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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ballerina
Eingestellt am 27. 06. 2017 18:05


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welpenweste
Hobbydichter
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An diesem kleinen Laden mit dem winzigen Schaufenster, links in einer modrigen Straße, die direkt nach Soho fĂŒhrte, wĂŒrde fast ein Jeder vorbeigehen. Die Scheibe war schon etwas milchig geworden und wies einen alten Staubfilm auf. Es enthielt historische, vergilbte Atlanten.
So klein das Schaufenster war, so klein der Laden selbst. Hinter dem Tresen verrichtete ein Alter, schon mit krummen RĂŒcken sein Tagwerk. Er war gerade mit verschiedenen, fahrigen Verwaltungseintragungen beschĂ€ftigt. In einem dicken Folianten, der vor ihm aufgeschlagen war, kritzelte er gewichtig.
Die vorsintflutliche Feder war mindestens so alt, wie er selbst.
Eine Biedermeierlampe erhellte die Szene nur mĂ€ĂŸig, denn sie hatte wenig Watt, außerdem war es Winter und schon SpĂ€tnachmittag, also insgesamt schon sehr dĂ€mmrig. Das MĂ€nnchen war recht stolz auf seine alte Waage, die noch mit Gewichten maß.
Zu seinen von SkurrilitĂ€t nicht gerade arm ausgestatteten, mit BĂŒchern vollgestopften Laden, war als Besonderheit noch eine Spieluhr zu zĂ€hlen, die er ĂŒber inniglich liebte. Sie war eigentlich sein Ein und Alles.
Sein Lebensinhalt, wenn man es so bezeichnen möchte. Wenn man sie aufzog, tanzte eine Ballerina im Kreise. Sie drehte sich nicht nur um sich selbst, sondern zog auch auf einer goldenen Scheibe ihre Kreise. So trudelte sie in erstarrter Anmut mit angedeuteten Tanzschritten, die Arme hoch gereckt, wĂ€hrend eine hĂŒbsche Melodie dazu klimperte. Die Spieluhr musste uralt sein und vielleicht gehörte sie ĂŒberhaupt zu den ersten Instrumenten dieser Art, die je hergestellt worden waren.
Ansonsten fand man eigentlich alle möglichen KuriositĂ€ten und Plunder. Wenn man eine Nase dafĂŒr hatte, so konnte man unter UmstĂ€nden sogar etwas von Wert herausfiltern.

Der BuchhĂ€ndler, dessen Name, soviel ich herausbekommen habe, Josuah HĂ€ckli war, hatte die liebliche Ballett-TĂ€nzerin gerade in Gang gesetzt, als das Glöckchen am TĂŒrrahmen bimmelte und ein Mann in den Laden herein gepoltert kam.
Der Mann, mit einem Strumpf maskiert, fuchtelte energisch mit einem Revolver herum. In der anderen Hand schwenkte er eine grĂ¶ĂŸere Arzttasche aus Leder, wie sie frĂŒher ĂŒblich war und die der alte Mann mit Namen HĂ€ckli ihm bestimmt gerne abgekauft hĂ€tte. Sie war aus dunklem Leder und wĂŒrde in diese Umgebung sicherlich gut hinein passen.

