ARIIOOL
Mitglied
Amerika in seinen besten Zeiten und an einem guten Ort. Harold Tribune, Wahljahr, die Kommunisten abgeschlagen, gute Ernte eingefahren. Es war einer dieser beschissen feuchten Abende, an denen aus den Gullys übel riechender Dampf aufstieg.
Mary Holms parkte ihren Ford in einer Seitenstraße, kurbelte das Seitenfenster herunter und zündete sich eine Zigarette an. Die Mappe mit dem Manuskript lag auf dem Nebensitz und schien mit der speckigen Patina des Kunstleders zu verschmelzen.
Sie hatte lange überlegt, ob die Zeit für eine Fortsetzung, eine Wiederholung oder für was auch immer reif war. Nun war es zu spät. Sie hatte es begonnen, und nun musste sie es zu Ende bringen.
»Nen Dollar für’n verlorenes Kind Gottes, Lady?« Sie zuckte zusammen. Zwei Augen blinzelten sie aus einem Gesicht an, das von Gott nicht mit Schönheit gesegnet worden war. Die Zigarette fiel ihr aus der Hand. Sie sollte warten, bis der Wagen zu brennen anfing und dabei in diese Augen starren, ging ihr durch den Kopf.
»Für ein Kind sehen sie reichlich übel aus. Da wird ein Dollar nicht reichen.« Sie schnippte den glühenden Stummel vom Sitz und zögerte. Dann griff sie zwischen ihren Knien in den Fußraum, hob die Zigarette auf und hielt sie aus dem Fenster.
Der Mann rührte sich nicht.
Sie nahm einen letzten Zug und blies ihm den Rauch ins Gesicht.
»Lady …«
»Ich bin so wenig eine Lady, wie sie ein Gotteskind sind. Geld wird daran nichts ändern.«
»Ist ne gute Stadt. Viele Ladys, die so viel Grips im Kopf haben, nen Dollar dem anderen vorzuziehen.«
»Scheint, wir sprechen beide aus Erfahrung.« Mary Holms griff an die Sonnenblende und zog einen der Fünfdollarscheine hervor.
»Lesen Sie Zeitung? Bücher? Können Sie lesen?« Sie hielt den Schein zwischen zwei Fingern geklemmt vor sein Gesicht.
»Ich schlafe drauf und Bücher brennen gut. Reicht das?« Seine Augen hatten einen seltsamen Glanz angenommen, der Mary an etwas erinnerte, das nicht zu dieser Nacht, zu seinem Gesicht oder dem Grund für ihr erneutes Erscheinen in dieser gottverlassenen Stadt gehörte.
»Sie gefallen mir. Nehmen Sie, gehen Sie. Das andere kann warten.« Er trat einen Schritt zurück, senkte den Blick und griff nach dem Geldschein. Ohne sie weiter zu beachten, begann er in seinem Einkaufswagen zu wühlen, der Mary an den überfüllten Kleiderschrank ihres Appartements erinnerte. Eine Zigarrenkiste erschien. Er glättete den Schein, hob ihn gegen den grauen Himmel und legte ihn zu den anderen Scheinen, die dicht gedrängt in seiner provisorischen Schatztruhe lagen. Ohne ein weiteres Wort zog er davon. Mary beobachtete ihn im Spiegel. Er drehte sich nicht um, hatte kein weiteres Interesse an der Frau, die ihn seinem Gott hätte näherbringen können.
Sie griff nach ihrer Mappe und stieg aus. Es war nicht weit.
Die Redaktion roch nach Druckerschwärze, kaltem Kaffee und unzähligen Zigarettenkippen. Aus dem Flur kam Musik vom Radio der Setzerei: eine gedämpfte Trompete, ein langsamer Takt, der durch die Türen sickerte, als würde dahinter eine Jazzband verrecken.
Mr. Hale kannte die Frau, die ohne anzuklopfen sein Büro betrat: eine freie Autorin, die vor ein paar Monaten eine viel beachtete Story für die Sunday-Beilage geschrieben hatte. Er hatte ihren Ton gemocht: knapp und ohne Zierrat.
