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Leselupe.de > Ungereimtes
Erdgefärbt
Eingestellt am 23. 09. 2015 11:30


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Monochrom
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2012

Werke: 47
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Erdgefärbt

Am Bahndamm gruben sie
eine Höhle mit zwei Räumen einem Fenster.
Sperrmüllmöbel und eine Feuerstelle, einige blieben
über Nacht, wenn es zuhause krachte.

Im Strom der Zuckerrübenzüge zogen wir
ein und aus mit Schätzen, später
rauchten wir dort Joints, fickten
die angesagten Mädchen aus der unteren Schulklasse.

Von der Höhle blickten wir ins Tal,
auf den Bauhof und die Getränkefabrik,
in der fingen einige an zu arbeiten, blieben fern,
andere zogen weg und verschwanden.

Unsere Höhle ist eingestürzt, wir sind im Tal,
und die Droge ist Erinnern. Bevor die Tage enden,
mögen andere eingezogen sein,
noch ahnungslos, sie sind verurteilt zum Leben.

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Frodomir
Häufig gelesener Autor
Registriert: Sep 2015

Werke: 6
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Hallo Monochrom,

dein Gedicht Erdgefärbt gefällt mir sehr gut. Es erinnert mich ein wenig an die Sprache in Clemens Meyers Roman Als wir träumten, aber das mag daran liegen, dass auch dein Gedicht eine verlorene Kindheit zu beschreiben scheint, deren Auswirkungen nun im Erwachsenenalter sichtbar werden.

Die erste Strophe stellt die Frage nach Heimat und Heimatlosigkeit:

quote:
Am Bahndamm gruben sie
eine Höhle mit zwei Räumen einem Fenster.
Sperrmüllmöbel und eine Feuerstelle, einige blieben
über Nacht, wenn es zuhause krachte.

Meiner Meinung nach hast du diese Frage sehr gut umgesetzt, da du den Bahndamm, der u.a. die Assoziationen Ferne, Reisen, Freiheit erlaubt, der Höhle gegenüberstellst, die ein zwar ungemütliches, aber sicheres Versteck darstellt. Durch die Probleme des eigentlichen Zuhauses wird dies ein Ort der Zuflucht, der sich durch die Nähe zum Bahndamm zu einem Ort der Flucht steigert. Die Sperrmüllmöbel und die Feuerstelle machen den flüchtigen Eindruck perfekt.

In der zweiten Zeile überlege ich, ob nicht ein Komma nach Räumen die bessere Variante wäre, da du ja eine durchgehend richtige Interpunktion verwendest, andererseits gefällt mit der Sprachfluss ohne Satzzeichen an dieser Stelle ganz gut.

In der zweiten Strophe ist der Wechsel des Personalpronomens besonders interessant, da er das Gedicht um eine Zeitebene nach vorn versetzt:

quote:
Im Strom der Zuckerrübenzüge zogen wir
ein und aus mit Schätzen, später
rauchten wir dort Joints, fickten
die angesagten Mädchen aus der unteren Schulklasse.

Damit wird der Symbolwert der Höhle deutlich, welche nunmehr einen Platz der Freiheit darstellt, den alle Kinder und Jugendlichen benötigen, um sich gegen die Erwachsenenwelt abzugrenzen. Die rohe Sprache (ficken) unterstreicht sowohl die Höhle als Ort, sich ungehemmt auszuleben als auch ein vermeintlich gescheitertes Elternhaus, in dem ungezügelte Sitten unter den Erwachsenen herrschen.

Die dritte Strophe macht dieses Werk ganz zu einem "Entwicklungsgedicht", da hier nun die Erwachsenenwelt nicht gerade vielversprechend droht:

quote:
Von der Höhle blickten wir ins Tal,
auf den Bauhof und die Getränkefabrik,
in der fingen einige an zu arbeiten, blieben fern,
andere zogen weg und verschwanden.

So wird mit dem Bauhof und der Getränkefabrik eine gewisse Perspektivlosigkeit der lyrischen Protagonisten offenbar, die sich dadurch verstärkt, dass beinahe beiläufig erwähnt wird, einige würden arbeiten, andere eben nicht. Eine alles-egal-Stimmung dominiert, die augenscheinlich durch mangelnde Perspektiven ausgelöst wird. Dadurch und durch das Verschwinden mancher Leute könnte dieses Gedicht ein sehr gutes Nachwendegedicht sein.

