Horst M. Radmacher
Mitglied
Der Umgang mit der Sprache wurde bei Timo Harms im Kindesalter stark durch seinen Großvater geprägt. Der Opa, passionierter Philatelist, hatte seinen Enkel früh an die intensive Beschäftigung mit seiner Briefmarkensammlung herangeführt. Der Junge genoss es, den Erzählungen über die Herkunftsländer dieser gezackten Schönheiten zu lauschen. Es waren der ruhige Ton und und die angenehm altmodische Sprache, die Timos Sprachgedächtnis formten. Er entwickelte sich nicht zuletzt deswegen zu einem Sprachästheten. Nach dem Tod des Großvaters übernahm er die umfangreiche Sammlung, ohne dessen Leidenschaft zu entwickeln. Seine Sammelleidenschaft setzte sich in anderer Form bei ihm fort. Timo häufte nichts Gegenständliches dabei an; das Sammeln fand unbewusst statt. Es bestand aus immateriellen Formaten: Unzählige Begriffe und Redewendungen, die als mentales Lexikon in Form vernetzter Cluster in ihm haften blieben. Besonders prägnant waren Sprachhülsen und andere rhetorische Unarten. Kaum zu ertragen für ihn, inflationär benutzte Formulierungen wie, “nicht wirklich”, “,alles gut, alles gut”, ein eingesungene “okayeeeeh”, das allgegenwärtige “fuck“ oder die Ankündigung eines Fazits mit einem geschmeidigen “...und am Ende des Tages...” , sowie ein mehrfach eingefügtes “tatsächlich“ oder „genau“. Dass in einer Sprache Plattitüden und andere Unarten gelebt werden, war nicht das Problem. Aber dass periodisch immer wieder überflüssige Floskeln Kultstatus erlangten und sich epidemisch ausbreiteten, das irritierte Timo. In seinem Beruf als Deutschlehrer belastete ihn dieses enorm. Irgendwann auch in seinem privaten Umfeld. Dies führte dazu, dass er keine der unzähligen Talkshows oder Podcasts mehr ertragen konnte. Deren Rhetorik war häufig von den ihm verhassten Sprachkrücken überfrachtet, die in solchen Runden wie logorrhoische Kakophonien einer Horde verworrener Primaten auf ihn wirkte. Das Resultat: Er vermied es, längere Interview- oder Showformate zu verfolgen. Da traf es sich gut, dass er zu diesem Zeitpunkt das Angebot erhielt, als Lektor in einem Verlag für historische Werke tätig zu werden. Timo sagte zu und fühlte sich hier auch sprachlich besser aufgehoben.
Gleichwohl, seine Wahrnehmung bezüglich Sprachempfindung veränderte sich dramatisch. Anlässlich einer privaten Feier, bei der viel getrunken und gesabbelt wurde, verlor er die Impulskontrolle. Der Verlauf des Abends wurde immer chaotischer. Ständige Wiederholungen von abgegriffenen Redewendungen dominierten die Runde. Timo, der ansonsten stets zuvorkommend im Umgang mit seinen Mitmenschen gewesen war, brach bei dieser Party rhetorisch aus. Er verfiel als Reaktion auf dieses unsortierte Wortgeklingel in einen nicht zu bremsenden Redeschwall; er war zu keiner normalen Konversation mehr fähig. Der reichlich konsumierte Alkohol hatte dies sicherlich befeuert, war aber nicht die eigentliche Ursache für seinen polyphrasischen Anfall. Zunächst klang dies für fast alle Anwesenden lustig; bald darauf aber waren alle entsetzt. Seine Mutter, eine erfahrene Logopädin, konnte eine solche Erscheinung einschätzen. Es betraf zwar nicht ihre ureigene Fachkompetenz, doch sie besaß ein ausreichendes Wissen im Bereich Sprachgebrauch. Sie fürchtete, dass bei Ihrem Sohn die Grenze zum pathologischen Verhalten überschritten sein könnte. Ihre Empfehlung an diesen: „Du musst da raus. Nimm dir 'ne Auszeit!“ Weiter empfahl sie ihm, Gesprächsrunden ähnlicher Art generell zu meiden und zusätzlich beruflich kürzer zu treten. So bat Timo seinen Arbeitgeber, eine Auszeit nehmen zu dürfen. Er wollte diese für ein einjähriges Sabbatical nutzen - es wurde ihm bewilligt. Sein Plan: Durch einen Aufenthalt in einem fremdsprachigen Land überbordenden Verunstaltungen im deutschen Sprachalltag auszuweichen. Frankreich war sein Ziel. Er mochte Land und Leute, er beherrschte die dortige Landessprache fließend. Timo wusste, dass er im Französischen irgendwann ebenfalls auf Sprachsünden treffen würde, die ihn, als Fremdsprachlichen unter Einheimischen, jedoch nicht zwingend belasten müssten. Nach einigen Wochen im Nachbarland stellte er fest, dass seine ungehemmten Sprachschübe selbst in lebhaften Gesprächsrunden nicht mehr auftraten. Er war durch den Wechsel in ein fremdsprachliches Umfeld deutlich entspannter geworden.
