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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Judasbaum
Eingestellt am 27. 08. 2009 03:43


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Thorsten Beckmann
Hobbydichter
Registriert: Aug 2009

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Inspektor Frisbee und der Judasbaum

Eine Geschichte in der Nachfolge des Krimi-Altmeisters Edgar Wallace.

Inspektor Frisbee und der Judasbaum

Kapitel 1

Donner grollte, w├Ąhrend der ├Ąltliche Lord Woodgrouse die T├╝r zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Ein gef├Ąhrlich zuckender Blitz erhellte das Zimmer, als sich die T├╝r ├Âffnete. Und wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im T├╝rrahmen stehen und rang pl├Âtzlich nach Luft.
„Carpenter!“, gellte seine bellende Stimme durch die hohen R├Ąume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“, ert├Ânte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Endlich kam der Diener angelaufen. Er war schon etwas in die Jahre gekommen und hatte ein teigiges Gesicht. „Mylord? Sie haben gerufen?“, fragte er atemlos und spielte damit das Br├╝llen des Hausherrn h├Âflich herunter.
„Wo waren sie denn so lange?“, fuhr der Lord seinen Bediensteten sogleich an. „Sie m├╝ssen umgehend die Polizei verst├Ąndigen. Ein Schwerverbrechen!“
Carpenter runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verd├Ąchtiges, doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte, konnte auch er es sehen: Der Safe war aufgebrochen und ausger├Ąumt worden.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und ├Âffnete sich seinen Kragen. „Nun stehen Sie nicht so herum, machen Sie schon“, befahl er barsch. „Und meine Herztropfen! Diese Aufregung…“
Der Lord st├Âhnte leise und starrte auf den ausger├Ąumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb, aus dem man das Herz herausgerissen hatte. W├Ąhrend der Diener sich entfernte, f├╝hlte der alte Woodgrouse nun tats├Ąchlich eine kalte Hand nach seinem Herzen greifen. Ein Donnergrollen lie├č ihn zur Fensterfront schauen, hinter der er eine Gestalt ausmachen konnte. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der n├Ąchste Blitz offenbarte ihm schlie├člich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht ├╝ber einem dunkel gewandeten K├Ârper. Mit ersticktem Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zur├╝ck. Dunkelheit umfing seine Sinne.

Als schlie├člich die Polizei eintraf, hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne gro├č zu z├Âgern die H├Âlle hei├č machen konnte.
„Inspektor, nat├╝rlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verh├Âren der Verd├Ąchtigen, und so weiter. Trotzdem werden sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelm├Ą├čig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den n├Ąchsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen k├Ânnen, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein f├Ąhigerer Mann die Ermittlungen ├╝bernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Frisbee“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Ausk├╝nfte waren schon sehr hilfreich und w├Ąhrend die Spurensicherung ihre Arbeit tut, w├╝rde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Es w├Ąre ├╝berdies sehr hilfreich, wenn Eure Lordschaft derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenst├Ąnde anfertigen w├╝rden.“
Woodgrouse nickte und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie k├Ânnen den Salon f├╝r die Verh├Âre benutzen.“
Gemeinsam begaben sie sich in den Salon. Der Lord setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben, w├Ąhrend Frisbee sich dem herbeigerufenen Diener zuwandte, der nun in korrekter Haltung vor ihm stand.
„Sie hei├čen also John Carpenter und sind schon l├Ąnger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ├Ąltere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer h├Âflich und freundlich. Die G├╝te in Person.“
Frisbee zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seitdem ver├Ąndert hat?“
„Inspektor!“, fuhr sogleich die keifende Stimme des Lords dazwischen.
Frisbee r├Ąusperte sich. Es war wohl ein Fehler, die Gespr├Ąche im Beisein des Dienstherrn zu f├╝hren. „Nun, darum geht es ja auch gar nicht. Kommen wir zu dem Raub. Sie haben einen Generalschl├╝ssel und somit Zugang zu allen R├Ąumen?“
„Nat├╝rlich, Inspektor. Ich wei├č auch worauf Sie hinauswollen. Doch sp├Ątestens am Safe h├Ątte auch ich kapitulieren m├╝ssen.“
„Man wird sehen. Wo waren Sie, nachdem der Lord das Arbeitszimmer zuletzt verlassen hat?“
„Ich habe im Salon den Tee serviert und war danach in der K├╝che bis ich die Rufe seiner Lordschaft geh├Ârt habe.“
„Geh├Ârt?“, brummte Woodgrouse wieder in die Unterhaltung hinein. „Ein H├Ârger├Ąt brauchen Sie, Carpenter. Die K├╝che ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Dieners. „Ich meinte nat├╝rlich die Waschk├╝che. Diese Ungenauigkeit war mein Fehler.“
„Mhm.“ Frisbee notierte sich alles. „Das w├Ąre es dann erst einmal. Sie k├Ânnen gehen und dem G├Ąrtner Bescheid sagen.“
Carpenter neigte dem├╝tig sein Haupt und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich f├╝r solche dienstbaren Geister schickte.
Der Lord erhob sich und reichte Frisbee das so eben erstellte Schriftst├╝ck. Der Inspektor lie├č kurz seinen Blick dar├╝ber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegen├╝bers. „Es ist ein Erinnerungsst├╝ck. Nichts weiter. Hat einen sehr gro├čen ideellen Wert f├╝r mich. Ich muss es zur├╝ckbekommen.“
„So? Der Rest des Safeinhaltes scheint viel wertvoller zu sein.“
Ein b├Âser Blick traf den Inspektor. „Ich sagte bereits, dass es einen gro├čen ideellen Wert hat. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik h├Ątte ich Eurer Lordschaft ehrlich gesagt gar nicht zugetraut.“
„Nun werden Sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„F├╝rs Erste, Mylord“, nickte Frisbee, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche.

