht und haben ihn bewusstlos geschlagen. Es war nicht schwer, da er ja wirklich betrunken war. Und dann haben sie ihn hierher gebracht.“
„Wieso?“ flüsterte ich.
„Wieso?“ Barnard lachte. „Man könnte meinen, du wärst erst seit heute Morgen bei uns.“
Ich lächelte Barnard gequält an. Ich wusste, wieso er hier war und nicht in dem anderen Gefangenen, weit drinnen in der Stadt, weit weg vom Palast, weit weg vom Fürsten.
Ich war eine der Hohen Palastwachen, gleichbedeutend mit einem Ausbilder für Kämpfer. Und die Kämpfer kamen von der Straße, ausgewählt durch ihr Auftreten, durch ihren Willen, sich ihrer Verhaftung zu widersetzen. Sie wurden hierher gebracht, von den Hohen Palastwachen ausgebildet und dann für den Fürsten in der Arena, dem Mittelpunkt der Stadt, aufeinander losgelassen. Der Überlebende kämpfte gegen wilde Tiere, erst die Harmloseren, bis hin zu ausgehungerten Löwen und anderen Raubtieren, auch magische Wesen waren stets dabei. Und dann… kam der Drache. Der letzte Kampf desjenigen, der alles andere überlebt hatte. Der Drache, der ganze Stolz des Fürsten.
Mir war klar, dass es eine Menge Magie kostete, den Drachen unter Kontrolle zu halten. Es hieß, er war uralt und gebrechlich, aber ein Drache… Ich kannte das Märchen um den Drachen, wie er damals den Fürsten als Baby das Leben gerettet haben soll, als dieser von den Orks aus dem Norden entführt worden war. Es war eine hirnrissige, widersprüchliche Geschichte voller Fehler, aber sie wurde noch heute erzählt, strotzte sie doch vor Magie, die man heute zu verlieren drohte.
Ich warf einen kurzen Blick auf Flinn. Ein Kämpfer…
„Ich glaube, mit ihm haben sie einen guten Griff gemacht“, meinte Barnard und sah ebenfalls zu Flinn.
Ja, dachte ich, den besten, den sie hatten machen können.
„Das Training geht los“, sagte Barnard plötzlich. „Die anderen holen die Gefangenen.“
Der Übungsplatz lag direkt neben dem Palast. Er war hoch ummauert, ausgerüstet mit Schießscharten, in denen sich Wachen versteckt hielten, um das Treiben der Ausbildung in Schach zu halten. Barnard und ich kamen zur Waffenausgabe, halfen aber nicht mit, sondern nahmen uns unsere Waffen vom Stapel weg. Die Männer und Frauen bekamen Holzwaffen, mit denen sie uns nicht verletzen oder sich einen Weg in die Freiheit bahnen konnten. Trotz der Wachen mit den Bögen waren wir vorsichtig. Die Holzwaffen taten auch trotz der Rüstung, die wir beim Training trugen, schmerzhaft weh und richtig angewandt konnten auch sie tödlich sein. Ohne es zu wollen, hoffte ich, dass Flinn das nicht herausfand.
Ich wartete auf Sara, für deren Ausbildung ich zuständig war. Ich begann mit den ersten Kampfabfolgen, mit denen sie auch nach vier Monaten Ausbildung noch Schwierigkeiten hatte. Wir kämpften nicht lange. Gerade, als ich ihr eine Finte genauer erklären wollte, hörten wir Schreie und Rufe von der anderen Seite des Übungsplatzes. Ich schaute entsetzt zu den Hohen Palastwachen, die ihre Schüler stehen ließen, um den Tumult zu beenden. Ich ließ Sara ebenfalls stehen und ging mit zögernden Schritten zu den Kämpfenden hinüber. Inzwischen waren schon vier Wachen in den Kampf verwickelt, und ich brauchte nicht lange, um zu wissen, wer mit den Wachen kämpfte: Flinn.