»Miss Holms«, sagte er. »Sie wieder in der Stadt?«
»Nur kurz. Ihr Gedächtnis ist erstaunlich«, sagte sie, öffnete die Ledertasche und legte ein Manuskript auf den Tisch. Nasse Tropfen perlten von ihrem Mantel ab; die Luft nahm den Geruch von alter Wolle und Regen an. »Ich brauche Ihre Entscheidung.«
»Wie könnte ich Sie vergessen? Andere sagen das Wetter voraus, sie haben ein Gespür für Verbrechen.«
»Gewalt und Gier sind beständiger als das Wetter. Für heute war Sonne angesagt in dieser Stadt.«
»Und stattdessen kommen sie.« Der Redakteur lachte heiser.
Er zog das Bündel zu sich, tippte Asche in den Glasaschenbecher und blätterte. Die Geschichte handelte von einem Haus, einer Familie; irgendwo in dem Haus diese Tür, die immer hinunter ins Dunkel führte und die man nicht durchschreiten wollte. Jemand hielt die Familie dort fest. Kein Drumherum. Keine großen Worte. Stühle, angebundene Körper, von Speichel durchnässte Knebel.
»Sie haben Ihren Stil nicht verlernt«, sagte er.
»Danke«, sagte sie. »Es gibt zwei Enden.«
Er hob eine Augenbraue. »Aha.«
Sie zeigte auf den Rand der letzten Seite: zwei kleine Kästchen, sauber gezeichnet. Daneben stand: »Hier entscheidet der Verleger.«
»Das ist neu. Obwohl, bei Ihrem ersten Besuch haben sie ähnliches versucht. Was war es nochmal?«, fragte Hale. Unten kamen die Pressen in Takt; der Boden vibrierte leise. Aus dem Flur wechselte die Musik; eine Klarinette kletterte in Septimen über einem weichen Schlagzeug und verlor sich im Belanglosen.
»Lesen Sie keine Zeitung? Ihre Zeitung?«
»Ich weiß genau, worauf Sie anspielen. Es gibt so viele Hohlköpfe in dieser Stadt, die vor lauter Langeweile eine gute Story, Ihre Story, als Vorlage für ein Verbrechen benutzen. Drauf geschissen, solange es die Leser bei der Stange hält.« Er drückte sich mit beiden Armen aus seinem abgewetzten Sessel.
»Kaffee? Zu spät. Wollen sie einen Drink?«
»Nicht während der Arbeit. Habe noch einiges vor mir.«
Er nickte bedächtig.
»Ich möchte, dass Sie wählen«, sagte sie. »Alle sterben. Oder alle gehen wieder die Treppe hoch.«
Er sah sie an. Ihre Haare waren glatt zurückgekämmt, aus der Erinnerung nun heller; der Mantel zu groß, als hätte sie sich ihn ausgeliehen. Auf den Schultern dunkle Flecken vom Regen, der einen leichten Geruch nach Keller mitbrachte, nach etwas, das sich nachts, abseits der Straßen, im Schatten verbarg. Er erinnerte sich an die wenigen Gespräche mit ihr. Sie war nicht der Typ, der einem auf die Nerven ging.
»Sie wollen’s blutig oder gnädig«, sagte er nüchtern.
»So kann man’s sagen.« Sie hob langsam eine Hand, betrachtete ihre Fingernägel, unlackiert und akkurat geschnitten, ganz so, wie sie Geschichten schrieb. Mit einer beiläufigen Geste wischte sie sich eine Strähne aus der Stirn.
Er griff nach seinem Bleistift. »Dann blutig«, sagte er und setzte das Kreuz. »Wenn wir’s drucken, dann mit Biss. Es sind bald Wahlen, der Ruf nach Sicherheit ist gefragt.«
Sie nickte. Ihr Gesicht schien feucht vom Regen oder austretendem Schweiß. Das Büro war zu heiß, ihr Mantel zu dick – für ihn spielte es keine Rolle.