Kapitel 2

Auf dem Flur stie├č Woodgrouse fast mit seinem G├Ąrtner zusammen. Der Lord lie├č sein ├╝bliches missg├╝nstiges Grunzen vernehmen und ging seiner Wege, w├Ąhrend der G├Ąrtner an die T├╝r des Salons klopfte und selbigen dann betrat. Inspektor Frisbee blickte dem vierschr├Âtigen Mann freundlich entgegen. „Alan Miller, nicht wahr?“
„Genau der.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen Sie es kurz. Ich stecke bis zum Hals im Dreck. Das Gewitter hat einen Gro├čteil des Parks verw├╝stet.“
„Keine Sorge. Ich habe nur ein paar Fragen. Wo waren Sie zum Beispiel w├Ąhrend des Gewitters?“
„Im G├Ąrtnerhaus nat├╝rlich. Wenn es drau├čen sch├╝ttet, kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine gro├če Lust, mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren Sie allein?“
„├ťberrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. Oder h├Ątte ich mir ein leichtes M├Ądchen aus der Stadt kommen lassen sollen, nur um ein Alibi zu haben? H├Ątte ich nat├╝rlich gerne gemacht, wenn ich das alles vorher gewusst h├Ątte. Habe ich aber nicht. Pech f├╝r uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Frisbee blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verd├Ąchtiges im Park bemerkt?“
„Nein. Nur eine d├╝stere Regenfront. Und der Garten sieht auch aus, als w├Ąre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen Sie die und Sie haben ihre R├Ąuber. Ich helfe Ihnen auch gerne beim Aufkn├╝pfen der Bande.“
„Danke. Ich werde darauf zur├╝ckkommen.“ Frisbees Blick ging zur T├╝r, an der ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Frisbee ging zu dem jungen Mann und Miller verlie├č das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“, grinste der Dunkelhaarige dem Inspektor zu.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen, sagt die Spurensicherung. Ein Profi, wie es aussieht.“
„Dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feinsinniger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter ├╝brig gelassen hat.“
Frisbee verlie├č den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.

