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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Freund der Nacht
Eingestellt am 22. 04. 2017 17:42


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Marie Wilhelmsen
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Apr 2017

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ÔÇ×Bleib doch noch ein wenig!ÔÇť

Es war nicht nur eine Bitte, es war ein Flehen, und tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich das Falsche tat. Bevor die Erkenntnis aber noch an die Oberfl├Ąche treten und Gestalt annehmen konnte, war sie auch schon wieder verschwunden. Verschluckt von der Angst vor der Trostlosigkeit des heraufziehenden Tages und vor der Einsamkeit, die der mir bringen w├╝rde.

Er, der das Ziel meines Flehens war, hatte sich schon auf den Weg gemacht, dorthin, wo er den Tag verbrachte. Zu einem Platz, den ich nicht kannte, und zu dem ich ihm nicht folgen konnte. Ängstlich sah ich auf seinen Rücken. Würde er zurückkommen zu mir oder würde er meinen Wunsch ignorieren?
Ich bebte, da sah ich, wie er innehielt.
Er drehte sich langsam um und blickte mich verwundert an. Bislang hatte ich es noch nie gewagt, eine Bitte an ihn zu richten. Heute jedoch war es mir nicht gelungen, die Beklommenheit, die mich immer dann ├╝berfiel, wenn er mich verlie├č, zu beherrschen, und so fasste ich mir ein Herz und rief ihn an, doch noch zu bleiben.
Er kam zur├╝ck zu mir, und ich konnte mein Gl├╝ck kaum fassen. Er stieg in mein Bett und umarmte mich erneut, und ich f├╝hlte mich unbesiegbar. Er war stark und warm, ein gro├čer Mann mit einem K├Ârper, der mir Schutz versprach, Mut und weitere Tr├Ąume.
Er hielt mich fest bei sich. Er erf├╝llte mich mit seiner N├Ąhe, labte meinen K├Ârper und meine Seele. Er gab mir Kraft f├╝r den Tag, an dem ich nichts haben w├╝rde als die Erinnerung an die Nacht, und an dem mich die Sehnsucht nach ihm in manchen Momenten ├╝berwinden und zu Tr├Ąnen treiben w├╝rde.
Tr├Ąnen der Einsamkeit, des Gef├╝hls, verlassen und g├Ąnzlich ohne Mut zu sein ... ausgeliefert zu sein, wem und was auch immer ... und auch wieder besiegt!

Nur in ganz seltenen F├Ąllen, wenn ich glaubte, nicht mehr atmen zu k├Ânnen vor Beklemmung und Schmerz, wenn mir schlecht war von dem Gef├╝hl der Ausweglosigkeit, war es mir m├Âglich, ihn auch am Tag herauf zu beschw├Âren. Dann zeigte er sich, schemenhaft nur, aber doch immerhin Hoffnung auf mehr, auf die Begegnung zu sp├Ąter Stunde.

Doch es gab auch N├Ąchte, in denen es mir nicht gelang, ihn dazu zu bewegen zu mir zu kommen. Dann wartete und hoffte ich vergeblich, lief unruhig durch die Zimmer und gelangte schlie├člich zu der niederschmetternden ├ťberzeugung, ihn f├╝r immer verloren zu haben. Dann durchdrang das Dunkel der Nacht jede Faser meines K├Ârpers, jeder Hoffnungsschimmer ging unter, und ich hatte Angst, dann war ich Angst, ├╝ber und ├╝ber Angst und Verzweiflung.

Zugeben, diese N├Ąchte waren selten, aber sie passierten, und mir graute vor ihnen.
Wenn er mich nun zur├╝cklie├č, nicht kam, nie mehr kam wom├Âglich, was sollte ich dann tun?
Immer wieder dachte ich diese Frage. Sie begann mich zu beherrschen, das Szenario dr├Ąngte sich auf, und statt es von mir zu weisen, nahm ich es und schm├╝ckte es aus.
W├╝rde ich einen Weg finden, auf dem ich ihm folgen k├Ânnte?
W├╝rde er mir ├╝berhaupt gestatten, ihm zu folgen?
Was, wenn ich mit dem Versuch alles zerst├Ârte und mir gar nichts mehr bliebe, nicht bei Nacht und bei Tag ohnedies nicht?

