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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Arbeitswelt der Zukunft
Eingestellt am 31. 07. 2018 07:56


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Dyer
Hobbydichter
Registriert: Jul 2018

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Die Katze Im Sack

Karl stand fr├╝h auf, duschte und rasierte sich, k├Ąmmte die Haare und zog den feinen Anzug an, den er
sich geliehen hatte. Es war sein Geburtstag, aber das spielte keine Rolle. Viel wichtiger war das Event, um das er sich zu k├╝mmern hatte. Das Image seiner Firma stand auf dem Spiel.
In der Bahn war es eng und stickig, st├Ąndig rempelten Karl Leute an. Er f├╝hlte sich unbedeutend und isoliert. Vermutlich geht es jedem so, dachte er.
Dort wo er ausstieg, war kaum noch ein Mensch. Hier und da flog eine Drohne vorbei, ein koffergro├čer Android auf R├Ądern fuhr ihm ├╝ber die Zehen, dann bef├Ârderte ihn die Rolltreppe nach oben. Fahles Licht und saurer Regen nahmen ihn in Empfang. Bis zum Turm ging er geb├╝ckt, unter einem viel zu kleinen Regenschirm. Der Turm war sein Arbeitsplatz: Ein riesiger Berg aus Metall, schier endlos in den Himmel ragend. Tief vergraben darin lag sein B├╝ro. Klein und unaufger├Ąumt war es. Fenster gab es nicht.
Er betrat den Turm durch einen Nebeneingang. Sofort war alles anders. Wie sauber die Luft hier nur war, wie klar das Licht, wie fein die Ger├Ąusch - selbst auf den Toiletten. Karl ging zum Foyer. Zwei wissenschaftliche Angestellte begegneten ihm, man gr├╝├čte sich fl├╝chtig und l├Ąchelte angestrengt. Dann ging es los - die Kinder kamen.
Eine ganze Horde war es. Drei├čig, vielleicht vierzig B├Ąlger, die in einer langen Kolonne durch das Haupttor hereinwuselten. Ganz am Ende kam die Klassenlehrerin, eine alte, zerzauste Dame mit vielen Falten und kleinen Augen. Verbissen starrte sie Karl an und bellte, man sei die Klasse Z6 und habe eine F├╝hrung gewonnen.
Karl nickte und verteilte Ausweise. Dann bekam jeder eine sterile Haube. Einige Kinder lachten, manche streckten ihm die Zunge entgegen und einem ganz f├╝rchterlichen Jungen lief gelber Rotz aus der Nase.
Legen wir los, rief Karl, und er ruderte dabei mit den Armen, doch niemand r├╝hrte sich. Hilflos sah Karl sich um. Die Klassenlehrerin war verschwunden. Betty, die Dame vom Empfang, sah ihn an, sch├╝ttelte den Kopf, schenkte ihm ein beherztes L├Ącheln und sagte, die Frau habe gefragt, wo es Kaffee gebe, man solle nicht auf sie warten.
Karl ballte die F├Ąuste bis das Blut aus seinen Fingern wich. Er schwitzte und ├╝bel war es ihm auch. Z├Âgerlich rief er erneut, legen wir los!, und dabei hampelte er von einem Bein auf das andere. V├Âllig ├╝berraschend setzten sich die Kinder in Bewegung.
Im Aufzug war es eng, und als die T├╝ren sich schlossen, bekam Karl ein nerv├Âses Zucken im Auge. Die Kabine beschleunigte rasant, der Bruchteil einer Sekunde verging, dann waren sie da. Karl f├╝hrte die Kinder in einen langen, ├╝berbeleuchteten Tunnel. Er versammelte alle um sich und klatschte zweimal in die H├Ąnde. Warum er das tat, wusste er am Ende selbst nicht mehr.
Er sei ein Breeder, sagte Karl, er k├╝mmere sich um die Aufzucht von Rindern, Schweinen, Schafen und H├╝hnern, eigentlich sei er nichts anderes als ein Landwirt, nur gebe es keine Felder zu bestellen, sondern diesen Turm zu warten.
Die Kinder sahen ihn reglos an. Der f├╝rchterliche Junge bohrte in seiner Nase. Karl nahm es mit einem Schaudern zur Kenntnis.
Dieser Turm sei einzigartig, erkl├Ąrte Karl weiter. Es gebe nichts Vergleichbares, seine Firma decke neunzig Prozent der lokalen Fleischproduktion ab, und das auf kleinstem Raum, ohne Luftverschmutzung und ohne die Tiere zu qu├Ąlen. Vorbei seien die barbarischen Methoden der konventionellen Fleischzucht. Dies sei die Gegenwart und die Zukunft.
Der letzte Satz kam Karl etwas theatralisch vor. Er hatte ihn sich selbst ausgedacht und eingestreut, was sein Chef ihm ausdr├╝cklich verboten hatte.
Schweigend sahen die Kinder Karl an. Niemand machte einen Laut, was Karl als gutes Zeichen verstand. Stolz f├╝hrte er die Gruppe weiter, durch eine enorme T├╝re, hinein in einen abgedunkelten Raum voll kleiner, pulsierender Lichter. Kabel hingen wie dichter Urwaldbewuchs von der Decke, Monitore flackerten und ein leises Summen hing in der Luft - dann sahen die Kinder erschrocken nach oben.
Abertausende S├Ącke hingen von der Decke herab, zu viele, als dass sie ein menschliches Auge erfassen konnte. Karl sah das Funkeln in den Augen der Kinder. Es r├╝hrte ihn. Beinahe wurde er verlegen. Dass den meisten spei├╝bel wurde, bemerkte er nicht.
K├╝nstliche Geb├Ąrm├╝tter, erkl├Ąrte Karl und sein Atem wurde ganz schnell. Man z├╝chte darin K├╝he, Schweine, L├Ąmmer, H├╝hner ÔÇô alles was dem Menschen als Nahrung dienen k├Ânne. Ein Kabel versorge die K├Ârper mit N├Ąhrstoffen und Sauerstoff, ganz wie in einer echten Geb├Ąrmutter. Jeder K├Ârper bade in einer Elektrolyt-Fl├╝ssigkeit und werde durch genau regulierte Stromst├Â├če trainiert. Abgase und Ausscheidungen filtere man, sodass f├╝r die Umwelt keine Belastung entstehe. Es sei wundervoll!
Abseits der Gruppe ├╝bergab sich ein Kind. Sofort eilte ein kleiner Putzroboter herbei und wischte sauber. Ein M├Ądchen hob zaghaft den Finger. Ihre Miene wirkte verst├Ârt. Ob die Tiere dort schliefen, fragte sie.
Karl kicherte. Nicht ganz, sagte er, sie seien bei Bewusstsein, aber nicht hier. Er tippte sich selbst in den Nacken und deutete dann auf die S├Ącke. Ihre K├Ârper seien zwar hier, ihre Gehirne halte man aber in einer virtuellen Realit├Ąt gefangen. Dort h├Ątte jedes Tier gen├╝gend Platz und k├Ânne den ganzen Tag tuen, was es wolle. Ganz herrlich sei es dort, warm und sonnig. Endlose Wiesen und W├Ąlder. Die K├Ârper schlachte man zwar nach kurzer Zeit, die Tiere selbst verbr├Ąchten aber eine nat├╝rliche Lebensspanne in der virtuellen Realit├Ąt. Man k├Ânne die Zeit dort beliebig manipulieren. An nichts fehle es ihnen.
Keines der Kinder hatte je zuvor etwas Vergleichbares gesehen. Sie kannten Fleisch nur in Form von Nuggets oder gepressten W├╝rsten. Die eingewickelten, von der Decke h├Ąngenden Leiber, ergaben keinen Sinn f├╝r sie. Sp├Ąter versicherten ihre Eltern ihnen, dass das der Lauf der Natur sei, und Karl, der Landwirt, ein Held.
Als die F├╝hrung vorbei war, kam die Lehrerin zur├╝ck. Karl winkte den Kindern zum Abschied. Gegen Ende hatte er die B├Ąlger tats├Ąchlich in sein Herz geschlossen. Es war ein sonderbares Gef├╝hl, aber es gefiel ihm.

