Zeit zu verschwinden

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ZEIT ZU VERSCHWINDEN
„Zu fliehn ist sichrer, das, was uns droht,
als fragen, wie’s entsprang“

Ein Wintermärchen, W. SHAKESPEARE
1

Julia lag reglos mit dem Rücken zu ihm auf dem Bett, auf der ihm zugewandten Seite, das Gesicht in ein Kissen vergraben, und es schien, als würde sie schlafen. Seitdem Robert aufgestanden war und sich angezogen hatte, war wohl eine Stunde vergangen, in der er, ebenso reglos, auf einem Sessel vor dem Bett gesessen und Julia betrachtet hatte. Wie gut sie noch aussieht! staunte Robert; der Hintern straff, bis zum Hals hinauf kaum Falten, kein Bisschen Speck an Hüften und Schenkeln, und dabei ist sie vor ein paar Wochen fünfzig geworden!
Das war eine Geburtstagsfeier gewesen!
Eingeladen waren etliche Leute aus Julias weitläufigem Familien- und Bekanntenkreis nebst einem Ehepaar aus der Nachbarschaft, welches Robert nicht ausstehen konnte. Eva, das weibliche Ärgernis jenes Paares, hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie ihn ebenso gering schätzte, vor allem, weil sie fand, dass er nicht zu Julia passte, wie sie des Öfteren unverhohlen durchblicken ließ.
Diese Eva! Ihr atemloses, wichtigtuerisches Geplapper wurde ständig von einem schrillen, hohen Kichern begleitet; es gab kein Entrinnen vor diesem Kichern, egal ob sie selbst irgendetwas erzählte oder die Erzählung anderer mit nichtssagenden Floskeln kommentierte. Sie gebärdete sich als Julias beste Freundin und entführte diese ohne Unterlass auf Einkaufstouren, Tupper-Partys und Wohltätigkeitsbazare, schleppte sie allwöchentlich zu Kino- und Theatervorstellungen sowie beinahe jeden Morgen ins Hallenbad und nach dem Abendessen zum Joggen. Sie war so aufdringlich wie ihr Ehemann linkisch. Dieser drückte sich auf irgendeinem Versorgungsamt herum, und außerhalb seines Kleintierzüchter-Vereins war kaum etwas mit ihm anzufangen. Schaute wie immer selbstgefällig drein, wie er den ganzen Abend vor einem einzigen Glas Weißwein-Schorle saß und dabei den Mund gerade mal zum Trinken aufbekam.
Robert dagegen hatte sich ordentlich betrunken, obwohl ihm klar war, dass er Julia damit sehr wahrscheinlich den Geburtstag verdarb, weil er entweder ausfällig werden oder sich jeder Geselligkeit verweigern würde, was sich meist derart äußerte, dass er sich nicht die geringste Mühe gab, seine Abscheu vor Gästen und der allgemeinen Unterhaltung zu verbergen. Und so war es dann auch gekommen. Julia hatte hinterher im Bett geweint, aber Robert war sofort eingeschlafen. Sie hatten nicht einmal mehr miteinander geschlafen, doch Julia schien entschlossen zu sein, dies dem Alkohol zuzuschreiben, umso mehr, wie sie zu bemerken glaubte, als Robert die Ereignisse des Abends einfach zu vergessen schien.
Aber Robert hatte nichts vergessen, und als er nun vor dem Bett saß und Julia betrachtete, dachte er mit Unbehagen daran, dass er ihrer an jenem Abend regelrecht überdrüssig geworden war und keinerlei Lust verspürt hatte, mit ihr zu schlafen, obwohl es höchstwahrscheinlich den Abend hätte retten können. Das tat es meistens, wenn es derartige Verstimmungen zwischen ihnen gab.
Ihr nackter, erstaunlicherweise noch immer sonnengebräunter Körper – es war Mitte Dezember – bot einen aufdringlichen Kontrast zur rosa gestreiften, weißen Bettwäsche; ein Kontrast, der ihm zuwider war, ohne dass er einen sachlichen Grund dafür hätte anführen können. Das liegt nur an dieser altbackenen Spießergarnitur aus der Biedermeierzeit! schimpfte er in Gedanken. Darin komme ich mir uralt vor, und ich bin doch erst vierundfünfzig (mein Gott, vierundfünfzig!) – doch der Bauch verschwindet nun nicht mehr, nicht die Schmerzen in den Gelenken, die Stiche in der Brust und auch nicht die grauen Haare. Wie oft habe ich zu ihr gesagt, Julie (so rief er sie, mit englischer Aussprache), Liebchen, warum müssen wir immer noch in der Wäsche deiner Mutter schlafen? Es gibt doch so abwechslungsreiche, lustige, herrlich bunte Bettwäsche! Kürzlich hatte wer auf der Arbeit erzählt, er und seine Frau hätten sich schwarz-violette Seidenwäsche für ihr Schlafzimmer angeschafft, und seitdem wäre wieder Pfeffer in ihrer Ehe, nicht nur im Bett. Julia maulte, das war sicher der Herbert, dieser Angeber, dem kann man doch nichts glauben.
Julia war immer ein wenig altmodisch gewesen.
Nicht, dass sie kein aufgeschlossenes Wesen gehabt hätte; sie war freundlich, geduldig und großzügig, und ab und zu konnte sie sich regelrecht frivol gebären, meist wenn sie außerhalb ihrer üblichen Gewohnheiten mit ihm schlafen wollte, was ihn gleichermaßen entzückte wie verwirrte. Sie schliefen seit Beginn ihrer Ehe vor zweiunddreißig Jahren nach wie vor regelmäßig miteinander, doch Robert vermochte nicht zu sagen, ob Julia es noch immer körperlich genoss, unabhängig von ihrer Hingabe an vertraute Gewohnheiten und dem Gefühl der Geborgenheit, das sie dabei empfand. Was er wusste, war, dass es für sie einfach dazu gehörte (wenn man nun mal einen Mann hat!), so oft es geht mit ihm zu schlafen. Im Grunde war dies für sie die eigentliche, wichtigste Rechtfertigung einer Beziehung, der einzig verlässliche wie passende Ausdruck der Vertrautheit und des Vertrauens, das man mit dem Eheversprechen einging und bezeugte.
Eigentlich tun wir mittlerweile nicht viel mehr als miteinander schlafen, spazieren gehen, essen und fernsehen, stellte Robert verdrossen fest. Julia hatte (außer ihm) keine Hobbys, von denen er wusste; doch dieses eine Hobby pflegte sie so unnachgiebig hingebungsvoll, dass Robert seine Hobbys gezwungenermaßen und beinahe folgerichtig zu vernachlässigen begann und schließlich völlig einschlafen ließ. Vor langer Zeit hatte er viel und gerne gezeichnet und gemalt, doch erinnerte er sich nur noch vage daran, wie viel ihm die Malerei einmal gegeben hatte.
Er hatte hauptsächlich Aquarelle gemalt; ein Einzelnes hing im Wohnzimmer, worauf ein anonymer Strand vor einem wild bewegten, grau-schwarzen Meer zu sehen war, das den größten Teil des Bildes ausfüllte. Alle anderen Arbeiten hatte er weggeworfen, doch dieses eine hatte er Julia geschenkt, weil es ihr am besten gefallen hatte. Auch Robert versenkte sich hin und wieder gerne in seinen Anblick. Er liebte das Meer, und er hatte immer davon geträumt, das Meer einmal in Wirklichkeit zu sehen, barfuß am Strand entlangzugehen, den Sand zwischen den Zehen zu spüren, und die kühlen Wellen würden seine Knöchel wie eine bislang unbekannte, aufregende Liebkosung umspülen.