Als ich die Gruppe erreicht hatte, streckte ich meine Hand aus. Ich wusste nicht, wieso, aber ich drückte sie Flinn einfach auf den Rücken. Und dann geschah alles in Zeitlupe:
Ich spürte seine Wärme, spürte seine Muskeln, die sich anspannten. Ich bemerkte, dass mein Mittel- und Ringfinger in einen Riss seines Hemdes gerutscht waren und nun auf seiner verschwitzen Haut lagen. Als mir das alles klar geworden war, spürte ich seine Gegenwehr erlahmen. Seine Muskeln krampften sich ein letztes Mal zusammen, dann ergab er sich den Palastwachen. Meine Hand löste sich von seinem Rücken und die Zeit lief wieder in normaler Geschwindigkeit.
Die anderen Wachen zerrten Flinn zur Seite, schubsten ihn hin und her und traten nach ihm, bis er im Staub lag. Dann wurde er von vier Wachen an den Armen und Beinen gepackt und zurück in seine Zelle gebracht.
Barnard sah ihnen kopfschüttelnd nach. „Das muss ich dem Fürsten melden“, murmelte er.
„Wieso?“ fragte ich. Ich war noch fix und fertig von der Berührung mit Flinn. Ich hatte ihn so lange nicht mehr gespürt…
„Er scheint etwas Besonderes zu sein. Ich glaube, dieser Kampf wird etwas ganz Besonderes.“
Ich verstand nicht, was Barnard meinte, und er ließ mich einfach stehen, um den Wachen nachzueilen, die Flinn weggeschafft hatten.
Und dann fiel es mir ein: Der Drache!
„Loreley, er will dich sehen“, rief Barnard vom Eingang aus und sah mich skeptisch an, als ich bei ihm stehen blieb.
„Wer?“ fragte ich dümmlich. Ich wusste, wen er meinte. „Wieso?“
Barnard zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung, frag ihn selbst… Und keine Angst, er kann dir nichts tun, wir haben ihn wieder eingesperrt.“ Barnard lachte, aber es klang mehr wie ein verächtliches Schnauben. „Wieso er ausgerechnet an dir interessiert ist…“
„Ich kenne ihn nicht, falls du darauf hinaus willst, Barnard“, log ich meinen Vorgesetzten an. Ich zögerte nicht mit meiner Antwort, auch wenn ich damit mein ganzes Leben verleugnete.
Barnard zog verschmitzt eine Augenbraue hoch und schickte mich dann mit einem Klaps auf den Hintern in die Kellergewölbe zu den Zellen. Ich wurde immer langsamer, je näher ich Flinns Zelle kam. Und meine Gedanken rasten: Was wollte er? Wieso verlangte er so unverschämt nach meinem Besuch? Welches Recht nahm er sich heraus, eine Hohe Palast… Ich war angekommen.
Flinn lag rücklings auf seiner Pritsche, die Hände unter dem Kopf verschränkt. Er sah nicht auf, als ich mich räusperte, um auf mich aufmerksam zu machen. Ich räusperte mich noch einmal, diesmal lauter. Wieder nichts. Ich umklammerte die Gitterstäbe und drückte mein Gesicht zwischen zwei Stangen und sah zu Flinn, der nach wie vor regungslos auf der Pritsche lag. Sein Kiefer bewegte sich, als ob er etwas kauen würde. Aber er reagierte nicht auf mich.
„Was willst du?“ fragte ich. Ich hatte barsch klingen wollen, abgeklärt und vollkommen sicher, aber ich brachte nur ein klägliches Piepen zustande.
Keine Reaktion.
„Was willst du, Flinn?“ fragte ich wieder. Diesmal entschlossener und wütender.
Er kaute weiter.
„Verdammt, Flinn!“ schnauzte ich. „Ich kann dich jederzeit auspeitschen lassen. Oder dich in ein richtiges Gefängnis verlegen lassen.“
Er richtete sich langsam auf. „Man sagt Guten Tag, wenn man sich lange nicht gesehen hat.“
Seine Stimme klang dröhnend in meinem Kopf wieder. Ich hatte sie vergessen. Ich hatte ihren wohligen Klang vergessen, ihre Wärme, ihr leichtes Summen in meinen Ohren, ihr Rauschen in meinem Kopf.
„Was?“ fragte ich verdattert.
„Guten Tag.“
Ich blinzelte und wurde mir bewusst, wie sehr ich mich an die Gitterstäbe presste, als ob ich hindurch wollte, zu ihm, in seine Arme. Ich atmete tief durch und wich ein wenig zurück, aber meine Hände ließen nicht von den Stäben ab.