»Verstanden. Bisschen Angst unters Volk bringen.« Sie zog das Manuskript zu sich, strich die Ränder glatt. »Ich tippe das Ende nach.«
»Machen Sie es schnell und schmerzlos«, sagte er. »Dann schaffen sie es in die nächste Beilage. Vorschuss?« Sie schüttelte den Kopf und stand auf. Der Stuhl kratzte über den Boden. Im Flur fuhr jemand die Radiolautstärke ein wenig hoch; die Klarinette trat zurück, eine heisere Bluesstimme setzte ein, fragend und mit kaum verständlichen Worten. Mary Holms zog umständlich den Kragen des Mantels hoch. Der Geruch von Regen hing noch an ihrem Mantel und mischte sich mit der abgestandenen Luft, während sie ihre Augen auf Mr. Hale gerichtet hielt, als stünden auf seiner Stirn die Schlagzeilen von morgen.
»Gute Nacht, Miss Holms«, sagte er.
»Gute Nacht, Mr. Hale.«
Draußen roch die Stadt nach Diesel und verstopften Gullys, auf den Vordächern der Shops trommelte der nachtropfende Regen. Vor dem Diner an der Ecke flackerte ein Neonlicht, dahinter spielte eine Jukebox. Ein zu langsamer Song, um dem Abend gerecht zu werden.
Mary ging die leere Straße hinunter. Ihre Absätze klopften einen Rhythmus, seltsam harmonisch mit dem Takt der Musik. Die Stadt bestand an diesem Abend nur aus Beton und Pfützen, darin Neonspiegel, die von ihren Schritten verwischt wurden.
An der nächsten Haltestelle wartete zitternd ihr Bus; der Geruch von Abgasen hing wie bleierner Nebel in der Luft. Der Fahrer suchte vergebens ihren Blick, während sie Kleingeld aus seiner Pranke fischte. In ihrem Kopf modellierte sich der blutige Schluss in knappen Worten. Es war gut gewesen, diese Entscheidung zu übergeben.
Das Haus war dunkel, nur in der Küche brannte eine kleine Lampe. Das Radio dort war leise eingestellt, eine andere Station, blechern. Der Geruch war bekannt: ein Hauch von Seife, der kalte Ofen und wie eine Bestätigung ihres Handelns der modrige Geruch, der aus den Wänden drang. Es war eines dieser Häuser, deren Bewohner sich dem wahren Leben längst entzogen hatten. Es bestand aus Erinnerungen und dem Erwarten irgendeines Unglücks, das ihnen endlich Bedeutung verlieh.
Mary hängte den Mantel an die Garderobe. Sie breitete das Manuskript auf dem Küchentisch aus, legte sorgfältig frisches Papier daneben. Dann öffnete sie die Kellertür. Die Luft aus der Tiefe war dumpf und roch nach feuchtem Staub. Dahinter lag etwas Scharfes, das sich nicht benennen ließ.
Sie ging die Holzstufen hinunter. Das Summen der Glühbirne klang wie ein zu tiefer Oberton. Von oben tickte eine Uhr. Unten empfing sie das Schweigen eines Raums, in dem ein Stuhlkreis seiner Symmetrie trotzte. Wie sollte es anders sein. Keines der Mitglieder einer amerikanischen Mittelstandsfamilie war aus seiner Betäubung erwacht.
»Es endet jetzt«, sagte sie leise, mehr zu sich als zu jemandem. Aus der Küche sickerte der Refrain des Radios durch die Decke, zwei Takte, drei.
Was folgte, war Arbeit. Kurze, entschlossene Bewegungen. Ein Stuhl scharrte über den Boden. Ein kurzer Aufprall. Entsetztes Stöhnen, das durch feuchten Stoff drang und dann, in krampfhaften Stößen, langsam abklang. Die Musik blieb gleich. Der Regen setzte wieder ein, genau richtig, ein leises Trommeln auf der Fluchttür, die von außen verriegelt war.