Die Tage, die auf eine Nacht ohne ihn folgten, waren schrecklich. Tage zwischen Hoffen und Bangen.
Die Stunden vergingen zu schnell, was wenn es Nacht war und er k├Ąme nicht?
Die Stunden vergingen zu langsam, wenn es nur endlich Nacht w├Ąre, er w├╝rde doch sicher kommen - oder?

Die alten Muster, nach denen ich handelte, wollte ich nicht sehen, und ich verschloss meine Augen fest vor der Tatsache, dass es immer schon so gewesen war.
Jeden Mann, mit dem ich eine Beziehung eingegangen war, hatte ich irgendwann dringend gebeten, mich nicht allein zu lassen, sondern bei mir zu bleiben ... am besten vierundzwanzig Stunden am Tag!
Funktioniert hatte das nie.
Alle waren sie gegangen, alle hatten sie mich verlassen, der Einsamkeit ├╝bereignet, der Hilflosigkeit und der Verzweiflung.

Aber ich kann nicht alleine sein. Wie ein Alp lastet dann die Stille auf mir, nimmt mir den Atem, l├Ąhmt mich.

Also erdachte ich mir einen Gef├Ąhrten.
Einen, den mir keine andere w├╝rde nehmen k├Ânnen, der keine Interessen h├Ątte neben mir und keine Freunde ...

Doch dann ├╝berfielen mich die gleichen ├ängste wie schon zuvor. Das Gesch├Âpf, das meiner Vorstellung entsprungen war, schien sich zu verselbstst├Ąndigen und immer wieder auch eigene Wege zu gehen.
Wenn er bei mir war, und das war er oft, dann war es sch├Ân. H├Ątte mein Misstrauen mir nicht den Blick verstellt, dann h├Ątte ich das auch sehen und Vertrauen fassen k├Ânnen. Doch ich vermochte es nicht, nicht dauerhaft zumindest. Die Zweifel lie├čen mich nicht los, und es gelang mir nicht, sie in die Flucht zu schlagen. Also stellte ich immer ├Âfter Fragen und machte Bemerkungen.
Diejenigen Fragen, die ich immer schon gestellt, diejenigen Bemerkungen, die ich immer schon gemacht hatte. Sie zielten darauf ab, mich seiner zu versichern, seiner absoluten Hinwendung, die ausschlie├člich mir gelten sollte.
Er reagierte so, wie die M├Ąnner vor ihm es auch getan hatten:
Erst war er am├╝siert, dann runzelte er die Stirn, dann wurde er ├Ąrgerlich, sprach schlie├člich von Grenz├╝berschreitung. Mein Ego war beleidigt und tobte, mein Herz tat weh, und alles in mir weinte.

Er kam immer noch so gut wie jede Nacht, und doch entfernte er sich zusehends von mir. Ich gr├╝belte und fragte ... ihn ... mich selber. Er war ich und ich war er, und wir drehten uns im Kreis, und wir fanden den Ausgang nicht.

Seit zwei N├Ąchten schon ist er nicht mehr bei mir gewesen ... ich wei├č nicht ein und nicht aus ... bin wie bet├Ąubt ... kann nicht denken ... schleppe mich durch die Wohnung ... vom Bett ins Bad ÔÇô zur Couch - zu einem Stuhl am K├╝chenfenster...
Seit einer Woche schon herrscht br├╝tende Hitze ... es ist August ... Hundstage.
Die Hitze ist in alle R├Ąume gedrungen, auch die N├Ąchte brachten kaum Abk├╝hlung.
Heute Morgen nun ist Wind aufgekommen und im Westen steht dunkel eine Wolkenbank.
Nicht lange, dann wird aus dem Wind Sturm werden, der wird die Wolken herantreiben, Blitz und Donner werden sie begleiten, und sie werden ihre Regenlast ├╝ber der Stadt abladen.
Ich stehe am K├╝chenfenster und sehe auf die B├Ąume des weitl├Ąufigen Innenhofs.
Ihr Laub ist dunkelsommergr├╝n und hitzeschlaff, und der bleigraue Himmel dr├╝ckt die Stadt in den Staub. Alles ist still, die Welt holt Atem, gleich geht es los ...
Ein Fenster f├Ąllt krachend zu, die B├Ąume biegen sich im Sturm und erste Blitze durchzucken die Wolken.

