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Zeit der Epigonen - Sonett

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Walther

Mitglied
Zeit der Epigonen


Wir leben in der Zeit der Epigonen.
Es scheint, als werde nichts mehr richtig neu:
Man ist dem Altbewährten traulich treu.
Wie soll sich da das Wagen ehrlich lohnen?

Man wirft sich wohl ins Zeug und in die Strophen,
Doch darf der große Wurf nicht recht gelingen.
Im Ohr hört man die alten Dichter singen.
Da wollen alle Verse ähnlich schwofen.

Auf Büchertischen liegt bloß noch das Gestern,
Fürs Heute ist kein Platz mehr in den Läden.
Man kommt sich vor wie im Spaghetti-Western,

Dort quietschen auch nicht nur die Fensterläden.
Was hülfe Aufbegehren oder Lästern!
Die Dichtung hängt verpuppt an Mottenfäden.
 
Lieber Walther, trefflich gereimt und entsprechend gewürdigt:


Sind wir nicht Epigonen, Walther,
egal, wo wir auch wohnen, Alter?
Drum stimme ich, o Walther, ein:
In neuen Schläuchen alter Wein!

LG LL Friedhelm
 

manehans

Mitglied
Lieber Walther,

mir klingt Mephisto noch im Ohr: "Weh dir, dass du ein Enkel bist!"

Du hast dich schon ein bisserl hinter dem lyrischen Ich versteckt, oder?

Doch was hilft alles Jammern, alles Klagen. Eigentlich ist alles schon gesagt, und das Rad können wir auch nicht neu erfinden. Auch nicht uns selbst. Ich seh es positiv: Auch wenn die Dichtung an den Mottenfäden hängt, mag doch mach schöner Falter aus der Puppe schlüpfen.

lg Hans
 

Walther

Mitglied
hi lupenleser,

danke für dein verseschütteln und deinen eintrag. es erfreut immer, kollegen zu erfreuen. :)

lg w.


in der tat,

lb. manehans,

ist daran viel selbstironie. die meisten sind epigonen. ich stehe dazu, einer zu sein. trotzdem kann man darüber ein wenig klagen. das 2. terzett aber bearbeitet ein anderes, ganz wichtiges thema: wie gehen wir in unserem land mit der lyrik um. genauso wie mit der kurzgeschichte, schlecht, sehr schlecht. und das ist eine zurecht beklagenswerte schande.

lg w.
 
Lieber Walther,

man kann in der Tat den Eindruck haben, dass das Interesse an Lyrik außerhalb von Lyrikforen im Sinkflut begriffen ist. Autorenlesungen von Lyrikern sind eher eine Seltenheit, besser dran sind da schon Romanautoren, letztere werden auch öfter mit renommierten Preisen ausgezeichnet. So wurde der Mörike-Preis der Stadt Fellbach, der seit 1991 alle drei Jahre verliehen wird, und ja eigentlich ein Preis für Lyrik sein sollte, erst zweimal an Lyriker vergeben. 2015 wird nun, nach mehrfacher Auszeichnung von Romanautoren, wieder ein Lyriker geehrt, nämlich der Berliner Lyriker Jan Wagner. Seit 2001 hat er sechs Gedichtbände vorgelegt, zuletzt "Regentonnenvariationen". Ich habe von ihm die Gedichtbände "Guerickes Sperling" und "Achtzehn Pastetchen".

LG LL Friedhelm
 

manehans

Mitglied
Lyrik passt nicht mehr in diese Gesellschaft. Kommt mir fast vor, als sei auch die nicht mehr politically correct und zeitgemäß wie so vieles Altvertraute.
Aber sollen wir uns an Quoten orientieren?
Der Zeitgeist wird die Poesie wieder entdecken. Eines fernen Tages.
Bis dahin, auf geht`s!
 