Als es still war, drehte sie das Licht aus. Am Spülbecken wusch sie sich die Hände. Das Wasser roch nach Chlor, die Seife nach bitterem Gras. Der Geruch im Raum wurde schwerer, mit einer süßlichen Note. Sie wischte die Arbeitsfläche ab, ordnete, legte ein blutiges Tuch sorgsam zurecht. In ihren Bewegungen lag keine Eile, so wie in ihrem Inneren nichts als Genugtuung über einen gelungenen Abschluss zu spüren war.
Später, gegen neun, stand sie wieder vor Hales Tür. Der Regen war feiner geworden, an der Schwelle zu Nebel. In der Redaktion roch es nun nach Streichhölzern, frischer Tinte und der Wärme der Maschinen. Das Radio spielte jetzt schneller: Saxofon, ein aufgeräumtes Schlagzeug, Bass im Hintergrund.
»Miss Holms«, sagte Hale und trat vom Fenster zurück. »Erstaunlich, wie schnell sie es zum Abschluss brachten. Dafür hätte sich hier ein Raum gefunden.«
»Der Ort ist belanglos. Zeit und Wille sind entscheidend. Und das richtige Werkzeug.«
»Eine Schreibmaschine hätte sich auch gefunden. Papier, ein Stift … was braucht es mehr?«
»Nur die letzten Seiten«, sagte sie und legte den Stapel Papier auf seinen Schreibtisch. »Wie von Ihnen entschieden.«
Er las das letzte Kapitel.
»Die Sache mit den Zähnen ist genial. Aber gewagt. Als Sonntagsbeilage ist es ein gelungener Kontrast.«
»Es beschreibt das andere«, sagte sie knapp. Er nickte und blies dabei den Rauch seiner Zigarette gegen die Decke.
Ihr Mantel war dunkel vor Feuchtigkeit, bis auf einen hellen Saum an der Kante. In der Luft hing der Tabakgeruch und etwas Unbestimmbares, das nicht vom Büro stammte.
»Knapp und heftig«, sagte er.
»Sie wollten Biss. Den Ruf nach Sicherheit«, sagte sie.
Er nickte, steckte die Seite unter die Manuskriptklammer und griff zum Telefon.
»Ich geb’s in den Druck.«
Sie wandte sich zur Tür. Aus der Ferne erklang eine Sirene, suchte sich den Weg durchs Straßenraster, wurde lauter, wie ein einsetzendes Solo, dann wieder leiser, als wäre das Stück endlich zu Ende. Die Frau, die ihm mit einem Male fremd vorkam, blieb kurz stehen, als lausche sie den rotierenden Druckmaschinen, dann zeigte sie ein Lächeln.
»Gute Nacht, Mr. Hale.«
»Warten Sie! Miss Holms?« Aus dem Hörer seines Telefons drang ein leiser Song, endlos und ohne Sinn. Sie blieb in der Tür stehen, die Hand an der Klinke. Die Melodie der Dauerschleife nahm sie gefangen. Für einen Moment trieb sie darin, dann drehte sie sich um und sah Mr. Hale das erste Mal direkt in die Augen. Er hielt ihr ein Bündel Fünfdollarscheine entgegen.
Als die Tür zufiel, blieb von ihr ein schmaler, dunkler Abdruck auf dem Teppich. Hale sah auf das Kreuz am Seitenrand des Manuskripts. Alle sterben.
Unten stampften die Pressen weiter, zuverlässig und monoton wie immer. Er wog das Manuskript in der Hand, prüfte das Gewicht einer Entscheidung.
Draußen im Nebel drang die Musik aus dem Diner an der Ecke noch einen Moment durch die Luft, bevor sie im Regen verloren ging. Das Ende stand. Und es würde sich gut verkaufen lassen.
Mary Holms ging durch den aufsteigenden Nebel in die Richtung, in der ihr Auto stand. Sie öffnete die Tür, schob das Geld hinter die Sonnenblende und startete den Wagen. Am Ende der Straße erkannte sie den Bettler, der in ihre Richtung starrte.
