Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
246 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fahrtwind
Eingestellt am 27. 12. 2008 18:46


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
anbas
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

Werke: 718
Kommentare: 4500
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um anbas eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Fahrtwind

Sie sa├čen auf dem Deck der F├Ąhre, die sie zur├╝ck zum Festland nach Dageb├╝ll bringen sollte. Vor wenigen Minuten hatten sie in Amrum abgelegt und sahen nun zu, wie die H├Ąuser der Insel immer kleiner wurden. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es war ein hei├čer Sp├Ątsommertag, doch der k├╝hle Wind, der ├╝ber das Deck wehte, machte den Aufenthalt in der Sonne ertr├Ąglich. Eigentlich w├Ąre Martin ja gerne mit einer sp├Ąteren F├Ąhre gefahren. So h├Ątte er vielleicht wieder einmal einen dieser herrlichen Sonnenunterg├Ąnge vom Schiff aus erleben k├Ânnen. Doch Maren hatte damals bei der Planung auf eine fr├╝here R├╝ckreise bestanden.

Langsam n├Ąherten sie sich der Insel F├Âhr. Es wurde unruhig auf dem Deck. Viele Amrum-Urlauber nutzten das gute Wetter f├╝r einen Tagesausflug zu der Nachbarinsel und dr├Ąngten zu den Ausg├Ąngen. Maren hatte die Augen geschlossen und ihren Kopf an Martins Schulter gelehnt. Ihre Gesichtsz├╝ge waren entspannt - ganz anders als auf der Hinfahrt.

Martin lie├č seine Blicke gem├Ąchlich ├╝ber das Meer gleiten. Auch er war im Gegensatz zur Anreise wesentlich gelassener. Marens schlechte Laune hatte ihn vor einigen Tagen noch zunehmend daran zweifeln lassen, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, sie zu dieser Reise zu dr├Ąngen.

Maren hasste es, im Urlaub wegzufahren. Es war ihr schon zuwider, wenn sie sich nur gedanklich damit besch├Ąftigen musste. Sie zog es vor, in ihrer freien Zeit zu Hause zu bleiben, es sich in einem Sessel bequem zu machen, zu lesen und abends ein wenig zu spielen oder fernzusehen. Gut - ab und zu einen Spaziergang im nahen Wald oder ein Eis beim Italiener waren auch noch in Ordnung. Aber richtig wegfahren? In der Fremde ├╝bernachten? Sachen ein- und auspacken? Sich auf eine fremde Umgebung einlassen m├╝ssen? - Nein, nicht mit ihr!

Seit acht Jahren waren sie nun zusammen, und Martin hatte sich damit arrangiert, den Urlaub mit ihr zu Hause zu verbringen oder alleine wegzufahren. F├╝r Maren war das nie ein Problem gewesen - sie hatte ja ihren Sessel und ihre B├╝cher. Martin dagegen war immer unzufriedener mit dieser Situation geworden. Es machte ihm im Grunde nichts aus, alleine zu sein. Er liebte es sogar, wenn er auf seinen Reisen und Wanderungen ganz f├╝r sich sein konnte. Doch er sehnte sich zunehmend danach, mit ihr zusammen die sch├Ânen Momente zu teilen, die er unterwegs erlebte. Darum hatte er diesmal auf einen gemeinsamen Urlaub bestanden. Nur eine Woche zusammen wegfahren. Einmal nur. Nach Amrum. Martins Lieblingsinsel. Einmal nur wollte er Maren eines seiner liebsten Urlaubsziele zeigen. Er probierte es mit humorigen ├ťberredungsversuchen, bettelte und machte ihr Vorhaltungen - doch all seine Bem├╝hungen stie├čen auf Granit. Erst, als er mit einer ernsthaften Beziehungskrise drohte, ging sie h├Âchst widerwillig auf seinen Wunsch ein. Zuvor hatte er sich allerdings noch von einer Woche auf f├╝nf Tage herunterhandeln lassen m├╝ssen.

