Scheinbar hat sich in der Zeit ihrer Abwesenheit wenig verändert. Bei ihrer Rückkehr hat sie ein Dorf vorgefunden, in dem es immer noch keine Einkaufsmöglichkeiten und keinen Arzt gibt. Aus der Verwandtschaft, die verstreut in der Umgebung lebt, kommen regelmäßig Beschwerden über die schlechter werdenden Lebensbedingungen auf dem Land. Die Sorgen vor Ort kennt sie, so wurden das nächstgelegene Krankenhaus vor Jahren geschlossen und eine Busverbindung eingestellt, manche Nebenstraße sieht wie damals löchrig aus. Es finden sich genügend Umstände, die die Leute verdrossener gemacht haben. Gleich geblieben ist auch gefühlte die Gleichgültigkeit, mit denen man von höheren Stellen ihrer Ortschaft begegnet.
„Schön, dass du zurück bist“; sagt Britta zu ihr, eine Frau, mit der sich bereits ihre Eltern gut verstanden haben und es immer noch tun. „Gewiss ist es mutig, nach so vielen Jahren wieder dorthin zurückzukehren, wo einen wenig erwartet. Doch ich denke, es ist genau das Richtige. Sieh dich nur auf deinem Fest um. Schon lange hat sich das Dorf nicht mehr derart zusammengefunden.“
„Nicht jeder scheint aber überzeugt zu sein.“
„Lass dich von den alten Griesgramen nicht entmutigen.“
„Und die Jungen?“
„Es ist hier nicht anders, wie an anderen Orten“, meint Britta. „Wir haben euch gehen lassen müssen, damit ihr es zu etwas bringt. Und freilich habt nicht nur ihr euch verändert.“
Mit ein wenig Wehmut denkt sie an ihre Abfahrt vor Jahren zurück. Damals konnte sie es kaum erwarten, mit ihrer Ausbildung zu beginnen, die Wochen davor waren jedoch ein langes Abschiednehmen von den Freunden und Bekannten gewesen, mit kleinen Feiern dazwischen. In der Aufbruchsstimmung rührten sich gemischte Gefühle, denn das Zusammensein mit ihrer Gemeinschaft, das lustig, aber auch eng sein konnte, würde es so bald nicht mehr geben. Wieder ging einer fort, soweit, dass nicht einmal ein flüchtiges Treffen am Wochenende möglich war. ‚Gute Ratschläge wurden verteilt, doch niemand wusste wirklich, was die Zukunft bringt.‘
„Es wird langsam dunkel, ich mach mal die Lichter an“, entschuldigt sie sich bei Britta und geht rasch weiter, durch eine fröhlich plaudernde Menge, um die an verschiedenen Stellen aufgestellten Leuchten und Lampen anzuzünden. Der eine oder andere bedankt sich für die von ihr auf die Beine gestellte Feier, es sind vor allem ältere Leute. Wie in den vorangegangenen Monaten gibt man ihr Zuspruch. Es sei schön, wieder einmal zusammenkommen zu können.
Über allen verlischt gemächlich der Tag. Fast zufrieden betrachtet sie den weiten, stillen Abendhimmel, der in roten Streifen versinkt. Bald zieht heimlich frische Luft heran, niemand scheint sich aber daran zu stören, immerhin wärmt eine flackernde Feuerstelle. Endlich erstrahlt der Platz gegenüber ihrem Laden so, wie sie sich es vorgestellt hat. In der Nähe reichen die Straßenlaternen ihr schummriges Licht dazu. Eine behagliche Atmosphäre breitet sich aus, lange hat sie alles vorbereitet, nichts wurde dem Zufall überlassen, die Kenntnisse aus ihrem Beruf sind ihr dabei zugutegekommen. Ein bisschen erinnert sie die Stimmung an früher und dennoch scheint ihr manches unähnlicher zu sein. Sie hadert. Es kommt ihr immer noch merkwürdig vor, von ihrem Beruf zu reden. Schließlich hat sie ihn aufgegeben, um hier mit einer anderen Tätigkeit neu zu beginnen.