Die Stimme des Unholds klang schnarrend und wild entschlossen. Er mochte ca. 1,80 Meter groß sein, wirkte aber trotzdem irgendwie untersetzt und krĂ€ftig. Sein schwarzer Rollkragenpulli und seine schwarze Hose ließen ihn wie die personifizierte Gestalt des schwarzen Mannes erscheinen. DarĂŒber trug er einen weiten Mantel.
„Geld her, oder es kracht“, böllerte er los und ließ seinen schweren Revolver drohend tanzen.
Der BuchhÀndler tauchte langsam mit seinem Kopf hinter dem Tresen hervor, wo er sich vor Schreck geduckt und Schutz gesucht hatte.
„Mach die Kasse auf“, wurde befohlen.
Der alte Mann tastete sich entlang des Tresens, wĂ€hrend er immer wieder Ă€ngstlich in die endlos erscheinende, großkalibrige MĂŒndung des Revolvers blickte.
HĂ€ckli ging zögerlich zu der alten Kasse am Ende des Ladentisches. Sie hatte einzelne Tippfelder, wie bei einer Schreibmaschine und darĂŒber ein Sichtfenster, in dem die eingetippten Zahlen auf PlĂ€ttchen hochfuhren. Im Großen und Ganzen war das Ding ein Monstrum, schwer, solide. Sie sah wie ein SchmuckstĂŒck aus, denn seine mattierte, glĂ€nzende MetalloberflĂ€che war reich ziseliert und ornamentiert. Josuah tippte 0.00 ein, die PlĂ€ttchen fuhren hoch und HĂ€ckli betĂ€tigte die riesige Kurbel auf der rechten Seite, die einen Schwengel aus Holz hatte. Die Schublade fuhr mit Getöse heraus, das mit einem lauten Klingeln begleitet wurde. Die Schublade bestand aus mehreren FĂ€chern und enthielt nur ein paar MĂŒnzen, ein paar wenige Scheine, die lediglich als Wechselgeld gedacht waren. Einnahmen waren an diesem heutigen Tag noch nicht zu verzeichnen. Der RĂ€uber musterte die armselige Beute.
„Ist das alles?“, fuhr er den HĂ€ndler wutschnaubend an.
Der alte Mann, zittrig, weiß wie die Wand, schielte zur BalletttĂ€nzerin herĂŒber, als ob sie ihm helfen könnte. Sie aber drehte nur gelassen ihre Kreise weiter, wenn sie auch deutlich langsamer wurde, weil sich die Aufzugsfeder im Inneren des GehĂ€uses zunehmend entspannte.
Der Ganove griff ĂŒber den Tresen raffte das kĂŒmmerliche Geld aus der Kasse zusammen und stopfte es in seine Arzttasche.
„Wo ist der Rest?“
HĂ€ckli sagte verzweifelt, dass er nicht mehr habe. Er sah sich in dem Raum gehetzt um in der Hoffnung fĂŒndig zu werden, obwohl er natĂŒrlich genau wusste, dass dies wirklich alles an Barschaft war, die er besaß.
Und dann zeigte er seine BuchfĂŒhrung, wobei er ihm den offenen Folianten zudrehte. Der Maskierte fuhr mit dem Pistolenlauf die Zahlenkolonnen entlang. TatsĂ€chlich konnte das HutzelmĂ€nnchen nicht mehr Barschaft haben, musste der schwarze Mann zu seinem Bedauern feststellen.
Jeden Gewinn hatte dieser Idiot in neue, hirnrissige Investitionen herein gesteckt. Plunder-Ankauf!
Der Verbrecher konnte es nicht fassen und sah sich zum ersten Mal in dem schummrigen Raum um. So viel Geld fĂŒr so alten Scheißdreck hatte der Olle rausgeschmissen. Unfassbar!
„Was kann ich ihnen denn wertvolles anbieten?“
Josuah rang verzweifelt die HÀnde. Er hoffte dem Menschen ein Angebot machen zu können. Er sollte irgendwie zufrieden gestellt werden, damit er schnellstens aus seinem Blick verschwand.
Das war sein einziger Gedanke.
„Hast du noch ein Hinterzimmer?“, schnarrte der Unhold. „Ja.“
„Los gehen wir“, wedelte der Mann mit dem Revolver.
Sie gingen beide nach hinten. Das winzige BĂŒro war von der gleichen Modrigkeit, von dem gleichen Chaos und derselben Unordnung, wie der vordere Raum.
Der Mann sah sich grĂŒndlich um. Er durchstöberte veraltete AktenschrĂ€nke, riss Schubladen aus dem Schreibtisch heraus, aber er fand nichts von Wert.
Dann straffte sich die Strumpfmaske, als er den Tresor in der Ecke entdeckt hatte. Er lÀchelte den RÀuber an, wie eine magnetische Diva.
„Los, mach auf, alter Kacker!“