----------

Die Anreise wurde zu einer wahren Tortur - weitaus schlimmer als es sich Maren in ihren ├Ąrgsten Tr├Ąumen ausgemalt hatte. In dem hoffnungslos ├╝berf├╝llten Zug mussten sie sich m├╝hsam zu ihren reservierten Pl├Ątzen durchk├Ąmpfen. Dann kamen sie so versp├Ątet in Dageb├╝ll an, dass sie die F├Ąhre verpassten, und die n├Ąchste fuhr erst zwei Stunden sp├Ąter. Auf Amrum schlie├člich war der Bus von Wittd├╝n nach Norddorf anfangs derart voll, dass sie eingequetscht zwischen anderen verschwitzten Urlaubern kaum Luft zum Atmen hatten. Als sie endlich in ihrer Ferienwohnung angekommen waren, lag Marens Laune weit unter dem Nullpunkt. Ohne auch nur ein weiteres Wort mit Martin zu wechseln, ging sie unter die Dusche und dann ins Bett. Auf seinen Vorschlag, noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen, reagierte sie gar nicht erst. Auch am n├Ąchsten Morgen begr├╝├čte sie ihn nur mit eisigem Schweigen und machte es sich nach dem Fr├╝hst├╝ck demonstrativ mit einem Buch auf dem Sofa bequem.

Wie ein gepr├╝gelter Hund schlich Martin aus dem Haus und war den ganzen Tag ├╝ber alleine am Strand und in den D├╝nen unterwegs. Das war nicht der Urlaub, den er sich gew├╝nscht hatte. Als sie dann gemeinsam zu Abend a├čen, machte er ihr den Vorschlag, zu dem er sich w├Ąhrend des Tages durchgerungen hatte.

"Ich h├Ątte dich nicht zu diesem Urlaub dr├Ąngen d├╝rfen. Wenn du willst, fahren wir morgen nach Wittd├╝n und erkundigen uns, ob wir unsere R├╝ckfahrkarten umtauschen k├Ânnen."

Einen Moment lang sah Maren ihn schweigend an, dann nickte sie: "Es tut mir leid, aber das hier ist echt nichts f├╝r mich. Mir fehlt wirklich alles, um mich wohl zu f├╝hlen."

Martin sp├╝rte sofort den Stich, den diese Aussage bei ihm verursachte. Seine Anwesenheit schien also nicht dazu beizutragen, dass sie sich wohl f├╝hlen konnte. Doch er schwieg lieber, um nicht noch mehr ├ľl ins Feuer zu gie├čen.

----------

Die F├Ąhre hatte inzwischen F├Âhr erreicht. Martin musste schlucken, als er an jene Momente zur├╝ck dachte. Es waren Momente gewesen, in denen er das Ende ihrer Beziehung vor sich gesehen hatte. Liebevoll legte er seinen Arm um Maren und k├╝sste sie auf die Stirn. Sie l├Ąchelte und blinzelte ihn kurz an. Dann schloss sie wieder die Augen und lie├č ihre Gedanken schweifen.

----------

Gleich am n├Ąchsten Morgen fuhren sie nach Wittd├╝n. Dort lie├č sie sich von Martin ├╝berreden, mit ihm zur Seeseite zu gehen, um zumindest einen kurzen Blick auf den Kniepsand zu werfen. Als sie auf der Strandpromenade ankamen und Maren diese weite Sandfl├Ąche vor sich sah, war sie schier ├╝berw├Ąltigt. W├Ąhrend ihrer Urlaubsplanung hatte sie zwar gelesen, dass es sich um eine riesige, bis zu 1,5 km breite und 15 km lange, Sandbank handelte, die direkt mit der Insel verbunden war - doch dieser Anblick erf├╝llte sie mit Ehrfurcht. Wie angewurzelt blieb sie stehen und konnte ihren Blick nicht mehr abwenden.

"Magst du mich alleine lassen?", fl├╝sterte sie nach einiger Zeit.

"Ja klar, ich dreh hier 'ne Runde am Strand und hol dich dann wieder ab", antwortete Martin verunsichert und bem├╝hte sich, Haltung zu wahren.

"Nein, ich will wirklich alleine sein! Fahr zur├╝ck nach Norddorf oder mach, was du willst. Aber lass mich jetzt bitte alleine!"

W├Ąhrend sie das sagte, rannen ihr Tr├Ąnen ├╝ber die Wangen. So tief beeindruckt war sie von der Weite, die da vor ihr lag.

"Und was ist jetzt mit der R├╝ckfahrt? Soll ich die Fahrkarten umtauschen oder nicht?"

"Martin, hau endlich ab und lass mich in Ruhe!", br├╝llte sie ihn daraufhin unter Tr├Ąnen an und rannte hinunter zum Kniepsand.

V├Âllig verst├Ârt schaute er ihr nach, wie sie immer weiter hinauslief und irgendwann nach schier endlos langer Zeit seinen Blicken entschwand.