Sie gab Gas.
Edit: Zeilenumbrüche
Mary Holms parkte ihren Ford in einer Seitenstraße, kurbelte das Seitenfenster herunter und zündete sich eine Zigarette an. Die Mappe mit dem Manuskript lag auf dem Nebensitz und schien mit der speckigen Patina des Kunstleders zu verschmelzen.
Sie hatte lange überlegt, ob die Zeit für eine Fortsetzung, eine Wiederholung oder für was auch immer reif war. Nun war es zu spät. Sie hatte es begonnen, und nun musste sie es zu Ende bringen.
»Nen Dollar für’n verlorenes Kind Gottes, Lady?« Sie zuckte zusammen. Zwei Augen blinzelten sie aus einem Gesicht an, das von Gott nicht mit Schönheit gesegnet worden war. Die Zigarette fiel ihr aus der Hand. Sie sollte warten, bis der Wagen zu brennen anfing und dabei in diese Augen starren, ging ihr durch den Kopf.
»Für ein Kind sehen sie reichlich übel aus. Da wird ein Dollar nicht reichen.« Sie schnippte den glühenden Stummel vom Sitz und zögerte. Dann griff sie zwischen ihren Knien in den Fußraum, hob die Zigarette auf und hielt sie aus dem Fenster.
Der Mann rührte sich nicht.
Sie nahm einen letzten Zug und blies ihm den Rauch ins Gesicht.
»Lady …«
»Ich bin so wenig eine Lady, wie sie ein Gotteskind sind. Geld wird daran nichts ändern.«
»Ist ne gute Stadt. Viele Ladys, die so viel Grips im Kopf haben, nen Dollar dem anderen vorzuziehen.«
»Scheint, wir sprechen beide aus Erfahrung.« Mary Holms griff an die Sonnenblende und zog einen der Fünfdollarscheine hervor.
»Lesen Sie Zeitung? Bücher? Können Sie lesen?« Sie hielt den Schein zwischen zwei Fingern geklemmt vor sein Gesicht.
»Ich schlafe drauf und Bücher brennen gut. Reicht das?« Seine Augen hatten einen seltsamen Glanz angenommen, der Mary an etwas erinnerte, das nicht zu dieser Nacht, zu seinem Gesicht oder dem Grund für ihr erneutes Erscheinen in dieser gottverlassenen Stadt gehörte.
»Sie gefallen mir. Nehmen Sie, gehen Sie. Das andere kann warten.« Er trat einen Schritt zurück, senkte den Blick und griff nach dem Geldschein. Ohne sie weiter zu beachten, begann er in seinem Einkaufswagen zu wühlen, der Mary an den überfüllten Kleiderschrank ihres Appartements erinnerte. Eine Zigarrenkiste erschien. Er glättete den Schein, hob ihn gegen den grauen Himmel und legte ihn zu den anderen Scheinen, die dicht gedrängt in seiner provisorischen Schatztruhe lagen. Ohne ein weiteres Wort zog er davon. Mary beobachtete ihn im Spiegel. Er drehte sich nicht um, hatte kein weiteres Interesse an der Frau, die ihn seinem Gott hätte näherbringen können.
Sie griff nach ihrer Mappe und stieg aus. Es war nicht weit.
Die Redaktion roch nach Druckerschwärze, kaltem Kaffee und unzähligen Zigarettenkippen. Aus dem Flur kam Musik vom Radio der Setzerei: eine gedämpfte Trompete, ein langsamer Takt, der durch die Türen sickerte, als würde dahinter eine Jazzband verrecken.
Mr. Hale kannte die Frau, die ohne anzuklopfen sein Büro betrat: eine freie Autorin, die vor ein paar Monaten eine viel beachtete Story für die Sunday-Beilage geschrieben hatte. Er hatte ihren Ton gemocht: knapp und ohne Zierrat.