Der Ton war unmissverstĂ€ndlich und Joshua HĂ€ckli beeilte sich einen großen SchlĂŒsselbund hervor zu kramen. Er schloss auf und mit einem schmatzenden Ruck öffnete er die schwere TĂŒre. Der Tresor enthielt nur altes Geschreibsel, das in Wirklichkeit aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammte und einen erheblichen Wert darstellte. Der Eindringling fledderte wĂŒtend die Aufzeichnungen in den Raum. FĂŒr ihn stellten die vergilbten Papierrollen keinen Wert dar. Es war einfach Papierschrott.
Dann nahm sich der zornige Mann wieder zusammen.
„Also gut, gehen wir wieder nach vorne.“
HĂ€ckli gehorchte. Der gemeine Kerl hatte sich in aller Ruhe auf den Tresen gelehnt und spielte ostentativ mit dem Revolver herum.
„Also gut, ich gebe Dir noch eine Chance“, lĂ€chelte der Unbekannte diabolisch durch die Strumpfmaske. Ihm war eine spaßige Idee gekommen. Er konnte diesen Trottel ruhig noch ein wenig zappeln lassen. So schnell wĂŒrde sowieso niemand in diesen verlotterten Laden kommen.
Er hatte also genĂŒgend Zeit fĂŒr seine Spielchen. Behutsam legte er seine Tasche samt erbeutetem Inhalt auf die altmodische Waage, deren eine SchĂŒssel gerĂ€uschvoll sich zu Boden neigte. Jetzt sah Josuah auch, dass der Maskierte schwarze Handschuhe trug.
Im Hintergrund war die Musik der Spieluhr inzwischen verstummt. Die BalletttÀnzerin mit ihren hocherhobenen Armen war erstarrt und wartete auf den Schlussapplaus. Dabei blieb sie in ihrer Pose anmutig, wie zuvor.
Josuah HĂ€ckli liebte diesen Augenblick, weil ihn das immer davon trĂ€umen ließ, dass die Zeit stehen blieb. Er meinte sogar es in seinem Inneren zu wissen. Er war sich irgendwie sicher. Und das war auch der Grund, dass er in seinem Laden seit Jahrzehnten keine VerĂ€nderung mehr durchgefĂŒhrt hatte. Eine geradezu mystische Angst, dass die BalletttĂ€nzerin vielleicht nicht mehr tanzen wĂŒrde, hatte ihn davon abgehalten VerĂ€nderungen durchzufĂŒhren. VerĂ€nderung bedeutete voranschreiten des ZeitgefĂŒges. Das konnte er nicht zulassen! Josuah HĂ€ckli war ĂŒberzeugt, dass diese Spieluhr mit der anmutigen BalletttĂ€nzerin auch auf seine eigene Zeit Einfluss haben musste. Anders konnte es gar nicht sein. WĂ€re er sonst so alt geworden, wenn es nicht immer wieder einen Zeitstop fĂŒr ihn gegeben hĂ€tte, wĂ€hrend draußen, das heißt genau genommen außerhalb seines Ladens, sich die VerĂ€nderungen diabolisch ausbreiteten und in immer schnelleren, teuflischen Eruptionen dahin rasten? Man sehe sich nur all dieses neumodische Zeugs an, das die Welt angeblich so fortschrittlich machte. Es bewirkte nur eine Beschleunigung der Zeit. Computer, Handy, Autos, Hektik! Josuah sah es doch, dass keiner mehr Zeit hatte. Sie alle gingen nicht, sie liefen, hasteten. Sie schwĂ€rmten in den Untergrund, wie MaulwĂŒrfe. Die Menschen erklommen HochhĂ€user, die nicht hoch genug sein konnten. Ja, diese Toren! Sie dachten alles nur in einer DreidimensionalitĂ€t. Aber was war mit der Zeit? Sie war ihnen Wurst!
Alle, alle jagten nur irgendeinem Mammon nach. Geld, Macht, Gier beflĂŒgelte sie und das möglichst schnell! Denn sie hatten nur wenig Zeit. Sie hatten keine Zeit mehr fĂŒr die Schönheiten des Lebens, keine Zeit zum Nachdenken, kein Bewusstsein fĂŒr die Natur. Und HĂ€ckli war sich sicher, dass sie die Schönheit und Anmut dieser, unserer Welt gar nicht mehr erfassen konnten, weil die Zeit sie andauernd drĂ€ngte.
Vor all diesem hatte ihn die Ballerina auf seiner Spieluhr bewahrt.
Jetzt stand die Ballerina wieder still und die Zeit schien angehalten worden zu sein. Er wĂŒrde erst wieder Ă€lter werden, wenn er sie wieder aufzog. Er musste sie immer wieder aufziehen, denn er war nicht so vermessen ein ewiges Leben haben zu wollen. Er wollte keine VerĂ€nderung seines Ladens hinnehmen, keine VerĂ€nderung durch Abriss des baufĂ€lligen Hauses miterleben mĂŒssen. Denn er war sich im Klaren darĂŒber, dass es einmal so kommen musste. Ein GlĂŒck, dass er seine Schutzheilige, seine Ballerina hatte.
„Na, was machen wir denn nun, Meister“, grollte der Unhold.
„Dein Leben ist doch was wert, oder nicht.“

