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Leselupe.de > Erzählungen
Franz Aichingers letzter Gang
Eingestellt am 15. 11. 2016 12:45


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Freakingcat
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Franz Aichinger, Z√∂gling der Ackerbauschule in Ritzlhof, ehelicher Sohn des Franz und der Aloisia Aichinger, geborene H√∂ftberger, Kettlgruber in Stockerberg, verlie√ü am Vormittag des Heiligabend im Jahre 1912 des Herrn, den Schlafsaal des Internats, in dem er w√§hrend der Schulmonate wohnte, und bummelte, denn er hatte keine Eile, da sein Zug erst in einer Stunde vom Nettingsdorfer Bahnhof abfahren w√ľrde, in √∂stlicher Richtung auf den Krems-Fluss zu, der von einer Wehr gedrosselt, nun zu einem Fl√ľsschen verkommen war, aus dessen seichten t√ľrkisgr√ľnen Gew√§ssers sich einzelne Sandinseln sanft erhoben, auf denen er an so manchen hei√üen Sommernachmittagen sich seiner Schuhe, Str√ľmpfe, Hose, Hemd und selbst seiner Unterhose entledigte und unverhohlen und nackt, ganz so wie Gott ihn vor zw√∂lf Sommern erschuf, sinnlich erregt, aber doch vorsichtig genug, um nicht w√§hrend seines Bades vom Oberlehrer Haarmann arripiert zu werden, welcher jegliche Bet√§tigungen, die sich nicht unmittelbar vor seinem gestrengen Auge zutrugen und auf die er deswegen keinen Einfluss aus√ľben konnte, aufs Allerstrengste untersagt hatte, mit der unzuk√∂mmlichen Begr√ľndung, dass er sich den Eltern, einfachen Bauersleuten, welche per annum ein Schulgeld von zw√∂lf Kronen berappen mussten‚ÄĒ was etwa dem Gegenwert einer zweij√§hrigen Milchkuh entsprach‚ÄĒ, in h√∂chstem Ma√üe verpflichtet f√ľhle und er es deswegen als seine Pflicht ansah, jegliche F√§hrnis, welche das k√∂rperliche Wohl derer S√∂hnem√§nner beeintr√§chtigen k√∂nnte, von ihnen fernzuhalten, da die ihm √ľberlassenen Z√∂glinge, alles angehende Jungbauern, deren F√ľgung es vorsehen wird, dass sie eines nicht allzu fernen Tages, nach dem erfolgreichem Abschluss der zwei Jahre dauernden Ausbildung in Pflanzenbau, Pflanzenern√§hrung, Tierhaltung sowie landwirtschaftlicher Betriebs- und Marktlehre, den v√§terlichen Hof zu √ľbernehmen und damit eine uralte Familientradition am Leben erhalten werden ‚ÄĒ doch nun war es tiefster Winter und er erinnerte sich an so manchen hei√üen Juli oder August Nachmittag, als er sich mitsammen seiner Bettnachbarn heimlich aus dem Schlafsaal schlich und sie sich an der Frische und K√ľhle des glasklaren Wassers der Krems erfreuten, wenn sie nackig und wild darin herum tollten, im kn√∂cheltiefen Fluss erst Fangen, dann Verstecken spielten und sich aus diesem Grunde hinter dicht bewachsenem Buschwerk vor dem Sucher, welcher gerade mit dem Ausruf: ‚ÄěHinta mir, vorda mir, links, rechts, g√ľlts ned!‚Äú eine neue Runde er√∂ffnete, verbargen, oftmals in Gruppen von zwei, drei oder mehr Burschen, die, um sich die Zeit des Wartens zu verk√ľrzen, darangingen, ihre Knabenk√∂rper in allen Einzelheiten unter einander zu vergleichen, K√∂rper, die sich in einem Zustand der Wandlung befanden, zwischen dem eines unschuldigen, meist noch unber√ľhrt gebliebenen kindlichen J√ľnglings, und dem des w√§hrend des letzten Schuljahres wie eine junge Eiche in die H√∂he geschossenen Epheben, der sich, unter den glotzenden und neiderf√ľllten Blicken seiner Spielkameraden, seines Oberlippenflaums, einzelner Achsel- und Schamhaare, sowie seines Penis, welcher sich jedenfalls bei den meisten in L√§nge und Umfang schon stark