----------

Maren kuschelte sich enger an Martins Schulter. F├Âhr lag hinter ihnen, und der k├╝hle Fahrtwind strich ihr sanft ├╝ber das Gesicht. In ihren Gedanken war sie wieder auf dem Kniepsand unterwegs, sah und sp├╝rte noch einmal diese wunderbare Weite und erinnerte sich an ihre Freudentr├Ąnen. Es war, als h├Ątte sie etwas entdeckt, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte. An Martin und seine Empfindungen, dachte sie in jenen Momenten nicht. Erst am sp├Ąten Nachmittag, als sie bei ihrer R├╝ckkehr in die Ferienwohnung seine verweinten Augen erblickte, wurde ihr klar, dass es einiges aufzukl├Ąren und zu besprechen gab.

Von da an war eine fr├╝here R├╝ckfahrt kein Thema mehr. Maren verbrachte jeden Tag einige Stunden alleine auf dem Kniepsand. Mal lie├č sie sich einfach nur so ├╝ber ihn hin- und hertreiben, mal setzte sie sich irgendwo in den Sand und las. Im Laufe des Nachmittags zog sie dann mit Martin los, um mit ihm gemeinsam den Rest der Insel zu erkunden.

----------

Das Rattern des Schiffsmotors, die Sonne und der k├╝hle Wind lie├čen Martin immer weiter entspannen. Er hatte Maren eines seiner liebsten Urlaubsziele zeigen k├Ânnen und sie an etwas teilhaben lassen, was f├╝r ihn sehr wichtig war.

"So f├╝hlt sich Gl├╝ck an!", dachte er und lie├č liebevoll seinen Blick ├╝ber ihre weichen Gesichtsz├╝ge gleiten. Sie schien nun tats├Ąchlich eingeschlafen zu sein. Wer wei├č, vielleicht w├╝rde sie ja irgendwann doch noch einmal mit ihm zusammen in den Urlaub fahren - nach Amrum oder woanders hin, in ein paar Jahren vielleicht ÔÇŽ

"N├Ąchstes Jahr bleiben wir aber mindestens eine Woche und fahren mit einer sp├Ąteren F├Ąhre zur├╝ck", sagte sie in diesem Augenblick, und ein spitzb├╝bisches L├Ącheln huschte ├╝ber ihr Gesicht.



__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

Version vom 27. 12. 2008 18:46
Version vom 14. 02. 2009 00:55
Version vom 14. 10. 2009 22:36

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Spaetschreiber
???
Registriert: Sep 2009

Werke: 33
Kommentare: 472
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Spaetschreiber eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Andreas, eine wirklich sch├Âne Geschichte. Da w├Ąr ich gern dabei gewesen oder besser - ich war's ja. Prima geschrieben, die Ruhe ist ansteckend. Eine beruhigende Ruhe sozusagen.

Eines fiel mir auf, die vielen Martins und Maren. Vielleicht k├Ânnen ein paar weg. Ich machs mal. Guck doch mal ob es so auch gehen w├╝rde.


Liebe Gr├╝├če
Tom


Fahrtwind

Sie sa├čen auf dem Deck der F├Ąhre, die sie zur├╝ck zum Festland nach Dageb├╝ll bringen sollte. Vor wenigen Minuten hatten sie in Amrum abgelegt und sahen nun zu, wie die H├Ąuser der Insel immer kleiner wurden. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es war ein hei├čer Sp├Ątsommertag, doch der k├╝hle Wind, der ├╝ber das Deck wehte, machte den Aufenthalt in der Sonne ertr├Ąglich. Eigentlich w├Ąre Martin ja gerne mit einer sp├Ąteren F├Ąhre gefahren. So h├Ątte er vielleicht wieder einmal einen dieser herrlichen Sonnenunterg├Ąnge vom Schiff aus erleben k├Ânnen. Doch Maren hatte damals bei der Planung auf eine fr├╝here R├╝ckreise bestanden.

Langsam n├Ąherten sie sich der Insel F├Âhr. Es wurde unruhig auf dem Deck. Viele Amrum-Urlauber nutzten das gute Wetter f├╝r einen Tagesausflug zu der Nachbarinsel und dr├Ąngten zu den Ausg├Ąngen. Maren hatte die Augen geschlossen und ihren Kopf an Martins Schulter gelehnt. Ihre Gesichtsz├╝ge waren entspannt - ganz anders als auf der Hinfahrt.

Er lie├č seine Blicke gem├Ąchlich ├╝ber das Meer gleiten. Auch er war im Gegensatz zur Anreise wesentlich gelassener. Marens schlechte Laune hatte ihn vor einigen Tagen noch zunehmend daran zweifeln lassen, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, sie zu dieser Reise zu dr├Ąngen.

