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Leselupe.de > Erzählungen
Das letzte Wort
Eingestellt am 28. 02. 2015 21:31


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Mantau
Hobbydichter
Registriert: Feb 2015

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Das letzte Wort

Leere Strasse. Kleine Familienhäuser.
Sie stehen aneinandergereiht wie militärisch gekleidete Fahnenträger an einer zu stolzen Parade.
In den Vorgärten verblühen die letzten Sonnenblumen, zwischen ihnen: hängende Flaggen – verblasst.
Der Himmel wird langsam wieder hell und das fahle Licht färbt auch die weissesten Hauswände grau.

Ein Fahrrad gleitet dahin auf dem glatten Asphalt. Das Rauschen der sich drehenden Kette ist der einzige Klang dieses frĂĽhen Morgens.
Sofia fährt Heim. Sie ist müde denn die Nacht war lang.
Monoton.
Bedeutungslose Wörter reihen sich in ihrem Kopf, in falscher Folge.
Verlorene Buchstaben geschossen auf ein Phantom.
Drehend und kreisend, alles verschluckend wie ein einziger Strudel.

Sie stellt ihr Fahrrad ab und öffnet vorsichtig die Tür.
Der Geruch von Curry–, Abendessen, haftet noch in der Luft.
Leise schleicht sie die Treppen hinauf, schminkt sich ab, wäscht ihr Gesicht, putzt ihre Zähne, steigt in ihr Bett und bedeckt sich.
“Gute Nacht” flüstert sie leise sich selber zu und versinkt in einen Traum.

Sie läuft durch eine Stadt, zahllose Menschen eilen an ihr vorbei doch beachten sie nicht.
Ein Stimmengewirr liegt wie ein Dunst zwischen den Häuser, doch niemand bewegt die Lippen. Der Lärm steigt an.
Stimmen verwandeln sich in Klänge des Meeres und aus dem Wasser taucht auf: ein siebenköpfiges Monster, aus den Häuptern herausragend zehn Hörner und aus seinen Mündern ertönend, die Stimmen der Stadt. Das Stimmenwirrwarr schwillt an, ein gewaltiger Lärm. Wie ein Netz breitet es sich langsam über ihr ganzen Körper aus, verhüllt ihr Gesicht, immer enger packt es sie ein, wird dichter und dichter, raubt ihr den Atem…

Erschrocken wacht sie auf. Leeres Zimmer.

Ein nächster Morgen.
“Sofia, reich mal die Wurst!” Ruft ihr Vater vom anderen Ende der Tafel.
Sonntäglicher Brunch mit Familie und Freunden.
“Wieso bist du so still? Wo warst du denn gestern Nacht?”
Doch sie antwortet nicht.
“Red jetzt mal! Erzähl doch Tante Angela vom Schultheater…”
Doch sie antwortet nicht, beisst auf die Lippe und verlässt das Wohnzimmer. “Sofia, bleib, da!”
13 Personen blicken ihr hinterher.
“Dieses Mädchen kommt ja leider ganz nach ihrer Mutter.” Sagt der Vater nachdem sich die Türe schliesst – die Gäste schmunzeln irritiert.

Am Abend bleibt Sofia ebenso schweigsam wie am Morgen.
Ihre Blicke stechen flehend in die Augen ihrer Eltern, fliehende Augen.
Fragen, Schreie, Bitten und Angst.
Stille im Wohnzimmer.
Die Mutter verdrückt ihre Tränen und rennt aus dem Zimmer, der Vater verschwindet in das Gerät geschäftlicher Emails.
Sofia bleibt auf dem Sofa sitzen, nimmt die Fernbedienung und schaltet das schallende Flimmern aus.

Montag Morgen
Schreie, Sorgen,
Bleib verborgen,
Sei verlogen.
Montag Morgen.

Mädchen, Knaben,
Mädchen fragen,
Knaben Schlagen,
Tragen Fragen,
Doch sie alle suchen–
suchen ihre Sagen.

Schule.
“Wieso bist du gestern nicht an dein Handy?”
“Ist was los mit dir?”
“Sofia, was ist denn mit dir geschehen?”
“Sag´s mir schon, ich mach mir Sorgen um dich!”
“Wir sind deine, Freunde, wir sind für dich da!”
“Lass sie, vielleicht braucht sie nur kurz Ruhe, du weisst schon letztes Wochenende mit David und so…”
“Bei Alexander hat sie nachher aber nicht so den Freak geschoben!”
“Ey komm, wir haben Doppelstunde Mathe!”
Sofia bleibt im Schulgang zurĂĽck.
Sie hat Deutsch,
sie hat nichts zu sagen,
will nichts mehr sagen,
keine stimmlose Stimme sein.

Sofia hat Das Zucken der Zunge Vergessen,
Das schlucken der Worte gelernt.
Ihre Lippen sind nicht mehr besessen
Denn zu Schreien hat sie nie mehr begehrt.

Die Abschlusswoche kommt immer näher… Sofia`s Freunde sitzen auf den Treppen oder an den Tischen im Schulgang und blättern hastig immer wieder durch riesige Papierstapeln die aus ihren Taschen quellen, fixiert mit ihren ermüdeten Augen auf kleine schwarze Zeichen, Zahlen, Formeln.