Josuah schwitzte und dachte nach.
Josuah kletterte um den Tresen herum und zog schnell den SchlĂŒssel von dem Spielautomaten ab, mit dem er die elfengleiche, kleine Ballerina in Gang setzen konnte. Es war ihm wichtig, dass die Zeit stehen blieb.
Der SchlĂŒssel glitt in seine ausgebeulte, alte Hosentasche. Dem Eindringling war dies nicht entgangen. Er schielte misstrauisch herĂŒber.
„Na, was ist nun, Du Memme!“ Der Revolver hatte wieder seinen Auftritt.
„Was meinst du wie viel dich dein Leben kostet?“
„Weis nicht“, zitterte Josuah.
„Na, ich will mal nicht so sein“, meinte der Mann generös.
„Zeig mal, was unter deinem miesem Scheißdreck was wert ist.“
„Schauen sie hier“, wusste der Alte.
Er eilte zu dem Stövchen, das er an der Wand sein PlĂ€tzchen gefunden hatte. HĂ€ckli sah unbeholfen aus und vor allem harmlos, als er sich den Weg durch den ĂŒberfĂŒllten Laden bahnte. Der Maskierte sah ab und an zu der LadentĂŒre, aber natĂŒrlich, wie er vermutet hatte, rĂŒhrte sich nichts. Es drohte keine Gefahr. Er konnte das Spielchen treiben, solange es ihm gefiel.
„Also, was ist, alter Scheißkerl?“
Der Scheißkerl zog einen uralten, riesigen Buchordner aus dem Regal.
„Es ist eine Erstausgabe.“ Josuah stammelte die Worte nur.
Der Eindringling lachte hingegen durch seine Maske.
„Verarschen kann ich mich selber“, so knurrte der Unhold hinterrĂŒcks durch die Strumpfseide.
„Moos, Alter, etwas, das man umsetzen kann, das brauche ich! Du bist schon zu alt, du kapierst einfach gar nichts. Und was ist mit dieser Scheißspieluhr, auf die du dauernd hin gaffst?“