W├Ąhrend die Beamten in den Park des Anwesens gingen, war Woodgrouse seinem Diener in die K├╝che gefolgt.
„W├╝nschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, hob seinen Arm, in dem er eine Reitgerte hielt und lie├č zwei schnelle Schl├Ąge auf den R├╝cken des anderen niedergehen. Der Diener verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht. Er drehte sich langsam um.
„Du warst es!“, bellte der Lord, die Etikette nun vollends hinter sich lassend. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du hast einen Generalschl├╝ssel! Sag es mir jetzt ins Gesicht, wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Eure Lordschaft es aber unbedingt w├╝nschen, dass ich mehr bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb auch jetzt regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen, und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten, vor dem Inspektor solche infamen Reden zu schwingen!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche Ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und rammte es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die h├Âlzerne Arbeitsplatte, in der es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verlie├č die K├╝che.
Mit einem leichten L├Ącheln auf dem Gesicht zog Carpenter das Messer wieder aus der Platte. Dann schaute er aus dem K├╝chenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr d├╝rftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„D├╝rftig?“, erwiderte Frisbee irritiert. „Ich finde diesen Teil des Parks im Gegenteil sehr ├╝ppig und recht exotisch. Der Baum dort hinten zum Beispiel stammt aus dem Mittelmeerraum.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr d├╝rftig. Und es ist auch im h├Âchstem Ma├če verd├Ąchtig, dass der G├Ąrtner mit seiner Aufr├Ąumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat, in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Nat├╝rlich. Das habe ich auch schon gedacht. Es war wohl ein Fehler, den Park nicht sofort abzusperren.“
Frisbee seufzte leise. Das war nun schon der zweite Fehler, der ihm bei dieser Untersuchung unterlaufen war. Er wurde wohl langsam alt und sein Geist durch die allt├Ągliche Routinearbeit tr├Ąge. „Immerhin bleiben uns ja noch die Fu├čspuren am Zaun zum Nachbargrundst├╝ck. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen bl├Ątterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein Literaturwissenschaftler. Lucius Grant. Vor kurzem in den Adelsstand erhoben. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverst├Ąndlich“, l├Ąchelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles, was der Sergeant noch hinter sich vernahm, waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.

Das Haus von Sir Lucius konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten. Es war klein und kompakt, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an T├╝r, Fenstern und Dach. Der Hausherr ├Âffnete selbst als Inspektor Frisbee klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen und teuer aussehenden Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie w├╝nschen?“, kam eine n├Ąselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus einem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Frisbee von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich h├Ątte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Sir Lucius Grant?“
Sir Lucius nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Frisbee folgte dem Hausherrn in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kr├Ąftige Farben dominierten die Szenerie. An den W├Ąnden hingen zahlreiche Fotos. Sie zeigten Sir Lucius zusammen mit einem ├Ąlteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney und im australischen Outback. Die Bilder mussten schon vor einiger Zeit aufgenommen worden sein, denn Sir Lucius fehlten noch die grauen Schl├Ąfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe, Sie nehmen keinen Ansto├č an der hier herrschenden Unordnung. Sie treffen mich gerade bei der Aus├╝bung meines Hobbys an“, entschuldigte sich Sir Lucius und ging in einen der Wohnr├Ąume.
„Keine Sorge“, entgegnete Frisbee sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten w├Ąhrend sich auf dem Tisch ein Vergr├Â├čerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Sir Lucius nickte. „Ja, so ├Ąhnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie w├Ąhrend des Gewitters oder in der Stunde davor irgendetwas Verd├Ąchtiges geh├Ârt oder gesehen?“
„W├Ąhrend des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Ger├Ąusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem G├Ąrtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schlie├člich zur├╝ck zum G├Ąrtnerhaus, doch ich blieb drau├čen, bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich Ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der T├Ąter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Sir Lucius ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren, beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden, anstatt den k├╝rzesten Weg zu nehmen? Au├čerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Frisbee hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankeng├Ąngen eines Einbrechers.“
Sir Lucius schien die Spitze ├╝berh├Ârt zu haben und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch Edward Woodgrouse, den fr├╝heren Lord. Bin viel mit ihm umher gereist.“
„Dann ist er der Mann auf den Bildern in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familien├Ąhnlichkeit zu seinem j├╝ngeren Bruder Woodrow ist auch sehr ausgepr├Ągt“, best├Ątigte Sir Lucius. „├äu├čerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon geh├Ârt“, nickte Frisbee leicht. „Aber zur├╝ck zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Nat├╝rlich“, kam es ohne zu z├Âgern von seinem Gespr├Ąchspartner. „Alan Miller ist schlie├člich mein Angestellter. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen, weil der G├Ąrtner seiner Lordschaft im Krankenhaus liegt. Es war ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht.“
„Verstehe. Ist er bei Ihnen denn schon l├Ąnger in Diensten?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen.“
„Dann w├╝rden Sie Ihre Hand nicht f├╝r ihn ins Feuer legen?“
„Er war bisher stets flei├čig und verl├Ąsslich. Mehr kann ich ├╝ber ihn nicht sagen. Und Einbrechen h├Ątte er ja schlie├člich auch schon bei mir k├Ânnen. Ich bin auch nicht ganz unverm├Âgend. Dass er einmal bei Lord Woodgrouse arbeiten w├╝rde, war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Frisbee zu. „Das w├Ąre es dann auch f├╝rs Erste. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur T├╝r, Inspektor.“
Das tat Sir Lucius dann auch. Anschlie├čend ging er rasch zu seinem Telefon und w├Ąhlte hektisch eine Nummer.

