Zwischenlandungen

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Tinka

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ZWISCHENLANDUNGEN

Das Flugzeug bohrte seine metallene Nase in die Wolkengebilde, unter denen sich das Ziel, die kleine Insel, noch in der Ferne verborgen hielt.

Opa Richard hatte sich seinen Enkel für einen Kurzurlaub zu Ostern ausgeliehen, denn obwohl er noch gerne reiste, alleine machte es ihm keine rechte Freude mehr.

Blicklos sah er aus dem Fenster, an dem Wolkenfetzen vorbeizogen.

Auf dieser Insel hatte er mit seiner Elfi fast 30 Jahre den Urlaub verbracht. Fast 30 Mal war er, so wie jetzt, mit der kleinen, schon etwas altersschwach anmutenden Propellermaschine auf diesen Fleck im bewegten Blau des Meeres zugeflogen.
Elfi hatte immer ein wenig Angst gehabt - er nicht, nein, er hatte nur feuchte Hände - und er war sicher, dass sie einige Male, wenn sie plötzlich ganz still wurde, sogar ein Gebet in die endlose Himmelsweite geschickt hatte.
Oh, ja, sie war ein sehr gläubiger Mensch gewesen, seine Elfi - sie hatte ihm alles geglaubt, oder zumindest so getan, und er, - wie oft hatte er es ausgenutzt! Heute würde er vieles anders machen. Wenn sie doch jetzt nur neben ihm säße . . .!


Aber nun saß dort Jens. Die Ohrhörer schirmten ihn ab von der Welt, die ihn umgab.
„Jens, nun leg bitte endlich deinen Playboy zur Seite und schau mal aus dem Fenster. Das ist doch viel schöner!“

„Was ist, Opa? Mit den Ohrhörern kann ich dich nicht verstehen!” Super Mario hatte im letzten Moment – von Monstern verfolgt – gerade noch eine verfallene Hütte erreicht und nur noch zwei Leben. Da lässt sich kein Zwölfjähriger gerne stören!
„Leg jetzt bitte deinen Playboy zur Seite!“, mahnte der Großvater erneut, diesmal aber lauter. Es war ihm eine Herzensangelegenheit, dem Enkel die Schönheit dieses Stückchens Erde zu zeigen, das er so liebte, das seine Elfi so geliebt hatte.

Endlich reagierte der Junge.„Opa, das ist kein Playboy, sondern ein Gameboy!“, Jens grinste breit, während seine Wangen in vorpubertärer Röte erglühten. Aber die kleine Ablenkung hatte genügt, Super Mario war - hoch über den Wolken - den virtuellen Tod gestorben.

„Mist!“, murmelte Jens, zog die Stöpsel aus den Ohren und versenkte den grauen Kasten in einer seiner geräumigen Hosentaschen. Doch so schnell ließ er sich seine gute Ferienlaune nicht verderben. Gehorsam schaute er zu Opas Freude nun aus dem Fenster und hörte den ausführlichen Erklärungen seines Großvaters zu.
„Weißt du, Opa,“ gab er nach eingehender Begutachtung des nun unter ihnen sichtbaren Urlaubsziels zu bedenken, „irgendwie sieht die Insel aus, wie ein Osterei, nur dass jemand bei der Herstellung die Farben grün und blau verwechselt hat!“.

‚Der Junge hat aber eine merkwürdige Phantasie’, dachte der Alte bei sich. Er schaute auf das altbekannte Bild und da sah er es plötzlich auch: Ein grünes Ei mit roten und schwarzen Tupfen, mit Streifen und Kringeln, eingebettet in ein blaues, silbrig blinkendes Nest. Weißhäuptige Wellen eilten auf den Strand zu, um dann ohne zu verweilen, wie schon seit unzähliger Tagen, wieder den Weg zurück in die unendliche Weite des Meeres anzutreten.

Elfi hatte gerne am Strand gesessen und die Wellen mit ihren nackten Füßen spielen lassen.
Ganz still war sie dann geworden, hatte den Blick frei über das Wasser fliegen lassen - grenzenlos. Oder sie hatte mit ihren schlanken Fingern vergängliche Kringel in den feuchten Sand gemalt, um sie der nächsten Woge, die den Strand leckte, zu schenken. Manchmal hatte sie unhörbar vor sich hingesprochen. Hat sie in solchen Momenten dem Meer anvertraut, was sie ihm nicht sagen konnte? Welchen geheimen Gedanken mochte sie dann nachgehangen, welche Träume geträumt, welche Gefühle empfunden haben? Oft hatte er sich in solchen Augenblicken einsam, ausgeschlossen gefühlt und brennende Eifersucht gegen einen unfassbaren Nebenbuhler war in ihm aufgestiegen.