Jedoch verreisten sie selten; mit einer gemütlichen Wohnung und dem Mann ihrer Träume hatte Julia alles, was sie wollte und brauchte. Robert aber fürchtete sich vor der Entdeckung, dass ihm nach wie vor etwas von dem fehlte, was er wollte (oder brauchte), und so waren sie nie am Meer gewesen. Später begann Robert Gedichte und kleine Geschichten zu schreiben, gab es aber nach und nach wieder auf, als ihm klar wurde, dass weder Stil noch Inhalt seiner Arbeiten von irgendeiner Bedeutung waren, nicht einmal für ihn selbst.
Trotz allem war Julia ihm eine gute Frau gewesen; ein fester Anker, als er in seiner Jugend Gefahr lief, aus dem Hafen getrieben zu werden, seiner damaligen unkonventionellen, wilden Sehnsüchte und Träume wegen. Julias Sehnsüchte und Träume konnte man nicht unkonventionell oder gar wild nennen, aber auch nicht unbedingt konservativ. Sie hielt einfach gerne an Dingen fest, die ihr vertraut waren und sich für sie bewährt hatten, und die geringe Fantasie, die sie im Hinblick auf die Möglichkeiten des Lebens besaß, wand sie meist nur auf ihre unmittelbare Umgebung an, was bedeutete, Ehemann und Wohnung mit erschöpfender, wenn auch anrührender Hingabe zu pflegen.
Sie hatten keine Kinder, und das war merkwürdig genug, weil sie beide sich durchaus Kinder gewünscht hatten. Julia war in ihrer heiteren, bodenständigen Art mit den Jahren darüber hinweggegangen, doch Robert hatte ihre Kinderlosigkeit stets als eine Art Strafe empfunden, wenn er auch nicht zu sagen vermochte, wofür. Julias Eltern waren beide tot; von Robert lebte noch der Vater, der sich aus dem Staub gemacht hatte, als Robert zwölf Jahre alt war, und den er seitdem nicht mehr gesehen oder von ihm gehört hatte. (Er nahm an, dass sein Vater noch lebte, weil er im Falle seines Todes wohl benachrichtigt worden wäre.) Eine (verheiratete) Schwester lebte in Spanien, doch hatten sie so gut wie keinen Kontakt mehr zueinander; zum einen der Entfernung wegen, zum anderen, weil sie sich nie gut verstanden hatten. Überdies hatte seine Schwester Julia von Anfang an nicht gemocht, was sie mit ihrer überheblichen, selbstgefälligen und rücksichtslosen Art auch deutlich genug gezeigt hatte. Julia schien dies allerdings nicht zu bemerken oder zu stören; wenn doch, so sprach sie jedenfalls nie darüber.
Sie besaß wenig Widerspruchsgeist, und doch behielt sie in den wenigen strittigen Fragen, die es zwischen ihnen gab, öfters als ihm lieb war (und er zugeben wollte) die Oberhand, hauptsächlich, weil ihr freundliches und großzügiges Wesen keinen ernsthaften Streit aufkommen ließ (geschweige denn duldete), und sie obendrein alleine schon durch jenes nachgiebige Wesen signalisierte, sie würde es nicht darauf ankommen lassen und wenn nötig nachgeben, um damit eine Auseinandersetzung zu vermeiden. Es hätte jedoch nicht Julias Art entsprochen, dies gezielt einzusetzen, und sie tat es auch nie, soweit Robert dies sagen konnte, und sehr wahrscheinlich war sie sich dieser ihrer Eigenschaft nicht einmal bewusst.
Robert nahm an, dass ein gemeinsames Leben mit der Zeit notgedrungen gewisse Ecken und Kanten abschleifen würde, und anfänglich konnte er sich mit dieser Vermutung durchaus abfinden. Nun stellte er allmählich fest, dass Ecken und Kanten an ihm abgeschliffen wurden, die er gerne behalten hätte. Eigentlich haben wir nie wirklich gestritten, dachte Robert; mit Schmollen, Schreien, Beleidigt sein und so weiter. Gab auch kaum einen rechten Grund. Wären auch gar nicht damit zurechtgekommen. Die gläserne Glocke, welche über ihrem gemeinsamen Leben lag, es zu gleichen Teilen ausmachte und schützte, war zu zerbrechlich, um sie solchen Belastungsproben auszusetzen. Schon der Blick hindurch war gefährlich; er lenkte ab und vermittelte die unangenehme Tatsache, dass außerhalb ihres Lebens auch noch ein anderes Leben existierte, welches ihre Beziehung stets bedrohlich zu belagern schien. Vielleicht hätten wir häufiger miteinander reden müssen, sann Robert nach. Über uns und was aus uns geworden ist. Über unsere Träume, unsere Sehnsüchte, ja, auch über die kleinen Dämonen, die überall lauern, wenn man von etwas träumt, sich nach etwas sehnt. Über all das eben. Andererseits: Was gibt es schon zu reden, wenn man meint, schon alles gesagt zu haben und sich geniert von Dingen zu reden, die den Anschein erwecken könnten, aus alltäglicher Unzufriedenheit oder gewöhnlicher Langeweile erfunden worden zu sein?
Er betrachtete ihren nackten, ebenmäßigen Körper, das kurz geschnittene, lockige braune Haar mit den grau-weißen Strähnen (von denen sie verschmitzt behauptet, sie habe sie gefärbt), die kleinen, zierlichen Ohren, den langen, schmalen Hals mit dem tiefen Haaransatz. Eine Hand hatte sie unter das Kissen geschoben, als wollte sie sich daran klammern; die andere war, ein wenig verrenkt, unter ihrem Bauch verborgen. So sieht man also aus, wenn man tot ist, sann Robert – genau wie sonst auch. Vielleicht stand einem der Tod ja ins Gesicht geschrieben, aber das Gesicht konnte Robert von seinem Sessel aus nicht sehen. Wie leicht es doch ist, jemanden zu töten, dachte er; so leicht, und irgendwie auch banal.
Sie hatten miteinander geschlafen, Julia lag noch auf dem Bauch, und während Robert ihren Nacken liebkoste, drückte er plötzlich ihr Gesicht fest und tief in das große, weiche Kopfkissen, bis sie erstickte. Wie lange es gedauert hatte – ob es lange gedauert hatte –, bis sie tot war, konnte er nicht mehr sagen, ebenso nicht, ob sie sich gewehrt hat. Ich weiß ja nicht einmal, warum ich es getan habe, gestand er sich traurig ein. Ich hatte es doch nicht vor, bestimmt nicht; ich hatte keinen Grund dafür, jedenfalls fällt mir keiner ein.
Es war ein normaler Abend gewesen, ein Abend wie so viele davor. Sie hatten zu Abend gegessen, nachdem Julia vom Joggen zurückgekehrt war. Nach dem Essen sahen sie sich zusammen ein Fußballspiel im Fernsehen an. Robert trank Rotwein, und wie immer hatte Julia ab und zu von seinem Glas genippt; sie selbst trank zwar gern, jedoch nur kleine Mengen. Nach und nach hatte Robert ihr die Grundzüge des Spiels erklärt, sowie ein paar der wichtigsten Regeln, und zu seiner Überraschung ihr Interesse an dem Sport geweckt. Kein großes Interesse, doch groß genug, um mit ihm zusammen ein Spiel zu genießen. Dabei hatte sein Interesse an dem Spiel mit den Jahren stetig nachgelassen; eigentlich schaute er es nur noch Julia zuliebe an, auch weil es ihm schmeichelte, dass ihr etwas Freude bereitete, dessen Interesse er geweckt hatte.