Er grinste mich spitzbübisch an.
„Wie kommst du hierher?“ fragte er mich und sein Lächeln verschwand.
Ich brauchte einen kurzen Moment, um zu verstehen, was er von mir wollte. „Oh, ich…“ Ich atmete noch einmal tief durch. „Ich bin eine Hohe Palastwache und zuständig für die Ausbildung von Männern und Frauen, die dem Fürsten im Kampf Freude bereiten sollen.“ Es hörte sich an wie auswendig gelernt.
„Hmm“, war alles, was er dazu sagte. „Ausgerechnet du, ja?“
Ich schnappte nach Luft. „Ich habe mich nach… unserer Trennung mit kleinen Jobs durchgeschlagen. Und irgendwann bin ich mit einer Palastwache aneinander geraten, die mich wegen Beleidigung verhaften wollte, es dann aber doch nicht tat, weil ich sie dermaßen verprügelt hatte, dass ihr heute ein Zahn fehlt.“ Ich holte Luft. „Ich lud Lina zu einem Versöhnungsbier an, woraufhin sie mir riet, mich im Palast als Wache ausbilden zu lassen.“ Ich zuckte mit den Achseln. „Das habe ich gemacht, sie fanden mich gut und schickten mich nach drei Monaten zu Barnard. Das war’s, Ende der Geschichte.“
Flinn nickte wieder. „Na ja, wie du siehst, habe ich es nicht viel weiter als damals gebracht.“ Ich hatte aufgehört zu zählen, wie oft ich ihn aus irgendwelchen Kerkern befreit hatte… Und dann verging mir das Lächeln. „Diesmal hole ich dich nicht raus, wenn es das ist, was du willst.“
Er stand auf und kam mit zwei Schritten auf mich zu. Er war schnell, und ehe ich überhaupt daran denken konnte, etwas zu tun, hatte er meine Handgelenke umfasst und stand ganz nah bei mir. Ich spürte seine Wärme und seinen Atem auf meiner Haut. Ich war wie benebelt und vergaß alles, als plötzlich die Hölle ausbrach. Schreie hallten durch den Gang des Gewölbes, warfen Echos, die wieder Echos warfen. Hände zerrten an meinen Schultern, Arme legten sich um meinen Bauch und zogen mich nach hinten, weg von den Gitterstäben, an die ich mich klammerte, durch die hindurch Flinn meine Gelenke gepackt hatte. Ich erkannte Stimmen, Barnard, die andere Hohen Palastwachen. Sie wuselten um mich herum, stachen mit spitzen Stangen nach Flinn, damit er mich losließ. Sie zogen an mir, schrieen Flinn an, mich loszulassen, verletzten ihn, taten mir weh. Dann lösten sich ganz langsam Flinns Finger um meine Gelenke und dann war es vorbei. Ich war frei, und Flinn wurde in die hintere Ecke seiner Zelle vertrieben. Ich blickte panisch um mich und verstand gar nicht, was los war. Ich spürte, wie sich unter mir jemand bewegte, wie sich ein Arm fest in meinen Magen grub. Dann rutschte ich zur Seite und sah Barnards Gesicht vor mir. Ich musste auf ihn gefallen sein.
„Alles in Ordnung?“ fragte er.
Ich nickte. Ich brachte keinen Ton heraus. Ich blickte zu ihm herüber und sah ihn in der Ecke seiner Zelle hocken. Er blutete aus zahlreichen Wunden und beschimpfte die Wachen aufs Übelste.
„Alles in Ordnung“, murmelte ich und nickte.

-*-*-*-

Turniere zur Erheiterung des Fürsten fanden unregelmäßig statt. Aber wenn sie stattfanden, war die gesamte Stadt auf den Beinen. Es gab einen Jahrmarkt, Zuckerzeug, echte Magier, Musikanten, Jongleure, Scharlatane, Taschendiebe. Es war eine Mixtur aus vertrauten und fremden Gerüchen, Einheimischen und Fremden, Neugierigen und Geschäftsleuten. Es war laut, in den kleineren Gassen stickig und heiß.
