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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Schlange des Verderbens
Eingestellt am 10. 11. 2014 19:08


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Aligator
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Mit Aufbackbrötchen, KĂ€seaufschnitt und einer TĂŒte Chips stand ich schon ein Weilchen in der Schlange. Weit am Horizont konnte ich das Piepsen der Kasse erahnen, aber nur wenn der Wind gut stand.
Den Unmutsbekundungen meiner Mitkunden zum Trotz setzte ich ein LĂ€cheln auf, um Überlegenheit zu demonstrieren. Nach einer halben Stunde waren meine Mundwinkel auf Schulterhöhe gerutscht. So konnte das nicht weitergehen!
„He, da vorne, können Sie mich hören?“
Anscheinend hörte mich niemand.
„Kann bitte jemand ne zweite Kasse aufmachen?“
Wieder keine Reaktion. Außer die meiner Mitkunden, die ganz meiner Meinung zu sein schienen.
„Ja, machen Sie endlich noch eine auf!“, krĂ€hte eine Dame im rosa Jogginganzug, was mir aus der kurzen Distanz einen gehörigen Schreck versetzte.
Durch meine Vorarbeit war jedenfalls der Knoten geplatzt. Das allgemeine Gemurmel steigerte sich zum offenen Protest, man vernahm Begriffe wie „UnverschĂ€mtheit“ und „Sauladen“. Eine Mutter zweier, quĂ€kender Kinder hielt mir ihren Lachs unter die Nase. Er sei mittlerweile abgelaufen.
„Warum geht nicht jemand vor?“, hörte ich da ein hohes Stimmchen.
Das Kaugummi kauende MĂ€dchen schaute uns mit erhobenen Brauen an. Schließlich sagte ich:
„Gute Idee, mein Kind. Sei doch so lieb und sag der Tante vorne Bescheid, dass die Kunden gerne hĂ€tten, dass eine zweite Kasse aufgemacht wird!“
Das MĂ€dchen rollte die Augen.
„OK, du kriegst einen Euro dafĂŒr“, bot ich ihr an.
„FĂŒnf!“
„Da geh ich lieber selbst!“

„Diese Rotzgören heutzutage“, dachte ich mir, wĂ€hrend ich mich aufmachte, um die Angelegenheit ein fĂŒr alle Mal zu klĂ€ren.
Mir war zuvor nie aufgefallen, wie groß der Supermarkt eigentlich war. Nun erschlossen sich mir erstmals seine wahrhaft gigantischen Ausmaße. Ich lief in Richtung Kasse, hatte aber das GefĂŒhl nicht wirklich vorwĂ€rts zu kommen. Irgendwann, es musste eine Viertelstunde vergangen sein, ließ ich mich auf einer Palette mit Waschmittel nieder. Mein rechter Schuh war bereits durchgelaufen.
Ich begutachtete den Inhalt meiner Geldbörse und beschloss, mir ein Taxi zu nehmen.
Endlich hielt eines an.
„Ich möchte zur Kasse, bitte!“
„Wer will das nich“, raunte der Fahrer.
Als ich mit vertrĂ€umter Miene aus dem Fenster glotzte, bot sich mir ein Bild des Grauens. Menschenmassen schoben sich die Wagen in die Hacken. Etliche Kunden wurden Ă€rztlich versorgt. Manche hatten sich die Beine in den Bauch gestanden, welch grauenhafter Anblick! Da waren auch welche, die scheinbar den Verstand verloren hatten, sie sprangen auf den Regalen umher oder rissen sich bĂŒschelweise die Haare aus. Hier und da konnte man ein einsames, weinendes Kind stehen sehen.
Im Radio hörte ich den Innenminister sagen:
„Aufgrund der prekĂ€ren Lage im Aldi SĂŒd, haben wir beschlossen, den Notstand auszurufen ...“