Nach dem Spiel saßen sie noch eine Weile beisammen. Julia kuschelte sich auf der Couch in seinen Schoß und erzählte ihm, sie habe von einem neuen Wanderweg erfahren, den sie beide am Wochenende unbedingt ausprobieren müssten. Eva hatte ihr davon vorgeschwärmt, und Robert maulte, was von der schon Tolles kommen könne, und er hoffe nicht, dass Familie Kicher & Doof etwa mit auf die Wanderung käme. Julia hatte dies schmollend verneint, aber sie wirkte dabei keineswegs eingeschnappt, wie ihre Hand sich in seinem Schoß zu rühren begann, und dann folgte ihr Kopf der Hand, und Robert wunderte sich, dass sie nicht abwarteten wollte, bis sie im Bett waren.
Nachdem Julia ins Bad gegangen war, blieb Robert noch eine Weile sitzen, Wein trinkend und rauchend. Hab ich noch eine zweite Flasche geöffnet? Die müsste dann noch im Wohnzimmer stehen. Robert erhob sich aus dem Sessel und ging ins Wohnzimmer, doch da stand nur eine leere Weinflasche, neben einem halbvollen Aschenbecher. Wie lange hab ich wohl da gesessen? fragte Robert sich beiläufig. Er ging ins Schlafzimmer zurück und blieb vor dem Bett stehen. Ich sollte ihr etwas anziehen, überlegte er. Irgendwer wird sie finden, und ich möchte nicht, dass fremde Leute sie so sehen; Nachbarn, der Hauswirt, die Polizei, wer auch immer. Oder diese Eva, die schon gar nicht! Hat die überhaupt einen Schlüssel? Na klar, Julie hat ihr sicher einen gegeben; man weiß ja nie...nach dem Rechten sehen und so. Als ob das nötig wäre! Die wird doch sowieso die Polizei rufen, die Feuerwehr, den Katastrophenschutz, was weiß ich, wenn sie Julie morgen früh nicht erreichen kann.
Zeit zu verschwinden, dachte er erschöpft; Zeit zu verschwinden.
Aber vorher ziehe ich Julie an; ja, das muss ich tun. Keiner außer mir soll sie so sehen. Na ja, die Leute von der Obduktion werden sie sehen; es wird sicher eine Obduktion geben. Aber das ist deren Beruf; die achten nicht auf ihre Nacktheit, die starren meine Julie nicht an wie die anderen Typen, wie die Bullen vielleicht, oder diese Eva, oder vielleicht unser Vermieter, wenn er die Tür aufbricht, mal angenommen, diese Zicke ist so durcheinander und ruft ihn zuerst an. Am Ende stößt noch dieser Kleintierzüchter dazu! Starrt meine Julie an, nackt und wunderschön, und vergleicht sie womöglich mit seinem unförmigen Trampel von Frau! Ich ziehe ihr etwas an; jawohl, das tue ich. Einen Pyjama. Den himmelblauen, seidig glänzenden, den sie so sehr mag. Und dazu werde ich das Bett frisch beziehen, mit der schwarzen Seidengarnitur, die ich kürzlich gekauft habe. Sollte eigentlich eine Überraschung werden. Ja, so mache ich es, jetzt gleich. Die sollen meine Julie bestaunen; beneiden werden sie mich! Wie schön sie ist, wie –
Robert vergrub sein Gesicht in einer Armbeuge, und wie er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, stellte er fest, dass seine Handfläche verschwitzt war. Er ging ins Badezimmer, wusch seine Hände und trocknete sie angestrengt ab, als er plötzlich innehielt und laut auflachte, um gleich darauf erschrocken abzubrechen, als er den bitteren, zynischen Klang seiner Stimme wahrnahm. So hat's doch der...wie hieß der noch mal…ah, Pilatus! Na klar, so hieß der! Genau so hat's der damals gemacht...o Gott! (Ha! Das hat er dabei sicher nicht gedacht, kicherte Robert bitter und boshaft zugleich.) Komm schon...reiß dich zusammen.
Er ging zurück ins Schlafzimmer, nahm den blauen Pyjama aus Julias Wäschekommode und begann ihr die Hose überzustreifen. Es ging leichter als er erwartet hatte; er musste sie dazu nur kurz an den Hüften anheben, um die Hose bis zum Nabel hochzuziehen. Schwerer war, seine Gedanken nicht abschweifen zu lassen, und es gelang ihm nur dann einigermaßen, wenn er sich ganz auf die Arbeit seiner Hände konzentrierte. Wie bekomme ich nur das Oberteil über? Muss sie dazu wohl umdrehen. Oh nein, Scheiße, nein! Ach Julie, arme Julie, es tut mir so leid, ehrlich! Okay, okay...hilft ja nichts. Also gut. Also gut.
Er fürchtete sich vor dem Ausdruck, den er auf ihrem Gesicht vermutete.
Vielleicht könnte er sie so umdrehen, dass ihr Gesicht unter dem Kissen verbleiben würde? Einen Arm der Pyjamajacke hatte er ihr bereits über Arm und Schulter gestreift, jener Arm, welcher unter ihrem Körper eingeklemmt war. Er war überrascht, wie leicht er sich hervorziehen ließ und wie warm ihr Körper noch war. Nun stemmte er ein Knie hinter ihre Schulterblätter, und wie er sie mit Hilfe ihres freien Arms herumwälzt, dreht sich das Kissen, das zwischen Arm und Gesicht festgeklemmt war, mit ihr und bleibt auf ihrem Gesicht liegen, so fest hatte sie sich hinein gekrallt. Er hatte nicht vor, den Arm vom Kissen zu lösen; also zog er das Pyjamaoberteil nach vorne über Kissen und Ellbogen, nachdem er es unter ihrem Rücken hervorgezerrt hatte. Als er sich anschickte, ihren Busen zu bedecken, bemerkte er ungläubig, dass er eine leichte Erektion hatte.
Er fuhr entsetzt auf; saure, beißende Galle stieg seine Kehle empor. Er rannte ins Badezimmer um sich zu übergeben, doch als er dort ankam, wurde er lediglich von einem bitteren, schmerzhaften Würgen geschüttelt, dem kein Erbrechen folgte. Ich gehe da nicht mehr hinein, schwor er sich, worauf ihn abermals jenes boshafte Lachen übermannte, unterbrochen von nochmaligem, hartnäckigen Würgen. Er schüttelte sich immer stärker vor Lachen, bis er, dabei nach Luft schnappend, zu husten begann und sauren Schleim in das Waschbecken erbrach. Bin ich pervers? schoss es ihm durch den Kopf. Dreh nur mal eben kurz durch? Nein, glaub ich nicht; das ist es nicht, gestand er sich resigniert ein. Wenn’s nur das wäre. Ich bin nichts von alledem. Leider. Derartiges wäre leichter zuzugeben…oder zu begreifen. Das ist das Schlimmste daran, dass ich nichts davon bin. Ich bin –
Zeit zu verschwinden, mein Junge, ist einfach Zeit zu verschwinden.
Er ging in die Küche. Einem Fach im Gewürzschränkchen, in dem Julia das Haushaltsgeld aufbewahrte, entnahm er ein paar Scheine. Das müsste genügen, zusammen mit der Bahncard, rechnete er. Danach ging er zur Garderobe, schlüpfte in seine schwarzen Lederstiefel, zog die doppellagige, schwarz-rot karierte Baumwolljacke über, eine schwarze Skimütze, und – wo sind die Handschuhe? Da, in der Jacke. Also dann – Schlüssel? Wozu noch. Er überlegte einen Augenblick, ob es noch etwas gab, das sich mitzunehmen lohnte. Vielleicht sein Taschenmesser? Das vergoldete Zippo-Feuerzeug? Aber dazu hätte er nochmals ins Schlafzimmer gehen müssen, vorbei an Julias Seite des Bettes, hin zu seinem Nachttischchen, und das konnte er auf keinen Fall mehr tun. Zuwenig zum Mitnehmen, zuviel zum Zurücklassen – das ist es wohl, vermutete er, auf was das Leben letzten Endes hinausläuft.
Er ging mit gesenktem Blick durch den Flur zur Wohnungstür und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen, in der trocken-kalten Dezembernacht.