»Miss Holms«, sagte er. »Sie wieder in der Stadt?«
»Nur kurz. Ihr Gedächtnis ist erstaunlich«, sagte sie, öffnete die Ledertasche und legte ein Manuskript auf den Tisch. Nasse Tropfen perlten von ihrem Mantel ab; die Luft nahm den Geruch von alter Wolle und Regen an. »Ich brauche Ihre Entscheidung.«
»Wie könnte ich Sie vergessen? Andere sagen das Wetter voraus, sie haben ein Gespür für Verbrechen.«
»Gewalt und Gier sind beständiger als das Wetter. Für heute war Sonne angesagt in dieser Stadt.«
»Und stattdessen kommen sie.« Der Redakteur lachte heiser.
Er zog das Bündel zu sich, tippte Asche in den Glasaschenbecher und blätterte. Die Geschichte handelte von einem Haus, einer Familie; irgendwo in dem Haus diese Tür, die immer hinunter ins Dunkel führte und die man nicht durchschreiten wollte. Jemand hielt die Familie dort fest. Kein Drumherum. Keine großen Worte. Stühle, angebundene Körper, von Speichel durchnässte Knebel.
»Sie haben Ihren Stil nicht verlernt«, sagte er.
»Danke«, sagte sie. »Es gibt zwei Enden.«
Er hob eine Augenbraue. »Aha.«
Sie zeigte auf den Rand der letzten Seite: zwei kleine Kästchen, sauber gezeichnet. Daneben stand: »Hier entscheidet der Verleger.«
»Das ist neu. Obwohl, bei Ihrem ersten Besuch haben sie ähnliches versucht. Was war es nochmal?«, fragte Hale. Unten kamen die Pressen in Takt; der Boden vibrierte leise. Aus dem Flur wechselte die Musik; eine Klarinette kletterte in Septimen über einem weichen Schlagzeug und verlor sich im Belanglosen.
»Lesen Sie keine Zeitung? Ihre Zeitung?«
»Ich weiß genau, worauf Sie anspielen. Es gibt so viele Hohlköpfe in dieser Stadt, die vor lauter Langeweile eine gute Story, Ihre Story, als Vorlage für ein Verbrechen benutzen. Drauf geschissen, solange es die Leser bei der Stange hält.« Er drückte sich mit beiden Armen aus seinem abgewetzten Sessel.
»Kaffee? Zu spät. Wollen sie einen Drink?«
»Nicht während der Arbeit. Habe noch einiges vor mir.«
Er nickte bedächtig.
»Ich möchte, dass Sie wählen«, sagte sie. »Alle sterben. Oder alle gehen wieder die Treppe hoch.«
Er sah sie an. Ihre Haare waren glatt zurückgekämmt, aus der Erinnerung nun heller; der Mantel zu groß, als hätte sie sich ihn ausgeliehen. Auf den Schultern dunkle Flecken vom Regen, der einen leichten Geruch nach Keller mitbrachte, nach etwas, das sich nachts, abseits der Straßen, im Schatten verbarg. Er erinnerte sich an die wenigen Gespräche mit ihr. Sie war nicht der Typ, der einem auf die Nerven ging.
»Sie wollen’s blutig oder gnädig«, sagte er nüchtern.
»So kann man’s sagen.« Sie hob langsam eine Hand, betrachtete ihre Fingernägel, unlackiert und akkurat geschnitten, ganz so, wie sie Geschichten schrieb. Mit einer beiläufigen Geste wischte sie sich eine Strähne aus der Stirn.
Er griff nach seinem Bleistift. »Dann blutig«, sagte er und setzte das Kreuz. »Wenn wir’s drucken, dann mit Biss. Es sind bald Wahlen, der Ruf nach Sicherheit ist gefragt.«
Sie nickte. Ihr Gesicht schien feucht vom Regen oder austretendem Schweiß. Das Büro war zu heiß, ihr Mantel zu dick – für ihn spielte es keine Rolle.
