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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Aus dem Rahmen gefallen
Eingestellt am 25. 06. 2018 12:31


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Stierfrau
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Gleißend strömte die Sonne in das kahle Krankenzimmer. Staubteilchen flimmerten vor ihren Augen durch den Raum, nur ein schmatzendes GerĂ€usch störte die ansonsten heilsame Stille.

Der alte Mann im frisch bezogenen Krankenhausbett bewegte die Lippen. Seine linke Hand krampfte sich zusammen, als wollte er mit den HÀnden erzÀhlen, da ja seine Stimme versagte.

Und sie stand da und frohlockte. Wie herrlich war es anzusehen. Hilflos lag er da und quĂ€lte sich im Inneren. Und sie war versucht, ihm zu sagen, wie schrecklich bekannt ihr diese GefĂŒhl war.
Aber das wÀre ihm wahrscheinlich sogar noch eine Genugtuung. Und so schwieg sie weiter und genoss den Anblick. Wie ein kahler Fisch lag er da, stumm öffnete sich sein maul.
Jetzt wÀre der Moment, ihm endlich ins Gesicht zu schlagen.
Sie merkte, wie sich ihre Hand leise bewegte, hielt jedoch inne, weil ihre Schwester den Raum betrat.

Mit TrÀnen in den Augen, die alte Heuchlerin.
Die wĂŒrde lieber die Hand aufhalten, anstatt den Alten ins Gesicht zu schlagen.
Mit ihr in einem Raum zu sein war in diesem Moment unmöglich, Tine merkte, wie sich ihr Magen verkrampfte, sie presste ihre Lippen aufeinander, damit denen ja kein Wort entschlĂŒpfen konnte, und ging hinaus.

Ganz hinaus, in den Park zuerst, wo sie sich auf eine Bank setzte und sich am liebsten eine Zigarette angesteckt hĂ€tte, wenn denn eine in der NĂ€he gewesen wĂ€re. War sie aber glĂŒcklicherweise nicht, das fehlte noch, wegen den Idioten sich selbst untreu zu werden, dachte sie.

In diesem Moment erschien am Ende des Weges die Silouette ihrer Mutter.
Klein, zusammengefallen, den Rollator vor sich her schiebend.
Die hatte ihr jetzt noch gefehlt. Mit ihrem Schöngetue und der Heuchelei, mit ihrem Unterdenteppichkehren, bis alle anderen ĂŒber die Kante flogen.

Tine drehte sich um und ging zur Bushaltestelle.

Ein Bild jedoch hatte sie im Kopf an diesem Nachmittag. Das des Alten, wie er lag, unfÀhig, noch irgendwelchen Schaden anzurichten. Nicht einmal mit Worten, geschweige denn mit seinen HÀnden.
Sie merkte, wie sich der Ring um ihre Brust öffnete, ihre HÀnde aufhörten zu zittern, und wie sich ein LÀcheln auf ihrem Gesicht breit machte.

Und obwohl sie wusste, dass noch lange nicht alles vorbei war, das Schlimmste war ausgestanden. Das war das Einzige, was zÀhlte.

Diese Hilflosigkeit jedoch, die sie jahrelang gespĂŒrt hatte, die war nicht mehr da. Fast wĂ€re sie an der Haltestelle auf und ab gehĂŒpft vor Freude und Erleichterung, und am liebsten hĂ€tte sie laut gesungen. Was, das wĂ€re egal. Hauptsache laut.

Tine rief ihre liebste Freundin an. Und sagte nur:“Er stirbt. Was fĂŒr ein GlĂŒck!“ Sie hörte, wie ihre Freundin am anderen Ende tief ein-und ausatmete. Mehr musste nicht gesagt werden, sie wĂŒrden sich morgen treffen.
Sie schloss kurz die Augen, um das Bild noch einmal zu sehen. Wie er da angeschnallt lag, ausgeliefert und unfÀhig jedweder Regung. Und sah einen fetten Rahmen rund um das Bild. Fest, dunkel, unzerbrechlich anscheinend.


Dieses Bild wĂŒrde sie in ihre Galerie hĂ€ngen. Zu Hause natĂŒrlich. In ihre Galerie der ungemalten Bilder. Diese waren nur nachts zu sehen, wenn Tine die Augen schloss.

Und doch erschrak sie.
Wie konnte sie nur so kalt sein. In dem Moment, wo der Alte im Sterben lag. Und wie konnte sie ihn ĂŒberhaupt in Gedanken den Alten nennen? Und woher kam der Hass auf ihre Schwester und ihre Mutter?
Wie ein Blitz war es eingeschlagen. Und sie wusste nicht, warum.
Was aber das Faszinierendste war – sie fĂŒhlte sich gut dabei. Kein bisschen schuldbewusst, wie sonst immer.

Sie stieg in die U-Bahn und genoss das Trubelige um sich herum. So konnte sie sich hinsezten, die Augen schließen und sich von der GerĂ€uschkulisse trostvoll einhĂŒllen lassen.

