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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Auf dem Mond ist kein Wind
Eingestellt am 29. 10. 2016 10:48


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Cafard
Routinierter Autor
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Eine Tankstelle ist eine Tankstelle. Wenn etwas geschieht, das diesem gut bekannten Ort plötzlich eine neue Bedeutung verleiht, reagiere ich wie aufgescheucht. ZunÀchst tankte ich so, wie ich immer tanke, wÀhrend dieses Vorgangs beobachtete ich die unerwartete Szenerie, dann parkte ich den Wagen in einer Zufahrt zur Waschbox.

Ich nÀherte mich dem japanischen Imbisswagen, niemals zuvor war mir ein solcher Imbisswagen auf einer Tankstelle begegnet. Es herrschte ein reges Treiben, die meisten Kunden waren Deutsche, ansonsten zwei Asiaten. Weil ich gar nicht verstand, warum ich so aufgescheucht war, blieb ich leicht abseits stehen, um eine Zigarette zu rauchen, vermutlich deswegen.

Die Kunden wurden gefragt, ob sie japanische Mayonnaise mögen, bevor das Gericht ausgehÀndigt wurde, kam immer die gleiche Frage: Wollen Sie japanische Mayonnaise? Auch das scheuchte mich auf, ich fragte mich, was eine Mayonnaise japanisch werden lÀsst?

Der asiatische Koch wirbelte herum, die deutsche Bedienung, eine Frau mit einem Stirnband, erklĂ€rte die Gerichte auf Deutsch, sie sprach den Koch auf Japanisch an, sie erklĂ€rte, was ein Kara-Age Don ist, dann schickte sie wieder einige Brocken Japanisch rĂŒber zu dem stilechten Koch, und so weiter. Zwischendurch warf sie mir einen Blick zu, einen vorsichtig einladenden Blick.

Ich ließ mich darauf ein, sie erklĂ€rte nun fĂŒr mich, was ein Kara-Age Don ist, frittiertes HĂŒhnchen mit pikant eingelegtem Chinakohl auf Klebreis. Der pikant eingelegte Chinakohl reizte mich, ich sagte: Das nehme ich, nach dem Bezahlen erhielt ich einen roten Chip. Ich stellte mich wieder abseits von dem Imbisswagen, ich wartete auf den Ruf: Rot! Rot ist fertig!, oder: Wer bekommt Rot?, irgendetwas in der Richtung.

Es dauerte, der stilechte Koch wirbelte herum, doch es dauerte. Ich beobachtete die beiden Asiaten, ohne deren Absicht fĂŒhrten sie mir etwas vor; sie demonstrierten, wie man mit grĂ¶ĂŸter Geschicklichkeit jene HolzstĂ€bchen benutzt, eine FĂ€higkeit, die mir gĂ€nzlich abgeht. Ich konzentrierte mich derart auf diesen Anblick, dass ich fast den Moment verpasste, als Rot gemeldet wurde, die Bedienung sagte: Hatten Sie Rot?

Ich sagte: Ja. Dann fragte sie mich nach der japanischen Mayonnaise, ich sagte wieder: Ja. Normalerweise frage ich in solchen FĂ€llen nach, was eine japanische Mayonnaise ausmacht, jedoch war ich seltsam blockiert. Man weiß nicht, ob man sich mit dieser Mayonnaise alles kaputt macht, oder im Gegenteil. Sie war nicht grĂŒn, sie schmeckte wie viele andere Mayonnaisen, das ganze Gericht war hochgradig köstlich, der eingelegte Chinakohl war knackig und mehr als pikant, in den Klebreis war einiges von der hinreißenden Marinade gezogen. Zum GlĂŒck gab es Gabeln aus Plastik.

Ich durfte zufrieden sein, wegen des plötzlichen GlĂŒcks. Mir kam eine Information aus dem Vormittag in den Sinn: Auf dem Mond ist kein Wind. Das hatte mich ĂŒberrascht. Nun dachte ich, dass auf dem Mond vielleicht doch Wind ist, wenigstens manchmal. Ich dachte diesen Gedanken, weil auf Tankstellen normalerweise kein japanischer Koch mit seinem Imbiss steht. Ein japanischer Koch mit einer deutschen Frau, die japanisch redet, das ist doch erstaunlich.

