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Leselupe.de > Horror und Psycho
Der Doppelspiegel
Eingestellt am 03. 03. 2014 19:16


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Rhondaly DaCosta
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Der Doppelspiegel

Der Sonntag ist langweilig.
Pieter wohnt seit knapp einer Woche in diesem Haus s├╝dlich von London. Er hat es gemietet, weil er in der nahe gelegenen Stadt das Testat f├╝r ein Unternehmen erstellen muss.
Pieter ist Steuerberater f├╝r eine gro├če Kanzlei in Amsterdam. Er verdient sein Geld mit Auftragsarbeiten bei externen Kunden der Kanzlei.
Der Verdienst ist gut, mehr noch, Pieter verdient einen Haufen Geld mit seinen Beratungen. Er kann sehr zufrieden sein mit seinem Einkommen.
Leider kommt Gabriele, seine Frau, an diesem Wochenende nicht zu ihm. Gabi ist Rechtsanw├Ąltin. Sie hat am kommenden Montag einen Termin, auf den sie sich noch vorbereiten will.
Pieter und Gabi sind Dinkies: double income ÔÇô no kids. Das ist sch├Ân f├╝r die Haushaltskasse, aber schade f├╝r das Familienleben.
ÔÇ×Ein oder zwei Kinder w├╝rden unser Leben doch sehr bereichernÔÇť, denkt er. Na, mal sehen; sie sind ja noch jung, noch keine Drei├čig.
Jedenfalls sitzt er jetzt in diesem Haus, an einem Sonntag, und ist er allein.
Den ├Ârtlichen Pub hat er gestern schon besucht. Zwei Bierchen haben ihren Weg gefunden. Dazu kam ein kleiner Plausch mit den Thekennachbarn - alles im gr├╝nen Bereich.

Aber jetzt hat er Langeweile.
Er hat sich einen Cognac eingeschenkt und betrachtet die T├╝r.
Diese T├╝r hat es ihm angetan. Schon am ersten Abend war er versucht, sie zu ├Âffnen und dahinter zu schauen.
Ein unerkl├Ąrliches Gef├╝hl hat ihn davon abgehalten.
Er hat es nicht fertiggebracht; nicht am ersten Tag, und nicht an den folgenden.
Pieter hat die Durchgangst├╝r von Wohnzimmer zum Flur, in dem sich diese omin├Âse T├╝r befindet, offen gelassen. Vom Esstisch aus betrachtet er minutenlang das Objekt seiner Neugier.
Er schenkt sich einen zweiten Cognac ein. Langsam l├Ąsst er das weiche Feuerwasser seine Kehle herunterflie├čen. Dann verschlie├čt er die Flasche sorgf├Ąltig und stellt diese zur├╝ck auf die Anrichte.
Bed├Ąchtig, und sehr konzentriert, steht er nun auf und geht auf die Korridort├╝r zu.
Die altmodisch erscheinende, geschwungene Klinke ist aus einem einfachen Material gefertigt. Er legt seine Hand auf den T├╝rgriff. Leicht gibt dieser nach und ├Âffnet einen Blick auf eine Holztreppe, die einen Gang hinunter f├╝hrt. Dahinter ist es dunkel, stockduster.
Pieter erinnert sich an die Taschenlampe auf dem Sims im Wohnzimmer.
Mit der Lampe bewaffnet kehrt er zur Korridort├╝r zur├╝ck.
Der Strahl zeigt ihm eine h├Âlzerne Treppe, die etwa zehn Stufen abw├Ąrts f├╝hrt.
Vorsichtig setzt Pieter einen Fu├č vor den anderen und geht die Treppe hinab.
Das Holzgel├Ąnder f├╝hlt sich fest an. Kein Wackeln k├Ânnte ihm Furcht einfl├Â├čen.
Er betrachtet seine rechte Hand. Zu seiner Verwunderung stellt er fest, dass sich kein Staub daran befindet. Das Gel├Ąnder ist sauber, beinahe schon rein, wie in einer Fernsehwerbesendung.
Pieter wundert sich kaum ├╝ber diese Sauberkeit, und dieser Umstand wiederum verwundert ihn kurz. Er h├Ąlt auf der dritten Stufe inne und ├╝berlegt.
Sein Kopf trifft die Entscheidung weiterzugehen. Oder trifft etwas anderes die Entscheidung? Er wei├č es nicht. Er muss einfach weitergehen.
Nach einigen Schritten den Gang entlang f├Ąllt ihm auf der rechten Wand ein Holzkasten auf.
Warum nicht? Pieter greift entschlossen nach einem Riegel an der Vorderseite des Vierecks und ├Âffnet den Verschlag. Dahinter erblickt er ÔÇô sich.
Der Kasten bedeckt einen sch├Ânen, blankgeputzten Spiegel.
Interessiert betrachtet Pieter sich im Spiegel. Auf seinem Gesicht liegt ein seltsames, l├Ąchelndes Gl├╝hen. Ja, seine Augen gl├╝hen wie die Augen des Forschers im Film `Das Geheimnis der Mumie`, den er als Kind so gerne gesehen hat. Jetzt ist er der Forscher.
Er l├Ąchelt noch einmal, verst├Ąrkt, in den Spiegel hinein. Pieter, der Entdecker, hat einen geheimnisvollen Spiegel entdeckt.
Im Spiegelbild sieht er nun noch etwas. Auf der Gegenseite erblickt er einen weiteren Holzkasten.
Neugierig dreht er sich um und betrachtet das Objekt auf der Gegenseite. Dieser Kasten sieht aus wie ein Zwilling des anderen.
Ohne lange zu z├Âgern ├Âffnet er den zweiten Verschlag. Auch dahinter erscheint nun ein Spiegel.
Verbl├╝fft blickt Pieter in das Gegenst├╝ck. Im Spiegelbild entdeckt er nun den ersten Spiegel. Dieser zeigt das Bild des zweiten Spiegels, dieser wieder das ersten, und so weiter.
Schlie├člich verj├╝ngen sich die gegenseitigen Spiegelbilder in ein schwarzes Loch.
Ihm wird etwas schwindelig. Er st├╝tzt sich leicht gegen die Wand auf der linken Seite. Dabei schwingt eine T├╝r auf.
Er geht vorsichtig darauf zu. Dahinter erblickt er einen schmalen Korridor, der vollst├Ąndig mit einer glitzernden Folie ausgelegt ist.
Die Neugier ├╝berw├Ąltigt die nat├╝rliche Vorsicht. Pieter betritt den Seitengang.
Dabei beginnt der Boden zu leuchten. Seine Fu├čspuren erscheinen in funkelnden Umrissen auf dem weichen Boden.
ÔÇ×Das sieht aus wie ein LED-TeppichÔÇť, denkt er sich.
Pieter hat im Internet einmal ein Video mit einem LED-Teppich gesehen. Die Aufnahme hat ihn wieder und wieder begeistert. Auf seinem Laptop zuhause hat er das Video unter Favoriten abgespeichert und bestimmt ein dutzend Mal angesehen.
Mutig tritt er einige Schritte weiter in den Korridor hinein. Der Boden spr├╝ht bei jedem Schritt in tausend Regenbogenfarben. Pieter springt nun auf und ab wie ein Kind. Der Boden antwortet mit Kaskaden von Licht in unz├Ąhligen Variationen.
Pl├Âtzlich erfasst ihn wieder dieses seltsame Gef├╝hl. Ein Gef├╝hl, oder eine Idee, oder eine Ahnung ?
Wie von einer unheimlichen Macht angezogen, geht er weiter diesen sonderbaren Gang entlang.
Alles um ihn herum ist hell erleuchtet. Pieter schaltet die Taschenlampe aus.
Er schaut sich um.
Die W├Ąnde funkeln und blitzen wie tausend Kaleidoskope. Der Boden, sein LED-Teppich, strahlt in pulsieren Farben. Seine Fu├čabdr├╝cke scheinen zu tanzen.
Und Pieter strahlt vor Gl├╝ck.

