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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alltagsgeschichten
Eingestellt am 05. 08. 2019 18:44


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Kapitano
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2019

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Elisabeth Putowski, meine ├Ąltere Nachbarin k├Ąmpfte sich Stufe f├╝r Stufe das enge Treppenhaus hoch und atmete schwer, auf jeder halben Treppe pausierte sie, um Kraft und Luft f├╝r den weiteren Aufstieg zu sammeln. Ich ├╝berholte sie in der Innenbahn und sie entschuldigte sich f├╝r ihr schwaches Herz.
Sie schaute durch das Treppenhausfenster in den Hof. Auf der schmalen Fensterbank stand eine verbl├╝hte Azalee in einem verkalkten Tontopf. Im Inneren des vertrockneten Gr├╝ns zeigten sich jedoch schon erste neue lilafarbene Knospen. Der Topf war eingefasst in eine gr├╝ne Faltmanschette aus Plastik, die an einen Faltenrock erinnerte. Ihr Blick durch das mit bunten Scheiben versehene Fenster fiel auf den k├Ąrglich begr├╝nten Innenhof, der von M├╝llcontainern dominiert wurde und keinesfalls zum Verweilen einlud. Das Licht, das durch die blauen, gelben und orangefarbenen Scheiben des Treppenhausfensters fiel, verlieh dem Dunkel des Treppenhauses eine sakrale Stimmung. Bunte Lichtstreifen fielen auf den Linoleumboden. An manchen Stellen war das Linoleum so abgenutzt, dass schon die Flachsfasern im Inneren des Linoleums sichtbar wurden. Riechen konnte man das Linoleum schon lange nicht mehr. Elisabeth Putowski war nun 78 Jahre alt und lebte schon fast 40 Jahre in diesem Haus in der Kantstra├če in Wilmersdorf.
Sie sah wesentlich j├╝nger aus und ihre kesse Art in Verbindung mit ihren rot geschminkten Lippen und ihren blond gef├Ąrbten Haaren lie├č sie wirken wie eine Frau in den fr├╝hen Sechzigern.
Sie war immer elegant gekleidet und obwohl sie in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung wohnte, hatte sie regelm├Ą├čig Besuch von verm├Âgend wirkenden Damen ihres Alters.
Ihre Wohnung befand sich in der vierten Etage im Hinterhaus eines typischen Berliner Miethauses, das aus Vorderhaus, Seitenfl├╝gel und Hinterhaus bestand.
Ich wohnte eine Etage tiefer unter ihr. Als ich Jahre zuvor in das Haus einzog, kam ich sehr schnell mit ihr ins Gespr├Ąch. Schon beim Einzug begegnete ich ihr mit einem Umzugskarton unter den Armen im Treppenhaus. Uns beiden war im dritten Stock nach einer Pause zumute.
Sie begann ├╝ber die Nachbarn zu plaudern, mich auszuhorchen und erz├Ąhlte von fr├╝her. Es stellte sich heraus, dass sie die Tochter eines Kohlensackfabrikanten war, der fr├╝her in unmittelbarer N├Ąhe hier in Wilmersdorf eine Kohlensackfabrik besa├č ÔÇô das Wort Fabrik hatte ich schon lange nicht mehr geh├Ârt!
Da ihr Vater mit Kohlens├Ącken ein betr├Ąchtliches Verm├Âgen machte, muss es ihr in ihrer Kindheit gut gegangen sein. Doch dar├╝ber sprach sie nicht. Auch ├╝ber ihre Mutter und ├╝ber das, was sie selbst die letzten 50 Jahre gearbeitet hatte, schwieg sie. Stattdessen erz├Ąhlte sie nur von ihrem Vater. Fritz Putowski, war ein Bauerssohn aus dem s├╝dlich von Berlin gelegenen Kleinst├Ądtchen Niemegk.
Seine Mutter Annegret war N├Ąherin, konnte weder lesen noch schreiben und einzig ihrem Flei├č, ihrem Geschick und vielleicht auch der von Natur aus guten weiblichen Ausstattung verdankte sie die Heirat mit dem alten, bereits verwitweten, Hans Putowski.
