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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Fliegenfänger
Eingestellt am 10. 08. 2016 17:43


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SandraWolf
Hobbydichter
Registriert: Aug 2016

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DER FLIEGENFÄNGER

Der Tod von unzähligen Lebewesen war nicht seine Schuld. Er wollte nie töten. Er wollte diese nur fangen.
Wieder einmal ist alles mehr als schief gelaufen. Die neue Falle hatte, wie die anderen zuvor, nicht funktioniert. Herr K. hatte gedacht, diesmal alles richtig gemacht zu haben. Mit Sorgfalt wurden im Vorfeld die Materialien auserwählt und diese dann zusammengefügt. Er hat wieder unzählige seiner Lieblingstiere getötet. Nichts mehr als das, tat ihm weh.
Er wollte nicht aufgeben. Er musste es schaffen. Er wollte nichts mehr auf dieser Welt, als ein einziges Mal eine einzige Fliege lebend zu fangen, und dann die letzten Stunden mit ihr verbringen. Studiert hatte er sich schon unzählige Male, wenn sie in seinem Haus verendet waren. Diesmal fegte er sich einfach auf und schmiss sie in den Biomüll.
Fliegen waren Herrn K.´s große Leidenschaft. Während andere über diese schimpften, liebte er sie jedes Jahr mehr und mehr. Seit über vierzig Jahren hegte er den Wunsch, mehrere Tage mit einer von ihnen zu verbringen. Ohne Erfolg.
Mit Stolz erzählte seine Mutter immer, wie früh er zu sprechen begonnen hat, und erwähnte dabei seine ersten Worte. Laut ihr waren diese, das berühmte Mama und wenig später hätte er die Wörter Auto, Papa und Hund gesprochen. Sie hat ihn seit jeher angelogen. Keine Mama, kein Papa, keine Autos oder Hunde hatten ihn im zarten Alter von einem Jahr interessiert. Sein erstes Wort war »Fliege« gewesen. Sie war auf seiner kleinen Nase gelandet und tat was Fliegen halt so tun. Sie putzte sich. Seine Mutter verscheuchte die Fliege und tröstete das weinende Kind. Dass dieser nicht weinte, weil die Fliege ihm etwas zuleide getan hatte, sondern weil dieses Tier weggeflogen war, konnte seine Mutter nicht verstehen. Nie hat je jemand seine Leidenschaft mit ihm geteilt.
Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend erwachen immer wieder vor seinem geistigen Auge. Wie grausam und brutal seine Freunde umgebracht worden waren. Ein ganzes Schlachtfeld hatte seine Mutter nach jeder Fehde mit diesen unschuldigen, kleinen Kreaturen hinterlassen.
Es lief immer auf dieselbe Art ab. Mit ungraziösen Bewegungen verfolgte die Mutter die fliegenden Ungeheuer. So nannte sie die gemeinen Stubenfliegen stets. Das Wort gemein bezog sich für sie auf den Umstand, dass diese Tiere sie ärgerten. K. wusste, gemein stand, anders als seine Mutter dachte, für allgemein. Sie haute mit Geschirrtüchern nach ihnen, rollte Zeitungen zusammen oder versuchte, diese mit ihrer bloßen Hand zu erschlagen. Wenn alles nichts nützte, rückte sie mit schwererem Geschütz aus. In der Küche gab es einen eigenen Bereich, der nur zu einem Zweck eingerichtet worden war - zum Vernichten der fliegenden Ungeheuer. Dort fand man alles, was von gewieften Erfindern und Geschäftsleuten zur Bekämpfung von Fliegen je auf den Markt gebracht worden war. Obwohl seine Mutter viele Fliegen unbeabsichtigt verschonte, war die Opferzahl immer groß.
Für seine Mutter hatten die Fliegen nur eines im Sinn - sie und ihre Familie zu terrorisieren. Seinen Vater ließen die Fliegen mehr in Ruhe und er im Gegenzug ebenso. Nur selten verscheuchte er eine, wenn sie dreist genug war, auf ihm zu landen und sich dort niederzulassen. Meist fing sie sofort an, sich an ihren filigranen Hinter- und Vorderbeinen zu putzen, was seinen Vater stets zum Niesen brachte.