Hallo Walther,
ich gebe zu, dass ich nicht wage, Sonette zu schreiben. Warum? Weil ich einfach meine, dass die Anforderungen, dass sie wohlklingend sein sollten, sehr hoch sind. Wie sehe ich das nun bei deinem Sonett, da ich eigentlich weiß, dass du ein Meister darin bist, gute Sonette zu schreiben. Das erste Quartett kann man als wohl tönend und gut gesetzt empfinden und auch die Wortwahl entspricht dem Anliegen des Textes. Nach meinem Gefühl jedoch weichst du im zweiten sowohl mit der Silbenzahl als auch mit den verwendeten Worten (schwofen) erheblich vom Niveau des ersten ab, was für mich einen Bruch darstellt, der mit den beiden Terzetten seine Fortsetzung (möglicherweise gewollt) darin findet, dass der Klang sich nunmehr völlig zum Negativen gewandelt hat, was vielleicht Sinn der Sache sein könnte, aber ob es dann der Sonett-Form bedarf, das sei dahingestellt. Leider habe ich schon einige Sonette (nicht von dir) gelesen, die diesen Anspruch, auch schön klingen zu sollen, völlig außer Acht lässt.
Sollten wir nicht dahin wieder zurückfinden? Zumindest die, die es können?
Gruß
PS
 

Walther

Mitglied
Hallo Lupenleser,

Jan Wagner erhält den Möricke-Preis? wunderbar. da trifft es den richtigen. das ist ein großer unter den "jungen" deutschen lyrikern. das freut mich sehr für ihn und die deutsche lyrik.

aber wenn du einmal in den buchhandlung gehst und fragst, ob sie von Jan Wagner etwas da haben, wirst du verstehen, was ich sagen will.

lg w.


lb. manehans,

wie lange sollen wir noch warten? bis ins nächste jahrtausend? ;) aber ja, natürlich geben wir nicht auf!

lg w.


lb. Paul,

entschuldige, und das meine ich sehr ernst, also ohne ironie, daß ich dich immer wieder enttäuschen muß. das ist bei epigonen so eine sache. einerseits wollen sie schreiben wie die altvorderen - und können es nicht. andererseits wollen sie es gar nicht - und können das auch nicht. wann was gilt, weiß nicht einmal, das ist jetzt selbstironisch, der autor selbst, was nun was ist und ob die absicht absicht oder nur unvermögen darstellt.

hier ist leider, weil der autor es beschwört, alles reine, und partiell böse, absicht. das "schwofen" ist programm, das soll so sein, weil damit die epigoneske sprache verlassen wird. der leser soll sozusagen "aufmerken". schwofen ist kein stilvolles tanzen. nachäffendes sonettieren ist "stilvoll", aber was ist es sonst noch?

und in der tat wird es nachher noch einen tacken/ticken grotesker, indem der spaghetti oder italo western als bild bemüht wird, sowohl herr rilke als auch herr von platen konnten mit diesem bild nichts anfangen. so ist das mit dem epigonen: sie scheitern an der wirklichkeit, in der sie leben. gerstern ist gestern. da muß schon ein körnchen robert gernhardt in das sonettsüppchen, damit es noch schmeckt.

die silben? sorry, lieber Paul, aber hier widerspreche ich vehement. das sind durchgängig fünfhebige jamben. nur in s1 habe ich weibliche und männliche kadenzen bemüht. aber auch das hatte einen formalen und nicht nur einen reimseitigen grund. an s1 ist der kadenzwechsel nicht "epigonal". von platen hätte seine nase gerümpft.

du siehst, der autor hatte absichten. und zwar gänzlich gute. ob das geklappt hat mit denselben, weiß nur der leser oder der echte sonettexperte. als autor ist man partei.

danke für den eintrag und die geduld mit mir!

lg w.
 
Danke Walther,
das klingt alles sehr schlüssig und überzeugend und die Sache mit den männlichen und weiblichen Hebungen geht ohnehin an meinem Verständnis vorbei. Alles andere hatte ich ja fast vermutet.
PS.
 

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