‚Ob dieser Schritt wirklich richtig war? Bis jetzt habe ich ihn aber nicht bereut, auch wenn ich meine Zeit in der Großstadt nicht missen möchte. Es war ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben, in dem ich viele Erfahrungen sammeln konnte und in der sich mir Perspektiven auftaten, von denen ich nicht einmal geträumt hatte. Ohne das könnte ich nicht hier sein.‘
Neben ihr tratschen Leute wie zu den Öffnungszeiten, als sie letzte Handgriffe vornimmt. Ihre Angestellte, die sich bereiterklärt hat, diesen Abend mitzuhelfen, ist im Augenblick auch beschäftigt. Es sei schrecklich, heißt es. Die Enkel würden mit all den Nachzüglern in der Schule auf der Strecke bleiben. Um das System sei es schlecht bestellt, wie lange man das noch hinnehmen soll. Sie hört kaum zu. In ihren Gedanken eilen die Jahre, in denen sie nur gelegentlich auf Besuche vorbeikam, vorüber. Ein Gefühl wollte in ihr während dieser Zeit nicht verstummen. So sehr sie es genoss Verantwortung zu tragen und so sehr ihr die Annehmlichkeiten, die sie sich endlich leisten konnte, schmeichelten – sie vermisste immer häufiger ihr eigentliches Zuhause. Die überfüllten Straßen, der Lärm, das hektische Durcheinander und die bunt gemischten Plätze wollten ihr einfach nicht vertraut werden. Obwohl sie inzwischen gute Freunde gefunden hatte, mit denen sie gesellige Abende verbrachte, war da ein unsichtbarer, gelegentlich im Spiegel wahrnehmbarer Abstand.
„Weißt du noch, wie wir als Kinder über den Weg dort drüben fortgesprungen sind?“ redet sie jemand unerwartet von hinten an. Unverzüglich dreht sie sich um und erkennt ihn gleich. Es ist Markus, ein ehemaliger Schulkamerad, der nach ihrem Wissen längst nicht mehr im Dorf wohnt und wohl nur aus reiner Neugier auf einen Sprung vorbeigekommen ist. Doch sie ist nickt bloß. Ihr Bekannter erzählt über sich und davon, dass er irgendwo im Umkreis als Manager arbeitet. Man könne es auch in diesem Landstrich zu etwas bringen. Für einen winzigen Augenblick sieht sie unterdessen zum dunkel liegenden Weg hinüber. Damals ist sie zusammen mit anderen Kindern die Strecke hinaus zum Sumpf und den zwischen bewirtschafteten Flächen eingezwängten Tümpeln gelaufen. An solchen Plätzen wirbelte eine ungebändigte Schar umher, durch die Gräben und mitten durch die Gebüsche, zu jeder Jahreszeit. Manchmal war sie sogar dann unterwegs, wenn man ihr noch Bettruhe auferlegt hatte. Gern denkt sie daran zurück.
„Ach, unser Weg in die vermeintliche Wildnis. Kinderkram“, spricht sie schließlich. „Für die meisten ist es dort draußen eine einsame Gegend. Viele Fremde würden sie als gottverlassenen bezeichnen.“
„Seit Jahrzehnten treibt sich dort draußen im Schutzgebiet regelmäßig ein seltsames Völkchen herum, das ganz begeistert auf das flatternde Spektakel starrt“, findet Markus.
„Wir haben uns schon damals über die lustig gemacht und so getan, als würden wir auch durch Feldstecher glotzen. Wenigstens beleben die Gäste unser Dorf.“
Ihr einstiger Schulkamerad lacht. „Bloß im Frühling und Herbst. Geld bringen diese Weltverbesserer sowieso nicht, sondern nur Ärger. Wegen denen hat sich bei uns sogar ein Bauprojekt verzögert.“
„Schade.“
„Wie ich gehört habe, hast du eine gute Stelle für deinen Laden aufgegeben“, fragt Markus darauf neugierig.
„Na und?“
„Doch, der Einfall mit dem Dorfladen ist ganz gut. Für den Ort bestimmt“, sagt er schnell. Es klingt für sie wie eine Verteidigung. „Was hast du eigentlich in der Zwischenzeit gemacht?“
„Über Bücher gesessen, auf Prüfungen gefiebert, in einer Wohngemeinschaft gelebt, meinen Master gemacht und vor allem meine Karriere vorangebracht. Willst du mehr erfahren?“ Auf ihre Antwort hin steht Markus sprachlos neben ihr, so als hätte ihn die kühle Abendluft trotzdem überrascht. Rasch wendet sich den anderen Leuten zu. Sympathisch ist er ihr noch nie gewesen.
