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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Verlobung an der Grenze
Eingestellt am 29. 12. 2018 17:28


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Arno Abendschön
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Die Bergketten verliefen sich, wir kamen auf Landstraßen nur noch langsam voran. Obstbaumwälder, die ihre Blüte schon hinter sich hatten. Kleine Städte und Marktflecken, die mir ungarisch vorkamen. Diese langen, niedrigen Häuserzeilen, das verblichene Ocker ihrer Fassaden, sollte das unser Süden sein?

„Wir sind noch nicht an der Grenze. Sie muss weiter südlich sein.“

„Hinter diesen Hügeln? Dann sag mir, wo ich abbiegen soll.“

Doris vertiefte sich in die Karte. Sie ließ mich wiederholt abbiegen. Im Ergebnis gerieten wir immer tiefer in ein System parallel verlaufender, flacher Höhenzüge hinein, zwischen denen unbedeutende Senken von Nord nach Süd strichen. Die Landschaft war so regelmäßig wie das Straßennetz undurchschaubar. Aus einem Flugzeug wäre die Orientierung sehr einfach gewesen.

Die Sonne sank ihrem Untergang immer rascher entgegen. Ihr Licht füllte diese lächerlichen Gräben schon nicht mehr aus. Ich fuhr durch tiefen Schatten eine kleine Anhöhe hinauf, von deren überraschend scharfem Grat es nach kurzem wieder sanft abwärts ging. Dabei blendete mich die Sonne. Doris ließ mich an der nächsten Verzweigung nach Osten abbiegen, ich glaube, nur aus Mitleid. Wir erreichten bald wieder den Grat, und die Straße folgte ihm doch endlich einmal geradewegs nach Süden. Sie war gesäumt von kleinen ländlichen Anwesen, die so aussahen, als hätten ihre Besitzer den endgültigen Ausstieg aus allem bereits geschafft. Wahrscheinlicher war, sie waren niemals irgendwohin aufgebrochen.

Um eine barocke Kirche, rosarot und weiß, die in der Dämmerung schon angestrahlt war, verdichteten sich die Häuser. Einem Straßenschild zufolge erhob die Häusergruppe den Anspruch, als Marktgemeinde zu gelten. Als ich beim Kirchenwirt anhielt, sah mich Doris fragend an.

„Wir können morgen immer noch bis an die Grenze, nach Radkersburg, meine ich. Fragen wir hier nach einem Zimmer?“

Vom Parkplatz übersah man einen großen Ausschnitt rasch dunkler werdenden Landes. An vielen Stellen flammten jetzt auf den Kämmen Lichter in den vereinzelten Häusern auf. Nur im Süden, wo es eben zu sein schien, herrschte fast ungestörte Finsternis.

Eine kleine alte Frau trat aus einem flachen und fensterlosen Gebäude, eine Milchkanne hing ihr von der rechten Hand herab, fast bis zum Boden. Daraus schloss ich, dass sie vom Melken kam.

„Sie suchen etwas für die Nacht? Nur für eine Nacht?“ Sie führte uns zu einem anderen niedrigen Gebäude mit flachem Dach. Jedes der wenigen Zimmer hatte eine eigene Tür auf den Parkplatz hinaus. Das gefiel uns auf Anhieb, auch mangels anderer herausragender Vorzüge. Die Wirtin ließ uns einziehen und wir brachten unser Gepäck hinein. Wir würden ja nachher in die Gaststube hinüberkommen, um dort zu nachtmahlen, sagte sie. Vermutlich gab es im Umkreis von zehn Kilometern sonst keine Gelegenheit dazu.

