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Leselupe.de > Science Fiction
Die Zukunft ist unser
Eingestellt am 24. 06. 2008 20:46


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angela
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Bereits mit sechzig Jahren begann ich, mich f├╝r den Altersmarathon vorzubereiten.
Eigentlich hasse ich es, zu laufen. F├╝nf Kilometer auf Zeit erst recht.
Aber ich blieb eisern im Training und bin mit f├╝nfundsiebzig immer noch gut in Form.
Auch dieses Jahr werde ich dabei sein, wobei mein einziges Ziel ist, unter die ersten f├╝nfhundert zu kommen.
Ihr glaubt nicht, wie schwer das ist, wenn einem die linke H├╝fte bei jedem Schritt schmerzt und das rechte Knie angeschwollen ist.
Aber egal, ich halte durch und bin eine Siegerin.
Wie seit zehn Jahren.

Meine Seite schmerzt, meine Knie k├Ânnen nicht mehr, allein mein unbedingter Wille, am Ziel anzukommen, h├Ąlt mich aufrecht.
Ich laufe, setze eisern einen Fu├č vor den anderen und sehe weder zur├╝ck noch auf die, die vor mir sind.
Ich habe keine Ahnung, ob es diesmal reichen wird.
Der L├Ąufer vor mir ist meine Marke. Wenn ich es schaffe, ihn zu ├╝berrunden, habe ich einen Konkurrenten weniger. Hinter mir keucht eine Frau so laut, als w├╝rde sie jeden Moment zusammenbrechen. Ab und zu ist das der Fall, denn einige Teilnehmer ├╝bersch├Ątzen ihre F├Ąhigkeiten, bekommen einen Schw├Ącheanfall oder werden ohnm├Ąchtig.
Nichts, was mir passieren wird, denn ich bin stark und werde es bis ins Ziel schaffen.

Der Mann vor mir wankt, ein Apfel hat ihn getroffen. Es ist ihnen zwar verboten, nach den L├Ąufern zu werfen, aber f├╝r die Jugendlichen ist es Mutprobe und Spa├č zugleich, es dennoch zu versuchen und auf diese Weise einen von uns aus dem Rennen zu kicken.
Ich nutze die Chance und ziehe an meinem Vorl├Ąufer vorbei. Blut rinnt ihm ├╝ber das Kinn, seine Nase ist abgeknickt, aber er hat sich bereits wieder gefangen und l├Ąuft weiter.
Als der n├Ąchste Apfel meine Schulter trifft, denke ich kurz, es w├Ąre etwas gebrochen. Zum Gl├╝ck ist es ist nur der Schreck und der dumpfe Schmerz, der mich kurz langsamer werden l├Ąsst.
Einen Fu├č vor denn anderen, immer weiter. Nicht aufgeben, laufen.

Als wir abstimmten, den Altersmarathon und die ├ťberpr├╝fung der 'geistigen Reife' einzuf├╝hren, war ich drei├čig Jahre und es klang alles so ├╝berzeugend.

ÔÇ×Wir m├╝ssen an die Zukunft unserer Kinder denken. Nat├╝rlich sind die Renten f├╝r uns alle sicher und jeder, der was anderes sagt, l├╝gt! Aber wir m├╝ssen vern├╝nftig sein. Es wird Pr├╝fungen geben, die jeder mit etwas guten Willen leicht bestehen kann und wenn nicht, wird niemand leiden m├╝ssen.ÔÇť
All diese Spr├╝che hatte ich so oft geh├Ârt, dass sie bis heute wie in mein Gehirn eingebrannt sind.
Auch ich hatte, wie so viele, daf├╝r gestimmt, eine faire, gerechte Auswahl zu treffen.
Wir konnten uns keine debilen, sabbernden, undankbaren und lebensm├╝den Alten leisten, mussten eine L├Âsung f├╝r unsere negative Alterspyramide finden und es klang so einfach. Ab f├╝nfundsechzig musste jeder von uns mit einfachen, leicht zu bew├Ąltigenden Tests nachweisen, dass er ein Anrecht auf eine Rente und Krankenversorgung hatte und nicht nur ein ├╝berfl├╝ssiger Kostenfaktor war und besser von seinem traurigen Zustand erl├Âst wurde.

Nur hatte uns niemand gesagt, dass das Niveau der Pr├╝fungen den Zahlen der 'Auszusortierenden' angepasst werden musste.

