Zyklus strandlieder

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HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten gro0e pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen




XXV

Tiden im Lenz

er geht wie die uhr befiehlt
die er nicht gestellt hat
sondern sie und der andere
haben es geplant

im mantel immer weiter
geradeaus hinein
in die auflaufende flut
und schwimmt sogar

bis nässe in die nase beißt
und salz die augen rötet
langsam gewinnt erschöpfung
kopfunter ins graugrün

er hat sie noch zurückgestellt
denn er wollte sie schützen
warum nur? bleiben wir
fern dem watt ist sicherer
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen




XXV

Tiden im Lenz

er geht wie die uhr befiehlt
die er nicht gestellt hat
sondern sie und der andere
haben es geplant

im mantel immer weiter
geradeaus hinein
in die auflaufende flut
und schwimmt sogar

bis nässe in die nase beißt
und salz die augen rötet
langsam gewinnt erschöpfung
kopfunter ins graugrün

er hat sie noch zurückgestellt
denn er wollte sie schützen
warum nur? bleiben wir
fern dem watt ist sicherer





XXVI

Gesang am Eismeer


Brüder im Meere
ich schlage die Trommel für Euch
Ich hänge Eure Silberschwestern
in den Rauch meines Feuers

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Geschwister im Meere
ich danke Euch dass ihr
Euch meinem Speer zeigtet
Euch unsren Netzen schenktet

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Schwestern im Meere
seht mich mit Euren Brüdern im Bauch tanzen
wie ich Eure Schatten
unten schwärmen sehe

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Ahnen des Meeres
nehmt an unsere toten Leiber
verzeiht die Schmach der Schleppnetze
unseren gierigen Verwandten

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Vettern im Meere
bleibt reich um unsretwillen
und tanzt und singt mit mir
im Takt meiner Trommel

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Oliver, das finnich gut :). Wenn ich Zeit habe, sollen die fehlenden Strandlieder auch noch rezitiert werden...

Herzliche Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen




XXV

Tiden im Lenz

er geht wie die uhr befiehlt
die er nicht gestellt hat
sondern sie und der andere
haben es geplant

im mantel immer weiter
geradeaus hinein
in die auflaufende flut
und schwimmt sogar

bis nässe in die nase beißt
und salz die augen rötet
langsam gewinnt erschöpfung
kopfunter ins graugrün

er hat sie noch zurückgestellt
denn er wollte sie schützen
warum nur? bleiben wir
fern dem watt ist sicherer





XXVI

Gesang am Eismeer


Brüder im Meere
ich schlage die Trommel für Euch
Ich hänge Eure Silberschwestern
in den Rauch meines Feuers

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Geschwister im Meere
ich danke Euch dass ihr
Euch meinem Speer zeigtet
Euch unsren Netzen schenktet

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Schwestern im Meere
seht mich mit Euren Brüdern im Bauch tanzen
wie ich Eure Schatten
unten schwärmen sehe

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Ahnen des Meeres
nehmt an unsere toten Leiber
verzeiht die Schmach der Schleppnetze
unseren gierigen Verwandten

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Vettern im Meere
bleibt reich um unsretwillen
und tanzt und singt mit mir
im Takt meiner Trommel

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht


XXVII

Tief im Norden

nichts wärmte mich

mehr als der speck
mantel unter meiner haut

ich kratzte am rand
des atemlochs

und tauchte wieder
unter das ostseeeis
 

revilo

Mitglied
ein absolutes Highlight der LL...mehr geht einfach nicht......trüge ich einen Hut, lieber Herbert, so zöge ich ihn jetzt ganz tief...deine Strandlieder sind reine Poesie...jede Zeile sitzt...kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig....

LG revilo
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen




XXV

Tiden im Lenz

er geht wie die uhr befiehlt
die er nicht gestellt hat
sondern sie und der andere
haben es geplant

im mantel immer weiter
geradeaus hinein
in die auflaufende flut
und schwimmt sogar

bis nässe in die nase beißt
und salz die augen rötet
langsam gewinnt erschöpfung
kopfunter ins graugrün

er hat sie noch zurückgestellt
denn er wollte sie schützen
warum nur? bleiben wir
fern dem watt ist sicherer





XXVI

Gesang am Eismeer


Brüder im Meere
ich schlage die Trommel für Euch
Ich hänge Eure Silberschwestern
in den Rauch meines Feuers

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Geschwister im Meere
ich danke Euch dass ihr
Euch meinem Speer zeigtet
Euch unsren Netzen schenktet

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Schwestern im Meere
seht mich mit Euren Brüdern im Bauch tanzen
wie ich Eure Schatten
unten schwärmen sehe

