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Leselupe.de > Kindergeschichten
Der Schmunzelbaum
Eingestellt am 27. 05. 2018 16:16


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stwin
Wird mal Schriftsteller
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FĂŒr Kinder ab etwa 9 Jahren

Als es klingelte, war Anne wie immer als Erste an der TĂŒr. Davor stand Opa, einen großen Jutesack in den HĂ€nden, aus dem oben ein kleines BĂ€umchen ragte. „Was ist das denn?“, fragte Anne.
„Na, wonach sieht’s denn aus? Das ist ein Baum, den ich heute Nachmittag mit dir im Garten einpflanzen möchte. Hast du Lust?“
„Au ja! Wo hast du den denn bekommen?“
„Das bleibt mein Geheimnis. Es ist ein ganz besonderer Baum. Aber jetzt lass ihn mich erst mal auf der Terrasse abstellen, sonst fallen mir noch die Arme ab.“

Anne liebte es, mit ihrem Opa im Garten zu arbeiten. Er hatte frĂŒher selbst eine kleine GĂ€rtnerei. Aber irgendwann machte ihm sein RĂŒcken immer mehr zu schaffen. Seine HĂ€nde wurden zittrig und konnten die kleinen Stecklinge nicht mehr richtig greifen. Als Oma starb, gab er die GĂ€rtnerei schließlich auf, denn alleine konnte er die Arbeit nicht mehr bewĂ€ltigen. So zog er zu Anne und ihren Eltern in das Haus am Waldrand. Seitdem half ihm Anne bei der Arbeit im Garten. Gemeinsam sĂ€ten sie in einer Ecke Blumen, damit die Schmetterlinge und Bienen Nektar finden konnten. Einen kleinen Teil der Wiese gruben sie um und machten daraus ein GemĂŒsebeet. Inzwischen war Anne ein Meister darin, Salat zu sĂ€en, Unkraut zu jĂ€ten und Radieschen zu ernten.

Nach dem Mittagessen gingen sie gemeinsam nach draußen. „Übernimm dich nicht“, sagte Annes Mama zu Opa. „Ja, ja“, grummelte er. So wie immer, wenn er nicht hören wollte, dass er alt wurde. „Anne, hol schon mal den Spaten. Wir werden ein großes Loch graben mĂŒssen, damit die Baumwurzeln schön tief anwachsen können.“ Als Anne mit dem Spaten zurĂŒckkam, hatte Opa gerade den Baum in die Mitte der Wiese getragen. Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn. In letzter Zeit kam er immer schneller außer Atem. Annes Mutter sah ihn an. „Bist du sicher, dass du nicht auf Patrick warten willst?“ „Dein Mann kann immer noch helfen, falls wir nicht fertig sind, bis er aus der Arbeit kommt.“ „Ich helfe doch auch mit!“, rief Anne dazwischen. Also gruben sie gemeinsam. Zuerst hoben sie die Wiese von der Erde ab, damit sie spĂ€ter den Boden rund um den Baum wieder schĂŒtzen sollte. Dann hob Annes Opa Schaufel um Schaufel die schwarze Erde aus dem Loch. Immer, wenn er nicht mehr konnte, ĂŒbernahm Anne. Mit ihren elf Jahren war sie schon ziemlich geĂŒbt darin, wie man richtig mit einem Spaten grĂ€bt. Gemeinsam kamen sie langsam, aber stetig voran. „Das ist jetzt tief genug“, meinte Opa. „Öffne mal den Knoten da am Jutesack, damit ich den Baum herausholen kann.“ Mit geschickten Fingern löste Anne die Schleife und Opa hob das BĂ€umchen in das frisch gegrabene Loch. Das hatte ihn ziemlich angestrengt, sodass Anne die lockere Erde zurĂŒck in die Grube schob und festdrĂŒckte. „Sehr gut“, brummelte Opa und schĂŒttelte den Baum. Sein schmaler Stamm gab zwar nach, aber er steckte stabil im Boden. „Der fliegt uns so schnell nicht weg, Anne. Jetzt legen wir das Gras wieder außen herum, damit die Sonne den Boden nicht austrocknet. Danach hol mir bitte eine Gießkanne mit Wasser. Du musst den Baum angießen, damit die Wurzeln gut wachsen können.“
Als die Wiese wieder an ihrem Platz und der Baum gegossen war, fragte Anne: „Was ist das eigentlich fĂŒr ein Baum? So einen habe ich noch nie gesehen.“ „Das ist ein Schmunzelbaum.“ „Was? Das habe ich noch nie gehört.“ „NatĂŒrlich nicht. Außer diesem wirst du vielleicht niemals einen sehen, weil sie so selten sind. Wichtig ist aber auch nicht, wie er heißt. Wichtig ist, was er tut.“ „Das verstehe ich nicht“ „Jetzt noch nicht, Anne. Hab Geduld. Eines Tages wirst du es verstehen.“