Sofia sitzt im Park und beobachtet.
Ein junger Mann unter dem Ginkobaum spielt Gitarre, dunkles Haar, helles Hemd. Sie hat ihn noch nie gesehen, seine raue Stimme stammelt:
“Hello darkness my old friend…”
Ehrlich!
Sie blickt zu ihm rüber und er lächelt sie an.
“…I´ve come to talk to you again…”
Einen kurzen Moment lang hat sie den Drang ihre Lippen öffnen.
“…within the sound of silence…”
Sie lauscht berührt, fühlt wieder Mut – seit langem,
und auch Verlangen.
“…and whispered in the sound of silence.”
Der letzte Akkord verstummt. Sie erhebt sich und läuft auf ihn zu.
Er blickt sie an und lächelt.
“Hallo, ich mag dein Lied”
Die Lippen bewegen sich, doch es kommt kein Ton.
„Du singst es schön, wer bist du?“
Sie sagt diese Worte immer und immer wieder, schreit, schreit so laut sie kann, doch es ertönt kein Klang.
Die Worte bilden sich in ihrem Kopf doch können ihre Lippen nicht verlassen.
Sie rennt davon, rennt schnell. Scham und Angst verfolgen sie.
Sie rennt suchend um die Welt, fragend nach dem Ursprung ihrer Sprache.
FĂĽr Ihn.

Fahren, fliegen,
Fallen, steigen,
Brechen, biegen,
Lernen, sich Verneigen.
Nicht erkennend –
Reisen


Nepals Berge sind hoch.
Die Sahara hat viel Sand.
Tokyo ist gross.
Berlin hat dunkle Ecken.
Madagaskars Vögel stammen aus dem Paradis.
Indianische Kräuter berauschen.
In Grönland ist es kalt.
Mekka hat einen Stein.
Jerusalem hat eine Mauer,
China hat eine längere.
Indien hat KĂĽhe.
Europa hat viel von manchem…

Das Lied und sein Sänger treiben sie von Ort zu Ort. Sie sieht neues fremd und altes verfremdet.
Doch all die zahllosen Tage bringen Sofia nur Zweifel– zum Stumm sein verdammt.

Eine weitere Stadt am Ozean.
Ein Eisverkäufer schreit am Strand. Niemand hört ihn, denn es ist schon Abend und alle Menschen sind in ihre Häuser zurückgekehrt.
Er dreht sich um–, zieht seinen Wagen hinter sich her und verschwindet hinter den Toren der Stadt.
Der Strand ist nun leer, nur Treibholz und Zigarettenstummel liegen im Sand verstreut.
Ihr Blick durchstreift den Horizont– das Blau, das Rauschen der Brandung.
Sofia läuft in das Wasser hinein.
Sie läuft immer weiter, es reicht ihr schon fast bis zum Hals.
Sie läuft immer weiter und die Wellen vergraben ihren Körper unter sich.
Sie läuft immer weiter dem Boden entlang.
Nächster morgen– ein kleiner Junge, Kreise rennend sucht er nach Muscheln im feuchten Sand. “Matthias, wart!” ruft ihm seine Mutter aus der Entfernung.
Doch er sieht etwas am Ufer liegen, ein Leib.
Eine Frau, sie hat ein kurzes hellblaues Kleid an, ist ganz durchnässt.
Er rüttelt an ihren Armen, sie hustet, öffnet die Augen.
“Bist du lebendig?”
“Ja” Antwortet sie.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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rothsten
???
Registriert: Jan 2015

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Hallo und Willkommen Mantau,

kein schlechter Einstand. Du hast einen kurzen, prägnanten Stil. Es sind kaum Textüberfrachtungen erkennbar. Gefällt mir.

Der Ablauf ist teils in Versform geschrieben. Ich habe es nicht so mit der Lyrik, daher sage ich dazu nix.

Ich hätte mir etwas mehr roten Faden gewünscht. Etwas unscharf bleibt, was das Mädchen denn so fertig macht. Pubertät alleine reicht hier nicht. Was ist ihr passiert?

Kommas mĂĽssten noch besser gesetzt werden, die GroĂźschreibung macht Dir noch Probleme.

Spontan korrigierte ich:

quote:
Leere Strasse.


quote:
weissesten Hauswände

Beides mit Esszett; habe ich auch erst jĂĽngst gelernt. ;-)

quote:
Ein Stimmengewirr liegt wie ein Dunst zwischen den Häusern

quote:
Stimmen verwandeln sich in Klänge des Meeres und aus dem Wasser taucht auf: ein siebenköpfiges Monster, aus den Häuptern herausragend zehn Hörner und aus seinen Mündern ertönend, die Stimmen der Stadt.

quote:
Sofia hat Ddas Zucken der Zunge Vergessen,

quote:
Sofia`s Freunde sitzen auf den Treppen oder an den Tischen im Schulgang und blättern hastig immer wieder durch riesige Papierstapeln (Komma) die aus ihren Taschen quellen

quote:
Einen kurzen Moment lang hat sie den Drang (Komma) ihre Lippen zu öffnen.

quote:
Sie lauscht berührt, fühlt wieder Mut – seit lLangem,

quote:
Sie sieht neues fremd und altes verfremdet.

Neues und Altes groĂź.

quote:
zum Stumm sein verdammt.

Stummsein, ein Wort.

quote:
Nächster mMorgen

quote:
Doch er sieht etwas am Ufer liegen, einen Leib.

quote:
“Ja” Antwortet sie.

"Ja",antwortet sie.

lg

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