Diesmal jedoch erschien ihr sogar hier ein Bild aus ihrer Galerie. Am helllichten Tage, mitten im Gewusel menschlicher Umgebung. Es ĂŒberfiel sie sozusagen.

Es war das Bild mit dem fetten, verschnörkelten, prunkvollen, goldenen Rahmen.
Der ist fast grĂ¶ĂŸer, als das Bild selbst, auf jeden Fall aber eindrucksvoll, fast furchteinflĂ¶ĂŸend.
Mittendrin zwei MÀdchen, vorsichtig lÀchelnd, dahinter Vater und Mutter, der Vater hat jeweils eine Hand auf eine Schulter der MÀdchen gelegt, die Mutter schaut zu ihm auf und lehnt sich an seine linke Schulter. Auch sie lÀchelt sanft, der Vater jedoch strahlt vor Besitzerstolz.
Sie sah dieses Bild vor sich und konnte sich nicht davon losreißen, nicht die Augen öffnen, nicht ihre TrĂ€nen wegwischen.

Dieser schreckliche Rahmen.
Sie spĂŒrte ihn förmlich.
Es gab kein Entweichen. Nicht fĂŒr ein kleines MĂ€dchen. DafĂŒr war der Rahmen viel zu breit, zu stark, zu fest und zu eng.
Und natĂŒrlich viel zu schön, wie fĂŒr eine Prinzessin eigentlich. Golden mit wunderschönen Mustern dazu.
Der gibt doch Halt, passt auf das MĂ€dchen auf, schmĂŒckt es sozusagen. Könnte man denken.

Aber sie rĂŒttelte daran. Eine lange Zeit.
Es tat weh, so oft. Aber sie rĂŒttelte weiter.
Bis er an einer ganz kleinen Stelle brĂŒchig wurde.
Und sie herausfiel.
Verletzt.
Du bist ein schreckliches MĂ€dchen, sagte der Vater.
Die Mutter hatte dem nichts entgegenzusetzen.
Die Mutter hatte nie etwas entgegenzusetzen.

Sie war also ein schreckliches MĂ€dchen.
Weil sie aus dem Rahmen gefallen war.
Aus diesem tollen Rahmen dieser tollen Familie.
Sie lebte mit diesem Gedanken, ein schreckliches, undankbares MĂ€dchen zu sein.
Auch, als sie schon kein MĂ€dchen mehr war.

Tine schaffte es doch irgendwie, die Augen zu öffnen, sah, dass sie noch in der U-Bahn war, und wischte sich die TrÀnen ab.
Und sie versuchte, die Rahmen fĂŒrÂŽs Erste zu vergessen.

Mit wackeligen Knien stieg sie an der richtigen Station aus, gelangte irgendwie zu ihrer Wohnung, nahm dort eine Flasche Bier aus dem KĂŒhlschrank und ließ sich auf ihre Couch fallen.
Da saß sie nun. BemĂŒht, nicht zu denken, nicht zu heulen, nicht umzufallen und nicht zum Telefon zu greifen.
So viel nichts.

Wer war sie ĂŒberhaupt?
Rein Ă€ußerlich betrachtet ein Frau in den besten Jahren – oder sagt man das nur von MĂ€nnern?

Egal, also eine Frau in den besten Jahren, erfolgreich im Beruf, gescheitert in zwei Ehen, in Liebe verbunden mit ihren Kindern und den kleinen EnkelmĂ€dchen, und im Moment allein und völlig durcheinander in ihrer gemĂŒtlichen Wohnung – mit kleinem Garten sogar - die sie sehr liebte, abgesehen von den Bildern.

Aus dem Rahmen gefallen. Was fĂŒr ein GlĂŒck, denn Tine bekam langsam das GefĂŒhl, dass sie keinen Rahmen mehr brauchte.
Und sie begann, Erleichterung zu spĂŒren.


Version vom 25. 06. 2018 12:31
Version vom 28. 06. 2018 15:06

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DocSchneider
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Eine berĂŒhrende Geschichte. Vielleicht könntest Du noch mehr herausarbeiten, weshalb sie plötzlich Hoffnung spĂŒrt.

Es haben sich ein paar kleinere Rechtschreibfehler eingeschlichen.


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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Hallo Doc Schneider,

danke fĂŒr die BegrĂŒĂŸung und Deinen Kommentar zu der Geschichte.
Ich hab korrigiert...
Zum weiteren Ausarbeiten mache ich mir noch Gedanken, ich hatte es absichtlich ein wenig bedeckt gehalten, um einfach die Stimmung und das GefĂŒhl mehr im Vordergrund behalten zu können. Aber der Gedanke der weiteren Ausgestaltung gefĂ€llt mir auch. Ich denk drĂŒber nach..

Viele GrĂŒĂŸe
von der Stierfrau

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