„Meike, hast du einen Augenblick Zeit?“ fordert sie mit einem Mal eine Stimme ernst auf. Ein Mann tritt aus den Umstehenden hervor und geht auf sie zu. Man kennt sich und hat nur wenig miteinander zu tun. Eine Ahnung kommt in ihr auf. Was folgt, das ist ein Gespräch, in dem sie wieder einem Dorfbewohner erklären muss, warum sie in dem Saal, der zu ihrem Laden gehört, keine Wahlveranstaltungen haben will. Abermals meint einer, dass sich hier für die Einheimischen endlich etwas verändern muss. Die Hiesigen möchten ab und an ihre Meinung mit Recht vertreten haben, gibt er ihr zu verstehen. Ein ständiges Nein komme kaum gut an. Erneut besteht sie jedoch darauf, dass der Raum allein für private Feiern und kleine Veranstaltung oder Konzerte vorgesehen ist, um das Dorf, in dem es nur die üblichen und sonst kaum bedeutende Bräuche gibt, zu beleben. Sie schafft es, den Mann abzuwimmeln.
Selbst ihrer früheren Chefin, mit der sie sich nach wie vor gut versteht, musste sie unlängst umständlich davon abbringen, ausgerechnet hier eine Diskussionsrunde für eine offene Gesellschaft auf dem Land abzuhalten. ‚Irrsinn. Überhaupt hatten Nina und ihre Lebenspartnerin meine Kündigung nicht verstanden, beide fielen beinahe aus allen Wolken, als ich von meinem Vorhaben erzählte. Sie begriffen nicht, warum ich für ein nach ihrer Meinung gewagtes Projekt in eine Gegend zurückwollte, die niemand kennt und in der Frauen ohnehin wenig zählen. – Nina sagte einmal zu mir, dass ich in meinem Beruf weit mehr als manche männlichen Kollegen kann. Ich soll mich doch nicht unterkriegen lassen! Es sind eben zwei kämpferische Mädel, die für Gerechtigkeit streiten. Aber zurechtfinden würden sich die beiden hier kaum. Und mir würde man etwas unterstellen, das so gar nicht ist.‘
Rundherum verlieren sich die vielen Besucher zwischen der Dekoration und der im Hintergrund nicht zu stark schallenden Musik. Unauffällig bemüht sich ihre Mitarbeiterin in der beschwingten Ansammlung darum, den großen, gedeckten Tisch immer wieder mit Nachschub zu bestücken und ihn in Ordnung zu halten. Sie denkt an ihre Großtante, die im Nachbarort lange eine Bäckerei führte und so etwas wie der Mittelpunkt der ganzen Familie, aber auch für das Dorf war. ‚Tante Gisela war eine gestandene Frau, die sich als Witwe allein durchschlagen musste und ihre Kinder durchgebracht hat. Sie wusste sich zu behaupten. Für mich ist sie immer ein Vorbild gewesen und bestimmt hätte ihr mein Unterfangen gefallen.‘
Nun steht sie also hier, ihre Idee einen Dorfladen zu eröffnen, ist endlich Wirklichkeit geworden. Der Anfang gestaltete sich aber schwieriger, als sie sich es vorgestellt hatte, allerlei steht noch auf unsicheren Beinen. Die Familie hilft ihr, so oft wie möglich. Überhaupt wäre es ihr ohne Unterstützung aus dem Ort nicht möglich gewesen, das leerstehende Gebäude zu entrümpeln und umzubauen. ‚Einige Dorfbewohner kamen und halfen mit, doch es dauerte Wochen, bevor wir die Wände gestrichen hatten und einrichten konnten. Von Anfang an freuten sich meine alten Bekannten einen neuen Treffpunkt zubekommen. Aber ich hatte auch noch eine Stelle zu besetzen. Eine Schulfreundin meiner Mutter, die in den ersten Tagen mithalf, fiel leider aus. Leicht war es nicht, einen Ersatz zu finden. Es könnten auch mehr Besucher kommen.‘