In den folgenden Wochen besuchte Anne ‚ihren‘ Baum jeden Tag. Sie sorgte dafĂŒr, dass der Bereich um den Stamm herum immer genug Wasser abbekam, damit der Baum anwachsen konnte. Gleichzeitig sah sie, wie die BlĂ€tter jeden Tag ein StĂŒckchen mehr wuchsen. „Opa, schau mal!“, rief sie. „Da sind schon wieder neue BlĂ€tter!“ Opa kam langsam ĂŒber die Wiese auf sie zu. In den vergangenen Tagen hatte ihm sein Husten schwer zu schaffen gemacht und die HĂŒftschmerzen waren wieder schlimmer geworden. „Du kĂŒmmerst dich sehr gut um den Baum“, sagte er, noch ziemlich außer Atem. „Noch ein paar Tage und er ist krĂ€ftig genug, um alleine weiter zu wachsen. Dann musst du ihn nicht mehr gießen, weil die Wurzeln genug Wasser aus dem Boden ziehen können.“

Den ganzen Sommer ĂŒber beobachtete Anne, wie der Baum wuchs und gedieh. Sie musste schmunzeln, wenn sie kleine Raupen entdeckte, die ihre RaupentĂ€nze auffĂŒhrten, wĂ€hrend sie den Stamm erklommen. Bald schon waren die Äste lĂ€nger als Annes Arme. Sie betrachtete die kleinen Furchen und Rillen in der Baumrinde und stellte sich lĂ€chelnd vor, wie wohl BlattlĂ€use mit kleinen Blattlaus-RucksĂ€cken eine Bergwanderung ĂŒber diese HĂŒgel und TĂ€ler machen wĂŒrden.

Im Herbst wurde es kalt und grau. Anne sah vom Wohnzimmerfenster aus, wie die BlĂ€tter des Baumes erst rot und braun wurden, bevor sie anfingen zu Boden zu segeln. Sie half Opa, das Laub in eine Ecke des Gartens zu bringen, damit Igel darin ĂŒberwintern könnten. Opa alleine konnte diese Arbeit nicht mehr erledigen. Seine HĂŒfte ließ kaum noch zu, dass er mehr als ein paar Meter ging und immer wieder schĂŒttelte ihn ein rasselnder Husten. Egal, was Annes Mutter kochte, richtig Appetit hatte er nie.

In einer Nacht fegte ein furchtbarer Sturm ĂŒber das Haus. Ein lauter Donnerschlag weckte Anne auf. Als sie aus ihrem Fenster sah, zuckte ein Blitz quer ĂŒber den Himmel und erleuchtete den Garten taghell. Schon krachte der nĂ€chste Donner. Sie sah, dass der Baum auch die letzten BlĂ€tter verloren hatte. Der Wind peitschte sie durch die Luft. Sie wollte sich zu Opa ins Zimmer zu schleichen, um ihm die Neuigkeit mitzuteilen. Doch ihre Eltern standen vor seinem Bett. Ihre Mama schluchzte. „Opa ist gestorben. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen.“ Anne schossen TrĂ€nen in die Augen. Das durfte doch nicht sein! Sie hatte ihm noch so viel zu erzĂ€hlen!