Kapitel 3

Als Inspektor Frisbee am n├Ąchsten Morgen sein B├╝ro betrat, lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert, auf dem sein Name stand, sowie eine Notiz des Pf├Ârtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde f├╝r ihn abgegeben hatte. Frisbee setzte sich, nahm das Kuvert, ├Âffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Au├čer Ihnen nat├╝rlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Edward Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Frisbee vor. „Ich w├╝nschte du w├Ąrst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdr├╝ckender. Woodrow schleicht mit d├╝sterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegen├╝ber ist zu ├╝bertrieben, um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun f├╝hle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Gesch├Ąfte nicht hier halten w├╝rden, w├Ąre ich schon l├Ąngst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich w├╝rde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch ├╝berreden nach England zur├╝ck zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort dr├╝ben ihr Unwesen zu treiben. Dabei wei├č ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei k├Ânnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte komm zur├╝ck nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich wei├č gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Frisbee griff zu seinem Telefon und w├Ąhlte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim ├ľffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Frisbee schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „H├Ârt sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer geh├Ârt?“
Nat├╝rlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie geh├Ârt, doch war er nat├╝rlich noch viel zu jung um Details dar├╝ber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen sie Superintendent Wembury. Oder den pensionierten Bliss. Die beiden h├Ątten ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was hei├čt das jetzt f├╝r uns?“
„Es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit daf├╝r bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Frisbee hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Frisbee machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder Lord Woodgrouse hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Es liegt zumindest im Bereich des M├Âglichen“, stimmte Baxter vorsichtig zu. Er hatte einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht. Doch seine Gedankeng├Ąnge wurden durch ein lautes Klopfen unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das B├╝ro und ├╝berreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Frisbee bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab.
„Interessant. Woodrow Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schlie├člich wieder vom Inspektor.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das w├Ąre doch viel zu gef├Ąhrlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sich sicher war, dass man ihm nichts w├╝rde anhaben k├Ânnen. Das Ergebnis lautete schlie├člich auf nat├╝rlichen Tod. Obgleich man im K├Ârper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um t├Âdlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte, damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelm├Ą├čigkeit?“
Frisbee nickte. „Ja. Zumindest was sein konkretes Ableben betrifft. Der verstorbene Lord soll vorher mehrere Male ge├Ąu├čert haben, dass er seine Besitzt├╝mer verschiedenen Stiftungen vermachen w├╝rde. In seinem letzten Testament war jedoch sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm nat├╝rlich sehr merkw├╝rdig.“
„Dann hat Lord Woodgrouse jetzt die Quittung daf├╝r erhalten, dass er damals das Testament gef├Ąlscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Erinnern Sie sich an den genauen Wortlaut der Karte. Es hei├čt hier, dass Lord Woodgrouse bezahlen wird und nicht, dass er bezahlt hat. Au├čerdem st├Ârt mich immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gef├Ąlscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Frisbee seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube, der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch t├Âten. Wir m├╝ssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur die Beschreibung von Wembury und Bliss. Aber selbst wenn wir eines h├Ątten, w├╝rde uns das nicht viel n├╝tzen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat, muss der Hexer sein.“
Baxter war nicht vollkommen ├╝berzeugt, lenkte aber ein. „Nun gut. Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zur├╝ck. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren knochentrocken.“
„Dann ist Sir Lucius unser Mann. Er hat behauptet, vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Frisbee stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen sie, Baxter.“