In der letzten Strophe kommt man nun endgültig in der Resignation an. Bevor die Tage enden ist dabei meiner Meinung nach ein besonders gut gewählter Nebensatz, da er die gescheiterte Entwicklung von der Kindheit an nun bis zum Tod weiterführt. Auch für die nachfolgenden Generationen gibt es wenig Anlass zur Hoffnung, nur das Wörtchen mögen impliziert eine geringe Möglichkeit zur Verbesserung der Lage, da es sonst hieße: werden andere eingezogen sein.

Das Einziehen ist wohl aber ein kleines Problem, da die Höhle zwei Zeilen weiter oben, wenn auch vielleicht nur symbolisch, eingestürzt ist. Textlogisch dürfte also nicht unerwähnt bleiben, dass die Anderen sich ihre Höhle erst noch graben müssen.

In meinen Augen hast du aber einen ganz starken Text verfasst, der noch gewinnen könnte, wenn die letzte Zeile hieße:

noch ahnungslos verurteilt zum Leben.

Viele Grüße
Frodomir

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Monochrom
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2012

Werke: 47
Kommentare: 285
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Hi,

@Frodomir:
Danke für das Lob.

Zu Deinen Einwänden:

Du hast sehr richtig erkannt, dass die Höhle immer wieder, Generationenweise,
zum Zufluchtsort wird.
Vom unbestimmten "sie" wechselt der Text zum persönlichen "wir".

Die Höhle entwickelt sich im Lauf der Textes ebenfalls. Sie wird von einem Objekt
zu etwas wie einer Heimat, einem Fluchtpunkt, und zum Ende ist sie ein
ideeles Konstrukt, das eben einstürzt, während es anderen, der kommenden Generation,
offen steht.
So könnte man eben zum Ergebnis kommen, dass die Höhle etwas ganz anderes sein kann,
sie ist ein Begriff, der sich der bildlichen Vorstellung entzieht. Es könnte ein Baumhaus
sein, eine Ruine, ein Dorfplatzeckchen, eben all die Orte, an denen sich Subkultur bildet.

@Franke:
Danke für die Sprachlosigkeit, die ich ebenfalls verspüre, wenn etwas auftaucht, was
in mir einen Blitz der Erinnerung entzündet. Mensch, was waren wir frei und so
unglaublich unschuldig dumm.

Bis denne,
Monochrom

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Vera-Lena
Routinierter Autor
Registriert: Oct 2002

Werke: 667
Kommentare: 10189
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Hallo Monochrom,

ein starker Text, der in seinen gut beschriebenen Etappen zeitlich einen weiten Weg sichtbar macht.

Die Einfachheit Deiner Erzählweise und die Treffsicherheit der Etappen sowie das Doppelte, so dass man einerseits etwas Gegeständliches deutlich vor sich sieht und andererseits doch ahnt, dass hier eine Metapher gemeint sein könnte; diese Dinge sprechen mich sehr an.

Auch Deine letzte Zeile trifft für mich ins Schwarze. Das Leben enthält Prüfungen, denen man sich so manches Mal entziehen möchte, aber es geht weiter, es muss fließen und so kann man sich schon manchmal verurteilt fühlen, weil man auf der Erde zurecht kommen muss.

Ich erfreue mich an Deinem Text.

Liebe Grüße
Vera-Lena


__________________
Der Mensch ist sich selbst das größte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 303
Kommentare: 2910
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Am Bahndamm gruben sie
eine Höhle mit zwei Räumen einem Fenster.
Sperrmüllmöbel und eine Feuerstelle, einige blieben
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Im Strom der Zuckerrübenzüge zogen wir
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Von der Höhle blickten wir ins Tal,
auf den Bauhof und die Getränkefabrik,
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Unsere Höhle ist eingestürzt, wir sind im Tal,
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mögen andere eingezogen sein,
noch ahnungslos, sie sind verurteilt zum Leben.



welch starke und eingängige bildersprache du hier ein leben schenkst. So untypisch für die art von gedichten
die du sonst veröffentlichst.ja so ganz anders und wirklich wunderbar.

so traurig und doch angesiedelt in dem elend das heimat sein kann, in dem heimat nicht mehr ist als eine höhle an der die zeit vorbeigeht, bis auch dort andere einziehen und ihr „nest“ finden, bevor sie flügge werden, oder irre, oder leise zugrunde gehen.

meine begeisterung ist grenzenlos

melancholisch, traurig und doch ist hier jemandes zuhaus

danke
ralf
__________________
RL

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