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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine Frage der Ehre
Eingestellt am 08. 12. 2017 06:56


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Resjek
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2016

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Am Stammtisch sass ein schwarzhaariger Mann mit einer dunklen Lederjacke, die an Ärmeln und Schultern mit weisser Farbe oder Gips verschmiert war.
Da sonst kein Tisch frei war, setzte ich mich zu ihm und begann die Zeitung zu lesen.
Der Mann sass mit verschr├Ąnkten Armen da und starrte mit gesenktem Kopf auf die Tischplatte. Pl├Âtzlich hielt er das leere Glas in die H├Âhe
und rief:
"Noch eins, Maria!"

Als die Kellnerin das Bier brachte, beugte er sich zu mir her├╝ber und sagte:
"Gegen die Putzwut kannst du gar nichts machen, gar nichts."
Ich schaute in seine m├╝den Augen und er fuhr fort:
"Ich habe es ja auch gerne sauber, aber man kann alles ├╝bertreiben."

Ich legte die Zeitung weg und wandte mich ihm zu. Mir war klar, dass er
├╝ber etwas reden wollte, das er nur einem Fremden mitteilen konnte, den er nie mehr sehen w├╝rde.
Er wollte etwas preisgeben, das ihn offenbar bedr├╝ckte, vielleicht ein Geheimnis. Ein Fremder w├╝rde damit weggehen und das Geheimnis mit ihm.

"Sie macht mich noch ganz verr├╝ckt damit," sagte er mit belegter Stimme.
"Jetzt leg doch endlich den verdammten Lappen weg und setz dich hin, ruh dich aus, habe ich ihr immer wieder gesagt, aber ein paar Minuten sp├Ąter rannte sie mit dem Staubsauger herum."
Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas und fuhr sich mit der Zunge ├╝ber die Lippen.

"Vielleicht hat es damit zu tun, dass ihr Mann vor sieben Jahren spurlos
verschwunden ist,in Australien oder Neuseeland, aber sie redet nicht gerne dar├╝ber."
Dann schwieg er eine Weile, r├Ąusperte sich und sagte mit einem verschw├Ârerischen Unterton:
"Ich kenne dich nicht und du mich auch nicht, also h├Âr zu: Heute morgen war ich in ihrem Keller. Sie hat ein kleines Haus am Stadtrand und ich wollte ein paar Flschen einlagern f├╝r die Festtage. Ursula war in die City gefahren, um Eink├Ąufe zu machen."

Da fiel mir pl├Âtzlich auf, wie schlecht verputzt die eine Wand war. Nur die eine.
In der Mitte breitete sich ein grosser, gelblicher Fleck aus und ein Netz
haard├╝nner Risse ging von einer Ecke zur andern.
Da hat einer b├Âs gepfuscht, dachte ich und fuhr mit der Hand ├╝ber den Putz.
Pl├Âtzlich l├Âste sich ein St├╝ck, und dann noch eines, der Gips rieselte der Wand entlang zu Boden. Ich fluchte wegen der Sauerei.
Aber dann war mir das egal, ich bin ja selbst Gipser und sollte sehen, was
der Andere f├╝r einen Mist gebaut hat. Also habe ich an dem Loch herumgemacht, bis es gross wie ein Teller war und ein dunkler Fetzen Stoff zum Vorschein kam."

Er atmete schwer, schwieg eine Weile, blickte sich nerv├Âs im Lokal herum,
um dann schnell weiterzufahren:
"Nat├╝rlich habe ich an dem Fetzen gezogen, ich Idiot, obwohl ich wusste, dass da etwas faul war."

Er leerte das Glas mit einem einzigen Schluck, beugte sich noch n├Ąher zu mir hin├╝ber und sagte halblaut:
"Da ist eine Hand herausgefallen, verstehst du, oder was davon ├╝briggeblieben ist, alles brandschwarz, verdammt nochmal, ich Volldiot!"

Er lehnte sich zur├╝ck und schaute mich an, wie jemand, der verzweifelt Rat
sucht und genau weiss, dass es keinen gibt.
Als die Kellnerin vorbeiging, hob er nur kurz das Glas und sagte nichts.
Auch als das neue Bier vor ihm stand, schwieg er immer noch.
Dann atmete er h├Ârbar aus und sagte:
"Ich bin dann nach oben gegangen, habe mich an den K├╝chentisch gesetzt
und erst mal einen kr├Ąftigen Schluck Korn genommen. Ich weiss nicht, wie
lange ich dagessen bin, aber pl├Âtzlich hatte ich eine Idee. Ich fuhr zum n├Ąchsten Baumarkt, kaufte Qulit├Ątsputz, eine Isolationstapete und einen K├╝bel weisser Farbe.

Eine halbe Stunde sp├Ąter war ich wieder im Keller und begann mit der
Arbeit. Gegen drei Uhr war ich fertig. Ich verglich die Wand mit den andern.
Nur ein Fachmann konnnte einen Unterschied sehen. Ich mache gerne ganze Sachen."

Nach den letzten Worten lachte er kurz auf, hob das Glas an die Lippen
und schaute mich ├╝ber den Rand hinweg an. Seine Augen waren ganz klein geworden und seine H├Ąnde zitterten leicht.
Ich legte das Geld auf den Tisch, nickte ihm freundlich zu und ging. Als ich
schon bei der T├╝re war, h├Ârte ich ihn rufen:
"Noch eins, Maria,"




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aligaga
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Registriert: Sep 2014

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Die "Leiche im Keller" ist ein beliebtes Requisit, das immer wieder gern zur Hand genommen wird, wenn man was erz├Ąhlen m├Âchte.

Hier in diesem St├╝ck erfahren wir, au├čer, dass es sie gibt, nichts Wesentliches. Als Besonders sticht h├Âchstens hervor, dass der Ich-Erz├Ąhler in einer voll besetzten Kneipe so mir nichts, dir nichts an einem Stammtisch neben einem Gipser unterkommt, offenbar lesen kann und mit einer Mord-Mitwisserschaft rein gar nichts anzufangen wei├č.

Das ist ein bisschen arg d├╝nn.

Merkw├╝rdig auch, dass er's nicht mal fertig bringt, sein Bier ordentlich bei "Maria" zu bezahlen, sondern das Geld schn├Âde am Tisch liegen l├Ąsst. Na dann ...

Leuz gibt's!

heiter

aligaga

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Resjek
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Eine Frage der Ehre


Danke, Silberne Delfine f├╝r deine R├╝ckmeldung.

Ich denke, eine Geschichte, die den
Leser zu Gedankenspielen anregt, hat ihren Zweck erf├╝llt. Der Leser macht sie sich dadurch
zu eigen. Wie der Mann mit seiner Partnerin und ihrem Geheimnis weiterlebt, ist deiner Fantasie
├╝berlassen.
Das ist schon mehr als ein Autor erwarten kann.

In diesem Sinne heiter und vergn├╝gt

Resjek

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