2
Robert schreckte aus seinen Gedanken auf, als jemand geräuschvoll das Abteil betrat.
Es war eine kleine, leicht mollige Frau, die sich umständlich bemühte, zwei sperrige Koffer durch die Tür zu schieben. Ein – wie Robert zu verstehen glaubte – flehender Blick zwang ihn dazu, ihr behilflich zu sein. Hoffentlich fängt sie keine Unterhaltung an, dachte Robert, aber als er, nachdem er ihre Koffer in der Ablage verstaut und sie ihm mit ein paar freundlichen Worten gedankt hatte, dem Klang ihrer Stimme nachsann, der ein wenig atemlos, dennoch angenehm leise und melodisch war, stand er einer Unterhaltung nicht mehr unbedingt ablehnend gegenüber, wenn auch, seiner Art entsprechend, abwartend und vorsichtig.
Robert schätzte die Frau auf Anfang vierzig, als er sie verstohlen in Augenschein nahm, obwohl seine Schätzung, wie er sich eingestand, eher aufs Geratewohl erfolgte. (Er hatte kein rechtes Gefühl für das Alter einer Person, und, da für derlei Erkenntnisse stets nur Julia sein Maßstab gewesen war, auch keine ausreichende Erfahrung.) Die Frau hatte ein rundliches, unauffälliges, dennoch einnehmendes Gesicht, das von knapp schulterlangen, rötlich-braunen Locken eingerahmt wurde. Wahrscheinlich gefärbt, vermutete Robert ohne Interesse. Sie war nicht (oder nicht sichtbar) geschminkt und trug eine unscheinbare, farblos-gräuliche Kombination aus Leinenhose, Bluse, ärmelloser Weste und beigen, flachen Schuhen. Als Robert die Farbe ihrer Augen zu erkennen suchte, bemerkte er, dass sie ihn beobachtete und er senkte hastig seinen Blick. Er griff mit fahrigen Händen nach Zigaretten und Feuerzeug, als er sich an das Nichtraucher-Schild über der Tür erinnerte.
„Rauchen Sie ruhig; es stört mich nicht“, sagte die Frau freundlich.
Robert erschrak und musste sich mehrere Male räuspern, um ihr Angebot abzulehnen. Er wollte sich ohnehin die Beine vertreten, erklärte er unbeholfen, und werde dabei auf dem Gang rauchen. Draußen auf dem Gang überlegte er, wie linkisch er der Frau hatte erscheinen müssen. Ich hätte ihr eine Zigarette anbieten können, dachte er zerstreut; vielleicht raucht sie ja selbst. Er warf einen flüchtigen Blick zurück ins Abteil, als sich ihre Blicke kreuzten. Die – die beobachtet mich! erschrak Robert. Kannte sie ihn etwa? Aber er befand sich hunderte Kilometer von seinem Wohnort entfernt und konnte doch unmöglich schon polizeilich gesucht werden! Wahrscheinlich ist sie bloß neugierig, beruhigte er sich. Oder – vielleicht gefalle ich ihr?
Die Vorstellung, dass eine andere Frau ihn attraktiv finden konnte, war ihm mit den Jahren so fremd und unbehaglich geworden, wie ihn der Umgang mit einer solchen Situation ratlos machte. Mit zunehmendem Alter hatte Robert sich Spekulationen über seine Anziehungskraft versagt; verheiratet wie er war, sah er obendrein keinen Sinn darin. Julia hatte ihn einmal mit einem Bären verglichen, der gerade aus seinem Winterschlaf erwacht. Er war groß und massig, wirkte aber trotz sichtlichen Übergewichts nicht unproportioniert. Sein Gesicht, so viel war ihm immerhin bewusst, wirkte trotz (oder wegen) des dichten, mit grauen Strähnen durchsetzten Bartes auf gemütliche, alltägliche Weise anziehend, und seine kleinen, runden, grau-blauen Augen sowie die fleischige Stupsnase verliehen ihm in der Tat etwas Gemütvolles, was man im Allgemeinen mit Bären verbinden mochte. Das ist ja lächerlich, dachte er, und verzog seinen Mund zu einer Grimasse, die Julia ohne weiteres als Abwehrhaltung erkannt haben würde. Die Frau aber schien darin ein Lächeln zu erkennen, denn als er nochmals – verstohlen, wie er glaubte – zu ihr hinübersah, lächelte sie ihm zu. Robert stieg das Blut in den Kopf, und er war sicher, zu erröten. Seine Hände, die er zur Beruhigung in die Hosentasche hatte stecken wollen, umklammerten zu seiner Überraschung noch Zigaretten und Feuerzeug. Was will diese Frau nur von mir? fragte er sich bestürzt.
Er ging mit hastigen Schritten den Gang hinunter, bis er zur Plattform zwischen zwei Waggons kam, wo er sich an eine Wand lehnte, um sich mit fahrigen Händen eine Zigarette anzuzünden, die er in hastigen Zügen rauchte. Sein Magen schien sich abwechselnd zu dehnen und zusammenzuziehen, und er atmete erleichtert aus, als er bemerkte, dass er sich direkt neben einer Toilette befand. Erst einmal beruhigen, dachte er nervös, als er die Tür hinter sich verriegelt hatte. Die Bewegungen seines Magens ließen langsam nach, nachdem er sich mehrmals kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte. Sein Gesicht erschien ihm ungewohnt starr und kantig, als er sich im Spiegel über dem Waschbecken betrachtete, und er hatte das Gefühl, seine Kniegelenke könnten jederzeit willkürlich ihren Dienst aufkündigen. Er fühlte sich erschöpft und hätte gerne ein wenig geschlafen.
Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es kurz vor Mittag war, und es wunderte ihn nicht, dass er sich müde fühlte. Er hatte seit vorgestern Nacht nicht mehr geschlafen, außer ein wenig während der vergangenen Nacht im Wartesaal des Bahnhofs. Er war dort gegen Mitternacht angekommen und hatte eine Fahrkarte gelöst, doch bis zur Abfahrt des Zuges würden noch beinahe drei Stunden vergehen. Er hatte versucht, ein wenig auf einer Bank zu dösen, doch die Kälte ließ ihn alle paar Minuten aufschrecken. Er begann auf dem Bahnsteig auf und ab zu gehen, als ihm klar wurde, dass er derart um diese Zeit, dazu noch ohne Gepäck, Aufsehen erregen könnte, und so verbrachte er die restliche Zeit in der Bahnhofskneipe bei ein paar Bier, mehreren Schnäpsen sowie etlichen Zigaretten.
Die Kneipe war gut gefüllt und er begann sich sicher zu fühlen.
Er geriet lediglich ein Mal fast in Panik, als mehrere Polizisten die Kneipe betraten und sich angestrengt umsahen, die Gasträume jedoch kurz darauf ohne Aufheben wieder verließen. Der Barkeeper erklärte Robert, dass dies zu dieser Nachtzeit regelmäßig üblich sei, aber selten einen besonderen Anlass hätte oder gar zu Komplikationen führte.
„Ärger Zuhause?“
Der Barkeeper musterte ihn, wie es schien, ohne Interesse. Robert überlegte, ob er sich wohl verdächtig machte, wenn er nicht (oder unfreundlich) antworten würde. Er gab seiner Stimme einen müden, resignierten Tonfall (was ihm keine Anstrengung abverlangte).
„Nein, kein Ärger. Es...es wartet keiner.“
Der Barkeeper schien eine derartige Antwort erwartet zu haben. Er bedachte Robert mit einem verständnisvollen Blick und ließ ihn danach in Ruhe, bis jener die Kneipe verließ. Robert hoffte inständig, ein leeres Abteil zu finden, und er hatte, Dank der frühen Stunde, auch Glück.
Es war schön, die Dämmerung und den Sonnenaufgang vom Zugfenster aus zu verfolgen. Es war ein kalter, aber freundlicher und heller Morgen, wie es ihn oft noch im Dezember gibt, wenn der Winter sich noch nicht entschieden hatte, wie und wann er den ersten Schneefall gestalten sollte. Beinahe acht Uhr, stellte Robert irgendwann fest. Was die wohl sagen, wenn ich nicht auf der Arbeit erscheine? Eigentlich würde ich jetzt auf dem Weg dorthin sein. Hätte vorher mit Julie Kaffee getrunken und ihr beim Anziehen zugesehen. Ob ich sie anrufen soll? überlegte Robert verwirrt, als er mit Entsetzten vermerkte, was ihm da in den Sinn kam. Er hoffte inständig, dass all dies bald hinter ihm liegen würde, jedoch befürchtete er, dass sich seine Gedanken, diese unbarmherzigen Monster, weiterhin in der Vergangenheit festkrallen würden. Für diese Art Monster gibt es wohl keinen magischen Pfahl, dachte er traurig. Er fühlte sich mittlerweile tatsächlich müde, und die gleichförmige Bewegung des fahrenden Zuges nebst dessen Geräuschen ließ seine Gedanken nervös zwischen Wachen und Schlaf umherirren, bis die Tür des Abteils ihn aufschreckte und diese Frau hereinkam.