Wobei die Mathepr├╝fungen und Logiktests nie eine Schwierigkeit f├╝r mich darstellten. Gleichungen mit zwei Unbekannten m├Âgen f├╝r andere unl├Âsbar sein, nicht f├╝r mich. Zur Not k├Ânnte ich sogar eine Vektorrechnung und eine Integralrechnung schaffen. Das w├╝rde mich nicht umbringen.

Die Marathonl├Ąufe finden im Gegensatz zu den anderen Pr├╝fungen in der ├ľffentlichkeit statt und sind ├╝ber die Jahre zu wahren Volksfesten geworden. Nicht, dass ich vor meinem f├╝nfundsechzigsten Geburtstag zu Unterhaltungszwecken daran teilnahm, ich besuchte sie, weil es wichtig war, zu wissen, was mich dort erwartete.

Dort sehe ich das Ziel! Endlich! Ein gelbes Schild. Ich habe keine Ahnung, welchen Rang ich habe, aber der Blick auf das nahe Ende l├Ąsst mich noch einmal schneller werden. Der Mann mit der gebrochenen Nase ist jetzt direkt hinter mir und ich wei├č, dass er mich nicht ├╝berholen darf.
Im Ziel h├Âre ich den jungen Mann, der mir gleich meine neue Ohrmarke mit dem Lebensberechtigungschip verpassen wird, laut rufen: ÔÇ×Nummer f├╝nfhundert! Ab jetzt ist Schluss.ÔÇť
Ich habe es unter die ersten f├╝nfhundert geschafft! Ein weiteres Jahr f├╝r mich.

Hinter mir beginnt das leise Wehklagen und Jammern der Teilnehmer, die die Anforderung der k├Ârperlichen T├╝chtigkeitspr├╝fung nicht erf├╝llt haben. Was nun folgt, geht schnell, denn die Sanit├Ąter stehen bereit und sind gut geschult. Niemand soll unn├Âtig leiden, ist die Devise.

Ich mache den Fehler und sehe zur├╝ck. Der Mann auf Platz f├╝nfhunderteins blickt mich mit seinen ehemals wundersch├Ânen blauen Augen an. Ich sehe keinen Vorwurf und keinen Hass in ihnen, nur Resignation, Ersch├Âpfung und Trauer. Eine Sanit├Ąterin ist bereits bei ihm und spritzt das Gemisch von Barbituraten und Kaliumchlorid in seine Armvene. Es wirkt schnell, seine ger├Âteten Augen werden starr, bevor er zusammenbricht.
Der Tote ist nicht mehr mein Ehemann, den ich mehr als f├╝nfzig Jahre kannte, nur noch seine H├╝lle.

Im n├Ąchsten Jahr werde ich an seiner Stelle sein.

Version vom 24. 06. 2008 20:46

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Asmodeus
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Hallo Angela!

Du hast das Thema sehr eindringlich und auch treffsicher in Szene gesetzt. Derartige Selektionsgeschichten sind schon immer harter Tobak, und es ist wohl nicht ganz leicht, die richtige Linie zu finden. F├╝r meinen Geschmack sind die "Endl├Âsung der Altenfrage" und die Pointe allerdings etwas zu derb.

Du hast das Geschehen relativ zeitnah in Szene gesetzt, ich als Leser sehe so 30, 40 Jahre in die Zukunft. Vor diesem zeitlichen Aspekt erscheint mir die in Aussicht gestellte "L├Âsung", also Ermordung der Alten, als etwas zu hoch gegriffen. Ich h├Ątte eher dazu tendiert, den Einzug in ein Altenreservat mit allem erdenklichen medizinischen Schnickschnak in Aussicht zu stellen, wohingegen die "Looser" ab in die atomaren Endlager wandern, um dort bis zum n├Ąchsten Rennen zu schuften. Aber das ist nat├╝rlich nur meine pers├Ânliche Ansicht.

Dass die Erz├Ąhlerin am Ende enth├╝llt, dass der L├Ąufer vor ihr der Ehemann ist, zeitigt zwar einen Knackeffekt am Ende, er ├╝berzeugt mich aber nicht; h├Ątte jemand von einem Menschen, mit dem man eine so lange Zeit zusammen lebte, tats├Ąchlich derart entfremdet gesprochen? Allerdings klingt die Quintessenz, "den ich mehr als f├╝nfzig Jahre kannte", nun wiederum auch nicht nach der gro├čen Liebe...