In der Fensterscheibe sehe ich mein Spiegelbild. Teilnahmslos betrachte ich eine Frau, der die schwarzgef├Ąrbten und sehr kurz geschnittenen Haare wie Stacheln vom Kopf abstehen, sehe in kleine, m├╝de Augen, deren Farbe ich nicht ausmachen kann ... blutleere Lippen bilden kaum einen Kontrast zu bleicher Haut.

Und dann ist er da.
Wieder nur ein Schemen, ├╝berlagert sein Gesicht meins. Aus meinen Augen sieht er uns an, und ich wei├č, es ist vorbei. Nun wird er mich verlassen, davonfliegen mit den Wolken im Sturm und zur├╝ckkehren wird er niemals mehr.

Nun, da meine Tr├Ąume davongezogen sind und alle Kraft mich verlassen hat, sinke ich auf den Stuhl beim Fenster und wei├č, dass ich verloren habe ... mich verloren habe.
Irgendwo in der Vergangenheit ist mir erst das Vertrauen in mich selber abhandengekommen, dann das in die Menschen meiner Umgebung, mein Leben ist mir entglitten und schlie├člich ich mir selber.
Wie in einem Dominospiel die Steine fallen, so ist auch das eine Reaktion des einen auf das andere, und ich wei├č, wenn ich die Steine nicht stoppe, dann wird sich nichts ├Ąndern.
Nur wie?
Wie soll ich verhindern, dass der n├Ąchste Stein f├Ąllt und einen weiteren mit sich rei├čt ... wieder und wieder?
Wie soll ich das Vertrauen wiederfinden?
Ich wei├č ja noch nicht einmal, wo ich es verloren habe...



__________________
Marie Wilhelmsen

Version vom 22. 04. 2017 17:42

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xavia
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Traurig

Diese Geschichte l├Ąsst mich traurig zur├╝ck, hoffnungslos. Ich kann gut nachempfinden, wie es der Protagonistin geht, ich f├╝hle mit ihr, w├╝nsche mir aber eine Aufl├Âsung anstelle endlosen Leids.

Warum kann ich allein sein und sie kann es nicht?

Ich trage alle Menschen, die ich liebe, in meinem Herzen. Deswegen bin ich niemals allein, auch nicht, wenn keiner da ist. K├Ânnte nicht der Freund der Nacht die L├Âsung sein statt des Problems? K├Ânnte er nicht das sein, was sie aus all den ungl├╝cklichen Beziehungen mitgenommen hat an Positivem, das, was sie an den M├Ąnnern liebt, mit denen sie eine Beziehung hatte? In dem Fall m├╝sste wohl das Klammern und das Scheitern in eine reale Beziehung verlagert werden, um es nach der Erkenntnis in der imaginierten Beziehung aufl├Âsen zu k├Ânnen.

Sollte eine Geschichte die Leserin nicht wenigstens mit etwas Hoffnung zur├╝cklassen?