Der ganze Trubel ging auch nicht spurlos an uns vorbei. Wir Hohen Palastwachen hatten unsere besten Uniformen an, trugen feine Handschuhe und unsere Schwerter und Dolche steckten in Lederscheiden. Wir waren nervös und lachten zu viel und zu laut. Als wir den Palast verließen, hatten wir nur Sara und Flinn in Ketten gelegt. Sie sollten heute um die Gunst des Fürsten buhlen.
Flinn hatte seit dem Zwischenfall in seiner Zelle gesessen. Er hatte in diesen zwei Wochen weder trainiert, noch hatte er erklärt bekommen, was passierte.
Trotz allem bedauerte ich Sara. Selbst mit jahrelanger Ausbildung hätte sie keine Chance gegen Flinn gehabt. Nicht einmal ich würde gegen ihn ankommen, obwohl ich seine Ausbildung genossen hatte… Ich schüttelte den Gedanken ab und hob meinen Blick, als wir aus den Palastmauern traten, mitten auf den Stadtplatz, der brechend voll mit Menschen war. Sie jubelten uns zu, begafften die beiden Kämpfer und schon sah ich die ersten Geldscheine den Besitzer wechseln, als Wetten abgeschlossen wurden. Ich atmete tief durch und winkte den Leuten am Straßenrand zu. Mein Blick streifte Flinn, der missmutig in die Menge starrte. Seit dem Zwischenfall an seiner Zelle vor zwei Wochen, war ich nicht mehr mit ihm allein gewesen. Ich durfte nicht einmal mehr meine Runde bei den Zellen machen, nicht ohne Begleitung. Ich hatte eine lange Unterredung mit Barnard gehabt. Er klärte mich über die Sicherheitsvorkehrungen auf, auch wenn ich ihm beteuerte, diese auswendig und im Schlaf zu können, wiederholte er sie, damit ich nicht noch einmal in solch eine Lange geraten würde. Ich hätte sterben können, sagte Barnard immer wieder, ohne zu wissen, wie recht er damit hatte. Es war dumm gewesen. Aber ich wollte zu Flinn und bei ihm sein… Doch Flinn hätte nicht gezögert, mich zu opfern. Und dieses Wissen schmerzte mehr als meine Handgelenke, die mit Blutergüssen übersät waren, auch nach zwei Wochen noch. Es schmerzte mehr als unsere Trennung damals… als ich ihn mit der anderen im Bett erwischt hatte. Damals, als ich herausfand, dass sie seine Frau war, als ich herausfand, dass er schon Kinder hatte, und mir meins deshalb genommen hatte. Damals, als ich herausfand, dass er alles Geld aus unseren Gaunereien ihr geschickt hatte. Damals, als ich herausfand, dass er mich die ganze Zeit belogen hatte.
Eine Fanfare ließ mich aus meinen Gedanken schrecken. Ich blickte mich verwirrt um und bemerkte erstaunt, dass wir die drei Kilometer zur Arena schon hinter uns gebracht hatten. Unter dem Jubel der Leute betraten wir einen Vorraum der Arena durch einen kleinen Nebeneingang, der uns zu den Zellen brachte, in der die Kämpfer auf ihren Auftritt warten sollten. Barnard und die anderen schubsten Sara und Flinn in die Zelle und verschlossen die Tür.
„Stoven, Loreley, ihr bleibt hier“, sagte Barnard und ging mit den übrigen fünf Wachen zurück zum Eingang. Von dort aus trieben sie die Leute zu den Eingängen für die Besucher.
Ich lehnte mich an die Wand gegenüber der Zelle, in der die vor Angst zitternde und weinende Sara saß und Flinn unruhig, aber mit hoch erhobenem Kopf umherging. Mein Herz schlug bis zum Hals, wie ich ihn so anschaute, aber nicht nur wegen den alten Gefühlen die trotz allem wieder aufflammten. Ich wusste, was ihm blühte. Sara räumte ich, so leid es mir tat, keine Chance ein. Und dann… Dann würde der Drache kommen… Ich hatte ihn noch nie gesehen und der letzte Drachenkampf lag wohl auch schon Jahrzehnte zurück. Falls Flinn so lange lebte, würde es wieder einen Kampf geben.