„Hier geht‘ s nich weiter“, meldete sich der Fahrer.
„Gut. Was bin ich Ihnen schuldig?“
„FĂŒnfundneunzig Euro, der Herr.“
Ich bezahlte und öffnete die TĂŒr.
Etwa zwanzig Meter vor der Kasse entfernt, hatte sich ein Berg aus Leibern und Einkaufswagen gebildet. Ich beobachtet, wie einige versuchten, den Gipfel zu erklimmen. Manche schafften es - doch wozu? Der Abstieg war noch um einiges haariger und endete in den meisten FĂ€llen eher unglimpflich.
Ein sportlich gekleideter Herr mit Bart hing an der Nordwand, an einem dieser Kettchen der Einkaufswagen. Er versuchte sich rĂŒber zu schwingen, um sich an einer GesĂ€ĂŸspalte fest zu haken, verfehlte diese jedoch und hinunter ging' s ins Tal, wo nichts mehr von ihm zeugte, als das gellende Echo seines letzten Schreis.
Dieser Achttausender war unbezwingbar, das war sicher.
Also blieb nur der Weg mittendurch. Nun gut, zuerst ĂŒbergoss ich meinen Körper zur Verringerung der Reibung mit zwei Flaschen kalt gepresstem Olivenöl. Dann nahm ich Anlauf, legte die Ohren an und Plopp, war ich inmitten des Berges.
Es war wohl eher GlĂŒck als Verstand, dass ich in der Dunkelheit den richtigen Weg durch die Lebensmittel-Körper-Masse fand. Irgendwann vernahm ich einen Lichtschimmer und flutschte an der anderen Seite des Berges heraus.
Jenseits der Verpfropfung ging es noch ruhig und gesittet zu. Die Kunden standen brav in der Schlange und tatsÀchlich, die anderen beiden Kassen waren nicht geöffnet.
Endlich konnte ich mit letzter Kraft mein „Können Sie noch ne Kasse aufmachen“ loswerden.
Aber wieder geschah – nichts.

Neben dem Förderband standen Wagen, an denen die Skelette einiger Kunden hingen. Ich drĂ€ngelte mich also ohne Widerstand vor, fragte aber trotzdem höflich, ob ich dĂŒrfe. Ich hatte ja nur so wenig: Aufbackbrötchen, KĂ€seaufschnitt und eine Packung Chips.
Endlich kam ich vorne bei der Kassiererin an.
Diese diskutierte mit einer Àlteren Dame im Pelzmantel.

„Ich kann es nicht!“
„Aber ich bitte Sie! Sie sind doch so ein fesches MĂ€dchen. Jetzt tun Sie mir doch den einen Gefallen!“
„Nein, bitte nehmen Sie es nicht persönlich, ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich nun mal meine Vorschriften habe!“
„Es ist doch nur dieses eine Mal.“
„Ob Sie jetzt bitte, bitte, die verdammte zweite Kasse aufmachen könnten?“, unterbrach ich lautstark das GesprĂ€ch.
„Moment, junger Mann“, sagte die Oma, „erst bin ich an der Reihe!“
Die Entschlossenheit in ihrem Blick ließ mich schaudern.
„Also, muss ich arme, alte Frau die Unterhosen jetzt wieder nach Hause schleppen? Sie rutschen!“
„Warum haben Sie es dann erst nach drei Wochen gemerkt?“, fragte die Kassiererin.
Ich blickte auf das gelbe Paar Unterbuchsen, das auf dem Scanner lag.
„Ich bitte Sie, ich bitte sie auf Knien im Namen der Menschlichkeit“, ich kniete wirklich, „machen Sie doch die zweite Kasse auf!“
„Ich kann nicht.“
„Wieso?“
„Weil der Knopf kaputt ist.“
„Welcher Knopf, denn?“
„Hier an der Seite ist ein Knopf, wenn man den drĂŒckt, dann macht' s Ding-Dong und die Kollegin kommt.“
„Gibt's da keine andere Möglichkeit, vielleicht anrufen oder so?“
„Nö.“
„Junger Mann!“, mahnte die Oma.
„Dann lassen Sie mich schnell bezahlen und Sie regeln das da hinterher!“, schlug ich vor.
„Eine UnverschĂ€mtheit, Sie Flegel, Sie!“ Die alte Dame erhob ihren Regenschirm.
„Also gut“, sagte die Kassiererin und zog meinen Kram schnell drĂŒber.

Unnötig zu erwÀhnen, dass wegen der Taxirechnung das Geld nicht reichte.


Version vom 10. 11. 2014 19:08
Version vom 11. 03. 2015 11:17

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aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
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Ehrlich gestanden, Aligator, kann ich die Geschichte bei allem sprachlichen Aufwand, den du da getrieben hast, nicht wirklich lustig finden.

Jeder von uns, der schon mal in einer Mall war, weiß, dass das Bild, das du uns hier zeichnest, vom Grundsatz her nicht stimmt. Warteschlangen derart archaischen Ausmaßes gibt es heutzutage weder in den Großsortimentern Deutschlands, noch in denen Frankreichs, Italiens oder der Schweiz, um nur ein paar LĂ€nder zu nennen. Was es allerorten gibt, ist ungeduldige Kundschaft, fĂŒr die sich drei Minuten queuing zu einer gefĂŒhlten halben Stunde dehnen. Deinen Text lese ich daher nicht als Satire, sondern eher als fantasy, die witzig sein will.