Auf seinem Weg durch verschiedene französische Regionen landete er schließlich im südfranzösischen Narbonne. Hier, in dieser Stadt mit südländischem Charme, genoss er unbeschwerte Tage. Das mediterrane Flair in den engen Gassen der Altstadt am Ufer des Canal de la Robine faszinierte ihn. Er genoss die zahlreichen lauschigen Plätzen und einladenden Restaurants. Und das Wohlgefühl wurde gesteigert durch die inspirierende Liebe zur Choreographin Simone, mit der zusammen er sein neues Leben einrichtete. Simone leitete das Ressort, 'Natürliche Bewegung und Ausdruck' in der dortigen Akademie für Tanz und Theater. Durch sie fand Timo Zugang zu einer wortlosen Art der Kommunikation, dem Ausdruckstanz. Die Magie dieser Darstellungskunst zog ihn in ihren Bann. Er begann ein Studium in diesem Fach. Timo Harms verließ den Teil seines Leben, der bislang von Sprache dominiert worden war, und der ihn irgendwann stark belastet hatte. Er ging auf in dieser wortlosen Kunstform. So gelang es ihm später meisterhaft, universelle Themen und Emotionen auf eine direkte und visuell ansprechende Weise darzustellen: ganz ohne Worte, - in der stummen Kunst der Pantomime.
Gleichwohl, seine Wahrnehmung bezüglich Sprachempfindung veränderte sich dramatisch. Anlässlich einer privaten Feier, bei der viel getrunken und gesabbelt wurde, verlor er die Impulskontrolle. Der Verlauf des Abends wurde immer chaotischer. Ständige Wiederholungen von abgegriffenen Redewendungen dominierten die Runde. Timo, der ansonsten stets zuvorkommend im Umgang mit seinen Mitmenschen gewesen war, brach bei dieser Party rhetorisch aus. Er verfiel als Reaktion auf dieses unsortierte Wortgeklingel in einen nicht zu bremsenden Redeschwall; er war zu keiner normalen Konversation mehr fähig. Der reichlich konsumierte Alkohol hatte dies sicherlich befeuert, war aber nicht die eigentliche Ursache für seinen polyphrasischen Anfall. Zunächst klang dies für fast alle Anwesenden lustig; bald darauf aber waren alle entsetzt. Seine Mutter, eine erfahrene Logopädin, konnte eine solche Erscheinung einschätzen. Es betraf zwar nicht ihre ureigene Fachkompetenz, doch sie besaß ein ausreichendes Wissen im Bereich Sprachgebrauch. Sie fürchtete, dass bei Ihrem Sohn die Grenze zum pathologischen Verhalten überschritten sein könnte. Ihre Empfehlung an diesen: „Du musst da raus. Nimm dir 'ne Auszeit!“ Weiter empfahl sie ihm, Gesprächsrunden ähnlicher Art generell zu meiden und zusätzlich beruflich kürzer zu treten. So bat Timo seinen Arbeitgeber, eine Auszeit nehmen zu dürfen. Er wollte diese für ein einjähriges Sabbatical nutzen - es wurde ihm bewilligt. Sein Plan: Durch einen Aufenthalt in einem fremdsprachigen Land überbordenden Verunstaltungen im deutschen Sprachalltag auszuweichen. Frankreich war sein Ziel. Er mochte Land und Leute, er beherrschte die dortige Landessprache fließend. Timo wusste, dass er im Französischen irgendwann ebenfalls auf Sprachsünden treffen würde, die ihn, als Fremdsprachlichen unter Einheimischen, jedoch nicht zwingend belasten müssten. Nach einigen Wochen im Nachbarland stellte er fest, dass seine ungehemmten Sprachschübe selbst in lebhaften Gesprächsrunden nicht mehr auftraten. Er war durch den Wechsel in ein fremdsprachliches Umfeld deutlich entspannter geworden.
Auf seinem Weg durch verschiedene französische Regionen landete er schließlich im südfranzösischen Narbonne. Hier, in dieser Stadt mit südländischem Charme, genoss er unbeschwerte Tage. Das mediterrane Flair in den engen Gassen der Altstadt am Ufer des Canal de la Robine faszinierte ihn. Er genoss die zahlreichen lauschigen Plätzen und einladenden Restaurants. Und das Wohlgefühl wurde gesteigert durch die inspirierende Liebe zur Choreographin Simone, mit der zusammen er sein neues Leben einrichtete. Simone leitete das Ressort, 'Natürliche Bewegung und Ausdruck' in der dortigen Akademie für Tanz und Theater. Durch sie fand Timo Zugang zu einer wortlosen Art der Kommunikation, dem Ausdruckstanz. Die Magie dieser Darstellungskunst zog ihn in ihren Bann. Er begann ein Studium in diesem Fach. Timo Harms verließ den Teil seines Leben, der bislang von Sprache dominiert worden war, und der ihn irgendwann stark belastet hatte. Er ging auf in dieser wortlosen Kunstform. So gelang es ihm später meisterhaft, universelle Themen und Emotionen auf eine direkte und visuell ansprechende Weise darzustellen: ganz ohne Worte, - in der stummen Kunst der Pantomime.