Lediglich eine wollte bei ihr arbeiten, alle anderen Bewerber sagten nacheinander ab. Man hatte sie ihr vermittelt und eines Tages stand Naba im Laden. ‚Begeistert war ich allerdings nicht, jemanden anstellen zu müssen, der nur holprig unsere Sprache beherrscht. Ich will ja einen neuen Mittelpunkt für das Dorf aufbauen.‘ Es blieb ihr letztlich nichts anderes übrig, die einzige Interessentin zu nehmen. Insgeheim hofft sie noch immer, später einmal eine Einheimische einstellen zu können. Dennoch ist sie mit der Arbeit ihrer Angestellten, einer fast Gleichaltrigen nicht unzufrieden. ‚Naba ist sehr geschickt und gegenüber der Kundschaft offen. Sie bleibt auch gelassen, wenn es einmal stressig wird. Die Leute mögen ihre Art und nehmen die Situation an, es gibt nur vereinzelt Gerede. Aber dazugehören wird sie nie.‘ Viel zu tun hat sie mit ihrer Mitarbeiterin nicht. Gespräche zwischen ihnen finden selten statt, der Wortwechsel und die kleinen Gesten beschränken sich stets auf das Erforderliche. Geflüchteten traut sie kaum. ‚Eigentlich habe ich keinen guten Eindruck über diese Menschen gewonnen. Da gibt es zu viele eigenartige Gewohnheiten und zu viel Gewalt. Vor allem sind mir diese Männer unheimlich.‘
„Hat dich eben der Dietz drangsaliert?“ will Thomas, der auf einem Mal mit einem Teller in der Hand neben ihr steht, wissen. Er ist auch ein alter Bekannter.
„Nur die üblichen Diskussionen.“
„Er will ja der neue Vorsteher werden.“
„Soll er.“
„Du weißt aber schon, für welche Haltung er steht?“
„Ich bin nicht für das Politische.“
„Mag sein, aber die Meinungen im Dorf sind schlimmer geworden und die Leute denken weniger nach. An deiner Stelle wäre ich nicht zurückgekehrt. Du bist jung, hast deinen Willen und kannst woanders noch einiges erreichen.“
„Das hat schon einmal jemand zu mir gemeint. Doch nun bin ich hier, ich wollte ja nach Hause.“
„Ist es das noch?“
„Hältst du meine Idee mit dem Dorfladen etwa für schlecht?“
„Nein. Hätte ich dir sonst geholfen, die Elektrik instand zu setzen? Ich meine nur, dass du hier versauern könntest. Das habe ich auch schon meinem Kameraden, deinem Vater erklärt.“
Unschlüssig lächelt sie darauf. Vor über einem halben Jahr ist sie heimgekehrt, als eine von ganz wenigen. Jemand, der um die dreißig und alleinstehend ist. Nicht wenige Leute im Dorf haben ihr skeptisch ins Gesicht geblickt. Zuvor ist es ihr nicht in den Sinn gekommen, dass ein Rückkehrer fast als ein halber Außenstehender gilt. Die Veränderungen während der langen Abwesenheit sind für sie erst in den letzten Monaten allmählich wahrnehmbar geworden. Nach ihrem Empfinden reden die Einwohner viel schärfer über Heimat als früher. Wäre sie nicht fortgegangen, ihr wäre es nicht aufgefallen. ‚Vermutlich würde auch ich gern Wahlkampfauftritte in dem kleinen Saal sehen. Dennoch möchte ich bleiben, ob sich ein Freund fürs Leben findet, ist mir dabei nicht so wichtig. Hauptsache, es interessiert sich nicht wieder einer aus der Stadt für mich. Ich will einfach kein Zugvogel sein, der kommt, irgendeinmal wegfliegt und der nie einen festen Platz hat.‘
„Zugehörigkeit ist genauso wichtig wie Gleichheit,“ spricht sie dann halblaut vor sich hin.