Barnard kam mit den anderen zurück. „Es sind alle drin. Es kann losgehen.“
Ich nickte und verließ meinen Posten. Stoven öffnete die Zelle und rief Sara zu sich. Er packte sie am Arm und zerrte sie mit sich zum Arena-Eingang der Kämpfer. In der Mitte der sonnendurchfluteten Arena standen drei Männer, die mit tiefer, lauter Stimme die Kämpfer ankündigten. Als Saras Name fiel, zerrte Stoven sie in die Arena und brachte sie zu den Männern, die gleich darauf Flinn ankündigten. Als er an mir vorbeigebracht wurde, schaffte er es, sich kurz loszureißen und mich zu berühren. Wie Blitze zuckte die Wärme seiner Finger durch mich hindurch und hinterließen schmerzhafte Zick-Zack-Muster auf meiner Haut.
„Freundchen!“ schnaufte Barnard, als er und die anderen Flinn wieder fest gepackt hatten. Sie schleppten ihn in die Arena.
Ich sah ihnen nach. In mir war gar nichts. Keine Gefühle, keine Erinnerungen, nur die schmerzenden Stelle seiner Berührung.
Warum…?
Ich wand mich ab und hoffte, die Wachen und die Ankündiger würden bald zurückkommen, damit ich das Tor schließen konnte. Flinn war ruhig, als sie ihn von den Ketten nahmen, er ließ sie gehen und mich die Tore schließen. Dann begann der Kampf.
Für Sara war es schnell vorbei. Flinn gab sich nicht die größte Mühe, sie zu schonen oder es für sie weniger schmerzhaft zu machen. Ein Hieb mit seinem Schwert brachte Sara zu Fall und die Menge tobte vor Begeisterung. Eine so schnelle Eröffnungsrunde hatten sie lange nicht mehr gesehen.
Nachdem Saras Leiche aus der Arena entfernt worden war, wurden zwei Löwen in die Arena gejagt. Sie waren ausgehungert und nahmen sofort Flinns Geruch auf.
Die Löwen, dachte ich, jetzt schon? Ich blickte zu Barnard, der breit grinste. Ich wusste, was er vorhatte. Er wollte dem Fürsten unbedingt einen Drachenkampf liefern und kürzte die Prozedur erheblich ab.
Flinn sah von einem Löwen zum anderen und versuchte, sie einzuschätzen. Er umfasste den Griff seines Schwertes fester und begann, rückwärts zu gehen. Die Löwen folgten ihm. Dann machte der erste Löwe eine schnelle Bewegung und sprang auf Flinn zu. Er duckte sich unter dem riesigen Körper hinweg, hob sein Schwert und schlitzte den Löwen der Länge nach auf. Dampfendes Blut ergoss sich über Flinn. Die Menge johlte und der Fürst applaudierte voller Entzücken über dieses Schauspiel.
Flinn beobachtete den zweiten Löwen, der es langsamer angehen ließ. Er trieb Flinn nach rechts und nach links, blieb mal stehen, ging mal ein paar Schritte zurück. Das Spiel ging ein paar Minuten, dann ging der Löwe in einen Angriff über. Er duckte sich und sprang Flinn von unten her an. Flinn riss sein Schwert hinunter, traf den Löwen aber nur mit der flachen Seite am Kopf. Flinn selbst wurde von der Wucht und dem Gewicht des Löwen zur Seite geschleudert. Er verlor sein Schwert und verdrehte sich den Fuß, als er aufstehen wollte.
Die Menge hielt den Atem an.
Ich kaute auf meiner Unterlippe und biss sie mir blutig, ohne es zu bemerken.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht wand sich Flinn dem Löwen zu, der wieder auf alle Viere gekommen war. Der Schlag auf den Kopf hatte ihn ein wenig betäubt und seine Bewegungen wirkten fahrig und unsicher, aber als er auf Flinn zusprang, hatte der Löwe all seine Sinne beisammen. Flinn wich mit einem Stolpern aus. Der Löwe kam mit einem Brüllen auf seinen Pfoten auf und drehte sich gleich zum nächsten Angriff um. Flinn war hingefallen und zog sich mit den Armen zu seinem Schwert. Er packte den Griff und schwang herum, gerade rechtzeitig, als der Löwe zu seinem letzten Sprung ansetzte. Er schien zu merken, dass er den Löwen nicht aufspießen konnte, ohne selbst zerquetscht zu werden, so dass er sich weg rollte. Flinns Arm wurde zur Seite gerissen und das Schwert kam mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. Der Löwe taumelte. An seiner Seite trat Blut aus, auch Flinns Schwert war voller Blut. Der Löwe fiel.