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DocSchneider
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Werke: 137
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Profil

Hallo Marie,

die ├ťberarbeitung hat der Geschichte gut getan, weil Deine Absicht nun klarer wird. Der Traummann ist im wahrsten Sinne des Wortes ein solcher - und selbst er verl├Ąsst die Protagonistin. Ich lese den Text so, dass er bewusst hoffnunglos endet. Auch das geh├Ârt zum Leben und deshalb gef├Ąllt mir der Text in seiner radikalen Konsequenz gut. Es bleibt offen, ob die Prota sich professionelle Hilfe sucht oder in sich selbst verharrt - den Erinnerungen, dem Selbstmitleid, den ├ängsten und ihrem Versagen hoffnungslos ausgeliefert.

Viele Gr├╝├če von

DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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eisblume
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Marie,

jetzt hab ich es auch verstanden :-)

Mir gef├Ąllt dein Schreibstil, du dr├╝ckst dich sprachlich sehr gut aus.
Und mir gef├Ąllt der Schluss so ohne Happy End und auch ohne Aussicht darauf. Die Prota befindet sich eben nun mal in dieser hoffnungslosen Stimmung. Das mag sich vielleicht irgendwann ├Ąndern, aber im Moment ist es so, wie es ist, und von daher passt es (f├╝r mich).

Die Geschichte insgesamt w├╝rde ich stellenweise k├╝rzen. Manches ist wie zur Bekr├Ąftigung wiederholt, was ich aber als gar nicht notwendig wmpfinde.

Nur Vorschl├Ąge, wie du damit verf├Ąhrst, ist deine Sache :-)
Dies hier

quote:
Erst war er am├╝siert, dann runzelte er die Stirn, dann wurde er ├Ąrgerlich, sprach schlie├člich von Grenz├╝berschreitung.

habe ich gestrichen. Das ist mir zu plastisch und daher zu sehr auf eine reale Person zugeschnitten.

LG
eisblume


quote:
ÔÇ×Bleib doch noch ein wenig!ÔÇť

Es war nicht nur eine Bitte, es war ein Flehen, und tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich das Falsche tat. Bevor die Erkenntnis aber noch an die Oberfl├Ąche treten und Gestalt annehmen konnte, war sie auch schon wieder verschwunden. Verschluckt von der Angst vor der Trostlosigkeit des heraufziehenden Tages und vor der Einsamkeit, die der mir bringen w├╝rde.

Er, der das Ziel meines Flehens war, hatte sich schon auf den Weg gemacht, dorthin, wo er den Tag verbrachte. Zu einem Platz, den ich nicht kannte, und zu dem ich ihm nicht folgen konnte. Ängstlich sah ich auf seinen Rücken. Würde er zurückkommen zu mir oder würde er meinen Wunsch ignorieren?
Ich bebte, da sah ich, wie er innehielt.
Er drehte sich langsam um und blickte mich verwundert an. Bislang hatte ich es noch nie gewagt, eine Bitte an ihn zu richten. Heute jedoch war es mir nicht gelungen, die Beklommenheit, die mich immer dann ├╝berfiel, wenn er mich verlie├č, zu beherrschen, und so fasste ich mir ein Herz und rief ihn an, doch noch zu bleiben.
Er kam zur├╝ck zu mir, und ich konnte mein Gl├╝ck kaum fassen. Er stieg in mein Bett und umarmte mich erneut, und ich f├╝hlte mich unbesiegbar. Er war stark und warm, ein gro├čer Mann mit einem K├Ârper, der mir Schutz versprach, Mut und weitere Tr├Ąume.
Er hielt mich fest bei sich. Er erf├╝llte mich mit seiner N├Ąhe, labte meinen K├Ârper und meine Seele. Er gab mir Kraft f├╝r den Tag, an dem ich nichts haben w├╝rde als die Erinnerung an die Nacht, und an dem mich die Sehnsucht nach ihm in manchen Momenten ├╝berwinden und zu Tr├Ąnen treiben w├╝rde.
Tr├Ąnen der Einsamkeit, des Gef├╝hls, verlassen und g├Ąnzlich ohne Mut zu sein ... ausgeliefert zu sein, wem und was auch immer ... und auch wieder besiegt!