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Ahnen des Meeres
nehmt an unsere toten Leiber
verzeiht die Schmach der Schleppnetze
unseren gierigen Verwandten

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Vettern im Meere
bleibt reich um unsretwillen
und tanzt und singt mit mir
im Takt meiner Trommel

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht


XXVII

Tief im Norden

nichts wärmte mich

mehr als der speck
mantel unter meiner haut

ich kratzte am rand
des atemlochs

und tauchte wieder
unter das ostseeeis



XXVII

Pico

lavaköpfe riesiger reptilien ragen
fragend ins meer und wellen
brechen an ungeschliffenem
gestein und rollen über
rundgeschliffenes

doch das gebiss des krokodils ist
groß und mächtig und kaum
zu toppen von den wurzelungetümen
unter grünem laubdach hochgetürmt
auf den eltern der felsen

ein schwarzer labrador
legt sein steiniges maul
über salzige wogen
und beschaut regungslos
den horizont
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen




XXV

Tiden im Lenz

er geht wie die uhr befiehlt
die er nicht gestellt hat
sondern sie und der andere
haben es geplant

im mantel immer weiter
geradeaus hinein
in die auflaufende flut
und schwimmt sogar

bis nässe in die nase beißt
und salz die augen rötet
langsam gewinnt erschöpfung
kopfunter ins graugrün

er hat sie noch zurückgestellt
denn er wollte sie schützen
warum nur? bleiben wir
fern dem watt ist sicherer





XXVI

Gesang am Eismeer


Brüder im Meere
ich schlage die Trommel für Euch
Ich hänge Eure Silberschwestern
in den Rauch meines Feuers

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Geschwister im Meere
ich danke Euch dass ihr
Euch meinem Speer zeigtet
Euch unsren Netzen schenktet

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Schwestern im Meere
seht mich mit Euren Brüdern im Bauch tanzen
wie ich Eure Schatten
unten schwärmen sehe

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Ahnen des Meeres
nehmt an unsere toten Leiber
verzeiht die Schmach der Schleppnetze
unseren gierigen Verwandten

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Vettern im Meere
bleibt reich um unsretwillen
und tanzt und singt mit mir
im Takt meiner Trommel

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht


XXVII

Tief im Norden

nichts wärmte mich

mehr als der speck
mantel unter meiner haut

ich kratzte am rand
des atemlochs

und tauchte wieder
unter das ostseeeis



XXVIII

Pico

lavaköpfe riesiger reptilien ragen
fragend ins meer und wellen
brechen an ungeschliffenem
gestein und rollen über
rundgeschliffenes

doch das gebiss des krokodils ist
groß und mächtig und kaum
zu toppen von den wurzelungetümen
unter grünem laubdach hochgetürmt
auf den eltern der felsen

ein schwarzer labrador
legt sein steiniges maul
über salzige wogen
und beschaut regungslos
den horizont
 

HerbertH

Mitglied
strandlieder


I

gesang vom mondsüchtigen ara

an stränden unterm halbmond
schalige sicheln nach oben gereckt
hörst du des aras schrei schillernd
grün im grün der mangroven
gesänge krächzend nacht
strophen erhört von niemand worte
erlauscht in der einsamkeit
nicht einmal von ihrem schöpfer
dem ara verraten im schweiss

seines denkens laut
vor sich hinlallend



II

deep sea blues

und ich finde die gräßlichen
häßlichen wieder und wieder
selbst am reinsten sandstrand
die buntesten polydingsda unter
bergen von schaum gebadeten
fischen und andern verendeten
die sich die unverrottbaren
statt krill einverleibten
auf dass der nahrungskette
das glied im bauch schwillt
und es sich bald lohnen wird
fabrikschiffe zum plaste ernten
zuzulassen auszusenden denn noch
schwimmen sie über der tiefsee

badengehen?



III

erinnert

der pferde kopf neben gras
soden angespült voller
leben geschlängel hungriger
haff entronnen nehrungsnahrung
trommeln lautloser
schreie im möven himmel

leises wiegen des schädels
in wind getürmter weiß
bekrönter

schwarz grüner flor
mond straßen geteilt


in der ferne

weit draußen erkennt schärferer
blick zwischen wolken seewärts
riesen windfänger im griff von
stahl spezial unter wasser gerammt
durch tonnen in zig meter im
grund der see nach schweinswal -
vergraulen weit genug vom salz -
genuss der strandkorbianer tief
im grün gründelnden armdicke leiter
leitstand bewacht von untergangs -
trainierten - rettungsinseln fürchtend

reissen anker -
kabel ent -
kommt kapital


dieser kopf

dieser kopf dieses
bild dieser aale
grassiert immer noch
in meinem hirn und
trommelt den marsch