»Verstanden. Bisschen Angst unters Volk bringen.« Sie zog das Manuskript zu sich, strich die Ränder glatt. »Ich tippe das Ende nach.«
»Machen Sie es schnell und schmerzlos«, sagte er. »Dann schaffen sie es in die nächste Beilage. Vorschuss?« Sie schüttelte den Kopf und stand auf. Der Stuhl kratzte über den Boden. Im Flur fuhr jemand die Radiolautstärke ein wenig hoch; die Klarinette trat zurück, eine heisere Bluesstimme setzte ein, fragend und mit kaum verständlichen Worten. Mary Holms zog umständlich den Kragen des Mantels hoch. Der Geruch von Regen hing noch an ihrem Mantel und mischte sich mit der abgestandenen Luft, während sie ihre Augen auf Mr. Hale gerichtet hielt, als stünden auf seiner Stirn die Schlagzeilen von morgen.
»Gute Nacht, Miss Holms«, sagte er.
»Gute Nacht, Mr. Hale.«
Draußen roch die Stadt nach Diesel und verstopften Gullys, auf den Vordächern der Shops trommelte der nachtropfende Regen. Vor dem Diner an der Ecke flackerte ein Neonlicht, dahinter spielte eine Jukebox. Ein zu langsamer Song, um dem Abend gerecht zu werden.
Mary ging die leere Straße hinunter. Ihre Absätze klopften einen Rhythmus, seltsam harmonisch mit dem Takt der Musik. Die Stadt bestand an diesem Abend nur aus Beton und Pfützen, darin Neonspiegel, die von ihren Schritten verwischt wurden.
An der nächsten Haltestelle wartete zitternd ihr Bus; der Geruch von Abgasen hing wie bleierner Nebel in der Luft. Der Fahrer suchte vergebens ihren Blick, während sie Kleingeld aus seiner Pranke fischte. In ihrem Kopf modellierte sich der blutige Schluss in knappen Worten. Es war gut gewesen, diese Entscheidung zu übergeben.
Das Haus war dunkel, nur in der Küche brannte eine kleine Lampe. Das Radio dort war leise eingestellt, eine andere Station, blechern. Der Geruch war bekannt: ein Hauch von Seife, der kalte Ofen und wie eine Bestätigung ihres Handelns der modrige Geruch, der aus den Wänden drang. Es war eines dieser Häuser, deren Bewohner sich dem wahren Leben längst entzogen hatten. Es bestand aus Erinnerungen und dem Erwarten irgendeines Unglücks, das ihnen endlich Bedeutung verlieh.
Mary hängte den Mantel an die Garderobe. Sie breitete das Manuskript auf dem Küchentisch aus, legte sorgfältig frisches Papier daneben. Dann öffnete sie die Kellertür. Die Luft aus der Tiefe war dumpf und roch nach feuchtem Staub. Dahinter lag etwas Scharfes, das sich nicht benennen ließ.
Sie ging die Holzstufen hinunter. Das Summen der Glühbirne klang wie ein zu tiefer Oberton. Von oben tickte eine Uhr. Unten empfing sie das Schweigen eines Raums, in dem ein Stuhlkreis seiner Symmetrie trotzte. Wie sollte es anders sein. Keines der Mitglieder einer amerikanischen Mittelstandsfamilie war aus seiner Betäubung erwacht.
»Es endet jetzt«, sagte sie leise, mehr zu sich als zu jemandem. Aus der Küche sickerte der Refrain des Radios durch die Decke, zwei Takte, drei.
Was folgte, war Arbeit. Kurze, entschlossene Bewegungen. Ein Stuhl scharrte über den Boden. Ein kurzer Aufprall. Entsetztes Stöhnen, das durch feuchten Stoff drang und dann, in krampfhaften Stößen, langsam abklang. Die Musik blieb gleich. Der Regen setzte wieder ein, genau richtig, ein leises Trommeln auf der Fluchttür, die von außen verriegelt war.