Sein Großvater konnte noch viel gemeinere und grausamere Dinge. Er musste bloß die Hand ausstrecken und schon war die Fliege passé.
Immer wieder hatte Herr K. versucht, seinen längst verstorbenen Großvater nachzuahmen. Eine Fliege im Flug fangen, ohne dafür eine Falle bauen zu müssen. Es blieb bei hunderten, erfolglosen Versuchen.
Auf die Frage, was ihn eigentlich so an diesen kleinen, lästigen Dingern interessierte, fand Herr K. unzählige Antworten. Die Musca domestica war einfach ein spannendes Geschöpf. Er wollte herausfinden, was sich in so einem kurzen Leben abspielte. Welche Gedanken hegten sie? Hatten sie, wie er, Wünsche? Zu welchem Zweck geboren werden, nur um Nachkommen zu zeugen und dann wieder zu sterben?
Herr K. konnte dies alles nicht nachvollziehen. Er selbst träumte von einer Frau, die ihn liebte, Kindern, die er aufwachsen sehen würde, Reisen um die weite Welt und einem langen erfüllten Leben. Deshalb hegte er nur einen Wunsch, den letzten Tag einer einzigen Fliege zu etwas Besonderes machen. Nur für eine einzige Fliege.
Er tüftelte schon lange an mögliche Fallen. Schon im Monat zuvor, hatte er eine gebastelt. Mit verheerenden Folgen. Die Falle war eigentlich laut Internet für Küchenschaben geeignet. Eine dünne Pappe in A5 Format auf die Herr K. Kleber geschmiert hatte. Sieben Fliegen blieben wie in dem berühmten Märchen auf der Pappe kleben und verendeten ohne Aussicht auf Rettung.
Die letzte Falle war ein Glas mit Honig versetztem Fruchtsaft gewesen. Herr K. hoffte, dass die Fliegen zumindest ein paar schöne Momente erleben durften, bevor sie qualvoll im Zuckerbad ertranken.
Trotz den Besuchen vieler Kurse auf der Volkshochschule, fehlte es ihm immer noch an genügend Wissen, und wahrscheinlich auch Intelligenz, um die ultimative Falle zu bauen, die sein Vorhaben in Erfolg verwandeln würde. Nicht einmal das Internet war hilfreich. Waren die dort zu findenden Fallen nur zu einem Zweck gebaut worden, um seine Lieblinge auszurotten.
Herr K. verstand seine Gegner. Fliegen waren keine ungefährlichen Lebewesen. Freuten sie sich doch stets über offene Speisen in der Küche und auf dem Tisch. Nachdem sie daran labten, suchen sie sich warme Gefilde, um dort ihre Eier zu legen. Da sie ständig zwischen den Speisen und den Eiablageplätzen, wie Misthaufen, hin -und herflogen, bestand ein erhebliches Risiko für die Übertragung von Krankheitserregern. Weiter konnten diese Bakterien einschleppen, welche die Haltbarkeit von Lebensmitteln verringerten. Herrn K. war dies egal. Er liebte Fliegen über alles.
Noch am selben Tag setzte er zu einem neuen Versuch an. Wenn er eines war, dann zielstrebig und ein unverbesserlicher Dickkopf. Im Grunde hatte er gewusst, dass die Honig-Fruchtsaft-Falle ein Desaster nach sich ziehen würde. Er wollte nichts unversucht lassen. Seine neueste Erfindung sollte die beste Falle werden. Die beste Fliegenfalle von allen sollte ihm zum Fliegenfänger machen.
Es war im Grunde ganz einfach. Um ein perfekter Jäger zu sein, muss man sein Opfer und dessen Schwächen kennen. Fliegen liebten Wärme und Süßes. Nach einer Landung konnten sie nur nach oben wegstarten. Alles, das er brauchte, war, ein Teller, eine süße Flüssigkeit und ein Glas. Er fragte sich, wieso er nicht früher darauf gekommen war. So viele seiner Freunde hatten sterben müssen. So viele seiner menschlichen Freunde waren für sein Lebenswerk vernachlässigt worden. Zu viel Geld war verschwendet worden für Fallen, die nur den Tod brachten.
Schnell platzierte er einen einfachen, etwas verschmutzten Teller auf den Tisch in der Küche, versah ihn mit demselben Gemisch wie schon am Tage zuvor und wartete.