Sie hasste es, im Urlaub wegzufahren. Es war ihr schon zuwider, wenn sie sich nur gedanklich damit besch├Ąftigen musste. Sie zog es vor, in ihrer freien Zeit zu Hause zu bleiben, es sich in einem Sessel bequem zu machen, zu lesen und abends ein wenig zu spielen oder fernzusehen. Gut - ab und zu einen Spaziergang im nahen Wald oder ein Eis beim Italiener waren auch noch in Ordnung. Aber richtig wegfahren? In der Fremde ├╝bernachten? Sachen ein- und auspacken? Sich auf eine fremde Umgebung einlassen m├╝ssen? - Nein, nicht mit ihr!

Seit acht Jahren waren sie nun zusammen, und Martin hatte sich damit arrangiert, den Urlaub mit ihr zu Hause zu verbringen oder alleine wegzufahren. F├╝r sie war das nie ein Problem gewesen - sie hatte ja ihren Sessel und ihre B├╝cher. Er dagegen war immer unzufriedener mit dieser Situation geworden. Es machte ihm im Grunde nichts aus, alleine zu sein. Er liebte es sogar, wenn er auf seinen Reisen und Wanderungen ganz f├╝r sich sein konnte. Doch er sehnte sich zunehmend danach, mit ihr zusammen die sch├Ânen Momente zu teilen, die er unterwegs erlebte. Darum hatte er diesmal auf einen gemeinsamen Urlaub bestanden. Nur eine Woche zusammen wegfahren. Einmal nur. Nach Amrum. Martins Lieblingsinsel. Einmal nur wollte er ihr eines seiner liebsten Urlaubsziele zeigen. Er probierte es mit humorigen ├ťberredungsversuchen, bettelte und machte ihr Vorhaltungen - doch all seine Bem├╝hungen stie├čen auf Granit. Erst, als er mit einer ernsthaften Beziehungskrise drohte, ging sie h├Âchst widerwillig auf seinen Wunsch ein. Zuvor hatte er sich allerdings noch von einer Woche auf f├╝nf Tage herunterhandeln lassen m├╝ssen.

----------

Die Anreise wurde zu einer wahren Tortur - weitaus schlimmer als es sich Maren in ihren ├Ąrgsten Tr├Ąumen ausgemalt hatte. In dem hoffnungslos ├╝berf├╝llten Zug mussten sie sich m├╝hsam zu ihren reservierten Pl├Ątzen durchk├Ąmpfen. Dann kamen sie so versp├Ątet in Dageb├╝ll an, dass sie die F├Ąhre verpassten, und die n├Ąchste fuhr erst zwei Stunden sp├Ąter. Auf Amrum schlie├člich war der Bus von Wittd├╝n nach Norddorf anfangs derart voll, dass sie eingequetscht zwischen anderen verschwitzten Urlaubern kaum Luft zum Atmen hatten. Als sie endlich in ihrer Ferienwohnung angekommen waren, lag ihre Laune weit unter dem Nullpunkt. Ohne auch nur ein weiteres Wort mit Martin zu wechseln, ging sie unter die Dusche und dann ins Bett. Auf seinen Vorschlag, noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen, reagierte sie gar nicht erst. Auch am n├Ąchsten Morgen begr├╝├čte sie ihn nur mit eisigem Schweigen und machte es sich nach dem Fr├╝hst├╝ck demonstrativ mit einem Buch auf dem Sofa bequem.

Wie ein gepr├╝gelter Hund schlich Martin aus dem Haus und war den ganzen Tag ├╝ber alleine am Strand und in den D├╝nen unterwegs. Das war nicht der Urlaub, den er sich gew├╝nscht hatte. Als sie dann gemeinsam zu Abend a├čen, machte er ihr den Vorschlag, zu dem er sich w├Ąhrend des Tages durchgerungen hatte.

"Ich h├Ątte dich nicht zu diesem Urlaub dr├Ąngen d├╝rfen. Wenn du willst, fahren wir morgen nach Wittd├╝n und erkundigen uns, ob wir unsere R├╝ckfahrkarten umtauschen k├Ânnen."

Einen Moment lang sah sie ihn schweigend an, dann nickte sie: "Es tut mir leid, aber das hier ist echt nichts f├╝r mich. Mir fehlt wirklich alles, um mich wohl zu f├╝hlen."