Der alte Mann wirkte irgendwie irritiert, aber dennoch fleißig bemĂŒht den Anforderungen gerecht zu werden. Er beeilte sich dem Fremden gegenĂŒber eine gute Figur zu machen und stieg sogar auf eine betagte Leiter hoch, zog ein großes Buch aus seinem Repertoire heraus und hastete wieder zu dem Vermummten, ohne auf die Frage nach der Spieluhr einzugehen.
„Das ist ein einzigartiges StĂŒck“, versicherte er.
„Schauen sie nur auf den BuchrĂŒcken. Das Werk ist von 1742! Alle diese Abbildungen sind Tausende von Dollars wert. Bestimmt! Sind alles Stiche, gefĂ€rbt, von Hand! Damals hat man noch fĂŒr so etwas Zeit gehabt.“
„Also, was ist der Schmöker wert, deiner Meinung nach?“
„Also bestimmt 2000 Dollar! Verlag Velhagen und Klasing! Damals eben.“
„Viel zu schwer! Unbrauchbar.“
Der maskierte Teufel hatte ein neues Objekt erfasst. Joshua kletterte wieder herauf, um das Buch zurĂŒckzustellen, dann stieg er wieder mĂŒhsam herunter und eilte dem Schweinehund entgegen.
„Und was ist das?“
„Eine Kristallvase! Sie ist aus Murano-Glas, dem schönsten Glas, das man sich zu der Zeit nur ertrĂ€umen konnte. 16. Jahrhundert! Unbezahlbar!“
„Pah! Dieses Dings geht mir in der Tasche eh nur kaputt!“
Der Dieb wandte sich verĂ€chtlich ab. Das Zeug war zu nichts nutze. Irgendwie musste seine Beute zumindest vernĂŒnftig loszuschlagen sein. Irgendetwas, das attraktiv war. Irgendetwas, das sich zu Geld machen ließ. Schließlich sah er ein, dass in diesem Laden offensichtlich nicht mehr zu holen war. Einfach eine verdammte Pleite.
HĂ€ckli sah wieder zu der ElfenbeintĂ€nzerin hin, die wie immer ihre Arme erhoben und ihren Kopf schief gelegt hatte. Es konnte ihm nichts passieren, solange sie still stand. Die Zeit wĂŒrde angehalten werden.
Der Eindringling hatte ihn bei dem Kragen gepackt und ihn brutal an sich gerissen. Der Revolverlauf zeigte auf seine Stirn.
„Nein, nein“, japste Josuah, wĂ€hrend er sich in seinem Anzug, wie in einem Mehlsack herum geschĂŒttelt fĂŒhlte und wies mit der Hand auf das Objekt.
„Das da vorne ist ein SekretĂ€r aus der Biedermeierzeit. Walnussholz!“ Er fĂŒgte es sogar stolz hinzu.
Der Dieb schĂŒttelte ihn wieder.
„Verlauster Esel! Meinst du vielleicht ich bin Möbelpacker, Arschloch!
Und was ist dem Schund da?“
Der Einbrecher beutelte Josuah nochmals gewaltig und zeigte auf die Spieluhr.
HĂ€ckli begann zu weinen.
„Nur nicht dieses eine StĂŒck! Bitte nicht!“
„Egal, her mit dem SchlĂŒssel. Ich habe genau gesehen, wie du ihn verramscht hast.“
Die eine HandflÀche zeigte nach oben, die andere hatte den Revolver im Griff, den er jetzt in ein Nasenloch von Josuah rein bohrte.
„Bitte nicht“, quengelte der Alte in Todesangst. Offene Augen fixierten den Lauf.
„Also, was ist? Ist der Plunder etwas wert?“
„Diese Spieluhr ist unbezahlbar!“
„DrĂŒck dich deutlicher aus! Was ist sie wert? Und zwar in Dollar!“
„Ich weiß es nicht, aber ich denke, dass irgendwelche Leute schon etwas zahlen wĂŒrden.“
HĂ€ckli gluckste nur noch, weil es ihm den Kragen zuschnĂŒrte.
Der Eindringling ließ ihn wieder los und Josuah fiel wie ein Sack Zement zu Boden.
„Sie hat ein Geheimfach! Sie mĂŒssen aber wirklich vorsichtig sein!“
„SchlĂŒssel! Also gib ihn endlich her!“
Josuah kramte in seiner Hosentasche.
Wenn er sie jetzt aufzieht, dann ist es vorbei. Dann lĂ€uft die Zeit weiter. Dann konnte auch der Revolver losgehen. Er lehnte sich erschöpft zurĂŒck und breitete sich auf sein Ende vor, wĂ€hrend er dem Vermummten den SchlĂŒssel aushĂ€ndigte. Der Verbrecher riss ihn förmlich aus seiner Hand.
„Nicht den Sockel berĂŒhren!“
„Warum denn nicht?“
HĂ€ckli schwieg verkrampft.
Das maskierte Gesicht schien zu grinsen. Er nahm nun die Spielzeuguhr in die Hand und drehte sie in seinen behandschuhten Fingern.
„Nein!“
Josuah saß japsend am Boden. Die Zeit wĂŒrde weiter laufen, sobald der Gangster die Spieluhr aufgezogen hatte. Josuah hatte entsetzliche Angst und musste schlucken. Der schwarze Mann wĂŒrde die Spieluhr kaputt machen und dann wĂ€re es um sein eigenes Leben geschehen.
Der Verbrecher grinste nur und er sabberte etwas.
„Geht es uns auch wirklich gut?“
Eine rein rhetorische Frage, die an Blasphemie grenzte. Ja, der Kerl hatte sichtlich seinen Spaß.
„Tun sie es nicht!“
Der maskierte RĂ€uber nahm nun seine Handschuhe ab, damit er besser die Ornamente des Sockels ertasten konnte. Nachdem der alte Mann dauernd dahin geschielt hatte, interessierte ihn die Spieldose umso mehr. Vielleicht barg sie ein Geheimnis, welches dieser alte Schweinehund ihm verschwiegen hatte. Irgendetwas musste an diesem Ding dran sein. Vielleicht ein außerordentlicher Diamant?
„Wie macht man das auf, Drecksack?“
Josuah schwieg hartnÀckig.
„Verdammte Scheiße!“
Der Fremde drehte die Spieluhr in seiner Hand und nahm keine RĂŒcksicht auf die filigranen, nach oben gestreckten HĂ€nde der TĂ€nzerin. Schließlich steckte er den SchlĂŒssel ein, zog ihn in aller Hast auf. Die BalletttĂ€nzerin fing sich prompt wieder an zu drehen. Das Musiklaufwerk begann zu spielen.
Er hatte natĂŒrlich sichtlich nichts ĂŒbrig fĂŒr die blöde Melodie. Auch die Anmut der TĂ€nzerin war ihm völlig Wurst. Er wollte die Spieluhr schon hasserfĂŒllt auf den Boden schmettern, doch da hielt er wieder inne.