von den kleinen Phimose-geplagten Zipfeln der j√ľngeren und sp√§tpubertierenden Buben unterschied, br√ľstete ‚ÄĒ doch jetzt war Winter und die heiligste Zeit des Jahres stand heran, eine Tats√§chlichkeit, derer sich unser lieber Franz in diesem Augenblick bewusst wurde und die ihn mit einem Male aus seinem Tagtraum, dem er gerne noch ein wenig l√§nger angehangen w√§re, riss, und die seine linke Hand mit von der K√§lte klammen Fingern veranlasste, unter den Havelock zu greifen, um aus seiner rechten Westentasche eine st√§hlerne Remontoiruhr mit wei√üem Ziffernblatt und r√∂mischen Ziffern, die an einer silbernen Kette hing und an der sich als Anh√§ngsel ein Schweinchen befand, hervorzuholen, jene Uhr, welche ihm letztes Jahr sein Onkel und Firmpate Josef als Geschenk √ľberreicht hatte und ihn, als er einen schnellen Blick darauf geworfen hatte, mit Erstaunen und Schrecken feststellten lie√ü, dass er sich nun sputen musste, um den Zug, welcher zur vollen Stunde vom Nettingsdorfer Bahnhof abfuhr, noch zu erreichen, was er dank seines flotten Schrittes und der v√∂lligen Abwesenheit von Tagtr√§umen spielend schaffte und sogar noch einen freien Platz in dem ungeheizten dritte Klasse Wagon fand, welcher sich in einer langen und f√ľr die Passagiere der Holzklasse saukalten Fahrt, nachdem er die Stationen: Ansfelden, Traun, Sankt Martin und den Wegscheider Bahnhof passiert hatte und sich dann in Linz einfand, wo unser Ackerbausch√ľler nun nicht nur an seinem Hinterteil, sondern am ganzen K√∂rper frierend und noch immer tagtraumlos eine weitere gute Stunde auf den n√§chsten Zug Richtung Gunskirchen warten musste, in den er schlie√ülich einstieg und w√§hrend der Fahrt, welche sich √ľber Leonding, Pasching, H√∂rsching, Oftering, Marchtrenk und Wels erstreckte, eine Jause verschlang, welche von der K√∂chin am Ritzlhof, die s√§mtliche Internatsz√∂glinge und auch die Lehrerschaft bekochte und die der kleine Franz Aichinger an ihren vor zwei Jahren tragisch t√∂dlich verungl√ľckten Sohn (er ist nicht in der kn√∂cheltiefen Krems ertrunken, sondern brach sich das Genick, als er beim schulischen Ernteeinsatz von einem Birnbaum fiel), den kleinen Fritzi, erinnerte und die ihn deswegen besonders gern hatte und deshalb f√ľr ihn ‚ÄĒ und nur f√ľr ihn ‚ÄĒ jene Jause, die aus einem Butterbrot, einem St√ľck Speck, K√§se, einem Apfel und einer Kanne viel zu s√ľ√üem Tees bestand und in Speckpapier eingepackt war, er auf einen Satz aufa√ü und dazu eine halbe Kanne Kr√§utertee trank, der seinen K√∂rper angenehm anw√§rmte, um endlich! am sp√§ten Nachmittag, um kurz nach sechs, am Heiligen Abend, auf dem Bahnhof in Gunskirchen einzutreffen, wo ihn noch ein weiter Weg bis zum Kettlgruber Gut, welches in Stockerberg, ganz in der N√§he von Offenhausen, auf einem sanft zur Hauptstra√üe abfallenden H√ľgel gelegen war und sich nicht unharmonisch in die kahle Winterlandschaft einf√ľgte, oder besser, sich in ihr verlor und wo sein Vater gerade dabei war, seine Pfeife, welche er gewohnheitsgem√§√ü nur nach dem Abendessen rauchte, aber heute, dem Tag der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, schon fr√ľher zu stopften begann, w√§hrend er mit erwartungsvollem Blick aus dem Fenster der Bauernstube der matten bleichen Wintersonne nachsah, wie sie hinter den H√ľgeln verschwand, und seine Mutter sich m√ľhte, in der vom Ru√ü geschw√§rzten Rauchkuchl das Ofenfeuer durch Zugabe von d√ľnn gehackten Holzscheiten und durch gleichm√§√üiges pausb√§ckiges