IV

elektron wider hall

sehe ich

polarlichter leuchten spiralen
bahnen geladener arktisbremsstrahlen
im zombie grün

reling anlehnend

himmelwärts energie
schleudern jenseits
von van allen

im eden amtet
lorenz kraft

drei finger zum zenith
gereckt um taue geschlagen
in leinwand weiß gefärbt

kreischen zur vierten potenz

nach oben kopf
im nacken


V

zehweh

sein zeh verbrennt sich an dem heißen
sand gekupfert grell von sonne all
und röstfrisch schmurgelt des piraten
beute in der grube die er selber
grub auf dass betitelt er mit gold
durch kugeln jener gier'gen räuber
hineingestürzt entbunden wird
und nie mehr aufgefunden da enttitelt

nur noch der zeh ragt aus dem sand



VI

weit hinaus

zieht die strömung den träumer
auf der lufti in immer kälteres
wasser trotz beinschlag zum strand
und der wind hilft der strömung

allein schwamm er raus so allein
wie in zimmer hotel und daheim
wartet niemand hört im fernen boot
die rufe die schreie sieht niemand
das winken der kaltblauen arme

strömung und wind drehen nicht
zu kalt ist die hand lässt den griff
fahren unter sternen hinter dem dunst



VII

landwind

und über das meer drückt
der wind weit der wüste sand
hinaus zum schelf wo unter
toten korallen jung frauen
gebeine der liebe abhanden
kamen und solche see rosen
noch nicht wieder von wellen
zum sand strand gespült sind



VIII

kindeskinder

es streiten sich brecher mit klippen
schaumgeborene mit steinkindern
die draussen wellenbergen entlaufenen
mit vormals durch plattengeschiebe getürmten

getrieben von winden gezeiten und strömen
gehalten von schichten kräften und drücken
tanzen sie ewig von neuem den gleichen kampf
in dem schon urahnen sich um- und ansprangen
erbost von der plötzlichen hemmung des laufs die einen
vergrämt durch nässende ätzung die andern

und doch werden sie sich vereinen
in löslichen salzen
in weichgeschliffenen sänden

bis zur subduktion oder
bis zum erneuten anprall der platten



IX

tsunami

in den hafen aus eis
dünt erst langsam
hinein deine kleinste
welle und klatscht
filigran an den gletscher

hinaus zieht der sog sie
bis kaum noch wasser
über dem grund steht
wie bei gesprungener
ebbe talt es bis zum
horizont aus grüne

die dem suchenden
auge zu türmen sich
scheint in der ferne
dicht bei der linie
wo fahl der himmel
sich aufreckt

und dann schießt
die schwarz-graue wand
heran und türmt sich
noch über die spitze
des eisbergs

zerdonnert die klüfte
und spalten im kristallenen
weiß und bricht entzwei
die ehemals harten flächen
zu kalbenden keilen

die stürzen entgegen
der stürmenden flut
zerreißen mit tollem getöse
die wand voller packeis
so riesig gewälzt wie
zellophan auf die wasser

vom drucke am fuße
entlastet zerbersten ränder der weiße
der bucht vor dem gletscher
die eisige decke und
grünliches wasser befreit
die verklingende riesenwelle

Rezitation: mp3/111188_clip005.mp3




X

vertraut

beim weg am ufer spritzen gischtfontänen
vom wind getrieben bis zu kiefernwipfeln
und grad noch hilft ostfriesennerz
vor nässe in pullovern nicht vor nassen füßen
denn gummistiefel hat nicht jeder
und auch die gelben oder blauen dichten hosen - fehlen meist

und vorne bei den buhnen waschen wellen
die brecher gerne sich und mächtig nennen lassen ließen
den feinen sand wie schlamm bis zu den wanderbänken



XI

luftraum

in wolken toben schlachtenrösser
mit wandelnden formen und farben im fell
ihr wiehern stiebt der wind in weiten
des himmels zu schaurigen klängen und schrei'n

sie rennen gegen wolkenmauern
die hagel beschießen den himmlischen ritt
welch barde wird das bild beschreiben
das kurz und verwaschen am himmel erscheint

wird frühling dies mit sonne fluten
wird bläue den gräulichen zeltern zum grab
noch stürmt auch frühling an die küsten
die mutigen setzen die segel schon jetzt



