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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blutrausch
Eingestellt am 01. 02. 2007 13:43


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AaronCaelis
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2001

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Blutrausch

Das Wasser im Glas ist tr├╝b. Gestern schon konnte ich nur schwer was erkennen, aber heute sieht man kaum was. Da! Bewegung. Weg. Das war ein Fu├č. Ich tippe mit dem Fingernagel ans Glas, aber es tut sich nichts. Ich tippe auch von der anderen Seite. Ob sie wohl alle schon tot sind?

Mir ist langweilig. Das Blasrohr ist fertig gebaut. Ich habe es vorhin justiert und die Pfeile ausprobiert. Leider ist einer vom Balkon runtergeflogen und im tiefen Gras da unten werd ich ihn kaum wiederfinden. Mamas Stecknadeln, wo sind sie? Ah ja, da ist die rote Plastikschachtel. Ich kerbe den Schaschlikstab ein, beginne den Draht zu wickeln, dann die Nadel. Der Draht rei├čt, das war wohl zu viel. Ich beginne von vorn, aber irgendwie bin ich nicht bei der Sache.

Platsch!

Das Wasser spritzt hoch und meine Nase kriegt was davon ab. B├Ąh! Eklig, wie das stinkt. Da haben wohl zwei miteinander gek├Ąmpft. Oder wollte eine gleich abhauen? Vielleicht eine mit F├╝├čen. Ich lege den Pfeil beiseite und r├╝hre mit dem Halm um. Als ich am Dienstag vom Teich kam, habe ich auf dem Kornfeld ein paar ├ähren mitgenommen, f├╝r die Vase im Vorzimmer. Der Mohn ist schon verwelkt, aber das reife Korn sieht h├╝bsch aus. Erstaunlich, was die Halme so tragen k├Ânnen. Jetzt ist er abgebrochen. Ich hab vorhin was erwischt, wohl ein gr├Â├čerer Brocken. So jedenfalls hat er sich angef├╝hlt. Wo ist er nur? Ich will ihn sehen. Ob der wohl die anderen alle auffrisst? Ich hab das mal im Fernsehen gesehen, da waren am Schluss kaum noch welche da, weil die sich alle gegenseitig aufgefressen haben. Ich will es sehen. Aber das Wasser ist voller Kot und ich kann doch nicht das Sieb nehmen und in die Wanne kann ich sie auch nicht kippen. Der Eimer ist voll, da sind die Salamander von gestern drin. Ich stochere ein wenig mit dem Schaschlikstab herum, versuche, den Gro├čen nochmal zu erwischen, ihn gegen das Glas zu dr├╝cken. Aber er ist schnell. Ja, der ist noch sehr lebendig! Er entwischt mir dauernd! Na warte. Auch mit zwei St├Ąben geht es nicht.

Also gut, du hast er nicht anders gewollt. Ich nehme den halb fertigen Pfeil und gehe auf die Jagd. Zack. Nichts. Zack. Auch nichts. Da! Ich hab ihn. Ich dr├╝cke die Spitze Richtung Rand und merke, wie die Nadel dabei tiefer hineindringt. Langsam ziehe ich den Stab dann an der Seite nach oben. Mist! Das ist ein Kleiner. Der hat nichtmal F├╝├če und nur einen winzigen Schwanz. Und er ist tot. Seine Augen sehen so komisch aus, so wei├č und er bewegt sich nicht. Ich streife ihn am Glasrand mit der Spitze ab und suche weiter. Auf einmal erwische ich was und das zappelt. Aber er entwischt. Mann! Ich steche hinein, erwische wieder etwas und wieder rutscht es weg. Das ist frustrierend. Au├čerdem wird das Wasser jetzt immer schlimmer, das Blut macht es noch dunkler. Was soll ich nur machen? Die Spitze des Pfeils ist auch blutig, ich hab wohl ein paar von ihnen erwischt. Aber sie sind immer wieder abgerutscht. Wie kann ich das nur verhindern? Mir kommt eine Idee! Die Fischer in Polynesien die haben das Problem auch und die haben da so spezielle Speere entwickelt. Ich beginne, mir so einen Speer zu machen. Zwei Nadeln, dann drei. Schlie├člich vier, zu einem kleinen F├Ącher angeordnet. Das sieht doch schon ordentlich aus. Ich mache die Probe auf dem alten Balkontisch. Drei der Nadeln hinterlassen ein Dreieck in der Abdeckung. Gut. Der vierte steht etwas ab, aber besser ging es nicht, wegen der K├Âpfe.