„Sicherlich“, erwidert Thomas. „Aber ich spinne nicht und werde radikal, weil einem verschiedene Umstände Kummer bereiten und abstruse Plattformen den Verstand zum Erliegen bringen. Für blöd halten muss man mich nicht.“
Plötzlich gibt es einen ungewöhnlich lauten Knall. Die Leute blicken überrascht um sich und fragend in die Dunkelheit, mancher zuckt für Sekunden erschrocken zusammen. Einige wenige Anwesende lachen breit auf, weil sie offenbar die Ursache für die Störung kennen. Bald jedoch kehren alle zu ihren Gesprächen und ihrem Müßiggang zurück, so als wäre nichts geschehen. Nur Naba drückt sich in eine Ecke. Sie hat Angst.
„Schön, dass du zurück bist“; sagt Britta zu ihr, eine Frau, mit der sich bereits ihre Eltern gut verstanden haben und es immer noch tun. „Gewiss ist es mutig, nach so vielen Jahren wieder dorthin zurückzukehren, wo einen wenig erwartet. Doch ich denke, es ist genau das Richtige. Sieh dich nur auf deinem Fest um. Schon lange hat sich das Dorf nicht mehr derart zusammengefunden.“
„Nicht jeder scheint aber überzeugt zu sein.“
„Lass dich von den alten Griesgramen nicht entmutigen.“
„Und die Jungen?“
„Es ist hier nicht anders, wie an anderen Orten“, meint Britta. „Wir haben euch gehen lassen müssen, damit ihr es zu etwas bringt. Und freilich habt nicht nur ihr euch verändert.“
Mit ein wenig Wehmut denkt sie an ihre Abfahrt vor Jahren zurück. Damals konnte sie es kaum erwarten, mit ihrer Ausbildung zu beginnen, die Wochen davor waren jedoch ein langes Abschiednehmen von den Freunden und Bekannten gewesen, mit kleinen Feiern dazwischen. In der Aufbruchsstimmung rührten sich gemischte Gefühle, denn das Zusammensein mit ihrer Gemeinschaft, das lustig, aber auch eng sein konnte, würde es so bald nicht mehr geben. Wieder ging einer fort, soweit, dass nicht einmal ein flüchtiges Treffen am Wochenende möglich war. ‚Gute Ratschläge wurden verteilt, doch niemand wusste wirklich, was die Zukunft bringt.‘
„Es wird langsam dunkel, ich mach mal die Lichter an“, entschuldigt sie sich bei Britta und geht rasch weiter, durch eine fröhlich plaudernde Menge, um die an verschiedenen Stellen aufgestellten Leuchten und Lampen anzuzünden. Der eine oder andere bedankt sich für die von ihr auf die Beine gestellte Feier, es sind vor allem ältere Leute. Wie in den vorangegangenen Monaten gibt man ihr Zuspruch. Es sei schön, wieder einmal zusammenkommen zu können.
Über allen verlischt gemächlich der Tag. Fast zufrieden betrachtet sie den weiten, stillen Abendhimmel, der in roten Streifen versinkt. Bald zieht heimlich frische Luft heran, niemand scheint sich aber daran zu stören, immerhin wärmt eine flackernde Feuerstelle. Endlich erstrahlt der Platz gegenüber ihrem Laden so, wie sie sich es vorgestellt hat. In der Nähe reichen die Straßenlaternen ihr schummriges Licht dazu. Eine behagliche Atmosphäre breitet sich aus, lange hat sie alles vorbereitet, nichts wurde dem Zufall überlassen, die Kenntnisse aus ihrem Beruf sind ihr dabei zugutegekommen. Ein bisschen erinnert sie die Stimmung an früher und dennoch scheint ihr manches unähnlicher zu sein. Sie hadert. Es kommt ihr immer noch merkwürdig vor, von ihrem Beruf zu reden. Schließlich hat sie ihn aufgegeben, um hier mit einer anderen Tätigkeit neu zu beginnen.