Kapitel 4

Als die beiden Polizeibeamten schlie├člich das Haus des Literaten erreicht hatten, fanden sie die Haust├╝r unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein, bin ich mir sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Lord Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung daf├╝r geliefert?“
„Selbstverst├Ąndlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Frisbee und Baxter hatten das Haus von Sir Lucius betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den W├Ąnden. „Da haben wir die fotografischen Beweise f├╝r die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die beiden Br├╝der Arthur Milton nur unter der Maske des reisefreudigen Lucius Grant gekannt.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz ├╝berzeugt, Inspektor. F├╝r mich klingt das alles viel zu phantastisch. Wie konnte Sir Lucius denn vor allen Dingen sicher sein, dass Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir w├Ąre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frisbees Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch st├Ąrker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum, wo er wie angewurzelt stehen blieb. „Wie passt das hier denn in Ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Frisbee horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch gr├Â├čere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgesto├čen und ein Mann lag regungslos quer ├╝ber dem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Bl├╝ten und gr├╝nen, kreisrunden Bl├Ąttern. Es war Sir Lucius Grant.
„Soll ich Ihnen mal ausf├╝hren, wie es sich f├╝r mich darstellt, Inspektor?“
Frisbee schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Ermordete war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gef├Ąlscht und uns zukommen lassen, um uns auf eine falsche F├Ąhrte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit Miller begangen. Zuerst inszenierten sie einen Unfall, um den G├Ąrtner des Lords aus dem Verkehr zu ziehen und Miller bei ihm einzuschleusen. W├Ąhrend dieser dann ins Haus eingestiegen ist, stand Sir Lucius am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem Sir Lucius den K├╝rzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im G├Ąrtnerhaus.“
„M├Âglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschlie├čen, Sergeant. Da war in der Tat etwas, dass ich ├╝bersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das w├Ąre?“
„Das Testament des verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Sir Lucius damals gef├Ąlscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Der Hexer hat ihn ermordet und er wird auch noch den Lord t├Âten.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als g├╝ltig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung best├Ątigen.“
„Und wie soll Miller den Einbruch begangen haben, wenn Sir Lucius bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die L├Âsung ist einfach. Der Hexer hatte durch Sir Lucius nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich den Generalschl├╝ssel des Dieners nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschlie├čend manipuliert, damit es so aussieht, als w├Ąre der T├Ąter von drau├čen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das nat├╝rlich nicht.“ Baxter grinste nun leicht. „Und sprachlich ist es von Arthur Milton zu Alan Miller ja auch nicht sehr weit.“
„H├Âren Sie lieber auf, sich ├╝ber mich lustig zu machen und verst├Ąndigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine N├Ąhe lassen, bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das G├Ąrtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“

„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nerv├Âser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Diener. „Er ist besorgt um Eure Lordschaft. Wir sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das h├Ątte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass ihr Bruder tot ist, Mylord. Eure Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten?“ ereiferte er sich und packte Carpenter am Kragen. „H├Ąltst du mich etwa f├╝r verr├╝ckt? Irgendjemand spielt hier ein ganz b├Âses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ert├Ânten.
Der Lord sank in seinen Sessel zur├╝ck. „Was ist da drau├čen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Sir Lucius wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgef├╝hrt. Der Sergeant tr├Ągt eine Art Schaufensterpuppe unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen, um Lucius einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schl├╝ssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schl├╝ssel zu der geraubten Schatulle.
Carpenter lie├č vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „W├╝nschen Eure Lordschaft nun den Tee?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, Carpenter.“