Nur in ganz seltenen F├Ąllen, wenn ich glaubte, nicht mehr atmen zu k├Ânnen vor Beklemmung und Schmerz, wenn mir schlecht war von dem Gef├╝hl der Ausweglosigkeit, war es mir m├Âglich, ihn auch am Tag herauf zu beschw├Âren. Dann zeigte er sich, schemenhaft nur, aber doch immerhin Hoffnung auf mehr, auf die Begegnung zu sp├Ąter Stunde.

Doch es gab auch N├Ąchte, in denen es mir nicht gelang, ihn dazu zu bewegen zu mir zu kommen. Dann wartete und hoffte ich vergeblich, lief unruhig durch die Zimmer und gelangte schlie├člich zu der niederschmetternden ├ťberzeugung, ihn f├╝r immer verloren zu haben. Dann durchdrang das Dunkel der Nacht jede Faser meines K├Ârpers, jeder Hoffnungsschimmer ging unter, und ich hatte Angst, dann war ich Angst, ├╝ber und ├╝ber Angst und Verzweiflung.

Zugeben, diese N├Ąchte waren selten, aber sie passierten, und mir graute vor ihnen.
Wenn er mich nun zur├╝cklie├č, nicht kam, nie mehr kam wom├Âglich, was sollte ich dann tun?
Immer wieder dachte ich diese Frage. Sie begann mich zu beherrschen, das Szenario dr├Ąngte sich auf, und statt es von mir zu weisen, nahm ich es und schm├╝ckte es aus.
W├╝rde ich einen Weg finden, auf dem ich ihm folgen k├Ânnte?
W├╝rde er mir ├╝berhaupt gestatten, ihm zu folgen?
Was, wenn ich mit dem Versuch alles zerst├Ârte und mir gar nichts mehr bliebe, nicht bei Nacht und bei Tag ohnedies nicht?

Die Tage, die auf eine Nacht ohne ihn folgten, waren schrecklich. Tage zwischen Hoffen und Bangen.
Die Stunden vergingen zu schnell, was wenn es Nacht war und er k├Ąme nicht?
Die Stunden vergingen zu langsam, wenn es nur endlich Nacht w├Ąre, er w├╝rde doch sicher kommen - oder?


Die alten Muster, nach denen ich handelte, wollte ich nicht sehen, und ich verschloss meine Augen fest vor der Tatsache, dass es immer schon so gewesen war.
Jeden Mann, mit dem ich eine Beziehung eingegangen war, hatte ich irgendwann dringend gebeten, mich nicht allein zu lassen, sondern bei mir zu bleiben ... am besten vierundzwanzig Stunden am Tag!
Funktioniert hatte das nie.
Alle waren sie gegangen, alle hatten sie mich verlassen, der Einsamkeit ├╝bereignet, der Hilflosigkeit und der Verzweiflung.

Aber ich kann nicht alleine sein. Wie ein Alp lastet dann die Stille auf mir, nimmt mir den Atem, l├Ąhmt mich.

Also erdachte ich mir einen Gef├Ąhrten.
Einen, den mir keine andere w├╝rde nehmen k├Ânnen, der keine Interessen h├Ątte neben mir und keine Freunde ...

Doch dann ├╝berfielen mich die gleichen ├ängste wie schon zuvor. Das Gesch├Âpf, das meiner Vorstellung entsprungen war, schien sich zu verselbstst├Ąndigen und immer wieder auch eigene Wege zu gehen.
Wenn er bei mir war, und das war er oft, dann war es sch├Ân. H├Ątte mein Misstrauen mir nicht den Blick verstellt, dann h├Ątte ich das auch sehen und Vertrauen fassen k├Ânnen. Doch ich vermochte es nicht, nicht dauerhaft zumindest. Die Zweifel lie├čen mich nicht los, und es gelang mir nicht, sie in die Flucht zu schlagen. Also stellte ich immer ├Âfter Fragen und machte Bemerkungen.
Diejenigen Fragen, die ich immer schon gestellt, diejenigen Bemerkungen, die ich immer schon gemacht hatte. Sie zielten darauf ab, mich seiner zu versichern, seiner absoluten Hinwendung, die ausschlie├člich mir gelten sollte.
Er reagierte so, wie die M├Ąnner vor ihm es auch getan hatten:
Erst war er am├╝siert, dann runzelte er die Stirn, dann wurde er ├Ąrgerlich, sprach schlie├člich von Grenz├╝berschreitung. Mein Ego war beleidigt und tobte, mein Herz tat weh, und alles in mir weinte.