Der Alte hatte doch so herum gegurkt. Sollte diese Spieluhr ein Geheimfach haben? Womöglich einen Schatz beherbergen?
Die Neugier siegte und er begann wieder am Sockel herumzutasten. Da fiel ihm ein versenkter Knopf im Sockel der Spieluhr auf. Er war völlig zwischen der Goldziselierung verborgen und sah gar nicht wie ein Knopf aus.
Er drĂŒckte daran herum.
„AHA!“
Eine kleine Schublade sprang heraus.
„Na, also! Wusste ich doch, dass du gequirlte Drecksau mir nicht alles gesagt hast!“
„Bitte, bitte nicht!“
Sein GegenĂŒber grinste hinter seiner Maske. Vielleicht könnte sich dieser Überfall doch noch als erquicklich erweisen. Er fummelte weiter. Die kleine Schublade könnte vielleicht etwas Geheimnisvolles, jedenfalls etwas Wertvolles beherbergen. Er fuhr mit den Fingern in die Schublade, um sie auch wirklich genau zu untersuchen. Da schnitt er sich an einem Dorn in der Tiefe der Schublade, der vorher nicht erkennbar gewesen war.
Ihm wurde schummrig es fĂŒhlte sich an, wie in ein Korsett gespannt. So als ob ihn jemand im Mittelalter quer geschlossen hĂ€tte.
Dann versagten ihm die Beine.
Er fiel krachend zu Boden, wÀhrend sich Schaum vor seinem Mund bildete.
Er starb augenblicklich, ohne auch nur ein Wort sagen zu können.