Ich fragte sie schließlich, ob sie nun immer dort stehen wĂŒrden, dann kĂ€me ich das ganze Sortiment probieren, nach und nach, immer, wenn ich tanke. Jeden Donnerstag, sagte sie. Ich warte nun ungeduldig auf den kommenden Donnerstag, ich werde dann nicht mehr aufgescheucht sein, es sei denn man meldet plötzlich Wind auf dem Mond.

Das wÀre doch schön.

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SilberneDelfine
???
Registriert: Oct 2015

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Der Tagebucheintrag gefĂ€llt mir gut, was ich zu monieren hĂ€tte, sind die vielen AbsĂ€tze. WĂŒrde es durchgehend geschrieben und mit höchstens ein oder zwei AbsĂ€tzen nicht irgendwie besser aussehen?

LG SilberneDelfine

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ENachtigall
Foren-Redakteur
???

Registriert: Nov 2005

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Hallo Cafard, hallo Silberne Delfine.


Die durch die AbsÀtze gegebene Struktur macht den Text sehr lesefreundlich.

GĂ€be es die nicht, hĂ€tte ich sicher mehrfach wĂ€hrend des Lesens meine Augen reiben mĂŒssen, aus der Verunsicherung heraus, eventuell dem TagtrĂ€umen verfallen zu sein. So unwahrscheinlich und dubios kommt die ErzĂ€hlung daher.

Es ist kein typischer Tagebuchtext (so es den gibt ... ). Gerade das lÀsst ihn in diesem Unterforum besonders gut zur Geltung kommen, wenngleich sich das bis jetzt noch nicht in Klickzahlen und Kommentaren niedergeschlagen hat.

Er ist sowohl stilistisch als auch inhaltlich hervorragend konzipiert. Ich habe ernsthaft darauf gewartet, dass sich dieses "in welchem Film bin ich gerade GefĂŒhl" irgendwann auflöst in einer Offenbarung. Vergeblich. Der Text behĂ€lt seinen Zauber mitsamt der Formel. Und das macht ihn aus.

Ein Text - ich hatte ihn zur Veröffentlichung schon gelesen - der im GedĂ€chtnis bleibt. Ich freue mich ernsthaft darĂŒber, dass "Delfine" ihn noch einmal "an Land" gezogen hat.

Liebe GrĂŒĂŸe von Elke
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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FrankK
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Nov 2006

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Auf dem Mond ist kein Wind
Diese sachliche Tatsache als unumstĂ¶ĂŸlich angenommen wĂŒrde den Zugang zu diesem Text ernsthaft gefĂ€hrden.
Ein nicht nur ver-rĂŒcktes Bild, sondern auch ein entrĂŒckendes Szenario.
Hast Du mittlerweile herausgefunden, was "japanische Mayonnaise" ist? Ist ja auch eigentlich egal.

Auf dem Mond ist vielleicht doch Wind.
Nur mit einem solchen Glauben lÀsst sich die Welt mit offenen Augen wirklich und whrhaftig in sich aufnehmen.

Ich danke Dir, Cafard, fĂŒr diesen Text.
Ich danke Dir, SilberneDelfine, dass Du diesen Text wieder zum Leben erweckt hast. Er wÀre mir entgangen.


Herzlichste GrĂŒĂŸe aus Westfalen
Frank
__________________
Leben und leben lassen.

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Cafard
Routinierter Autor
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Guten Morgen, ich hatte lĂ€ngst meinen Text vergessen, ich hatte lĂ€ngst die Leselupe vergessen, jedenfalls bis vorhin, dann plötzlich erinnerte ich mich doch, dann entdeckte ich die freundlich zugewandten Kommentare, ein schönes GefĂŒhl, danke!

Japanische Mayonnaise schmeckte mir wie normale Mayonnaise, nur etwas leichter, aber nicht so gut wie Miracel Whip leicht, smile.

Ich schreibe ja nahezu jeden Tag meine gewissen Tagesnotizen, ich suche gleich mal was Neues raus fĂŒr die Leselupe...

Danke nochmal und AbsĂ€tze finde ich persönlich ganz brauchbar, wenn nicht nach jedem Satz ein Absatz kommt, aber das ist natĂŒrlich auch möglich, mal nach einem Satz einen Absatz zu machen. Da ich selbst beim Lesen schnell ermĂŒde, finde ich AbsĂ€tze ganz hilfreich, aber klar, sie können auch mal den Gedankenstrom zerrupfen.

Cafard

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