Epilog

„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller, als man ihn abf├╝hrte. Man hatte in seinem Haus tats├Ąchlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bew├Ąhrungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den alten Lord mit verzerrten Gesichtsz├╝gen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts f├╝r ungut f├╝r Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Frisbee schaute seinem jungen Kollegen hinterher, als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gef├╝hl nicht loswerden, noch irgendetwas Wichtiges ├╝bersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintert├╝r gerade mit leisem Knall zufiel. Frisbees Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und f├Ârderte den Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Bl├╝te einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zur├╝ck ins G├Ąrtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Bl├╝ten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen, hatte ihn sogar im Gespr├Ąch mit dem Sergeant erw├Ąhnt! Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Frisbee z├Âgerte nicht, das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war, ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war! Sir Lucius war genauso gestorben wie Judas im Matth├Ąus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Frisbee f├╝ndig und stie├č auf einen unf├Ârmigen, l├Ąnglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war der Leichnam des Dieners. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als Sir Lucius schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verr├Ąter, hingerichtet wie Verr├Ąter. Der langj├Ąhriger Reisegef├Ąhrte des alten Lord Woodgrouse Sir Lucius Grant, der das Testament f├Ąlschte, und sein getreuer Diener John Carpenter, der ihm im Auftrag Woodrows das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Frisbee auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die T├╝r von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu sp├Ąt. Als man den Lord im Sessel in seinem Salon fand, war der Bruderm├Ârder schon tot. In der Hand, die auf seinem Scho├č lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die Schatulle aus dem Safe. Sie war ge├Âffnet und enthielt eine Phiole, die mit einer tr├╝ben Fl├╝ssigkeit gef├╝llt war. Es war das von Lord Woodgrouse entwickelte Gift, das nun beide Br├╝der dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.

Version vom 27. 08. 2009 03:43
Version vom 30. 08. 2009 15:56
Version vom 30. 08. 2009 20:34
Version vom 01. 09. 2009 01:23

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Billyboy
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Der Judasbaum

Hallo Thorsten,

ich m├Âchte auch einige Bemerkungen zu Deinem Text machen, meine Hinweise sind bestimmt nicht vollst├Ąndig, sondern stehen beispielhaft f├╝r bestimmte Dinge, die ich erw├Ąhnen m├Âchte.

quote:
Donner grollte, als der ├Ąltliche Lord Woodgrouse die T├╝r zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Als er die T├╝r aufschloss

Als er die T├╝r ├Âffnete

quote:
Wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im T├╝rrahmen

blieb der Lord, ansonsten gar nicht schreckhaft, im T├╝rrahmen

quote:
Ewigkeit zu vergehen, bis endlich sein Butler


quote:
Seine Worte waren nat├╝rlich eine h├Âfliche Untertreibung, hatte doch der Herr des Hauses ihn nicht einfach nur gerufen, sondern er hatte schon richtig nach ihm gebr├╝llt.

Das wissen wir doch schon, Du hast ja deutlich und mehrmals beschrieben, wie der Lord den Butler laut ruft.

quote:
Ein Kapitalverbrechen!ÔÇť
quote:
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verd├Ąchtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen

hatte ich schon im Forum darauf hingewiesen: ein Kapitalverbrechen ist per Definition ein T├Âtungsdelikt am Menschen, es kommt nicht von Kapital oder Geld oder Wert oder dergleichen. Da hat Marc in seinem Hinweis leider nicht recht.

quote:
und ├Âffnete sich seinen Kragen. Neben seiner k├Ârperlichen Verfassung schienen auch seine Umgangsformen gelitten zu haben. ÔÇ×Nun steh nicht so herum, John,

John? der Butler hei├čt doch Carpenter, Butler werden i.d.R. beim Vornamen genannt, also ist Carpenter entweder ein ungew├Âhnlicher Vorname oder der Nachname, dann immer John. Aber Butler hei├čen nicht John.