Das wĂ€re eigentlich nicht so schlimm, denn es liest sich ja flĂŒssig, und manches klingt richtig lustig.

Dummerweise sehe ich neben deinem Text Anna Sams „Les tribulations d’une caissiĂšre“, ein BĂŒcherl, in dem die Wirklichkeit abgebildet wird und in der die kleine Kassiererin tagein, tagaus den DemĂŒtigungen, den Gemeinheiten und der WillkĂŒr ausgesetzt ist, die ihr von Seiten der Kundschaft und der Vorgesetzten widerfĂ€hrt. Annas BĂŒcherl will nicht bloß wie eine Satire aussehen – sie ist eine; mit ironischer LĂ€ssigkeit und scharfer Beobachtungsgabe beschreibt sie uns diese Welt so, dass uns ab und zu das Lachen im Halse stecken bleibt.

Du hast dein KassenmÀdchen auf Piepstöne reduziert; sie scheint kein menschliches Wesen zu sein, sondern ein Scanner, mechanischer Bestandteil eines Terminals, der keine IdentitÀt hat und zu beschrÀnkt zu sein scheint, die Kollegin auf andere Weise als durch einen Knopfdruck herbeizuholen.

Da ich auch fĂŒr ganz kleine Tiere zu bremsen pflege, stört mich an deiner Geschichte die völlige Absenz von MitgefĂŒhl fĂŒr das last girl standing, das sich der Meute tapfer entgegenstemmt und das der Protagonist am Ende noch schamlos ausnutzt.

Tipp: geh nochmal drĂŒber und mach aus dem MĂ€del den gunner, der sie ist. Dann muss sich der Leser nicht fremdschĂ€men.

Gruß

aligaga


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Maribu
???
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Die Schlange des Verderbens

Hallo Al(l)igator,

GlĂŒckwunsch zu diesem skurrilen Text!

SupermĂ€rkte, in denen Angestellte und Kunden mit Rollschuhen unterwegs sind, kennt man ja bereits. Dieser, und denn auch noch 'Aldi-SĂŒd', ist ja etliche Dimensionen grĂ¶ĂŸer.
Dass die Taxi-Rechnung höher als der Preis fĂŒr die Ware ist,
kann man sich vorstellen.
Ich nehme an, dass da noch mehr Lebensmittel "umgekippt" sind, als der abgelaufene Lachs.
Du hÀttest es noch mehr auf die Spitze treiben können, wenn die Dame im roten Jogginganzug ihren Einkaufswagen hÀtte in der Schlange stehen lassen ( es lagen sowieso nur eine Ananas und ein linksdrehender Joghurt darin.) und wÀre ein paar Runden zwischen der KÀsetheke und dem riesigen Stapel Toilettpapier
gejoggt.
Im Sommer habe ich auch viele MĂ€nner in Shorts und Badelatschen, mit eingekremten Gesichtern, gesehen, die ihrer Frau schwitzend den ĂŒberladenen Einkaufswagen geschoben haben; wahrscheinlich als Alternative zum Schwimmen.

Hoffentlich bleibt uns das erspart und deine ausufernde Phantasie belustigt die Leser der LL, und dient nicht als Anregung fĂŒr Investoren, die Edeka, Lidl, Penny usw. nachziehen lassen!
L.G.Maribu

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DocSchneider
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Lieber Aligator, Deine Schlange bekommt von mir den Stempel, weil sie mir an trĂŒben Regentagen ein LĂ€cheln ins Gesicht zaubert. Außerdem versĂŒĂŸt sie die Wartezeit an der Kasse, wenn ich an sie denke.



LG DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Aligator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2013

Werke: 22
Kommentare: 105
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Hi lizza, Doc und Ilona B!

Freu mich ĂŒber eure Kommentare!

Ich fĂŒhle mich auch sehr geehrt, wegen dem Stempel. Ich möchte als erstes meiner Mutter danken, dass sie mich auf diese verrĂŒckte Welt gebracht hat, dann meinem Deutschlehrer Hr. Henrich, meiner Frau Sana, meinem Kampffisch, wie hieß der nochmal ... und natĂŒrlich der gesamten bekloppten Menschheit, die mir auf immer ein Quell unerschöpflicher Inspiration sein wird, vor allem, wenn ich mal wieder vor der Kasse steh'.

Danke, danke, danke!!!


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