Robert zögerte kurz, an seinen Platz zurückzukehren.
Die Gegenwart jener Frau beunruhigte ihn, da sie ihn gleichermaßen verwirrte wie anregte; doch würde die Zeit in ihrer Gegenwart vielleicht schneller vergehen oder ihn zumindest ablenken. Vor ihm lagen noch hunderte von Kilometer mit mehreren Haltestellen, und er hoffte, dass er seine Scheu vor weiteren Fahrgästen durch die ihm dann schon vertraute Gegenwart der Frau unterdrücken würde können. Überdies hatte er Angst, dass, sollte er einfach so verschwinden, dies den Argwohn der Frau erwecken könnte. Vielleicht würde sie sich beim Zugpersonal nach ihm erkundigen oder dieses von sich aus nach ihm forschen, wenn er plötzlich verschwand, beinahe eine Stunde vor dem nächsten Halt des Zuges.
Robert holte tief Luft und betrat wieder das Abteil.
Die Frau lächelte freundlich zu ihm auf und Robert zwang sich dazu, ihr Lächeln ebenso freundlich (wie er hoffte) zu erwidern. Sie hatte inzwischen am Fenster Platz genommen, und Robert setzte sich ihr entschlossen gegenüber. Gerade als er sich anschickte darüber nachzudenken, ob (und wie) er wohl ein Gespräch in Gang bringen sollte, sprach sie ihn an.
„Entschuldigen Sie...dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten?“
Robert sah sie unsicher an.
„Ich möchte mich gerne ein wenig frisch machen. Wenn Sie...bitte entschuldigen Sie, ich möchte nicht aufdringlich erscheinen – aber wenn Sie so lange auf mein Gepäck achten könnten? Oder steigen Sie demnächst aus? Ich...ich weiß nicht, wie lange ich brauchen werde“, fügte sie entschuldigend hinzu, mit einem bittenden Ausdruck, jedoch, wie er zu erkennen glaubte, arglos und keinesfalls fordernd oder aufdringlich.
Robert war überrascht, dass sie ihm, einem Fremden, derart vertraute, und einen Augenblick lang wusste er nicht, was er davon halten oder ihr antworten sollte. Dann räusperte er sich:
„Ja, natürlich; gerne.“
Die Frau blickte ihn dankbar an, wenn auch ob ihrer nächsten Bitte ein wenig verlegen.
„Ich...ich bräuchte etwas aus meinem Koffer...würden Sie mir nochmals helfen?“
„Ja, natürlich; gerne“, gab Robert zur Antwort. Er kam sich reichlich ungeschickt vor, wie er bemerkte, dass er sich wiederholt hatte.
Die Frau entnahm dem Koffer eine unförmige, offensichtlich prall gefüllte Stofftasche und verließ damit das Abteil, nachdem sie ihm nochmals zugelächelt hatte. Robert überlegte, ob er den Koffer sofort wieder an seinen Platz räumen sollte, entschied sich dann aber dagegen, da er annahm, die Frau würde ihre Tasche in den Koffer zurücklegen wollen, wenn sie diese nicht mehr benötigte, und er sich eine Arbeit ersparen wollte.
Als die Frau einige Zeit später das Abteil wieder betrat, erkannte sie Robert im ersten Augenblick nicht. Einigermassen entgeistert stellte er fest, dass sie sich geschminkt hatte – reichlich übertrieben, wie er fand –; dazu hatte sie ihr Haar nunmehr hochgesteckt. Auch hatte sie ihre Kleidung gewechselt; sie trug nun ein einfarbiges, dunkles, teuer aussehendes Kostüm, auf dessen tiefen Ausschnitt eine glänzende, silberne Perlenkette einer Leuchtreklame gleich den Blick lenkte. Hübsche Dinger, dachte Robert obszön. Noch immer verblüfft ließ er seinen Blick an ihren Beinen herab wandern, ohne an das Ungebührliche seines Benehmens zu denken. Nicht übel, gestand sich Robert mit verschämtem Interesse ein. Nun ja, berichtigte er sich sogleich, schwarze Seidenstrümpfe, puh! Irgendwo ist eben immer ein Haken! Er wand rasch den Blick ab, als ihm das Anzügliche seines Tuns bewusst wurde, und er war froh, von seiner Verlegenheit ablenken zu können, indem er anbot, ihren Koffer wieder zu verstauen. Nur noch ein Mal, wenn sie aussteigt, dachte er erleichtert und ein wenig boshaft, als er den Koffer zurück in die Ablage wuchtete. Seine Gelenke begannen zu schmerzen; er verspürte einen kurzen, heftigen Stich in der Seite und genierte sich wegen seines schweren, Stoßweisen Atems.
„Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt.“
Robert drehte sich verwirrt zu ihr um, doch ihre Stimme klang ruhig und freundlich, ohne eine Spur von Spott oder Koketterie, und ihr Blick erschien ihm ernst und gelassen zugleich.
„Nein, nein! Sie...Sie sehen gut, äh, normal aus“, hörte er sich überrascht stammeln; darauf hastig, noch bevor sie reagieren konnte:
„Sagen Sie, möchten Sie vielleicht, äh, eine Zigarette? – Es wird schon keiner kommen!“
Sie schmunzelte.
„Ja gerne, vielen Dank.“
Als er ihr von seinen Filterlosen anbot, sagte er entschuldigend:
„Sie sind recht stark...möchten Sie trotzdem?“
„Ja doch, gerne. Oh, Sie haben recht; sie sind stark, aber sie schmecken gut! Nun denn, ich werde es wohl demnächst aufgeben“, fügte sie nach ein paar unbeholfenen Zügen hinzu.
„Wegen der Gesundheit?“ fragte Robert leichthin.
„Nein, nein! Ich habe keine Beschwerden, wenn Sie das meinen. Eigentlich rauche ich eher selten. Wissen Sie, mein, äh, zukünftiger Mann ist Nichtraucher, Diabetiker, und ich glaube nicht, dass ich dann noch rauchen sollte…äh, möchte.“
Schon klar, dachte Robert, und wollte sich gerade eine unverbindliche Erwiderung zurechtlegen, als die Frau rasch weiter sprach.
„Ich bin auf dem Weg zu ihm, deshalb habe ich mich auch ein wenig zurechtgemacht, weil…Sie müssen wissen, wir treffen uns heute zum ersten Mal. Ich meine, wir…“
Robert fiel ihr unhöflich ins Wort, dabei verblüfft ausrufend:
„Wie bitte? Entschuldigen Sie...zum ersten Mal? Ihren...äh...zukünftigen Ehemann?“
„Ja, wissen Sie, wir...“
Wiederum wurde sie von Robert unterbrochen. Noch immer verblüfft und ohne nachzudenken, rief er hastig:
„Also, ich finde – verstehen Sie dies nicht falsch! – ich finde, Sie...Sie sehen wirklich gut aus! Sie werden ihm, äh, sicher gefallen.“
Robert war erstaunt, wie leicht ihm diese Antwort gefallen war, nachdem er sich von der Überraschung erholt hatte, etwas Derartiges überhaupt ausgesprochen zu haben, ganz entgegen seiner Art, zumal es ein wenig geschmeichelt war. Gewiss, die Frau sah gut aus, und sie gefiel ihm. Interessant, elegant zurechtgemacht; ohne unmittelbare Konkurrenz mochte sie manch einer sogar schön finden. Dennoch hatte sie ihm eingangs auf eine Art und Weise gefallen, mit der sich ihre aktuelle Aufmachung nicht messen konnte, und er dachte mit Unbehagen daran, dass man ihm seine Schwindelei ansehen könnte. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, blickte sie mit ausdrucksloser Miene zur Seite und antwortete mit leiser, tonloser Stimme.
„Vielen Dank; das ist sehr nett von Ihnen“, und mit einem Anflug von einem Lächeln, “so etwas hört eine Frau gerne, vor allem in meinem Alter, wie Sie sich denken können…“
Robert wollte verlegen protestieren, doch sie kam ihm zuvor.
„Wissen Sie, wir haben uns über eine Partnervermittlung kennen gelernt, und nun...“
Robert schaute ungläubig drein.
„Ja, wirklich! Nun…ich fürchte, ich bin weder sehr kontaktfreudig noch gesellig. Jedenfalls schreiben wir uns seit Monaten, telefonieren miteinander, und ich…nun, ich bin ziemlich nervös. Wir kennen uns ja nur vom Telefon, aus den Briefen, und von Fotos natürlich. Tja, Fotos…Sie wissen ja bestimmt, wie das ist“, fügte sie gedankenverloren hinzu.
Ihre Stimme war stetig leiser geworden; dabei hatte sie mit starrem Blick zu Boden gesehen, bei ihren letzten Worten jedoch fragend zu ihm aufgeblickt. Obwohl Robert ihren Blick mittlerweile nicht mehr als unangenehm empfand (und die Frau auch nicht mit ihm zu flirten schien), war er um eine rasche, passende Antwort verlegen. Die eintretende Stille ließ ihn jedoch gleichsam ungeduldig werden. Er überlegte, eingedenk ihrer, wie sie sich ausdrückte, mangelnden Kontaktfreudigkeit, warum sie ihn überhaupt angesprochen, überdies die Unterhaltung in persönliches Fahrwasser gelotst hatte, und wieder versuchte er sich vergebens vorzustellen, wie er auf andere Menschen, insbesondere auf Frauen, wirken mochte.