Die Stubenfliegen ließen ihn warten. Sie hatten sich bereits an seinem stehengelassenen Honigbrot gelabt und waren mehr als satt. Stattdessen versuchten vier von ihnen, sich zu paaren, weitere drei saßen still auf der Fensterscheibe und sahen hinaus. Herr K. hätte manchmal gerne mit ihnen getauscht. So ein einfaches Leben. Ohne nervenden Chef, ärgerliche Kunden oder noch schlimmere Kollegen. Einzig und alleine die kurze Lebensspanne hätte ihn Sorgen bereitet. Ob die Fliegen wussten, wann ihre letzte Stunde geschlagen hatte? Die neun Fliegen, die an diesem verregneten Mittwochabend in seiner Wohnung Zuflucht gefunden hatten, sahen alle mehr als lebendig aus.
Die Musca domestica hatte eine Lebenserwartung von bis zu über vierzig Tagen, nachdem sie mehrere Metamorphosen hinter sich gebracht hat. Dieser, von anderen Tieren, bekannter Vorgang faszinierte Herrn K. besonders und er hoffte, dass seine Freunde dabei nicht allzu viel leiden mussten.
Plötzlich landete eine auf dem Teller und begann sogleich ihren Rüssel in die Flüssigkeit zu tauchen. Blitzschnell stülpte Herr K. seine Falle darüber, drehte diese um und verschloss sie, indem er den dazugehörigen Deckel zumachte. Er hatte es geschafft. Endlich nach über vierzig Jahren hatte er eine Fliege gefangen, ohne diese zu töten - vorerst.
Glücklich lehnte er sich zurück und genoss den Erfolg. Die selbst gebaute Fliegenfalle war ein durchsichtiges Behältnis, mit sehr kleinen Öffnungen, damit genügend Luft hineinkonnte, die Fliege aber nicht hinaus.
Glücklich war nur er. Die Fliege stieß immer wieder gegen die Wände und auch wenn Herr K. ihren Gemütszustand nicht sehen konnte, litt die Fliege sehr unter der Situation. Sie hatte sich noch nicht einmal paaren können, war erst vor wenigen Tagen geschlüpft und nun von diesem schrecklichen, riesigen Ungeheurer gefangen genommen worden.
Herr K. machte bereits Pläne. Er könnte sich vielleicht selbstständig machen. Andere könnten wie er an dieser Falle interessiert sein. Er irrte sich. Kaum jemand fand Fliegen derart reizvoll, dass er sie als Haustier halten wollte.
Tage vergingen und die Fliege bewegte sich immer weniger. Herr K. versorgte sie. Er gab ihr Zuckerwasser und Kuchen. Er las ihr vor, erzählte ihr von seinem Leben und andere weit fesselndere Geschichten. Schließlich gab die Fliege auf und starb. Sie war nur achtzehn Tage alt geworden. Viel zu jung, um zu verenden. Herr K. sah das anders. Er hatte seine Mission erfüllt. Er ging sogar so weit und begrub das kleine Vieh unter Tränen in seinem Garten. Einen Namen hatte er ihr nie gegeben und nie herausgefunden, dass sein Gefangener ein Weibchen gewesen war. Ohne Nachkommen. Zu früh, selbst für ihre recht kurze Lebensspanne, aus dem Leben gerissen.
Herr K. überlegte, was er nun mit seiner Freizeit anstellen wollte. Fallen zu bauen gefiel ihm. Was könnte er als Nächstes damit fangen?
Es dauerte nicht lange, die Fliegen waren längst vergessen, da fand er ein neues Lieblingstier. Auch dieses war verhasst. So sehr, dass sogar manche Frau schreiend davonlief. Die araneae, allgemein Spinne genannt, hatte es ihn nun angetan.
Herr K. war ein außergewöhnlicher Mann. Viele würden ihn Spinner nennen. So gesehen passte sein neues Lieblingstier perfekt zu ihm.




__________________
Sandra Wolf

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DocSchneider
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Heißt Herr K extra Herr K, weil die ganze Fliegenfängerei eher eine kafkaeske Situation ist?

Viele Grüße von DocSchneider

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