Als es still war, drehte sie das Licht aus. Am Spülbecken wusch sie sich die Hände. Das Wasser roch nach Chlor, die Seife nach bitterem Gras. Der Geruch im Raum wurde schwerer, mit einer süßlichen Note. Sie wischte die Arbeitsfläche ab, ordnete, legte ein blutiges Tuch sorgsam zurecht. In ihren Bewegungen lag keine Eile, so wie in ihrem Inneren nichts als Genugtuung über einen gelungenen Abschluss zu spüren war.
Später, gegen neun, stand sie wieder vor Hales Tür. Der Regen war feiner geworden, an der Schwelle zu Nebel. In der Redaktion roch es nun nach Streichhölzern, frischer Tinte und der Wärme der Maschinen. Das Radio spielte jetzt schneller: Saxofon, ein aufgeräumtes Schlagzeug, Bass im Hintergrund.
»Miss Holms«, sagte Hale und trat vom Fenster zurück. »Erstaunlich, wie schnell sie es zum Abschluss brachten. Dafür hätte sich hier ein Raum gefunden.«
»Der Ort ist belanglos. Zeit und Wille sind entscheidend. Und das richtige Werkzeug.«
»Eine Schreibmaschine hätte sich auch gefunden. Papier, ein Stift … was braucht es mehr?«
»Nur die letzten Seiten«, sagte sie und legte den Stapel Papier auf seinen Schreibtisch. »Wie von Ihnen entschieden.«
Er las das letzte Kapitel.
»Die Sache mit den Zähnen ist genial. Aber gewagt. Als Sonntagsbeilage ist es ein gelungener Kontrast.«
»Es beschreibt das andere«, sagte sie knapp. Er nickte und blies dabei den Rauch seiner Zigarette gegen die Decke.
Ihr Mantel war dunkel vor Feuchtigkeit, bis auf einen hellen Saum an der Kante. In der Luft hing der Tabakgeruch und etwas Unbestimmbares, das nicht vom Büro stammte.
»Knapp und heftig«, sagte er.
»Sie wollten Biss. Den Ruf nach Sicherheit«, sagte sie.
Er nickte, steckte die Seite unter die Manuskriptklammer und griff zum Telefon.
»Ich geb’s in den Druck.«
Sie wandte sich zur Tür. Aus der Ferne erklang eine Sirene, suchte sich den Weg durchs Straßenraster, wurde lauter, wie ein einsetzendes Solo, dann wieder leiser, als wäre das Stück endlich zu Ende. Die Frau, die ihm mit einem Male fremd vorkam, blieb kurz stehen, als lausche sie den rotierenden Druckmaschinen, dann zeigte sie ein Lächeln.
»Gute Nacht, Mr. Hale.«
»Warten Sie! Miss Holms?« Aus dem Hörer seines Telefons drang ein leiser Song, endlos und ohne Sinn. Sie blieb in der Tür stehen, die Hand an der Klinke. Die Melodie der Dauerschleife nahm sie gefangen. Für einen Moment trieb sie darin, dann drehte sie sich um und sah Mr. Hale das erste Mal direkt in die Augen. Er hielt ihr ein Bündel Fünfdollarscheine entgegen.
Als die Tür zufiel, blieb von ihr ein schmaler, dunkler Abdruck auf dem Teppich. Hale sah auf das Kreuz am Seitenrand des Manuskripts. Alle sterben.
Unten stampften die Pressen weiter, zuverlässig und monoton wie immer. Er wog das Manuskript in der Hand, prüfte das Gewicht einer Entscheidung.
Draußen im Nebel drang die Musik aus dem Diner an der Ecke noch einen Moment durch die Luft, bevor sie im Regen verloren ging. Das Ende stand. Und es würde sich gut verkaufen lassen.
Mary Holms ging durch den aufsteigenden Nebel in die Richtung, in der ihr Auto stand. Sie öffnete die Tür, schob das Geld hinter die Sonnenblende und startete den Wagen. Am Ende der Straße erkannte sie den Bettler, der in ihre Richtung starrte.
Sie gab Gas.
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