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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auf den Spuren meiner Jugend
Eingestellt am 20. 04. 2017 02:36


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werman
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2017

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„Wenn wir dann alle mal erwachsen sind und Kinder haben, werden wir immer noch genau hier sitzen, alle zusammen und daneben werden unsere Kinder spielen“. Alle stimmten lĂ€chelnd zu, das war das Leben, das sie anstrebten, doch ich wusste schon immer, dass mir das nicht reichen wĂŒrde. Ich wollte mehr von der Welt sehen als mein zehntausend Einwohner zĂ€hlendes Heimatdorf, in dem jeder jeden kannte. Und obwohl ich die Leute liebte, mit denen ich aufwuchs, musste ich weg. Und das tat ich auch.

Ich ließ meine Gedanken schweifen, als ich ĂŒber den fĂŒnfspurigen Highway hinwegglitt. Ich liebte es, nachts zu fahren, wenn die von tausenden Lichtern erleuchtete Stadt hinter den Autofenstern verschwamm. Das Schild vor mir auf der Straße war mit einem Flugzeug-Symbol versehen, ich wĂŒrde morgen das erste Mal nach Hause zurĂŒckkehren, seit ich eines Tages meine Koffer gepackt hatte und einfach gegangen war. Ich hatte keinen Grund meine Entscheidung zu bereuen, denn das Schicksal meinte es gut mit dem ausgeflogenen Vogel, der es nicht mehr in seinem Nest aushielt. Der Traum des freien Lebens als kreativ Schaffender hatte sich weitgehend erfĂŒllt, ich veröffentlichte bereits zwei BĂŒcher und begann nun langsam auch ins Filmbusiness einzusteigen. Doch war ich in dieser Zeit noch derselbe geblieben, der einfache Junge aus dem zehntausend Einwohner zĂ€hlenden Dorf, in dem jeder jeden kannte? Mit einem mulmigen GefĂŒhl betrat ich das Flugzeug und begann die Reise auf den Spuren meiner Jugend oder gar auf den Spuren meiner selbst.

„Wie geht es dir? Wir haben dich so vermisst! Ist es dir nicht zu kalt nur in deinem T-Shirt? Wir sind hier nicht mehr in Kalifornien.“ Meine Eltern begrĂŒĂŸten mich ĂŒberschwĂ€nglich, als sie mich am Flughafen abholten. Ich freute mich sehr sie zu sehen, alles war wie frĂŒher und ich hatte ein gutes GefĂŒhl, als wir nach Hause fuhren. Als wir auf dem Parkplatz vor dem Haus anhielten und ausstiegen, erspĂ€hte ich eine bekannte Gestalt, die da die Straße hinunterging, in der einen Hand eine Zigarette und mit der anderen den Kinderwagen stoßend. Erfreut nĂ€herte ich mich ihr, doch sie schien mich gar nicht zu bemerken, geschweige denn zu erkennen und lief wortlos an mir vorbei. Ich ging ihr nach und tippte auf ihre Schulter. „Hey Timon, wie geht’s?“, sagte ich lĂ€chelnd. Jetzt schien er endlich zu begreifen und sein Gesicht erhellte sich allmĂ€hlich. „Was machst du denn hier, dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!“ Wir machten ein bisschen Small Talk und er lud mich ein, etwas zu unternehmen am Abend. „Heute Abend sind wir alle beim alten Schulhaus und machen uns einen schönen Abend, kommst du auch?“ Ich stimmte zu und fragte ihn, ob denn noch alle im Dorf wohnten. „Jeder Einzelne, du bist der Einzige, der uns im Stich ließ, du VerrĂ€ter“, sagte er breit grinsend.

Ich freute mich, sie alle wiederzusehen und war um Jahre in die Vergangenheit zurĂŒckversetzt als ich mich auf den Weg machte, den Weg, den ich frĂŒher so oft gegangen war. Als ich nĂ€her kam und die Musik hörte und das Cannabis roch, wusste ich, dass sich nichts verĂ€ndert hatte, seit ich weg war. Wir begrĂŒĂŸten uns lachend und herzlich und ich gesellte mich in die Runde. „Ihr seid also immer noch alle am kiffen?“, fragte ich verschmitzt. „NatĂŒrlich, was hast denn du gedacht?“’, war die einstimmige Antwort, die ich bekam. Als ich jetzt so aus der NĂ€he ihre Gesichter betrachtete, merkte ich, dass sich doch etwas verĂ€ndert hatte. Der jugendliche Übermut war aus den Gesichtern gewichen und hatte einem weitaus ernsteren Gesichtsausdruck Platz gemacht. „Und wie lĂ€uft es so bei euch, was macht ihr so im Leben?“, fragte ich ehrlich interessiert. „Ach, du weißt schon, ein bisschen arbeiten, ein bisschen kiffen, einfach ein bisschen Spaß haben“, erwiderte Timon. Im Verlauf des GesprĂ€chs erfuhr ich, dass einige von ihnen die Schule abgebrochen hatten und nun einer eher einfacheren TĂ€tigkeit nachgingen. Einige waren wie Timon bereits VĂ€ter geworden. FĂŒr alle hatte der Ernst des Lebens in einem gewissen Maße begonnen.

„Komm, rauche einen mit uns!“ Ich kiffte eigentlich nicht mehr, doch der Nostalgie ergeben, ließ ich mich hinreißen. Wir kifften und redeten wie frĂŒher, doch als sich das GesprĂ€ch meinem Leben zuwandte, wurde die Stimmung angespannter. „Verdienst du dir eine goldene Nase dort drĂŒben?“, fragte einer. Ich könne mich nicht beklagen, sagte ich knapp. „Ich habe eines deiner BĂŒcher gelesen“, meinte ein anderer, „du schreibst ja ĂŒber uns“. Ich erwiderte, dass ich einfach aus meinem Leben schrieb und sie nun einmal ein Teil dieses wĂ€ren. Doch damit gaben sie sich nicht zufrieden. „Du fĂŒhlst dich doch als etwas Besseres, schreibst ĂŒber uns, als ob wir Abschaum wĂ€ren und wirst damit auch noch reich“, fauchte Timon. „Wie kannst du so etwas sagen, wir sind doch Freunde“, versuchte ich die Situation noch zu retten, doch es war vergebens. „Kommst zurĂŒck, rauchst von unserem Gras, was denkst du eigentlich, wer du bist?“

Der erste Schlag ĂŒberrumpelte mich komplett. Er traf mich voll auf den Wangenknochen und ich ging zu Boden. Ich versuchte benommen aufzustehen, doch es hatte erst begonnen. Von allen Seiten prasselten SchlĂ€ge und Tritte auf mich ein und ich lag wehrlos da. Als ich wieder zu mir kam, waren alle weg. Wie ein HĂ€ufchen Elend lag ich da in der finsteren Nacht. In der Spiegelung der glĂ€sernen SchulhaustĂŒr sah ich, dass sie mir etwas auf die Stirn geschrieben hatten. „JUDAS“ stand da fett und schwarz geschrieben.


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Love is the feeling that you feel when you feel the feeling that you never felt before.

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DocSchneider
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