quote:
ein offener Brustkorb, aus dem man das Herz herausgerissen h├Ątte

hatte

quote:
W├Ąhrend der Diener sich entfernte, f├╝hlte Woodgrouse wie eine kalte Hand nun tats├Ąchlich nach seinem Herzen zu greifen schien.

f├╝hlte der alte Lord eine kalte Hand nach seinem Herzen greifen

quote:
Er wusste nicht, wie lange er in der Stellung eines bleichen Denkmals

ich werde jetzt keine Kommafehler mehr bringen, aber die fehlenden Kommta sind sicher korrigierbar.

quote:
Schw├Ąrze umfing seine Gedanken.

Dunkelheit umfing seine Sinne. oder

Er schien in ein gro├čes schwarzes Loch zu fallen.

Demn├Ąchst kommen weitere Hinweise, ich arbeite mich Schritt f├╝r Schritt durch.

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Erst einmal vielen Dank f├╝r eure Korrekturvorschl├Ąge. Da kann man mal sehen wieviel einem selbst beim Durchschauen immer noch durchgeht. Ein paar Anmerkungen habe ich aber auch.

1.) Das doppelte aufschlie├čen ist in der Tat ein Fehler, der mir gestern Abend selbst schon aufgefallen ist. Ich wollte beim zweiten Mal bestimmt aufstie├č schreiben und war mit den Gedanken irgendwie woanders. Sind sich ja auch ziemlich ├Ąhnlich die Worte.

2.) Den Satz mit der Leiche habe ich extra eingef├╝gt weil Billyboy nach dem Lesen der ersten Fassung angemerkt hatte, dass Kapitalverbrechen immer ein T├Âtungsdelikt w├Ąre. Aber ihr habt wohl beide Recht, dies sagt mir wikipedia:

quote:
(...)Urspr├╝nglich bezeichnete der Begriff mit dem Verlust des Lebens zu ahndende Straftaten.

Da der Begriff Kapitalverbrechen in der heutigen Kriminalistik und Rechtswissenschaft nicht mehr verwendet wird, existiert keine klare Definition.(...)

Da die Geschichte aber vor ├╝ber 50 Jahren spielt denke ich auch, dass man die urspr├╝ngliche Definition anwenden und den Satz mit der Leiche drin lassen sollte. Zumal damals die Todesstrafe in England ja noch galt. Wahrscheinlich wurde auch so etwas wie Landesverrat oder dergleichen ebenfalls noch mit dem Tod geahndet, so dass die Leiche wohl nicht zwangsl├Ąufig aber doch am h├Ąufigsten Tatbestandteil ist.

3.) Das kommt davon, wenn man in der Fassung ohne gro├č geschriebene H├Âflichkeitsanreden geschrieben hat, da entgehen einen beim Korrigieren dann doch ein paar.

4.) Was Gruners Aussage zum Inspektor zwecks der Unordnung betrifft so ist denke ich beides m├Âglich und h├Ąngt wohl vom Charakter des Doktors ab ob er sich f├╝r die Unordnung entschuldigt oder sich vom Inspektor bei seinem Hobby gest├Ârt sieht. Da der Lord ja schon recht unausstehlich ist, denke ich, dass Gruner durchaus h├Âflich reagieren kann um einen Gegensatz zu schaffen.

5) An der zitierten Stelle fehlt tats├Ąchlich etwas (deshalb die "..."). Das Klopfen und die Ankunft der Akte unterbrechen Baxters laut ausgesprochenen Gedankeng├Ąnge.