Er sp├╝rte sofort den Stich, den diese Aussage bei ihm verursachte. Seine Anwesenheit schien also nicht dazu beizutragen, dass sie sich wohl f├╝hlen konnte. Doch er schwieg lieber, um nicht noch mehr ├ľl ins Feuer zu gie├čen.

----------

Die F├Ąhre hatte inzwischen F├Âhr erreicht. Martin musste schlucken, als er an jene Momente zur├╝ck dachte. Es waren Momente gewesen, in denen er das Ende ihrer Beziehung vor sich gesehen hatte. Liebevoll legte er seinen Arm um Maren und k├╝sste sie auf die Stirn. Sie l├Ąchelte und blinzelte ihn kurz an. Dann schloss sie wieder die Augen und lie├č ihre Gedanken schweifen.

----------

Gleich am n├Ąchsten Morgen fuhren sie nach Wittd├╝n. Dort lie├č sie sich von Martin ├╝berreden, mit ihm zur Seeseite zu gehen, um zumindest einen kurzen Blick auf den Kniepsand zu werfen. Als sie auf der Strandpromenade ankamen und Maren diese weite Sandfl├Ąche vor sich sah, war sie schier ├╝berw├Ąltigt. W├Ąhrend ihrer Urlaubsplanung hatte sie zwar gelesen, dass es sich um eine riesige, bis zu 1,5 km breite und 15 km lange, Sandbank handelte, die direkt mit der Insel verbunden war - doch dieser Anblick erf├╝llte sie mit Ehrfurcht. Wie angewurzelt blieb sie stehen und konnte ihren Blick nicht mehr abwenden.

"Magst du mich alleine lassen?", fl├╝sterte sie nach einiger Zeit.

"Ja klar, ich dreh hier 'ne Runde am Strand und hol dich dann wieder ab", antwortete Martin verunsichert und bem├╝hte sich, Haltung zu wahren.

"Nein, ich will wirklich alleine sein! Fahr zur├╝ck nach Norddorf oder mach, was du willst. Aber lass mich jetzt bitte alleine!"

W├Ąhrend sie das sagte, rannen ihr Tr├Ąnen ├╝ber die Wangen. So tief beeindruckt war sie von der Weite, die da vor ihr lag.

"Und was ist jetzt mit der R├╝ckfahrt? Soll ich die Fahrkarten umtauschen oder nicht?"

"Martin, hau endlich ab und lass mich in Ruhe!", br├╝llte sie ihn daraufhin unter Tr├Ąnen an und rannte hinunter zum Kniepsand.

V├Âllig verst├Ârt schaute er ihr nach, wie sie immer weiter hinauslief und irgendwann nach schier endlos langer Zeit seinen Blicken entschwand.

----------

Sie kuschelte sich enger an Martins Schulter. F├Âhr lag hinter ihnen, und der k├╝hle Fahrtwind strich ihr sanft ├╝ber das Gesicht. In ihren Gedanken war sie wieder auf dem Kniepsand unterwegs, sah und sp├╝rte noch einmal diese wunderbare Weite und erinnerte sich an ihre Freudentr├Ąnen. Es war, als h├Ątte sie etwas entdeckt, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte. An Martin und seine Empfindungen, dachte sie in jenen Momenten nicht. Erst am sp├Ąten Nachmittag, als sie bei ihrer R├╝ckkehr in die Ferienwohnung seine verweinten Augen erblickte, wurde ihr klar, dass es einiges aufzukl├Ąren und zu besprechen gab.

Von da an war eine fr├╝here R├╝ckfahrt kein Thema mehr. Maren verbrachte jeden Tag einige Stunden alleine auf dem Kniepsand. Mal lie├č sie sich einfach nur so ├╝ber ihn hin- und hertreiben, mal setzte sie sich irgendwo in den Sand und las. Im Laufe des Nachmittags zog sie dann mit Martin los, um mit ihm gemeinsam den Rest der Insel zu erkunden.

----------

Das Rattern des Schiffsmotors, die Sonne und der k├╝hle Wind lie├čen Martin immer weiter entspannen. Er hatte ihr eines seiner liebsten Urlaubsziele zeigen k├Ânnen und sie an etwas teilhaben lassen, was f├╝r ihn sehr wichtig war.