Hans brachte seinen in erster Ehe geborenen Sohn Ludwig mit in die Ehe mit Annegret. Schlie├člich kamen drei weitere Kinder hinzu: Fritz, Ute und Evi. Da der Bauernhof von jeher genug zum Essen bot wurde neben dem N├Ąhen das Kochen zu Annegrets Leidenschaft. So war es kein Zufall, dass nach dem fr├╝hen Tode von Hans, der ├Ąltere Sohn Ludwig das Regiment am Hof ├╝bernahm und die T├Âchter Ute und Evi in den Harz zogen um dort zu K├Âchinnen ausgebildet zu werden.Fritz, der Vater meiner Nachbarin hingegen wurde in das beliebte Restaurant ÔÇ×Hannemanns-M├╝hleÔÇť ins benachbarte Bad Belzig vermittelt, um hier eine Kellnerlehre zu absolvieren. Fritz konnte am Ende seiner Lehrzeit einen Barolo Stravecchio Gran Riserva Vigano von einem Barolo Stravecchio Gran Riserva Vigano Barolo Piemonte unterscheiden und bis zu vier Teller auf seinen ausgestreckten Armen balancieren.
Nacht f├╝r Nacht l├Âste er die Etiketten von den Flaschen und klebte sie in ein altes Schulheft. Direkt daneben beschrieb er den Wein mit den Worten, die er beim Oberkellner wie bei geschulten G├Ąsten geh├Ârt hatte.
Neben den Etiketten nahm er Woche f├╝r Woche Dutzende anfallende Kartoffels├Ącke mit auf den Hof nach Niemegk, um sie in der Scheune zu stapeln. Seine Mutter n├Ąhte daraus dann die ersten Kohlens├Ącke, die Fritz an den ├Ârtlichen Kohlenh├Ąndler verkaufte.
Da in Berlin die Zahl der Bewohner und der Wohnungen seit der Gebietsreform stetig stieg, nicht jede Wohnung einen eigenen Keller hatte und die Bewohner oftmals auch nur kleinere Kohlenrationen kauften, explodierte der Bedarf an Kohlens├Ącken.
So zog auch Fritz in das Aufstrebende Berlin und begann kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs in Wilmersdorf mit der Produktion von Kohlens├Ącken. Er heiratete Helene , die Mutter meiner Nachbarin, machte ein Verm├Âgen und investierte nach den kargen Jahren der Inflation in den sp├Ąten 20er Jahren sein Geld in eine gro├če Mietkaserne in der Franz├Âsischen Stra├če in Berlin Mitte. Der 2. Weltkrieg verschonte das Haus, das ÔÇô es lag im Ostteil der Stadt - 1948 in das Eigentum der DDR ├╝berging. Fritz und seine Frau Helene, die das Haus selbst verwalteten, wohnten mit Tochter Elisabeth jedoch im Westend in Westberlin. Sie hatten immer ein gutes Verh├Ąltnis zu den Mietern und waren akribisch in der Mieteraktenf├╝hrung.
Letzteres sollte sich Jahrzehnte sp├Ąter auszahlen. Fritz und seine Frau konnten die Teilung Berlins nicht verkraften und verstarben bereits in den fr├╝hen 50er Jahren. Elisabeth musste sich als einzige Tochter um alles k├╝mmern, um Beerdigung, Wohnungsaufl├Âsung und vieles mehr. Da auf dem Haus in Westend eine hohe Hypothek lag, musste sie ihr Elternhaus verlassen und zog 1953 in die Kantstra├če. Zweizimmer, K├╝che, Flur und kein Bad. In den siebziger Jahren ├╝berredeten ihre Freundinnen sie, eine Duschkabine in der K├╝che aufzustellen.
Diese benutzte sie jedoch nie, stattdessen besuchte sie zweimal w├Âchentlich ihre Freundin in Halensee, um bei ihr zu baden.
Mit dem Fall der Mauer fiel das Haus in der Franz├Âsischen Stra├če an die Familie zur├╝ck. Die akribische Aktenf├╝hrung ihrer Eltern erm├Âglichte eine v├Âllig unkomplizierte R├╝ck├╝bertragung. Der Wert der Immobilie belief sich 1991 auf 2 Millionen D-Mark.
Elisabeth Putowski lebte bis zu ihrem Tod weiterhin in ihrer Zweizimmerwohnung ohne Bad und besuchte mehrmals w├Âchentlich ihre Freundin in Halensee.
Elisabeth hatte weder Mann noch Kinder, in ihrem ererbten Haus befindet sich bis heute ein Bordell, der Gentlemans Club Bar Rouge! Eine Spezialit├Ąt der Damen sind Wasserspiele.


Version vom 05. 08. 2019 18:44

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