Das Gift der Borgia hatte die Zeit ĂŒberdauert und seine Schuldigkeit getan.

Der alte Mann mit Namen Josuah HĂ€ckli hatte sich wieder aufgerappelt, nachdem er den schnellen Tod mit großen Augen beobachtet hatte, ging auf ihn zu und nahm ihm die tanzende BalletttĂ€nzerin aus der erstarrten, verkrampften Hand. Sie hatte den Todessturz glĂŒcklicherweise unbeschadet ĂŒberlebt. Er stellte sie auf den Tresen, schloss vorsichtig wieder die Geheimschublade, sah glĂŒcklich zu, wie sie sich drehte, wie die Musik dazu krĂ€chzte und schnaufte zufrieden auf.

Er hatte nicht einmal einen Blick fĂŒr die Leiche ĂŒbrig.
Erst Nach einer Weile der Muße fand sein Blick doch noch den maskierten Leichnam, wie er so unbeholfen da lag.

„Du wolltest mir Zeit stehlen! Aber sie gehört mir!“

Die Ballerina schwang immer noch kokett um sich, drehte sich im Kreise und sah in die Welt und die Zeit hinaus.

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Hallo Welpenweste,

Mir gefÀllt Deine Geschichte/die Idee gut!
Leider werde ich als Leser arg gebeutelt von holprigen Formulierungen, unglĂŒcklich eingesetzten Stilmitteln und nicht entschuldbaren Wortwiederholungen. Es hapert auch grundsĂ€tzlich an Orthografie und Grammatik, und bei den ZeilenumbrĂŒchen ist auch nicht alles hĂŒbsch gelungen.
WĂ€re ich ein Lektor, wĂŒrde rote Tinte spritzen. Der Text mĂŒsste gnadenlos Satz fĂŒr Satz durchgearbeitet werden. Die Geschichte hĂ€tte es verdient. Die Kombination von altertĂŒmlicher, gespreizter Sprache mit dem alten Protagonisten und dessen alten Dingen könnte gut gelingen, aber dazu muss man den Stil sauber treffen und ihn beherrschen.
Bekanntlich lĂ€sst sich das Handwerk der guten Schreibe nicht so auf die Schnelle aus dem Handgelenk schĂŒtteln. Ich kann dir auch nicht auf die Schnelle eine Redaktion Deines Textes liefern, zumal ich, wie gesagt, keine Lektorin bin, keine Korrektorin und nicht mal eine Spracheng’studierte. Damit ich Dich aber jetzt nicht gerade ratlos stehenlasse mit einem „spontanen Leseeindruck“, versuche ich mich mal ein StĂŒckchen weit mit „konstruktiven VorschlĂ€gen“ (was jetzt sicher als Erbsenklauberei rĂŒberkommt, aber gut):


quote:
Die Scheibe war schon etwas milchig geworden und wies einen alten Staubfilm auf. Es enthielt historische, vergilbte Atlanten.
"Es" ist ein falscher Bezug. Gemeint ist wohl "er", nÀmlich "der Laden."

quote:
Hinter dem Tresen verrichtete ein Alter, schon mit krummen RĂŒcken sein Tagwerk.
Hinter dem Tresen verrichtete ein alter Mann mit schon krummem RĂŒcken sein Tagwerk.

quote:
Er war gerade mit verschiedenen, fahrigen Verwaltungseintragungen beschÀftigt. In einem dicken Folianten, der vor ihm aufgeschlagen war, kritzelte er gewichtig.

"fahrige Verwaltungseintragungen"? - Ich weiß nicht Recht.
"Gewichtig" passt besser an den Wortanfang, etwa: "Gewichtig kritzelte er in einem dicken Folianten." Dass der "aufgeschlagen" ist und nicht zugeklappt, versteht sich von selbst.

WorthÀufungen:
Zuviele "so", "also", "sogar"
"alt": 29 Mal

Die Synonyme fĂŒr den Einbrecher zu ĂŒppig aufgetragen: Unhold, schwarzer Mann, der RĂ€uber, der Ganove, der Maskierte, der Verbrecher, der Mensch, der Mann mit dem Revolver, der Eindringling, der zornige Mann ... usw.: das ist viel zu bemĂŒht um eine Abwechslung in der Formulierung, die nicht nötig ist bzw. geschickter sein mĂŒsste.

Dieser Synonym"krampf" gilt auch fĂŒr den Joshua HĂ€ckli.

Adverben ĂŒberprĂŒfen! -
er fuchtelte energisch herum
er fuhr den HĂ€ndler wutschnaubend an
er fledderte wĂŒtend


Ich belasse es bei diesem Anriss und hoffe, mein Beitrag ist dienlich.

Schönes Wochenende
Languedoc




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