Doris sagte: „Sieh einmal, wie klein das Fenster ist. Sie schützen sich vor der Sonne. Das ist der Süden.“

Die Gaststube war mittelgroß, die meisten Tische waren besetzt. Wir fanden für uns einen freien nahe dem Eingang. Nur saßen wir dabei über Eck. Ich überblickte den Großteil des Lokals und spürte ab und zu den Luftzug von der sich öffnenden Eingangstür her. Doris sah nur den Schanktresen vor sich. Wir vermissten die Wirtin. Sie zeigte sich an diesem Abend nicht mehr. In dem älteren Mann mit der graugrünen Strickweste, der zeitweise neben uns Bier zapfte, die meiste Zeit allerdings weiter hinten bei Stammgästen kiebitzte, vermuteten wir den Wirt. Dann gab es noch ein Servierfräulein, das auch uns bediente. Sie lief geschäftig zwischen den Tischen, dem Tresen und der Durchreiche hin und her. Das Wurzelfleisch erschien auf unserem Tisch.

„Schau, sie haben auch Kernöl. Aber passt es dazu?“

Ich zuckte die Achseln. „Bin nicht kompetent in solchen Fragen.“

„Kompetent … Worin bist du als Polizist kompetent? Verbrechen?“

Ich ging darauf ein: „Ordnung, positiv ausgedrückt. Magst du sonst Kernöl?“

„Ja, sehr sogar. Mama hasst es. Kernöl und ihre böhmische Küche – unmöglich für sie … Stellst du mich bald einmal deinen Leuten daheim vor?“ Da wurden aus dem Stegreif Ansprüche formuliert, es verdross mich sogleich.

„Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Soll ich dann dafür sorgen, dass Kernöl im Hause ist?“ Ich spürte wieder den Luftzug, sah eine Silhouette vorbeitänzeln. „Glaubst du“, sagte ich, um meine Verwirrung zu verbergen, „dass diese Saaltochter die Tochter des Hauses ist?“ Wenn ich es schweizerisch ausdrückte, so war das eine ironische Nebelkerze. Er war mehr als ansehnlich - blendend, auf den ersten Blick.

Doris musterte das Fräulein. „Nein, sie wirkt nicht so.“

„Woran erkennst du es?“

„Die Haltung, die Miene … Ihr Profitinteresse scheint mir eher weniger ausgeprägt.“

Ich bewunderte ihren Scharfsinn. Nun, sie war selbst eine Wirtstochter, doch ihr Auge war nicht so scharf, dass sie die Hauptrichtung meines Blickes entdeckt haben konnte. Ich war mir so gut wie sicher, sie nahm nur das frei Schwebende darin wahr. Dem Unwissenden verrät es nichts. Ich schien mich hoffentlich nur mäßig für die Bauern dahinten zu interessieren. Er saß jetzt neben ihnen auf der Ofenbank, schwarzhaarig, viel glänzender schwarz als mein eigenes Haar. Er hatte zu ihnen etwas durch die Zähne gesagt, ihren Blicken nach etwas für sie Unverständliches. Dennoch rückten sie zur Seite, mehr als nötig.

Ein harmonischer Anblick hängt auch vom richtigen Abstand oder Blickwinkel des Betrachters ab. Fehlt er oder ändert sich die einmal erreichte ideale Perspektive, dann wird der Gesamteindruck rasch unerfreulich. Ich ahnte schon, die Faszination des Fremden war von dieser Art. Er würde erst lächeln und dann zu reden anfangen und sich als ziemlich gewöhnlich und keineswegs mehr begehrenswert erweisen. Ich wollte die Stärke seiner Anziehungskraft auf mich ermessen, indem ich ihren Verfall studierte. Diesen Ablauf hatte ich schon wiederholt erlebt. Man ist danach angenehm enttäuscht und man schläft gut. Mir erschien das als eine passende Vorbereitung auf unsere Verlobung.

All das konnte ich so natürlich nicht vor Doris analysieren. Sie wollte zurück auf das Zimmer. Da legte ich ihr nahe, schon einmal vorzugehen: als wären wir ein altes Ehepaar.

„Ich brauche noch ein Viertel vom Wein. Weißt du, die Fahrt war recht stressig.“

Sie zuckte ein wenig zusammen, doch sie hatte sich in der Gewalt. „Du hast Recht, ich kann ja auch drüben warten. Nimm dich aber in Acht … vor diesem Schilcher.“ Damit verschwand sie schon. Wenn sie ein wenig verstimmt war, so war ich es auch. Meine Absichten waren durchaus ehrbar, ich konnte ihr nur nicht erklären inwiefern.