Er hat auf einmal die Vorstellung, dass er sich im Urlaub auf Sylt befindet.
Und er sieht Gabriele neben sich im Strandkorb. Sylt ÔÇô ihre Hochzeitsreise! Das ist es, das ist die Erinnerung.
Neugierig, oder getrieben ÔÇô egal - jedenfalls strebt er immer weiter in diesen Gang hinein.
Bilder aus seiner Kindheit steigen in ihm auf. Sein erstes Fahrrad, ein feuerrotes Kinderrad mit hochgezogenem Lenker erscheint in seinem Kopf.
ÔÇ×Ich und mein Chopper-Rad ÔÇô einfach goldigÔÇť, denkt er.
Jetzt sieht er vor sich das Spielwarengesch├Ąft, zu dem ihn seine Gro├čmutter immer im Kinderwagen geschoben hat. Der Kinderwagen! Er sitzt nun darin und betrachtet mit gro├čen Augen die Eisenbahnanlage im Schaufenster des Spielwarengesch├Ąfts.
Es ist kalt. Wieso wird ihm kalt?
Er liegt auf einer Waage, auf einer Babywaage. Er wurde gerade geboren, und die Hebamme hat ihn auf eine Waage gelegt. Kalt ist es auf der Waage.
Nat├╝rlich, im Mutterleib war es viel w├Ąrmer.
ÔÇ×Sie sollten die Babywaagen vorw├Ąrmen, damit die Kinder nach der Geburt nicht so frierenÔÇť, denkt er.
Wieder erscheint dieses seltsame L├Ącheln auf seinem Gesicht.
Noch einen Schritt weiter, immer weiter will er gehen.
Jemand k├╝sst ihn. Wieso? Das ist nicht er, das ist seine Mutter. Seine Mutter wird als junge Frau von seinem Vater gek├╝sst.
Ihm d├Ąmmert, dass er jetzt wie seine Mutter f├╝hlt. Aber wieso wie seine Mutter, und nicht wie sein Vater? Pieter ist doch ein Mann. Er m├╝sste eher wie sein Vater als wie seine Mutter empfinden.
Chromosomen. Sind die weiblichen Chromosomen st├Ąrker als die m├Ąnnlichen, sodass er jetzt als Frau empfindet?
Wie war das noch mit der Chromosomenanzahl: weibliche Gene haben zwei X-Chromosomen; M├Ąnner haben ein X- und ein Y-Chromosom. Kann das die Ursache sein, dass seine weiblichen Empfindungen st├Ąrker sind?
Pieter hat keine Zeit, dar├╝ber nachzudenken.