‚Ob dieser Schritt wirklich richtig war? Bis jetzt habe ich ihn aber nicht bereut, auch wenn ich meine Zeit in der Großstadt nicht missen möchte. Es war ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben, in dem ich viele Erfahrungen sammeln konnte und in der sich mir Perspektiven auftaten, von denen ich nicht einmal geträumt hatte. Ohne das könnte ich nicht hier sein.‘
Neben ihr tratschen Leute wie zu den Öffnungszeiten, als sie letzte Handgriffe vornimmt. Ihre Angestellte, die sich bereiterklärt hat, diesen Abend mitzuhelfen, ist im Augenblick auch beschäftigt. Es sei schrecklich, heißt es. Die Enkel würden mit all den Nachzüglern in der Schule auf der Strecke bleiben. Um das System sei es schlecht bestellt, wie lange man das noch hinnehmen soll. Sie hört kaum zu. In ihren Gedanken eilen die Jahre, in denen sie nur gelegentlich auf Besuche vorbeikam, vorüber. Ein Gefühl wollte in ihr während dieser Zeit nicht verstummen. So sehr sie es genoss Verantwortung zu tragen und so sehr ihr die Annehmlichkeiten, die sie sich endlich leisten konnte, schmeichelten – sie vermisste immer häufiger ihr eigentliches Zuhause. Die überfüllten Straßen, der Lärm, das hektische Durcheinander und die bunt gemischten Plätze wollten ihr einfach nicht vertraut werden. Obwohl sie inzwischen gute Freunde gefunden hatte, mit denen sie gesellige Abende verbrachte, war da ein unsichtbarer, gelegentlich im Spiegel wahrnehmbarer Abstand.
„Weißt du noch, wie wir als Kinder über den Weg dort drüben fortgesprungen sind?“ redet sie jemand unerwartet von hinten an. Unverzüglich dreht sie sich um und erkennt ihn gleich. Es ist Markus, ein ehemaliger Schulkamerad, der nach ihrem Wissen längst nicht mehr im Dorf wohnt und wohl nur aus reiner Neugier auf einen Sprung vorbeigekommen ist. Doch sie ist nickt bloß. Ihr Bekannter erzählt über sich und davon, dass er irgendwo im Umkreis als Manager arbeitet. Man könne es auch in diesem Landstrich zu etwas bringen. Für einen winzigen Augenblick sieht sie unterdessen zum dunkel liegenden Weg hinüber. Damals ist sie zusammen mit anderen Kindern die Strecke hinaus zum Sumpf und den zwischen bewirtschafteten Flächen eingezwängten Tümpeln gelaufen. An solchen Plätzen wirbelte eine ungebändigte Schar umher, durch die Gräben und mitten durch die Gebüsche, zu jeder Jahreszeit. Manchmal war sie sogar dann unterwegs, wenn man ihr noch Bettruhe auferlegt hatte. Gern denkt sie daran zurück.
„Ach, unser Weg in die vermeintliche Wildnis. Kinderkram“, spricht sie schließlich. „Für die meisten ist es dort draußen eine einsame Gegend. Viele Fremde würden sie als gottverlassenen bezeichnen.“
„Seit Jahrzehnten treibt sich dort draußen im Schutzgebiet regelmäßig ein seltsames Völkchen herum, das ganz begeistert auf das flatternde Spektakel starrt“, findet Markus.
„Wir haben uns schon damals über die lustig gemacht und so getan, als würden wir auch durch Feldstecher glotzen. Wenigstens beleben die Gäste unser Dorf.“
Ihr einstiger Schulkamerad lacht. „Bloß im Frühling und Herbst. Geld bringen diese Weltverbesserer sowieso nicht, sondern nur Ärger. Wegen denen hat sich bei uns sogar ein Bauprojekt verzögert.“
„Schade.“
„Wie ich gehört habe, hast du eine gute Stelle für deinen Laden aufgegeben“, fragt Markus darauf neugierig.
„Na und?“
„Doch, der Einfall mit dem Dorfladen ist ganz gut. Für den Ort bestimmt“, sagt er schnell. Es klingt für sie wie eine Verteidigung. „Was hast du eigentlich in der Zwischenzeit gemacht?“
„Über Bücher gesessen, auf Prüfungen gefiebert, in einer Wohngemeinschaft gelebt, meinen Master gemacht und vor allem meine Karriere vorangebracht. Willst du mehr erfahren?“ Auf ihre Antwort hin steht Markus sprachlos neben ihr, so als hätte ihn die kühle Abendluft trotzdem überrascht. Rasch wendet sich den anderen Leuten zu. Sympathisch ist er ihr noch nie gewesen.