Mit einem Mal war ihm die Unterhaltung so lästig wie die Stille, doch er beschloss, dem Gespräch wenigstens eine andere Richtung zu geben. Er würde unverbindliche, alltägliche Dinge ansprechen wie Wohnort, Beruf, als Äußerstes vielleicht Hobbys; denn trotz seiner Abneigung gegen derlei Konversation wollte er das Gespräch fortsetzen. Die Frau war freundlich und höflich gewesen, und er mochte sie. Er –
„Es ist nicht schön, wenn man alleine ist…“
Robert zwang sich entgeistert dazu, ihre Worte zu ignorieren; sie hatte beinahe geflüstert, und er war zuerst gar nicht sicher, ob die Worte überhaupt an ihn gerichtet waren. Er verspürte einen Klos im Hals und fühlte, wie seine Gedanken durcheinander wirbelten.
„...finden Sie nicht auch?“
Er schluckte, und noch immer fiel ihm keine Antwort ein; aber antworten musste und wollte er. Um Zeit zu gewinnen, bot er ihr eine weitere Zigarette an, und wie er sich zu ihr beugte, um ihr Feuer zu geben, fuhr sie sanft fort:
„Bitte entschuldigen Sie, wenn ich zu persönlich werde. Sagen Sie mir ruhig, wenn Sie nicht antworten wollen, aber...nun, ich sehe, dass Sie...ihre Hand...sind Sie verheiratet?“
O Gott, Julie, dachte Robert, o Gott! Doch zu seiner Überraschung hörte er sich mit ruhiger Stimme antworten:
„Ja, ich bin verheiratet.“
Die Frau lächelte ihn an.
„Das freut mich für Sie.“
Warum freut dich das für mich? fragte sich Robert argwöhnisch, gleichzeitig beschämt, denn ihr Lächeln schien ihm nach wie vor herzlich und aufrichtig zu sein, und so bedankte er sich verlegen.
„Danke...äh, vielen Dank! Ich...ich bin sicher, es wird alles so ausgehen, wie Sie es sich wünschen. Ich meine, ich hoffe es“, fügte er leise hinzu.
„Ja, das hoffe ich auch“, sagte sie wie in Gedanken zu sich selbst. Dann sah sie auf.
„Entschuldigen Sie...Ich danke Ihnen; das war sehr freundlich.“
Das darauffolgende Schweigen war ihm zwar willkommen, dennoch gab Robert sich nach kurzer Zeit einen entschlossenen Ruck.
„Ich möchte Sie etwas fragen, aber...“
„Ja?“
„Es ist...es kann...vielleicht wird es Ihnen zu persönlich?“
„Fragen Sie ruhig, was immer Sie wollen; es stört mich nicht.“
Robert zog an seiner Zigarette und er erinnerte sich, wie sie mit beinahe denselben Worten ihre Bekanntschaft eröffnet hatte. Er überlegte einen Moment, wie er seine Frage formulieren sollte.
„Wenn...nun ja, wenn man alleine ist; ich meine...“
Die Frau schaute ihm unentwegt in die Augen, und ihr trauriger Gesichtsausdruck ließ ihn zögern.
„Ich meine, wenn niemand mehr...Verzeihen Sie, ich höre mich sicher albern an.“
Sie lächelte ihm geduldig, doch noch immer traurig zu. Robert blickte von ihr weg aus dem Fenster.
„Ich will sagen, wenn man das Gefühl hat, irgendwie...dass man einsam ist, ich meine, ganz alleine, verstehen Sie, so richtig alleine, egal, ob man in einer Beziehung lebt oder noch einmal eine eingehen würde...Ach, Quatsch!“ stieß er plötzlich heftig hervor. „Hören Sie: Wenn man fürchtet, es wird sich so oder so, egal was man tut, am Alleinsein nichts mehr ändern...Also, was würden Sie...ich meine, was kann man dann noch tun?“
Robert schien es, als müsse er den Atem anhalten. Er sah weiterhin aus dem Fenster, doch er spürte deutlich, dass sie ihn forschend ansah. Dann hörte er ihre Stimme, leise und eindringlich.
„Ich glaube, dann...dann wäre es an der Zeit zu verschwinden.“
Robert sah noch immer aus dem Fenster. Wie schön die Gegend ist, dachte er beiläufig.
Die Sonne stand schräg am Himmel, und man konnte in der klaren Luft weit über die Landschaft sehen. Die kleine Ortschaft, die gerade vorbeizog, schien zu einer anderen Welt zu gehören; mit ihren putzigen Fachwerkhäusern aus Holz und dunkelrotem Backstein; den geschwungenen eisernen Balkongittern; den vereinzelt rauchenden Kaminen, deren Rauchwolken die Dächer gleich Pudelmützen bedeckten; den gepflegten, identisch erscheinenden Vorgärten, in denen selbst die Komposthäufen wie auch die begrenzenden Hecken einer allgemeinen Symmetrie gehorchten; den Straßen, die den Eindruck erweckten, als wären sie noch nie befahren oder begangen worden, so ruhig und sauber lagen sie da, still, bewegungslos, seltsam menschenleer. Doch als der Zug eine Bahnschranke passierte, kam Robert zu Bewusstsein, dass er sich wohl noch immer unter jener gläsernen Glocke befand, deren Vorhandensein ihm so vertraut und unentbehrlich geworden war, dass ihm endgültig klar wurde, er würde nun nirgends anders mehr leben können, und mit einem Mal schien ihn jene Welt nicht mehr zu belauern, blieb von ihr doch lediglich ein unmaßgebliches Bild in seiner Erinnerung übrig, gleich einer Postkarte, die man beim Aufräumen zufällig auf dem Speicher findet und man sich verwundert fragt, von wem und aus welcher Zeit sie wohl stammen könnte.
Und dann dachte er an Julia – ach Julie, arme Julie! –, an ihre Augen, ihr Haar, ihre Haut; an ihr Lachen, wenn sie ihn gutmütig schalt, dass er zu viel rauche und trinke, und wie sie versuchte beleidigt dreinzuschauen, wenn er über ihre Bekannten herzog, meist über jene Eva, oder halb ärgerlich, halb belustigt Julias Hang zu altmodischer Wäsche bemäkelte; und dann musste er daran denken, wie wenig sie alle miteinander doch verstanden, eine andere Person – oder irgendein Ding, eine Sache – wirklich, bedingungslos und vollkommen zu lieben, außer wenn man es gerade nötig hatte oder es als chic oder opportun galt, und dann dachte er an das Meer, und wie er schon bald dort sein würde, und er murmelte:
„Ja, Zeit zu verschwinden...“ und er hörte leise Worte wie aus weiter Ferne; sanfte, fragende Worte.
Er versuchte sich vergebens auf ihren Inhalt zu konzentrieren, und plötzlich war in seinen Ohren ein stetig an- und abschwellendes Rauschen, unterbrochen von blechernen, lauten Schlägen wie von einem riesigen Gong. Er versuchte zu sprechen, doch er hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen, und wirklich schmerzte ihn das Atmen derart, dass er vermeinte, eine eiserne Klammer lege sich um seine Brust, und er dachte erschöpft: Wozu denken? Wozu atmen? Wozu…
Ihm war, als wate er unter Wasser und vernehme dabei ferne Töne, seltsam dumpf und verzerrt durch die Eigenart der Schallwellen unter Wasser, und er dachte verwirrt, wie anders er sich doch das Meer vorgestellt hatte. Ihm war nicht bewusst, dass er inzwischen unregelmäßig atmete; nur noch jeder dritte, vierte Atemzug schien seine Lungen zu füllen. Plötzlich schien grelle Hitze in seinem Kopf zu explodieren und gleichzeitig Kälte seine Beine hinaufzukriechen, und wie die Kälte seine Brust erreichte, kam ihm auf einmal zu Bewusstsein, dass dies der Tod sein könnte.
Ein glühender, stechender Schmerz durchbohrte ihn, verebbte für den Bruchteil einer Sekunde, um danach mit noch größerer Wucht zuzustoßen; er wühlte sich in seine Brust wie ein Korkenzieher. Einen Moment lang dachte Robert belustigt, wie es wohl sein würde, wenn man den Korkenzieher wieder herausziehen müsste, und dann schickte er sich an, ein letztes Mal tief Luft zu holen, doch es war ihm, als würde die Luft nur noch aus ihm herausgepresst. Teilnahmslos nahm er wahr, wie er von seinem Sitz in die Knie sank und die Farben um ihn herum zu einem schmutzigen Grau verblassten, das von schwarzen Streifen durchzogen war, und er glaubte, Seidenstrümpfe vor sich zu erkennen und er dachte leichthin: Seidenstrümpfe? Schwarz? Was kommt wohl noch alles! Seidenstrümpfe! Bäh, wie ich die verabscheue! Konnte nie was mit anfangen. So etwas hätte Julie nie getragen! Ekelhaftes Gefühl beim Anfassen – und dann war nur noch Dunkel um ihn.

3
Julias Leiche wurde in den frühen Abendstunden entdeckt.
Das Krankenhaus, in welches man Robert nach seinem Herzinfarkt eingeliefert hatte, verständigte vorschriftsgemäß die Polizei, nachdem es nicht gelungen war, Angehörige des Patienten ausfindig zu machen und zu benachrichtigen.
Eva, die den Morgen mit hektischem Telefonieren sowie der vergeblichen Suche nach Julias Wohnungsschlüssel zugebracht hatte, verständigte am Spätnachmittag ebenfalls die Polizei über das vermeintliche Verschwinden ihrer Nachbarin und Freundin.
Die Polizei verschaffte sich daraufhin Zutritt zur Wohnung, und auf Grund des vorläufigen ärztlichen Befunds über die Todesursache wurde Robert noch am selben Abend formell festgenommen und im Krankenhaus unter Bewachung gestellt.
Roberts Gesundheitszustand besserte sich rasch, und die behandelnden Ärzte waren sich einig, dass trotz des Warnsignals eines Infarkts seine Gesundheit (bei entsprechender Führung) nicht ernsthaft bedroht sein sollte.
Evas Ehemann, der Julias Wohnungsschlüssel am frühen Morgen aus Versehen eingesteckt hatte, befand sich den ganzen Tag über auf einer Ausstellung seines Kleintierzüchter-Vereins, wo er nicht gestört werden durfte.
Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wurde Robert in Untersuchungshaft genommen, unter Mordanklage gestellt und drei Monate später verurteilt. Das Urteil lautete auf neun Jahre und sieben Monate wegen Totschlags, nachdem sich Verteidiger, Staatsanwalt und Richter weder auf den exakten Tathergang noch auf ein schlüssiges Tatmotiv einigen konnten. Robert hatte von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch gemacht.
Die Frau aus dem Zug, die Robert nach dem Prozess nicht wiedergesehen hat, lebt heute als städtische Angestellte in einer Kleinstadt im Süden. Sie ist unverheiratet geblieben.
Eva und ihr Ehemann, die beide nicht zu Julias Beerdigung erschienen waren, leben nach wie vor in derselben Straße. Auf Grund einer Beförderungssperre seiner Behörde, die er sehr persönlich nahm, wechselte der Mann kurze Zeit später in den Vorruhestand. Seitdem widmet er seine Zeit ganz dem Kleintierzüchter-Verein, zu dessen stellvertretendem Schatzmeister und Schriftführer er zwischenzeitlich gewählt wurde. Seine Frau Eva ist seit längerem ein geschätztes und rühriges Mitglied der örtlichen Christengemeinde.
Roberts Schwester erschien weder zu Julias Beerdigung noch zu Roberts Prozess.
Wie sie Roberts Anwalt auf dessen Anfrage hin schriftlich mitteilte, habe sie schon vor geraumer Zeit jeglichen Kontakt zu ihrem Bruder abgebrochen und wolle dies, angesichts der Umstände, auch weiterhin aufrechterhalten.
Robert verbüßt seine Strafe in einer Haftanstalt im Norden nahe der Küste, und aus einem Fenster der Krankenstation, die er routinemäßig aufsucht, kann er das Meer sehen.


 

Zoepfer

Mitglied
Bis kurz vor Schluss war ich mittendrin in der Geschichte, die ansprechend erzählt und gut formuliert ist. Dann aber, mit Beginn des dritten Kapitels, änderte sich das. Nachdem Robert ja eben nicht "verschwunden" ist, sondern sich der irdischen Gerechtigkeit stellen muss, gewinne ich den Eindruck von "Thema verfehlt". Der Spannungsbogen, der bis dahin die Story getragen hat, bricht hier ab. Das fängt auch die Info, was mit der Reisebekanntschaft wird und wie das Umfeld nach Entdeckung der Tat handelt, nicht ab. Insofern bleibt ein schales Gefühl.
 

onivido

Mitglied
Guten Abend Gerold,
die Geschichte finde ich ausgezeichnet erzaehlt. Der Inhalt geht mir gegen den Strich. Ich mag keine Dramen. Ich moechte ein “happy end”. Meine Mutter fand meinen Geschmack “amerikanisch”, womit sie wohl ihrer Geringschaetzung Ausdruck verleihen wollte. Sie meinte,”aber so ist doch das Leben nicht”, worauf ich erwiderte, dass ich ins Kino gehe um unterhalten zu werden, nicht um von verfilmten duesteren Schicksalen meines Frohsinns beraubt zu werden.

Mein eingestandenes und gut erhaltenes Banausentum laesst es auch nicht zu, die meisten Geschichten in der Leselupe zu Ende zu lesen, obgleich ich fast alle meisterlich geschrieben finde.

Gerade deshalb hat mir “Erinnerung an einen Kuss” ausgezeichnet gefallen, weil mir der Inhalt zusagte und ich die Sprache excellent fand.

Beste Gruesse///Onivido
 
Hallo Gerold Senftie,

als ich anfing, die Geschichte zu lesen, schwankte ich, ob ich sie sterbenslangweilig oder hochinteressant finden sollte und entschied mich: erster Teil langweilig und viel zu ausschweifend, das ganze Gerede über Eva und ihren Ehemann, die mit der eigentlichen Geschichte gar nichts zu tun haben, ist völlig überflüssig, außer dass Eva dafür sorgt, dass die Leiche entdeckt wird. Dafür braucht man aber nicht stundenlang über Eva und ihren Ehemann zu schwadronieren - ein kurzer Hinweis auf beide würde reichen, und wenn man den dritten Teil weglässt (dazu später mehr) braucht man beide gar nicht.

Der zweite Teil dagegen ist hochinteressant und könnte fast für sich allein stehen. Den dritten Teil könnte man vollkommen weglassen, das ist eine Auflösung, die der Leser gar nicht braucht, die ihn sogar enttäuscht - es ist doch interessanter, wenn Robert verschwindet und nicht mehr auftaucht.

Einiges ist mir noch aufgefallen:

Ich...ich bräuchte etwas aus meinem Koffer...würden Sie mir nochmals helfen?“
„Ja, natürlich; gerne“, gab Robert zur Antwort. Er kam sich reichlich ungeschickt vor, wie er bemerkte, dass er sich wiederholt hatte.
Die Frau entnahm dem Koffer eine unförmige, offensichtlich prall gefüllte Stofftasche und verließ damit das Abteil, nachdem sie ihm nochmals zugelächelt hatte.
Bei was hat er ihr denn hier geholfen? Sie kann doch selbst an ihre Tasche, er muss sie ja nicht vor ihr bewachen.

Im dritten Teil erscheint mir auch manches völlig unlogisch:
Julias Leiche wurde in den frühen Abendstunden entdeckt.
Das Krankenhaus, in welches man Robert nach seinem Herzinfarkt eingeliefert hatte, verständigte vorschriftsgemäß die Polizei, nachdem es nicht gelungen war, Angehörige des Patienten ausfindig zu machen und zu benachrichtigen.
Eva, die den Morgen mit hektischem Telefonieren sowie der vergeblichen Suche nach Julias Wohnungsschlüssel zugebracht hatte, verständigte am Spätnachmittag ebenfalls die Polizei über das vermeintliche Verschwinden ihrer Nachbarin und Freundin.
Die Polizei verschaffte sich daraufhin Zutritt zur Wohnung, und auf Grund des vorläufigen ärztlichen Befunds über die Todesursache wurde Robert noch am selben Abend formell festgenommen und im Krankenhaus unter Bewachung gestellt.
Eine Vermisstenanzeige kann man erst 24 Stunden nach Verschwinden aufgeben. Und warum sollte Eva gleich beunruhigt sein, wenn sie Julia nur ein paar Stunden nicht erreichen kann und hektisch werden? Sie weiß ja nicht, was passiert ist. Aber selbst wenn sie so eine Art hat, würde allein deshalb keine Polizei sofort anrücken.

Dann muss die Leiche obduziert werden, um die Todesursache festzustellen.
Tolle Polizei, die das alleine und am selben Tag schafft, ohne Staatsanwalt... ;) ;)Und dann auch gleich weiß, wer der Mörder ist und ihn am selben Tag unter Bewachung stellt, ohne dass überhaupt Anklage erhoben wurde.

Ein Pluspunkt ist, dass die Geschichte ansprechend erzählt ist. Trotzdem ist so vieles nicht ganz "rund", dass ich leider nur drei Punkte geben kann.

Viele Grüße
SilberneDelfine
 
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