Ab diesem Zeitpunkt war Annes Welt grau. Der Herbst ging in den Winter ĂŒber und auch in Anne fĂŒhlte sich alles eiskalt an. Opa fehlte ihr. Immer. Wenn sie aus dem Fenster auf den Baum sah, fĂŒhlte sie einen Stich in ihrem Herz. Oft stellte ihre Mama aus Gewohnheit einen Teller fĂŒr Opa auf den Tisch. Wenn sie es bemerkte, setzte sie sich einfach auf Opas Stuhl und weinte. Am Nikolausabend saßen Anne und ihre Eltern im Wohnzimmer. Sie wussten, dass der Nikolaus in diesem Jahr nicht kommen wĂŒrde. Dass sie Fotos von frĂŒher ansahen, fĂŒllte die Leere nicht. An Weihnachten besuchten sie gemeinsam Opas Grab. Anne hatte ihm schon im Herbst eine Schaufel mit einem extra großen Griff gekauft, damit seine zittrigen Finger im FrĂŒhjahr sie gut greifen könnten. Jetzt blieb ihr nichts mehr, außer die Schaufel in die gefrorene Erde auf dem Grab zu stecken. „Du fehlst mir so sehr, Opa“, flĂŒsterte sie. „Ich weiß nicht, ob das jemals wieder besser wird!“

Mit der Zeit verĂ€nderte sich der Schmerz. Er ĂŒberraschte Anne nicht mehr stechend wie eine Nadel, sondern schlummerte meistens in ihrer Magengrube. Manchmal klopfte er dumpf an und erinnerte sie daran, dass Opa nicht mehr da war. Hin und wieder ĂŒberfiel das GefĂŒhl sie wie eine plötzliche Windböe, wenn sie an Opas Zimmer vorbeiging oder ihr Blick auf den Schuppen mit den GartengerĂ€ten fiel.

Doch eines Tages sah Anne etwas. Im Garten lag noch Schnee. Er war schon ganz grau, weil es seit Tagen leicht taute. Die alten Grashalme aus dem letzten Jahr kamen langsam zum Vorschein. Doch der Baum in der Mitte des Gartens hatte ĂŒber Nacht tausende grĂŒner Punkte bekommen. Anne zog schnell ihre Stiefel und die dicke Jacke an, um sich das nĂ€her anzusehen. Am Baum angekommen, entdeckte sie, dass die Äste ĂŒber und ĂŒber bedeckt waren mit winzigen BlĂ€ttchen. Eingerollt wie Eichhörnchen trotzten sie der KĂ€lte. Anne musste schmunzeln, zum ersten Mal seit langer Zeit. Endlich etwas GrĂŒn in all dem Grau!

Ab diesem Tag besuchte sie ihren Baum wieder regelmĂ€ĂŸig. Die kleinen BlĂ€ttchen rollten sich nach und nach aus und reckten sich in die Höhe, um Sonne zu tanken. Nach einigen Wochen zeigten sich zwischen den BlĂ€ttern kleine, hellgrĂŒne Kugeln. Langsam wurde es wĂ€rmer und Vögel sangen auf den Ästen des Baumes aus LeibeskrĂ€ften den FrĂŒhling herbei. Wann immer man sie durchs Fenster in der KĂŒche hörte, schmunzelte Annes Mama. Die kleinen Kugeln an den Ästen entwickelten sich zu Knospen, die nach und nach an GrĂ¶ĂŸe gewannen. Eines Morgens, als Anne gerade mit ihrer Mama das Geschirr vom FrĂŒhstĂŒck aufrĂ€umte, sahen sie es: Winzige, gelbe BlĂŒten strahlten wie Sonnen an den Zweigen. Anne stĂŒrmte zu ihrem Baum. Die BlĂŒten dufteten wie Honig und Zimt. Bienen summten. Sie bemĂŒhten sich, nur ja keinen Tropfen Nektar zu ĂŒbersehen. Vom Pollen der BlĂŒten hatten sie dicke, gelbe PĂ€ckchen an ihren Hinterbeinen, die sie aussehen ließen, als hĂ€tten sie ihre Hosentaschen bis zum Rand mit Essen vollgestopft. Anne schmunzelte. „Passt auf, dass eure Pollenhosen nicht herunterrutschen!“, rief sie den Bienen auf dem Weg zurĂŒck ins Haus zu.