„Meike, hast du einen Augenblick Zeit?“ fordert sie mit einem Mal eine Stimme ernst auf. Ein Mann tritt aus den Umstehenden hervor und geht auf sie zu. Man kennt sich und hat nur wenig miteinander zu tun. Eine Ahnung kommt in ihr auf. Was folgt, das ist ein Gespräch, in dem sie wieder einem Dorfbewohner erklären muss, warum sie in dem Saal, der zu ihrem Laden gehört, keine Wahlveranstaltungen haben will. Abermals meint einer, dass sich hier für die Einheimischen endlich etwas verändern muss. Die Hiesigen möchten ab und an ihre Meinung mit Recht vertreten haben, gibt er ihr zu verstehen. Ein ständiges Nein komme kaum gut an. Erneut besteht sie jedoch darauf, dass der Raum allein für private Feiern und kleine Veranstaltung oder Konzerte vorgesehen ist, um das Dorf, in dem es nur die üblichen und sonst kaum bedeutende Bräuche gibt, zu beleben. Sie schafft es, den Mann abzuwimmeln.
Selbst ihrer früheren Chefin, mit der sie sich nach wie vor gut versteht, musste sie unlängst umständlich davon abbringen, ausgerechnet hier eine Diskussionsrunde für eine offene Gesellschaft auf dem Land abzuhalten. ‚Irrsinn. Überhaupt hatten Nina und ihre Lebenspartnerin meine Kündigung nicht verstanden, beide fielen beinahe aus allen Wolken, als ich von meinem Vorhaben erzählte. Sie begriffen nicht, warum ich für ein nach ihrer Meinung gewagtes Projekt in eine Gegend zurückwollte, die niemand kennt und in der Frauen ohnehin wenig zählen. – Nina sagte einmal zu mir, dass ich in meinem Beruf weit mehr als manche männlichen Kollegen kann. Ich soll mich doch nicht unterkriegen lassen! Es sind eben zwei kämpferische Mädel, die für Gerechtigkeit streiten. Aber zurechtfinden würden sich die beiden hier kaum. Und mir würde man etwas unterstellen, das so gar nicht ist.‘
Rundherum verlieren sich die vielen Besucher zwischen der Dekoration und der im Hintergrund nicht zu stark schallenden Musik. Unauffällig bemüht sich ihre Mitarbeiterin in der beschwingten Ansammlung darum, den großen, gedeckten Tisch immer wieder mit Nachschub zu bestücken und ihn in Ordnung zu halten. Sie denkt an ihre Großtante, die im Nachbarort lange eine Bäckerei führte und so etwas wie der Mittelpunkt der ganzen Familie, aber auch für das Dorf war. ‚Tante Gisela war eine gestandene Frau, die sich als Witwe allein durchschlagen musste und ihre Kinder durchgebracht hat. Sie wusste sich zu behaupten. Für mich ist sie immer ein Vorbild gewesen und bestimmt hätte ihr mein Unterfangen gefallen.‘
Nun steht sie also hier, ihre Idee einen Dorfladen zu eröffnen, ist endlich Wirklichkeit geworden. Der Anfang gestaltete sich aber schwieriger, als sie sich es vorgestellt hatte, allerlei steht noch auf unsicheren Beinen. Die Familie hilft ihr, so oft wie möglich. Überhaupt wäre es ihr ohne Unterstützung aus dem Ort nicht möglich gewesen, das leerstehende Gebäude zu entrümpeln und umzubauen. ‚Einige Dorfbewohner kamen und halfen mit, doch es dauerte Wochen, bevor wir die Wände gestrichen hatten und einrichten konnten. Von Anfang an freuten sich meine alten Bekannten einen neuen Treffpunkt zubekommen. Aber ich hatte auch noch eine Stelle zu besetzen. Eine Schulfreundin meiner Mutter, die in den ersten Tagen mithalf, fiel leider aus. Leicht war es nicht, einen Ersatz zu finden. Es könnten auch mehr Besucher kommen.‘
Lediglich eine wollte bei ihr arbeiten, alle anderen Bewerber sagten nacheinander ab. Man hatte sie ihr vermittelt und eines Tages stand Naba im Laden. ‚Begeistert war ich allerdings nicht, jemanden anstellen zu müssen, der nur holprig unsere Sprache beherrscht. Ich will ja einen neuen Mittelpunkt für das Dorf aufbauen.‘ Es blieb ihr letztlich nichts anderes übrig, die einzige Interessentin zu nehmen. Insgeheim hofft sie noch immer, später einmal eine Einheimische einstellen zu können. Dennoch ist sie mit der Arbeit ihrer Angestellten, einer fast Gleichaltrigen nicht unzufrieden. ‚Naba ist sehr geschickt und gegenüber der Kundschaft offen. Sie bleibt auch gelassen, wenn es einmal stressig wird. Die Leute mögen ihre Art und nehmen die Situation an, es gibt nur vereinzelt Gerede. Aber dazugehören wird sie nie.‘ Viel zu tun hat sie mit ihrer Mitarbeiterin nicht. Gespräche zwischen ihnen finden selten statt, der Wortwechsel und die kleinen Gesten beschränken sich stets auf das Erforderliche. Geflüchteten traut sie kaum. ‚Eigentlich habe ich keinen guten Eindruck über diese Menschen gewonnen. Da gibt es zu viele eigenartige Gewohnheiten und zu viel Gewalt. Vor allem sind mir diese Männer unheimlich.‘
„Hat dich eben der Dietz drangsaliert?“ will Thomas, der auf einem Mal mit einem Teller in der Hand neben ihr steht, wissen. Er ist auch ein alter Bekannter.