"So f├╝hlt sich Gl├╝ck an!", dachte er und lie├č liebevoll seinen Blick ├╝ber ihre weichen Gesichtsz├╝ge gleiten. Sie schien nun tats├Ąchlich eingeschlafen zu sein. Wer wei├č, vielleicht w├╝rde sie ja irgendwann doch noch einmal mit ihm zusammen in den Urlaub fahren - nach Amrum oder woanders hin, in ein paar Jahren vielleicht ÔÇŽ

"N├Ąchstes Jahr bleiben wir aber mindestens eine Woche und fahren mit einer sp├Ąteren F├Ąhre zur├╝ck", sagte sie in diesem Augenblick, und ein spitzb├╝bisches L├Ącheln huschte ├╝ber ihr Gesicht.

Bearbeiten/Löschen    


bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

lieber @anbas

dem walfisch gehts ein bisserl so wie dem m├Ądel in der geschichte: er langweilt sich, weil alles in der gleichen machart l├Ąuft und nichts, aber auch wirklich gar nichts herausragt - aus den protagonisten nichts, und auch aus der landschaft nichts. das einzig dramatische offenbar ein ├╝berf├╝llter zug, in dem man sich zu reservierten pl├Ątzen durchk├Ąmpfen muss, und ein verpasstes schiff.

sp├Ąter dann ein ausgedehnter, v├Âllig kahler sandhaufen, der - f├╝r ein unterwassertier wie mich ganz und gar unerfindlich - euphorie hervorzurufen scheint. leider erfahren die leser nicht, wer oder was an diesem ├Âdland denn so besonderes sei, dass es zu derartigen wallungen f├╝hrte und, wie's w├Ârtlich hei├čt, etwas sei, wonach man "ein leben lang gesucht h├Ątte".

das versteht einer wie ich nicht so recht. r├╝ckkehr in den sandkasten der kindheit? d├ęj├á-vu irgendetwas anderen? projektion einer getr├Ąumten w├╝stennomaden-vorexistenz auf ein 15 km langes sandufer? reminiszenzen anderer art? was k├Ânnte man auf einem sandstrand wohl finden, wonach man ein leben lang gesucht h├Ątte? einen schatz? muschelschalen? einsiedlerkrebse? auch mit dem kryptischen

quote:
Erst am sp├Ąten Nachmittag, als sie bei ihrer R├╝ckkehr in die Ferienwohnung seine verweinten Augen erblickte, wurde ihr klar, dass es einiges aufzukl├Ąren und zu besprechen gab.
kann ich nichts anfangen. was wird dieses "einige" wohl gewesen sein...*gr├╝bel*...?

sei so gut und kl├Ąr mich auf. wahrscheinlich muss man ein landtier sein, um an diesem ufer zurecht zu kommen.

liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin

Bearbeiten/Löschen    


anbas
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

Werke: 718
Kommentare: 4500
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um anbas eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Danke f├╝r Eure R├╝ckmeldungen!!!!!

Habe derzeit viel um die Ohren, kann daher nicht so ganz ausf├╝hrlich auf alles eingehen. Auch die ├änderungsvorschl├Ąge werde ich mir eingehend zu Gem├╝te f├╝hren, wenn ich wieder den Kopf daf├╝r frei habe.

Zum Thema "Weite" nur so viel: Es ist sehr wahrscheinlich eine Mentalit├Ąts- aber auch Gewohnheitsfrage. Ich kenne viele "Flachl├Ąnder", die in den Bergen Beklemmungsgef├╝hle bekommen. Andere wiederum reisen regelm├Ą├čig dorthin, um die Bergwelt zu genie├čen. Umgekehrt genauso. Manch Bergmensch bekommt Schwei├čausbr├╝che, wenn er eine Weite vor sich hat, auf der man morgens schon sehen kann, wer mittags zum Essen kommt. Andere kommen hier immer wieder gerne her und klauen uns den Platz am Strand. Dann gibt es noch die Gern-Flieger, Gern-Taucher usw. ├ťbertrag Deine Begeisterung f├╝r die Tiefen des Meeres auf jemanden, der von der gro├čen Weite so begeistert ist. Dann hast Du's schon zu einem gro├čen Teil.
Die kaum vorhandenen Stimmungshighlights passen ganz gut zu dem Gem├╝t vieler Norddeutschen. Ich empfinde den Text nicht unbedingt als langweilig, sondern als angenehm ruhig - aber auch da k├Ânnen die Gem├╝ter verschieden sein.
Bez├╝glich der von Dir angemerkten Formulierungen werde ich mir den Text zu einem anderen Zeitpunkt noch mal zu Gem├╝te f├╝hren.

Liebe Gr├╝├če

Andreas

__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

Bearbeiten/Löschen    


10 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!