Blasen erneut anzufachen, damit ihr lieber Junge, auf den sie so stolz war, sich nach dem langen zweist√ľndigen Fu√ümarsch wieder rasch aufw√§rmen konnte, um danach endlich den Heiligen Abend durch ein gemeinsam angestimmtes ‚ÄěVater Unser‚Äú vor dem Herrgottswinkel beginnen lassen zu k√∂nnen, jenen Weihnachtsabend, den sie sich so lange herbeigesehnt hatte, ebenso so sehnlich wie unser Franz, der sich einer kleinen Gruppe von Arbeitern, die er im Zug aus Linz kennengelernt hatte und die genauso wie er im Begriff waren, zu ihren Familien heimzukehren, angeschlossen hatte, in der berechtigten Hoffnung, durch oberfl√§chliches Gespr√§ch und schale Witze, vollgespickt mit sexuellen Anspielungen und Zweideutigkeiten, die er ‚ÄĒ um ehrlich zu sein ‚ÄĒ noch nicht alle verstand, Ablenkung zu finden von der eisigen Winterk√§lte und dem bei√üenden Wind und Gedanken an die L√§nge des noch vor ihm liegenden Fu√ümarsches und um sich gegenseitig zu einer schnelleren Gangart anzutreiben ‚ÄĒ so waren sie schon an der Pfarrkirche vorbeigegangen, bei der die M√§nner ohne stehen zu bleiben den Hut zogen und sich bekreuzigten, und Franz, in Ermangelung einer Kopfbedeckung, die er zur Ehrerbietung Gottes h√§tte ziehen k√∂nnen, seinen Rosenkranz, den er von seiner Gro√ümutter Franziska, von ihm liebevoll ‚ÄěFranzi-Oma‚Äú genannt, letzte Weihnachten als Geschenk bekommen hatte, und den er seitdem fast immer in der Hosentasche bei sich trug, wo er ihn nun ganz fest dr√ľckte, als wolle er versuchen, aus ihm die n√∂tige Kraft heraus zu pressen, um den Rest seines Nachhauseweges zu schaffen, sowie um den Schutz der Heiligen Maria Mutter Gottes, welcher ihm jedoch, wie wir noch sehen werden, versagt bleiben w√ľrde, eine Gegebenheit, oder nennen wir es eine F√ľgung des Schicksals, derer sich der junge Franz Aichinger nicht bewusst war, weder in dem Moment als er am Dorfgasthof vorbeiging, wo sein Vater sonntags am Stammtisch sitzend nach der heiligen Messe ein Bier, selten waren es zwei, trank, w√§hrend er mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester, die er f√ľrsorglich an der Hand hielt, durch Gunskirchen schlenderte, um sich dar√ľber zu erfreuen, dass, obwohl nur f√ľr ein paar wenige Stunden und das auch nur an bestimmten Sonntagvormittagen an denen des Gro√üvaters von einem Leben knochenschindender Arbeit wie zu einem Brett verh√§rteter R√ľcken und ihm seine fortw√§hrenden Schmerzen in den alten Knochen und Gelenken einigerma√üen ertr√§glich waren und es deswegen zulie√üen, dass er sich auf einen kleinen dreibeinigen Schemel niederlie√ü, um die beiden K√ľhe bis zum letzten Tropfen aus ihrem Euter abzumelken, was im Sommer dreimal, im Winter zweimal t√§glich zu erfolgen hatte, und ihnen danach einen Ballen getrocknetes Heu zum F√ľttern aus der Scheune in den Stall zu tragen ‚ÄĒ Beschwerden, welche laut Doktor Baillous Lehre von den vier K√∂rpers√§ften von kaltem Schleim herr√ľhren, welcher vom Gehirn herab zu den Extremit√§ten flie√üe, was vor allem in der kalten Jahreszeit verst√§rkt erfolge, wenn also an einem Wintertage, an denen das Wetter gn√§dig und sich dadurch Gro√üvaters k√∂rperliches Wohlbefinden entsprechend erh√∂hte, was, falls diese freudigen Umst√§nde auch noch an dem Tag des Herrn zusammentreffen w√ľrden, wahrlich f√ľr alle ein Grund der Freude war, und es dann dem Rest der Familie erlaubte, die Monotonie der Abgeschiedenheit des Kettlgruber Hofs mit der verh√§ltnism√§√üigen Betriebsamkeit der Stadt einzutauschen ