zerrissen

5,00 Stern(e) 2 Bewertungen

seefeldmaren

Mitglied
mir gefällt vor allem die zweite strophe, @wiesner.

die erste schlängelt sich so an und die zweite tritt mit nachdruck in erscheinung.

steinsalben dem tage, finde ich wirklich gut, auch den baumelnden, also ja, vor allem die zweite strophe.
der heilung getropfe heißt für mich, wie ich es lese, dass es schubhaft ist die heilung. und das könnte diesen
tiefengewinn in der zweiten strophe offenlegen.

tosen ist so ein wort, das ich irgendwie nicht mag (was nicht heißt, dass es dein gedicht schlecht macht) und es bricht wie getropfe irgendwie aus dem sprachregister der ansonsten so schönen bilder.
was ich mich an der stelle frage ist, ob das eventuell nicht sogar für dich stilgebend ist; also etwas, das wie ein eigener sound durchgeht.
ich kann das ja mal kurz, heute habe ich etwas mehr zeit, zerlegen: wir haben 6 + 1 + 6 zeilen mit einer einzelzeile - der heilung getropfe - als achse.
nix interpunktion und große substantive. zerrissen kommt 2x vor und dazwischen liegt der weg von den tüchern zur rettung.
oh und dann die dritte strophe (tücher, steinsalben, tage, stunden und tuch -> wortfeld), die tücher werden lautlich mitzerrissen und wieder zusammengeknotet.
auffällig sind für mich: die genetive umarmen großstadtvokabular, also konträre register.
strophe 1 ist sinnlich ausgesprochen konkret und strophe drei ist abstrakter - das bild vom geknoteten stundentuch leistet
im kern ja die rettung schon selbst. ja, das ist schon recht eigenständig. :)

ja, die zerrissenheit - ich glaube shakespeare schrieb in anbetracht der damaligen zeit ähnlich zerrissen.

maren
 

wiesner

Mitglied
Liebe Maren,

ganz herzlichen Dank für Deinen interessanten Kommentar!

Tosen und Getropfe - antipodisch und klangverwandt, ich wollte es so.
Die Trennungsmenschen, nachdem Tisch- und Betttücher zerissen sind, fallen in die kaputte Stadt und finden sich selbst-zerrisen wieder, suchen Heilung und finden das Tote ... Steinsalben für ihre Wunden. Aber sie finden auch Rettungsversuche, baumelnd als geknotete Tücher ... ein eindeutiges Bild. Stundentuch assoziiert - natürlich - das Hilfe- und Orientierungsbuch früherer Zeiten.
Mein Wunsch ist, das Gedicht selbst als Knoten zu lesen/sehen, die Mitte als Zäsur möge darauf zeigen. Natürlich ist ein anderes Lesen/Empfinden möglich, der dichtende Mensch ist immer ein Vorschlagsmensch.

Gruß und Dank auch an Ubertas!

Béla
 



 
Oben Unten