„Gibt es auf diesem ‚Eiland’ auch McDonalds oder wenigstens irgendwo eine Überlebensbude, so mit Currywurst und Pommes?“, riss ihn Jens aus seinen Betrachtungen, “ich habe nämlich Hunger!“
„Hm, ich erinnere mich. . . ,“

Vor den Augen des Alten entstand plötzlich wieder das Bild eines kleinen, verträumten Fischerlokals direkt am Meer. Als sie das erst Mal die Insel besucht hatten, Elfi und er, waren sie zufällig hineingeraten und seither dort gerngesehene Stammgäste gewesen.

Sie liebten beide diese köstlichen, fremdländischen Gerichte! Er roch sie förmlich, die Fischsuppe mit Knurrhahn, Seeaal und Garnelen, die Seezunge mit Zitronensauce, gegrillte Meeräschen, Muscheln in Weißwein, dazu knusprig gebackenes Brot, . . . aber Pommes – nein!
„ Halt, “ begann der Alte laut nachzudenken, „da war doch diese kleine, unscheinbaren Bratwurstbude am Strand. Antonio, richtig: Antonio hieß der Besitzer. Elfi sagte immer, er habe so feurige Augen. Damit hat er ständig nach den Frauen geschaut - oh, auch nach Elfi - und nicht auf die Bratwürstchen. Die Frauen wurden rot und die Würstchen schwarz.“


Opa kicherte und sein Gesicht bekam, obwohl es sich dabei in tausend kleine Falten legte, einen jugendlich, verschmitzten Ausdruck, seine Augen leuchteten.
Gleich darauf verstummte er aber, als er, wieder in die Gegenwart zurückkehrend, bemerkte, dass es ja sein 12jähriger Enkel war, der neben ihm saß, und der ihm plötzlich sehr aufmerksam zuhörte.

Umständlich begann er in der Jackentasche seiner Joppe zu kramen und förderte schließlich einige in rotes Papier gewickelte Zuckerstücke zu Tage.
„Die habe ich vor dem Abflug am Imbissstand aus der Zuckerdose stibitzt ,“ verriet er mit verschwörerischem Grinsen und nicht ohne Stolz. „Gegen den größten Hunger wird es helfen. Wir landen ja gleich.“

„Na, dann warte ich lieber, Opa, ich bin doch schließlich kein Pferd.“

Bemüht, seine Enttäuschung nicht zu zeigen, ließ der Alte die verschmähte Beute wortlos wieder in seine Tasche gleiten.

Zugegeben, er machte sich auch nichts aus den Würfeln, aber Elfi. Elfi hatte sich jedes Mal, wenn er sie mit den Zuckerstücken überrascht hatte, gefreut, - jedes Mal, so hatte sie ihm versichert. . . !

Ächzend setze das kleine Flugzeug auf der Rollbahn auf und entließ seinen Inhalt aus der Enge seines metallenen Bauches in die Traumwelt der Insel.
 

Charly

Mitglied
Hallo Tinka,

der Opa macht zu Ostern eine Ferienreise zu einer Insel die wie ein Osterei aussieht …
Ansonsten ist der Text recht gut geschrieben.
Hat sich wunderbar lesen lassen.
Allerdings habe mich am Schluss gefragt, worauf du abzielst.
Der Opa fliegt mit seinem Enkel zu einer Insel auf die er früher immer mit der Oma geflogen ist.
Aber mehr passiert nicht.
Mag sein, dass alles in Ordnung ist, nur ich diese Ordnung nicht verstehe.

Gruß Charly
 

Rumpelsstilzchen

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ziemlich dünne Suppe, die du uns servierst: ganze drei Personen, deren Charakterisierung du uns als Einlage zugestehst.
Und was für welche.
Einen Jungen, der so frisch aus dem Klischee geschlüpft ist, dass ihm die Eierschale noch auf dem Kopf klebt, einen Opa, der, wie es sich gehört, in der Vergangenheit lebt und sein Elfchen verklärt; die unsichtbare heilige Dritte.

Hättest du sie wenigstens mit frischer Handlung gewürzt, anstatt nur ein paar vertrocknete Erinnerungen unterzurühren. Natürlich auch die mit ein paar kräftigen Spritzern aus der Klischeeflasche aufgepeppt: das verträumte kleine Fischerlokal mit den fremdländischen Gerichten, die verschmähte Pommesbude mit dem feurigen Antonio und den verbrannten Bratwürsten und das alles auf der Insel der Träume.
Nee, Tinka, die Suppe schmeckt mir zu fad und abgestanden.

Gab den Löffel aus der Hand und sprang vom Tellerrand
 

Gorgonski

Mitglied
Hallo Tinka

Man hat das Gefühl, daß die Geschichte weitergehen könnte, vielleicht auch weil hier die Charaktere erst umrissen werden, um dann abrupt ein Ende herbeizuführen. Ganz so kritisch wie meine Vorredner sehe ich die Geschichte aber nicht.

Ändern würde ich:

<und entließ [strike]seinen[/strike] den Inhalt aus der Enge seines metallenen Bauches in die Traumwelt der Insel.


MfG; Rocco
 


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