Er hat den Löwen beim Wegrollen getroffen, dachte ich. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich konnte kaum atmen und mir war übel. Ich leckte meine blutigen Lippen und löste meine Hände, die ich so fest um meinen Schwertgurt geklammert hatte, dass die Knöchel weiß hervortraten. Meine Handflächen bluteten, wo ich meine Fingernägel hineingebohrt hatte.
Die Erde bebte leicht.
Der Drache, dachte ich erschrocken.
„Er kommt“, sagte Barnard leise.
Ich warf einen kurzen Blick zu Barnard und schnaubte verächtlich. Sie hatten es ihm einfach gemacht. Vor dem Drachen waren mehr Kämpfe zu gewinnen als nur zwei. Alle magischen Wesen fehlten in der Reihe. Sie hatten alles auf einen Drachenkampf ausgelegt. Ich schnaubte noch einmal.
Flinn kam auf die Füße. Er schwankte, aber er gab sich alle Mühe, nicht zu fallen. Er griff langsam nach seinem blutigen Schwert und nahm die tosende Menge um sich herum gar nicht richtig wahr. In seinem Blick lag ein Ausdruck, den ich nur allzu gut kannte. Er war wütend, Flinn war rasend wütend. Er war unberechenbar in seinem Zorn und trotz aller bisher für den Drachen gewonnenen Kämpfe schöpfte ich für einen verrückten Moment Hoffnung. Es war absurd. Flinn hatte keine Chance gegen den Drachen, außer…
Ich zog mich von meinem Beobachtungsposten zurück. Die anderen Hohen Palastwachen starrten wie gebannt in die Arena, jubelten mit der Menge und warteten auf den Drachen, der immer häufiger die Erde unter ihnen zum Erbeben brachte. Ich zog mich weiter zurück, stieg die Treppe des Aussichtsplatzes hinunter, bis ich in den Vorraum war, in dem die Zelle für die Kämpfer stand. Erst dort drehte ich mich um und überlegte, was zu tun sei. Ich lachte kurz auf, dann machte ich mich auf den Weg zur Arena. Ich schwang die Tür auf, durch die Sara und Flinn vor nicht einmal zwei Stunden geführt worden waren. Zur gleichen Zeit kam der Drache. Grau, alt, gebrechlich, lag er in Ketten, die ihn am Boden hielten. Aus seinem großen, grauen Maul stieg Dampf. Man sah Brandwunden, die an seinem Körper schwelten, als ob er sich selbst mit seinem Feuer verletzt hätte. Seine Augen tränten und waren verklebt. Die Ketten hatten tiefe Wunden in seinen Körper getrieben, die eiterten und bluteten und immer weiter einschnitten, wenn er sich bewegte. Er war voller Schmerzen und Zorn.
Und die Menge war leise. Sie waren erstarrt vor Ehrfurcht und Angst. Sie starrten den Drachen voller Abscheu und Bewunderung an.
Seine Flügel hingen schlaff an ihm herunter wie unnützer Ballast, der ihn zusätzlich unten hielt. Er hatte sein Feuer eingesetzt, als er in den Gewölben angekettet saß und wartete. Er hatte gekämpft, um frei zu kommen, aber er hatte sich nur selbst verletzt. Er hatte seine Augen verbrannt, bis sie zu geschwollen waren.
Die Magie, dachte ich plötzlich, was war mit der Magie? Drachen waren magische Wesen… Wieso spürte ich ihn nicht? Aber ich spürte eine Magie, aber es war nicht die des Drachen… Ich war verwirrt.
Flinn stand vor ihm und sah klein und verletzlich aus. Er hielt sein Schwert krampfhaft in den blutverschmierten Händen und starrte atemlos auf den Drachen.
Ich spüre seine Magie nicht, dachte ich erschrocken. War der Drache nur eine Täuschung, eine Illusion? Aber er brachte die Erde zum Beben, wenn er sich bewegte.
Wieso spüre ich ihn nicht?