6) Zur Anrede des Butlers: Der Butler hei├čt in der Geschichte John (= Vorname) Carpenter (= Nachname). Ich kenne genug Filme in denen Butler mit Nachnamen angeredet werden (Beddoes in "Mord im Orientexpress", Barnstable in "Tod auf dem Nil", Cavendish in "Moonraker", Jennings in "Gosford Park"). Besonders Gosford Park w├╝rde ich in der Hinsicht als gute Quelle betrachten, da sich der Film haupts├Ąchlich mit dem "Oben" (= Herrschaften) und "Unten" (= Dienstpersonal) in einem Herrenhaus besch├Ąftigt (alle Diener und Lakaien unterhalb des Butlers und der Kammerdiener werden dort ├╝brigens mit Vornamen angeredet). Selbst in der deutschen Wallace-Reihe gibt es den "Todesbutler" Parker (in "Das R├Ątsel der roten Orchidee"), allerdings auch Ambrose in "Zimmer 13", was wiederum ein Vorname ist. Meine sonstige Recherche zu dem Thema im Internet hat leider noch nichts Definitives gebracht. Oder kennst du eine Quelle, die das mit dem Vornamen f├╝r Butler belegt? Und warum sollten Butler nicht John hei├čen? Bis auf Weiteres werde ich also erstmal bei der derzeitigen Fassung bleiben, in der der Lord seinen Butler mit Carpenter anspricht, bzw. in den Szenen wo er die Fassung verliert und auf die fr├╝here Vertrautheit der beiden angespielt werden soll als er noch kein Lord war, zum unstandesgem├Ą├čen John wechselt. Bei ausreichenden Gegenargumenten bin ich aber durchaus f├╝r ├änderungen offen.

7.) Bei allen weiteren Anmerkungen, bzw. gefundenen Fehlern stimme ich euch zu und werde sie bei Gelegenheit korrigieren.

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quote:
ÔÇ×Sie m├╝ssen umgehend die Polizei verst├Ąndigen. Ein Kapitalverbrechen!ÔÇť
Der Butler runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verd├Ąchtiges, schon gar kein Kapitalverbrechen.

Worum es mir hier geht ist die unstimmige Wortwahl: kein Mensch redet so, wenn er gerade einen Einbruch und den Diebstahl h├Âchst wichtiger Dokumente bemerkt hat. Auch die Reaktion des Butlers und dessen Gedanke "Kapitalverbrechen" pa├čt so nicht. Abgeshen davon, da├č auch nach Deiner Definition ein Einbruch und ein Raub kein Delikt ist, welches mit dem Tode bestraft und deshalb als Kapitalverbrechen bezeichnet wird. ┬┤

Bei dem Butler (Anrede) werde ich selber gerade unsicher. Ich werde das recherchieren und dann posten.

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Ein weiteres Beispiel f├╝r den Nachnamen bei einem Butler w├Ąre auch Barrymore bei Conan Doyles "Der Hund von Baskerville". Allerdings gibt es wie du selbst sagst nat├╝rlich auch Filme und B├╝cher in denen Butler/Diener mit Vornamen angeredet werden.

Der Lord ├╝bertreibt halt mit seinem Worten zu dem Raub und der Butler reagiert verwirrt. Wenn dir eine bessere ├ťbertreibung einf├Ąllt, dann nur her damit. Auf jeden Fall ist das ein Fehler, den der Lord absichtlich macht. Die Reaktion des Butlers ist ja deswegen zur Erkl├Ąrung eingef├╝gt. In der ersten Fassung fehlte diese Stelle ja.

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"Rufen Sie die Polizei! Etwas Schreckliches ist geschehen!" Er wies mit der Hand ins Innere des Arbeitszimmers.
Neugierig trat der Butler n├Ąher, aber erst im Lichtschein des n├Ąchsten Blitzes bemerkte er den ge├Âffneten und leeren Safe.


So etwa k├Ânnte die Szene beschrieben werden. ich habe jetzt aber nicht auf ├ťberg├Ąnge zu den anderen Textstellen vor- und nachher geachtet, sondern frei formuliert.
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Ein Kapitalverbrechen ist NICHT zwingend ein T├Âtungsdelikt am Menschen. Urspr├╝nglich kommt das von "capitus - das Haupt", ist also ein Vergehen, auf dass die Todesstrafe (durch Dekapitation = Enthauptung) steht.
Da es die Todesstrafe ja hier nicht mehr gibt, gibt es auch keine eigentliche klare Definition. Der Duden sagt etwas wie:
"schwere Straftat wie Mord, schwerer Raub o. Ä. "

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