Der Gang endet pl├Âtzlich.
Er steht vor zwei T├╝ren. Eine T├╝r hat eine goldene Klinke. Sofort will er diese Klinke herunterdr├╝cken. Gold, Gold; was kann hinter dieser T├╝r denn anderes sein als ÔÇŽ
Er z├Âgert. Ihn erfasst jetzt eine tiefe Furcht.
Die T├╝r ist schwarz gef├Ąrbt. Dunkel, schwarz, unergr├╝ndlich scheint sie ihn anzugrinsen. Ja, sie grinst.
Und die zweite T├╝r? Sie ist wei├č gef├Ąrbt.
Nat├╝rlich, denkt er sich. Das musste ja so kommen. Schwarz und wei├č.
Neugierig betrachte er die T├╝rklinke der zweiten T├╝r.
Diese Klinke ist aus einem feinen Holz gefertigt. Er schaut sich das Material genauer an. Kirschholz.
Kirsche ist sein Lieblingsholz. Alle wichtigen M├Âbel in ihrem Heim, zuhause, sind aus Kirschholz hergestellt. Pieter liebt Kirchholz.
Sein Blick geht zur├╝ck zur T├╝r mit dem Goldgriff.
Er beginnt zu schwitzen. Er kann sich nicht entscheiden, welche T├╝r er ├Âffnen soll.
Langsam tritt er wieder einen Schritt zur├╝ck. Sein linker Fu├č tritt auf etwas Knirschendes.
Er schaut auf den Boden und erblickt ein Skelett. Seltsamerweise erf├╝llt ihn dieser Anblick nicht mit Furcht.
Pieter geht in die Hocke und schaut sich das Skelett genau an.
Das war einmal ein Mensch. Der Mensch muss sich auf den Boden gesetzt haben, bevor er starb. Das Skelett sitzt in einer Position wie ein Wesen, das sich vor dem Tod hingesetzt hat. Da ist nichts von einem Fallen, Gestossenwerden oder von sonstigem Fremdeinwirken zu erkennen. Da sa├č einer und hat auf das Ende gewartet.
Pieter setzt sich dem Skelett gegen├╝ber. Noch einmal schaut er auf die beiden T├╝ren.
Whiteheads Bifurkation, das ist sein letzter Gedanke.
Dann schlie├čt er die Augen ÔÇŽ


Version vom 03. 03. 2014 19:16

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Rhondaly DaCosta
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Hallo Drachenprinzessin,

ich freue mich ├╝ber dein Interesse und deinen Kommentar.
Hier sind meine Antworten:

quote:
Die altmodisch erscheinende, geschwungene Klinke ist aus einem einfachen Material gefertigt. Er legt seine Hand auf die Klinke.
Vorsicht Doppelung!
Die Klinke-2 habe ich in T├╝rgriff umgetauft.

quote:
Er geht, sehr vorsichtig, auf die ge├Âffnete T├╝r zu.
F├╝r mich klingt dieser Satz mit den beiden Kommata und dem sehr etwas holprig.

Du hast recht. Es klingt holprig. Ich habe den Ausdruck umgestellt.

quote:
P.S.: Ich will ja nicht neugierig sein, mich w├╝rde allerdings schon interessieren, woher Sie die Inspiration f├╝r diese Geschichte genommen haben.
Woher kam die Idee?
Ich lese zurzeit das Buch von Michio Kaku: `Die Physik der unsichtbaren Dimensionen`. Darin geht es um Hyperr├Ąume und andere phantastische Gedankenwelten.
Und w├Ąhrend ich lese, denke ich mir: unsichtbar, das ist unheimlich. Wo kommt im Alltag Unheimliches vor? >Im Keller; hinter einer geheimnisvollen T├╝r; in einem fremden Haus.
Aus diesem Anfang habe ich dann den Faden zu dieser Geschichte gesponnen.

Der LED-Teppich:
Du kannst ihn dir auf youtube ansehen, wenn du m├Âchtest. Hier ist der link:
Hier klicken

Bifurkation
Der Begriff ist mir vor einiger Zeit, bei Capra (Das neue Denken), begegnet.
Beim Schreiben der Geschichte habe ich mich daran erinnert und auf Wikipedia noch einmal nachgeschaut.
Dabei bin ich auf Whitehead`s `Bifurkation der Natur` gesto├čen. Darunter versteht Whitehead die Einteilung der Welt in die wahrnehmbare Realit├Ąt und in einen nicht erreichbaren Bereich jenseits der Wahrnehmung.

Zwei Wirklichkeitssysteme, zwei Spiegel, zwei T├╝ren - der Begriff `Bifurkation` passt genau in die Geschichte.
So ein Gl├╝ck ÔÇô und das Schreiben hat riesigen Spa├č gemacht.

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