Nach und nach wurde der Rest des Gartens wieder grĂŒn. Es summte und zwitscherte, Schmetterlinge steckten ihre RĂŒssel in BlĂŒtenkelche und RegenwĂŒrmer gingen ihrer Arbeit in der Erde des GemĂŒsebeets nach. Trotzdem war Anne an ihrem Geburtstag nicht zum Feiern zumute. Dieser Tag zeigte ihr wieder besonders stark, wie sehr ihr Opa fehlte. Normalerweise hatten sie um diese Zeit schon die ersten Radieschen geerntet und zum GeburtstagsfrĂŒhstĂŒck verspeist. Traurig sah sie aus dem KĂŒchenfenster und erschrak.

Die Sonne schien, doch es schneite! Dicke Flocken wirbelten vor dem Fenster ĂŒber die Wiese, landeten auf den Hecken und der Fensterbank. Aber Moment mal – das waren keine richtigen Schneeflocken. Aufgeregt rief Anne ihre Eltern. „Schaut mal, was mit dem Baum im Garten passiert ist!“ Die kleinen, gelben SonnenblĂŒten hatten all ihren Nektar an die Bienen ĂŒbergeben. Danach hatten sie sich in feste, grĂŒne SamenpĂ€ckchen verwandelt. Nun waren sie auf einen Schlag aufgeplatzt und hatten dicke, flauschige Pusteblumen gebildet. Sobald etwas Wind ĂŒber den Baum strich, machten sich Hunderte Samen auf den Weg und zauberten ein Schneegestöber, das den ganzen Garten ausfĂŒllte. Annes Eltern staunten nicht schlecht. „Wer hĂ€tte das gedacht? Wir haben Schnee im Juni! So ein Geburtstagsgeschenk hattest du noch nie, Anne!“ Sie gingen gemeinsam in den Garten und stellten sich lachend in das Schneegestöber. Da fiel Anne wieder ein, was ihr Opa ĂŒber den Schmunzelbaum gesagt hatte. „Wichtig ist nicht, wie er heißt. Wichtig ist, was er tut.“ Endlich verstand sie ihn. Wann immer der Baum Anne oder ihre Eltern zum Schmunzeln brachte, war ihr Opa ganz nahe bei ihnen. „Das ist das schönste Geschenk von allen“, dachte sie, wĂ€hrend sie ĂŒber das ganze Gesicht grinsend durch die Schneeflocken des Schmunzelbaums tanzte.

Version vom 27. 05. 2018 16:16
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hera
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molly
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Hallo stwin,

Das ist eine Geschichte fĂŒr Ă€ltere Kinder, die zu vielen Gedanken und GesprĂ€chen anregt, ĂŒber Freude, Schmerzen, Tod und Trost.

Deine Geschichte vom Schmuzelbaum gefÀllt mir sehr gut.
Zuerst schilderst Du die große Verbundenheit von Opa und Anne. Er hat ihr im Garten viel gezeigt und Anne hilft ihm bei der Gartenarbeit, auch weil er Schmerzen hat. Sie pflanzen zusammen den Schmunzelbaum.

In einer Herbstnacht stirbt der Opa, man spĂŒrt, wie sehr Anne ihn vermisst.

Doch als der FrĂŒhling die BlĂŒten des Baumes wie Schneeflocken tanzen lĂ€sst, versteht Anne den Satz des Opas:

„Wichtig ist nicht, wie er heißt. Wichtig ist, was er tut.“

So wird der Baum, den sie mit Opa gepflanzt hat, zum Trost.

Gern gelesen und viele GrĂŒĂŸe

molly






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