XII

alleen

zwischen knicks und rainen
auf beiden seiten umrahmt
ziehen stracks alleen
von tausend ästen bedacht

tunnel zwischen winden
die wandrer kämpfen lassen
ölung lockt am hafen
in katen dampft die suppe

reet deckt warm die dächer
in kalten winterstürmen
lachen tönt in stuben
die frechen augen blitzen

niemand ging verloren
trotz schnee in hoher wehe
stets erhoben stämme
sich stolz den weg zu zeigen



XIII

klippen

du stehst am rand und schaust
hinab auf den schmalen streifen
sand zwischen brandung und wand
im fall kaum zu verfehlen

zerschlagen die rippen und spanten
zerbrochen die ruder der kiel
verschwunden jegliches zeichen
lebendiges sucht man vergeblich

schmal sind die klüfte und klein
höhlen und basis für seemövenbrut
ihr kreischen begleitet die flüge
über der see doch zu deinen füßen

von unten schiesst der wind
herauf zaust kalt deine brauen
zusammengekniffen die augen
leer bleibt glaslos das meer



XIV

meerjungfrau

im wasser treibt die flaschenpost
wird watend mit der hand gegriffen
was wird sie bringen ist die frage
und schon zerschellt am stein das glas

mit feuchten fingern aus den scherben
ein tasten nach der weissen rolle
sie breiten zitternd auf dem stein
die botschaft blass und kaum zu lesen

die sprache ist so furchtbar fremd
die zeichen unbekannte schemen
ist es ein fisch mit seinem schwanz
fraß er zur hälfte schon die frau

die stirn gefurcht im tiefen sinnen
durchzuckt der blitzschlag der erkenntnis
erinnerung springt auf geschwind
an alte träume voller tiefe

der blick aufs meer sucht schon nach ihr
wo kann er sie denn endlich finden
die er so lange schon gesucht
er wankt ins wasser - ist verflucht



XV

südsee

tropenstürme spülen
planken plaste und gewürme
über kais und morsche stege
in verfaulte hafentürme

längst verloschen sind die feuer
die mit lichterlanzen
gaukelspiele in die nebel warfen
und die steuerleute lockten
unter land zu segeln
bis die brecher bockten und bedrückten
und sie statt der durchfahrt zu dem hafen
auf die scharfen klippen trafen

noch belebte sie die hoffnung
auf das ende ihrer nöte
sahen sie doch zwischen felsen
lampen blakend schwingen und auch seile
in den groben händen
fest die brigg zu binden
dass sie nicht im meer versinke

riefen hilf mir ich ertrinke
sahen nicht die messerklingen
und die schlanken enterhaken
wie sie durch das dunkel
blitzend schwangen
und sie unter wasser zwangen
oder ihnen brust und hals zerschlitzend
in den bauch eindrangen

längst flanieren auf den klippenpfaden
touris sieht man die trotz haien baden
und am abend fallen alle
in das netz der hafenkraken
die sie statt um golddublonen
um euronen
und dann um die ecke bringen
oder auf den lagern zwingen
ihnen lüstern beizuwohnen
während jene lauthals singen

gut gegelt sieht man sie morgens
schwarz bebrillt und schlaff
an den pools mit fetten ringen
warten auf den nächsten taffen kick
oder einen heißen blick

oder ruhen in der gartengrube
völlig hirnlos leichenstarr
oder treiben in den meeresweiten
nur als spielball der gezeiten
so wies hier schon immer war


XVI

meerwege

leuchttürme kurz vor abrissen
letzte lichtrotoren bis 30 sm
sichtbar die blink und farbmuster

wo fahren schiffe wenn nicht dran
vorbei im strahl der satellitensignale
und im echo von radar und tiefenlot

androide wegsuche ersetzt wärter
leuchtfeuer des geistes verblassen
im glanz vernetzter adressen

kannst du noch koppeln kapitän
kreuzpeilen in sturm und dunkelheit
kurse auf karten zeichnen

oder nur noch den geräten trauen?



XVII

nach langen nächten voller wachen
und in den himmel starren
mit immer neuen sternen
tief im süden

und in die nebel lauschen
wo große pötte dunkel tuten
wo gaukelbilder lichter
im hirn erzeugen

und man die kurse prüft
die feuer leuchten &
satelliten orte senden
nur dank der ART

erfrischt den blick das land
im ersten sonnenlicht
jetzt endlich taucht man ein
in das türkis der papageienbucht

so etwa hier
28°51′50″N 13°49′43″W



XVIII

maddalenen archipel

im tosendkalten wasser gefangen
stirbst du in zwei minuten schon
bevor dich die kurzen meterhohen
wellen gegen die vom götterkind
beim umstürzen des spielzeugturms
verstreuten steinklötze klatschen
bis deine eisigen arme brechen und
die spitzharten nussknackerzähne
deine schädelschalen aufmeisseln

der türkisklare wasserspiegel
am morgen danach täuscht alle
welche die gedenktafel bald über all
die schon früher hier tödlich
gescheiterten für wahr nehmen
werden über die macht dieses ortes
bei sturm aus der straße von bonifacio
in die bucht von lavezzi