Und los gehts. Ich r├╝hre erstmal ein wenig herum, dann schneller, immer schneller, bis sich ein richtiger Strudel bildet. Da! Das war ein Bauch auf der Seite. Ich will zusto├čen. Zu sp├Ąt, wieder weg. Noch was, irgend ein K├Ârperteil und dann nur noch dieser aufgewirbelte Bodensatz. Ich steche zu. Ha! Erwischt. Ich ziehe die Beute heraus. Da ist sie ja! Aufgespie├čt, mitten durch und sie zappelt noch. Ich streife sie ab und sie zappelt in der Drecksbr├╝he herum. Ich sto├če sie ein wenig rein und dann nochmal zu. Wieder was erwischt, aber ich ziehe den Spie├č zu schnell heraus und sie rutscht ab. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal.

Das Wasser f├Ąrbt sich jetzt immer mehr rot. Mittlerweile dreht es sich nicht mehr im Glas, aber das braucht es auch nicht. So erwische ich mehr. Vorhin waren es zwei auf einmal, eine kleine ganz durchbohrt und darunter direkt eine gro├če. Ha! Die kacken da nicht mehr rein. Und weiter und weiter und weiter. Zack zack und zack, wieder einer. Immer schneller. Mittlerweile erwische ich mehr tote als lebendige, aber das macht nichts. Hauptsache ich erwische irgendwas. Ich denke fast gar nichts mehr. Das ist komisch, denn ich denke ja gerade. Als w├╝rde ein Teil f├╝r den Kopf denken und ein Teil f├╝r meinen Arm. Der Kopf passt auf, dass da kein Blut aufs Tischtuch kommt, der Arm aber, der steuert unerm├╝dlich den Spie├č mit den st├Ąhlernen Fingern aus der blutroten Plastikdose. Es knirscht. Ich habe in den Boden des Glases gestochen. Egal. Weiter. Schon wieder! Ich steche schneller zu und st├Ąrker. Dich krieg ich auch noch, du Gro├če! Los, komm, trau dich, komm! Jajajaja! Na warte! Ha!

Der Stab biegt sich jetzt. Ich hab sie! Langsam ziehe ich ihn heraus, ganz vorsichtig. Ohhh! Wie gro├č! Dass die da drin Platz gehabt hat. Ich schaue sie an und drehe den Spie├č nach oben, damit sie nicht ins Glas rutscht. Wie ich ihn so drehe, rutscht sie tiefer in den Spie├č hinein und zappelt und windet sich. Fast habe ich schon Angst, dass sie runterspringt. Die Beine tun so, als w├╝rden sie laufen wollen. Dummes Vieh, damit spie├čt es sich nochmehr auf! Na gut, du sollst noch ein wenig leben. Ich streife sie ab, rein ins Glas und weiter gehts. Irgendwann ist jeder Blasrohrpfeil mal kaputt. Und auch jeder Spie├č. Ich habe jetzt zwei der Spitzen veloren und mittlerweile lebt auch kaum noch was. Das Wasser ist tiefrot und einige schwimmen schon auf der Oberfl├Ąche, mit dem Bauch nach oben. Ich schaue auf das Glas und auf den Spie├č in meiner Hand und mein Kopf und mein Arm sind wieder eins. Schon vorbei, denke ich und ich wei├č nicht, ob das gut ist oder schade. Ich tippe wieder ans Glas. Aber da r├╝hrt sich gar nichts mehr. Hm. Wohin jetzt damit?

Ich gucke runter vom Balkon und da ist in etwa die Stelle, wo der Pfeil vorhin runtergegangen ist. Ich kippe den Inhalt des Glases hinterher. Es sieht komisch aus, wie das Wasser und die kleinen K├Ârper vom zweiten Stock aus runterfallen. Unten landen sie zwischen den K├╝rbisbl├Ąttern und verschwinden. Ein paar Sekunden nur sind die Bl├Ątter nass und gl├Ąnzen verr├Ąterisch. Nicht dass noch ein Nachbar das sieht und denkt, da h├Ątte einer vom Balkon gepinkelt. Aber die Sonne sorgt daf├╝r, dass das gleich wieder weg ist.

Mann, das ist vielleicht hei├č heute.

Mama ruft. Ich habe heute in der Schule eine Aufgabe aus der sechsten Klasse gel├Âst und die Lehrerin hat mir das ins Heft geschrieben. Daf├╝r gibt es jetzt eine Belohnung und ich wei├č auch schon genau, was das ist. Ich hab es vorhin schon am Geruch erkannt, obwohl das Glas so nach Blut gestunken hat. Ich stelle das Glas weg und das Blasrohr auch und gehe rein, mir meine Belohnung holen.


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What a man thinks - really thinks - goes down into him and grows in silence.
What a man writes in books are the thoughts that he wishes to be thought to think.

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