***

Bis sp├Ąt in die Nacht sa├č Karl noch im B├╝ro. Zahlen und Diagramme rauschten an ihm vorbei. Das Monitorlicht brannte in seinen Augen. Dann war es genug. Feierabend. Doch bevor er nachhause ging, in seine kleine, sch├Ąbige Wohnung, die kaum gr├Â├čer als ein Zimmer war, kaum besser beleuchtet als eine Gef├Ąngniszelle, mit leerem K├╝hlschrank und leeren W├Ąnden, da hatte er noch etwas zu erledigen.
Der Aufzug spuckte ihn in einer der obersten Brutetagen aus. In einem entlegenen Winkel stand eine Liege, umzingelt von Plastiks├Ącken, in denen die Leiber junger K├Ąlber reiften. Dort wo die Liege stand, gab es keinen Sack, doch Kabel und Monitore hingen dort, wie ├╝berall. Karl legte sich in die Liege und stie├č sich eine spitze Nadel in den Arm. Dann nahm er ein langes Kabel und steckte das offene Ende in eine kleine Buchse hinter seinem rechten Ohr, die er mit Make-up kaschiert hatte.
Pl├Âtzlich stand Karl auf einer Wiese. K├Ąfer brummten, V├Âgel sangen, es war warm und ungemein friedvoll. ├ťberall standen K├╝he, Schafe, L├Ąmmer und H├╝hner. Sie lebten zufrieden und im Einklang mit der Natur.
Karl setzte sich ins Gras und zog die Schuhe aus. Mit den Fingern strich er ├╝ber die saftige Wiese. Manchmal verbrachte er seine Mittagspause hier, manchmal die ganze Nacht, und eines Tages, das wusste er, wollte er hier sterben.



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Liebe Leserinnen und Leser,
Ich hoffe ihr habt viel Spa├č mit dieser Geschichte, und ich hoffe, Sie vers├╝├čt euch ein paar Minuten.
Konstruktive Kritik ist jederzeit willkommen und ich freue mich ├╝ber eure Verbesserungsvorschl├Ąge.



Version vom 31. 07. 2018 07:56
Version vom 02. 08. 2018 18:15

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DocSchneider
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