XIX

nicht mehr

liegt das wrack
vor giglio
an der costa concordia
verdienen
heisst sie ausschlachten

capitano rovinato
imprigionato en futuro

inzwischen ziehen sie
die armen seelen
von den schlauchbooten
in meterhohem seegang

an land
gibt es hilfe
nicht
überall
mehr


XX

von mu und mo

du liegst auf ausläufern
der moränen gletschergewellt
feingemahlen vom wind
auf deine hände gehäufelt

und träumst tief
in spalten lauern muränen auf
korallenbewohner leuchten
in sols restlicht schillernd


XXI

wo riffe

delfinenrücken gleich in weißer gischt zu gleiten scheinen
und brandungsrauschen unablässig ohren füllt
von manchen vogelschreien schrill durchgellt

dort lässt ein sinnen gern sich nieder
und fühlt sich nah
der einstmals heilen welt


XXII

verloren

am ufer des sees
bis zu den waden
im wasser vermisst

brandung und blick
frei bis zum horizont

steife brisen
tangduft in der nase



XXIII

im nebel tuten große pötte
in der düse von gibraltar lastet
die nacht ringsum

nur an der küste ankern
hilft - doch wie weit ist es

die topplampe strahlt
nur wenige meter
hellt die schwaden

alle starren hinaus
in die schemen

und hinter dem licht
schlagen wellen
an rümpfe oder felsen

nachtgeister erscheinen
und kurz brechen sterne auf

motorengeräusche
ein fischer? eine fähre?
ein kurzer blick auf lichterketten

und aus dem nebel taucht
ein motorrad auf der küstenstraße

wir werfen anker und warten
bis tatsächlich ein fischerboot
in die wolkenfetzen sticht




XXIV

wenn zwei sich streiten

sturm wirf stilette
durch die wolkenhaufen
schlitz auf die tumben flanken

und heul dich aus
und brüll und schrei
uns um die wir uns ducken

du quetschst die wellen
berge fest in unsichtbaren pranken
und presst sie aus wie grünliche limonen

sie würgen gischt und brechen
in die täler sieh wie sie jetzt zucken
wie sie auf deine böen höhnend blasen spucken

und lachend deiner kraft entlaufen
magst du auch noch so schnaufen




XXV

Tiden im Lenz

er geht wie die uhr befiehlt
die er nicht gestellt hat
sondern sie und der andere
haben es geplant

im mantel immer weiter
geradeaus hinein
in die auflaufende flut
und schwimmt sogar

bis nässe in die nase beißt
und salz die augen rötet
langsam gewinnt erschöpfung
kopfunter ins graugrün

er hat sie noch zurückgestellt
denn er wollte sie schützen
warum nur? bleiben wir
fern dem watt ist sicherer





XXVI

Gesang am Eismeer


Brüder im Meere
ich schlage die Trommel für Euch
Ich hänge Eure Silberschwestern
in den Rauch meines Feuers

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Geschwister im Meere
ich danke Euch dass ihr
Euch meinem Speer zeigtet
Euch unsren Netzen schenktet

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Schwestern im Meere
seht mich mit Euren Brüdern im Bauch tanzen
wie ich Eure Schatten
unten schwärmen sehe

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Ahnen des Meeres
nehmt an unsere toten Leiber
verzeiht die Schmach der Schleppnetze
unseren gierigen Verwandten

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht

Vettern im Meere
bleibt reich um unsretwillen
und tanzt und singt mit mir
im Takt meiner Trommel

Mein Gesang hallt von den Eiswänden um die Bucht


XXVII

Tief im Norden

nichts wärmte mich

mehr als der speck
mantel unter meiner haut

ich kratzte am rand
des atemlochs

und tauchte wieder
unter das ostseeeis



XXVIII

Pico

lavaköpfe riesiger reptilien ragen
fragend ins meer und wellen
brechen an ungeschliffenem
gestein und rollen über
rundgeschliffenes

doch das gebiss des krokodils ist
groß und mächtig und kaum
zu toppen von den wurzelungetümen
unter grünem laubdach hochgetürmt
auf den eltern der felsen

ein schwarzer labrador
legt sein steiniges maul
über salzige wogen
und beschaut regungslos
den horizont
 


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