Jetzt aß er, hingebungsvoll. Er war so sehr mit Essen beschäftigt, dass ihm der Weggang von Doris entging. Vorher hatte er einige Male mit dem Anschein von Arglosigkeit zu uns herübergesehen. Er aß langsam. Es dauerte seine Zeit, bis mein zweites Glas Wein auf dem Tisch stand. Dann war er endlich mit Essen fertig, und nun fiel sein Blick über das erhobene Bierglas hinweg wieder einmal auf mich, auf den leeren Platz neben mir. Er stutzte. Für Sekunden blieb das Glas in der Luft: als ob er sich daran festhalten wollte. Ich lachte ihn an, voller Anerkennung. Er war geschmeichelt und zeigte es. Seine Augen blitzten. Und blies er nicht sogar die Backen ein wenig auf? Es tat ihm keinen Abbruch.

Wir tranken beide absichtlich langsam den jeweiligen Rest aus. Als er gezahlt hatte und weggegangen war, lieĂź auch ich den Wirt kommen.

Ich traf den anderen dann auf dem Parkplatz neben seinem Lastwagen. Der lange, hohe Kasten verdeckte jetzt die Sicht auf den Stall. Er ging am Fahrzeug auf und ab, offenbar bereit, einzusteigen und abzufahren.

Ich fragte, wo es hingehen solle.

Er war aus Deutschland und fuhr regelmäßig von Dortmund nach Saloniki. Als er anfing zu reden, kam mir die Erinnerung an einen schlecht funktionierenden Kinovorhang. Wenn er sich erst nicht öffnet und dann mit einem Ruck aufspringt, kann es vorkommen, dass die Stoffbahnen seiner Segmente den Vorspann auf der Leinwand einige Momente lang in isolierte Streifen zerlegen, Fragmente, die kein Gesamtbild ergeben. Ähnlich zersetzend auf seine zuerst so blendende Erscheinung wirkten seine Redeweise mit dem häufigen Nä? und sein unsteter Blick dabei.

Er esse oft hier oben, wo es reichlich und billig sei, und wolle jetzt einen Parkplatz in der Nähe ansteuern: „Zum Pennen, nä?“ Witterte er schon den Gendarmen in mir, auf seine Weise doch schlau, wie primitiv auch sonst?

„Deine Braut vorhin? Die bei dir am Tisch war … Schläft schon, nä?“

„Nein, das war meine Schwester.“ Es kam mir ohne Absicht über die Lippen. Von einem Reflex kann man nicht sagen, er sei eine Lüge.

Sein Interesse an mir nahm zu. Es war deutlich zu sehen, wie meine Auskunft ihn belebte. Er sah mich erwartungsvoll aus feucht schimmernden groĂźen Augen an. Ich kam mir beinahe vor wie sein Abendessen vorhin. Aber ich wollte schon nichts mehr von ihm.

„Auch für mich ist es Zeit. Komm gut nach Saloniki.“ Ich hörte ihn noch wegfahren, als ich die Tür zu unserem Zimmer aufstieß.

Doris stellte sich schlafend, und zwar so, dass ich ihre Verstellung bemerken musste. Ich glaube, auf diesen Augenblick hatte sie zwei Stunden lang warten müssen. Ich legte mich neben sie hin. Sie schlief dann bald wirklich ein, und ich lag fast bis zum Morgen wach. Nach dieser Nacht, das stand mir beständig vor Augen, würden wir uns trotz allem wie verabredet verloben. Nur die Grenze war noch weiter weg.


Version vom 29. 12. 2018 17:28

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Willibald
???
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Eine ungewöhnlich sorgfältig er/gearbeitete Erzähl-Geschichte.
Sie bleibt nicht einmal dann stumm, wenn sie nicht gelesen wird.
Wirkungsvoll auch als Findling aus einem Romantext. Ein Regenbogen, der, minder grell als die Sonne,strahlt in gedämpftem Licht(, meint Friedrich Hebbel).

Herzliche GrĂĽĂźe

ww
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alis nil gravius

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