Etwas Formales: Was mich beim Lesen in der Tat etwas gest├Ârt hat ist die Art und Weise, wie du Abs├Ątze verwendest. Bereits zu Beginn folgen in 8 Zeilen sieben S├Ątze und ebenso viele Abs├Ątze. Danach sieht es nicht viel anders aus; und um die Verwirrung komplett zu machen, verwendest du auch noch Leerzeilen. Als Leser kann ich aber nicht erkennen, welchen (strukturierenden) Sinn diese Leerzeilen gegen├╝ber den Abs├Ątzen haben.

Ich hoffe, du kannst mit meinen Einw├Ąnden etwas anfangen.


Herzlich,

Asmodeus
__________________
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angela
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Hallo Asmodeus,
das mit den Leerzeilen habe ich mir m├╝hsam beigebracht und ich war echt stolz, es mal nicht vergessen zu haben.
Es sollte eigentlich die Lesbarkeit verbessern, aber scheint nicht so geklappt zu haben. Sonst ist die Geschichte nat├╝rlich ├╝bertrieben.
Ich hatte allerdings eine andere, realere Beschreibung im Hinterkopf. Von Eli Wiesel, wie er beschreibt, wie sein Erz├Ąhler, vermutlich er selbst, im KZ darauf wartet, seinem sterbenden Vater endlich das Brot aus den toten H├Ąnden rei├čen zu k├Ânnen, w├Ąhrend der versucht, sich von ihm zu verabschieden.
Dann beschreibt er auf dem Todesmarsch den alten Rabbiner, der am Ende des Zuges verzweifelt seinen Sohn sucht. Der hatte sich aber l├Ąngst nach vorne begeben, heimlich von dem Alten abgesetzt, um bessere ├ťberlebenschancen zu haben. Was ihm nichts nutzte.
LG
angela

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lapismont
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Hallo angela,

die Grundidee ist ja nicht g├Ąnzlich neu. Rentenlotterien, Pr├Ąmien f├╝r get├Âtete Rentner und dergleichen gibt es schon. Du erstellst eine Variante, indem Du die Rentner f├╝r ihren ├ťberlebensanspruch laufen l├Ąsst.
Deine Handlung beschr├Ąnkt sich auf diesen Auswahlmarathon. Hintergrund und Figurencharakterisieren bindest Du hier ein.

Dabei sehe ich mehrere Probleme.

# Die Hauptfigur besteht im Wesentlichen nur aus der Entscheidung f├╝r diese Art von L├Âsung des Rentnerproblems und der k├╝hlen Distanz zum Tod ihres Mannes. Das ist recht wenig. Nicht einmal einen Namen hat sie.

# Der Hintergrund wird unmotiviert w├Ąhrend des Laufes dargelegt. Es ist ja nicht der erste Lauf. Warum sollte sie gerade jetzt dar├╝ber plaudern, zudem noch in diesem Vortragsstil?

# Von der Pr├Ąsentation abgesehen, verstehe ich das ├äpfelwerfen nicht ganz. Wenn das nicht verhindert wird, ist die Chance doch eh recht gering, dass ├╝berhaupt 500 den Spie├črutenlauf ├╝berstehen.

# Die Pointe mit ihrem Mann ist zynisch und ebenfalls unmotiviert. Da wir vorher nichts ├╝ber ihre Beziehung erfahren, ist es egal, ob es ihr Sohn, ihr Liebhaber oder ihr Exchef ist. Als Leser bringt mich das in Bezzug auf die Geschichte nicht weiter.

Als ├änderungsm├Âglichkeit fiel mir ein, dass man die Laufmonologe mehr dem Schrittrhythmus anpassen k├Ânnte. Also k├╝rzere S├Ątze und mehr zu sich selbst.
Etwa:
Dumme Kuh, bist ja selbst schuld. Hast ja zugestimmt, damals. Schien ja so leicht. Lauf um die Rente, wer fit ist, lebt weiter. Dumme, alt Kuh, nunn rennst Du. Wenn das noch rennen ist. Und Paul! Gestern noch schw├Ârt er Liebe, auf immer! Ha! Heimlich ge├╝bt hat er! H├Ątte ihn rausschmei├čen solln, gleich nach der Blonden. Die olle Zicke! Nicht mal unter den ersten tausend kam die! Kam eh nur im Bett.

Das ist nat├╝rlich nur ein Vorschlag f├╝r die stilistische Richtung.

cu
lap
__________________
Kunst passiert.

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