Er kam zwar immer noch so gut wie jede Nacht, und doch entfernte er sich zusehends von mir. Mein Ego war beleidigt und tobte, mein Herz tat weh, und alles in mir weinte. Ich gr├╝belte und fragte ... ihn ... mich selber. Er war ich und ich war er, und wir drehten uns im Kreis, und wir fanden den Ausgang nicht.

Seit zwei N├Ąchten schon ist er nicht mehr bei mir gewesen ... ich wei├č nicht ein und nicht aus ... bin wie bet├Ąubt ... kann nicht denken ... schleppe mich durch die Wohnung ... vom Bett ins Bad ÔÇô zur Couch - zu einem Stuhl am K├╝chenfenster...
Seit einer Woche schon herrscht br├╝tende Hitze ... es ist August ... Hundstage.
Die Hitze ist in alle R├Ąume gedrungen, auch die N├Ąchte brachten kaum Abk├╝hlung.
Heute Morgen nun ist Wind aufgekommen und im Westen steht dunkel eine Wolkenbank.
Nicht lange, dann wird aus dem Wind Sturm werden, der wird die Wolken herantreiben, Blitz und Donner werden sie begleiten, und sie werden ihre Regenlast ├╝ber der Stadt abladen.
Ich stehe am K├╝chenfenster und sehe auf die B├Ąume des weitl├Ąufigen Innenhofs.
Ihr Laub ist dunkelsommergr├╝n und hitzeschlaff, und der bleigraue Himmel dr├╝ckt die Stadt in den Staub. Alles ist still, die Welt holt Atem, gleich geht es los ...
Ein Fenster f├Ąllt krachend zu, die B├Ąume biegen sich im Sturm und erste Blitze durchzucken die Wolken.

In der Fensterscheibe sehe ich mein Spiegelbild. Teilnahmslos betrachte ich eine Frau, der die schwarzgef├Ąrbten und sehr kurz geschnittenen Haare wie Stacheln vom Kopf abstehen, sehe in kleine, m├╝de Augen, deren Farbe ich nicht ausmachen kann ... blutleere Lippen bilden kaum einen Kontrast zu bleicher Haut.

Und dann ist er da.
Wieder nur ein Schemen, ├╝berlagert sein Gesicht meins. Aus meinen Augen sieht er uns an, und ich wei├č, es ist vorbei. Nun wird er mich verlassen, davonfliegen mit den Wolken im Sturm und zur├╝ckkehren wird er niemals mehr.

Nun, da meine Tr├Ąume davongezogen sind und alle Kraft mich verlassen hat, sinke ich auf den Stuhl beim Fenster und wei├č, dass ich verloren habe ... mich verloren habe. Ich habe verloren. Habe mich verloren.
Irgendwo in der Vergangenheit ist mir erst das Vertrauen in mich selber abhandengekommen, dann das in die Menschen meiner Umgebung., mMein Leben ist mir entglitten und schlie├člich ich mir selber.
Wie in einem Dominospiel die Steine fallen, so ist auch das eine Reaktion des einen auf das andere, und ich wei├č, wenn ich die Steine nicht stoppe, dann wird sich nichts ├Ąndern.
Nur wie?
WNur wie soll ich verhindern, dass der n├Ąchste Stein f├Ąllt und einen weiteren mit sich rei├čt ... wieder und wieder?
Wie soll ich das Vertrauen wiederfinden?
Ich wei├č ja noch nicht einmal, wo ich es verloren habe...

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