Ich musste Flinns Aufmerksamkeit erregen. Meine erste Überlegung war, zu ihm zu laufen, aber dann fiel mein Blick auf eine Glasscherbe. Ich hob sie auf und trat einen Schritt in die Arena. Dann hielt ich die Scherbe in die Sonne und warf die Strahlen zu Flinn, direkt in sein Gesicht. Irritiert schüttelte er den Kopf, dann wand er seinen Blick zu mir. Ich blendete ihn noch einen Moment, dann nahm ich die Scherbe herunter. Ich hoffte, er würde die offene Tür erkennen und seufzte erleichtert, als ich sein Nicken wahrnahm. Er bewegte sich langsam um den Drachen herum, bis er mit dem Rücken zu mir stand und ging dann kleine Schritte nach hinten.
Der Drache ging im gleichen Moment nach vorne. Von meiner Position aus konnte ich drei Leute sehen, die mit weit ausgestreckten Armen gestikulierten. Kleine blaue Blitze spannen sich zwischen ihren Fingern, sammelten sich zwischen ihren Körpern in einer Kugel, die dann in den Drachen eindrang.
Dort spürte ich die Magie.
Der Drache öffnete sein Maul.
Man konnte hören, wie die Menge erschrocken einatmete.
Flinn sprang weiter zurück als nötig. Er war vielleicht noch fünf Meter von mir entfernt und der Drache war noch zwanzig Meter. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, und ich hoffte, dass mein Plan aufging, obwohl ich gar keinen Plan hatte. Mir brach der kalte Schweiß aus, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte, wenn Flinn aus der Arena herauskam.
Der Drache holte tief Luft und der Rauch aus seinem Mund wurde dichter. Fasziniert und abgeschreckt beobachtete ich die drei Gestalten, die wildere Gesten machten, rote Blitze sammelten und zum Drachen schickten.
Ich sah die Flamme aus seinem Maul schießen.
Aber da war Flinn schon bei mir. Er lief an mir vorbei, und ich dachte nicht lange nach, sondern schlug die Türen zu.
Ich spürte den Druck des Feuers, als der Drache speihte. Die Tür wurde heiß in meinem Rücken, hielt aber stand.
„Und jetzt?“ keuchte Flinn. Er roch nach Blut, Schweiß und Angst.
Ich rannte zu der Tür, durch die wir in den Vorraum mit der Zelle gelangt waren. Ich riss die Tür auf, schaute, ob Flinn mir folgte und war draußen. Flinn kam einen Augenblick nach mir ins Freie.
„Nimm eins von den Pferden dort drüben“, japste ich und zeigte auf das erstbeste Tier, das ich sah.
Flinn nickte und rannte an mir vorbei. Dann hielt er an und kam zurück. Er sah mich stumm an. Er berührte mich mit einer blutverkrusteten Hand an der Wange, dann drehte er sich wortlos um und rannte zu den Tieren, auf die ich gezeigt hatte. Er schwang sich auf den Rücken eines Braunen und kam dann doch noch mal zu mir.
„Danke“, sagte er, dann gab er dem Pferd die Sporen und war verschwunden.
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ich brachte kein Wort heraus. Meine Wange brannte an der Stelle, an der er mich berührt hatte. Ich sah ihm nach, dann löste ich mich von seinem Anblick und rannte zurück in den Vorraum der Arena. Ich hörte meine Kollegen auf der Treppe poltern.
„Wo bleibt ihr?“ schrie ich aus Leibeskräften und täuschte Atemlosigkeit vor.
Barnard kam als Erster die Treppe hinunter. „Verdammt, wie konnte das passieren? Los, los, los, alle raus. Wir müssen ihn erwischen und zurückbringen!“
Sie rannten alle an mir vorbei, und ich schloß mich an. Wir rannten nach draußen, konnten aber von Flinn keine Spur mehr entdecken.


Von Flinn hatte ich nie wieder etwas gehört. Ich machte mir keine Vorwürfe, ihm gegen besseres Wissen geholfen zu haben. Hätte ich ihn sterben lassen sollen? Ich wusste nicht, wohin er gegangen war, ob er wiederkommen würde.
Ich wusste nur, daß ich ihn - trotz allem - noch liebte und vermisste… Und dass ich ihm immer wieder helfen würde, wenn er mich brauchte.

©Rei 22.01. – 14.02.2005
 

Oben Unten