„Nur die üblichen Diskussionen.“
„Er will ja der neue Vorsteher werden.“
„Soll er.“
„Du weißt aber schon, für welche Haltung er steht?“
„Ich bin nicht für das Politische.“
„Mag sein, aber die Meinungen im Dorf sind schlimmer geworden und die Leute denken weniger nach. An deiner Stelle wäre ich nicht zurückgekehrt. Du bist jung, hast deinen Willen und kannst woanders noch einiges erreichen.“
„Das hat schon einmal jemand zu mir gemeint. Doch nun bin ich hier, ich wollte ja nach Hause.“
„Ist es das noch?“
„Hältst du meine Idee mit dem Dorfladen etwa für schlecht?“
„Nein. Hätte ich dir sonst geholfen, die Elektrik instand zu setzen? Ich meine nur, dass du hier versauern könntest. Das habe ich auch schon meinem Kameraden, deinem Vater erklärt.“
Unschlüssig lächelt sie darauf. Vor über einem halben Jahr ist sie heimgekehrt, als eine von ganz wenigen. Jemand, der um die dreißig und alleinstehend ist. Nicht wenige Leute im Dorf haben ihr skeptisch ins Gesicht geblickt. Zuvor ist es ihr nicht in den Sinn gekommen, dass ein Rückkehrer fast als ein halber Außenstehender gilt. Die Veränderungen während der langen Abwesenheit sind für sie erst in den letzten Monaten allmählich wahrnehmbar geworden. Nach ihrem Empfinden reden die Einwohner viel schärfer über Heimat als früher. Wäre sie nicht fortgegangen, ihr wäre es nicht aufgefallen. ‚Vermutlich würde auch ich gern Wahlkampfauftritte in dem kleinen Saal sehen. Dennoch möchte ich bleiben, ob sich ein Freund fürs Leben findet, ist mir dabei nicht so wichtig. Hauptsache, es interessiert sich nicht wieder einer aus der Stadt für mich. Ich will einfach kein Zugvogel sein, der kommt, irgendeinmal wegfliegt und der nie einen festen Platz hat.‘
„Zugehörigkeit ist genauso wichtig wie Gleichheit,“ spricht sie dann halblaut vor sich hin.
„Sicherlich“, erwidert Thomas. „Aber ich spinne nicht und werde radikal, weil einem verschiedene Umstände Kummer bereiten und abstruse Plattformen den Verstand zum Erliegen bringen. Für blöd halten muss man mich nicht.“
Plötzlich gibt es einen ungewöhnlich lauten Knall. Die Leute blicken überrascht um sich und fragend in die Dunkelheit, mancher zuckt für Sekunden erschrocken zusammen. Einige wenige Anwesende lachen breit auf, weil sie offenbar die Ursache für die Störung kennen. Bald jedoch kehren alle zu ihren Gesprächen und ihrem Müßiggang zurück, so als wäre nichts geschehen. Nur Naba drückt sich in eine Ecke. Sie hat Angst.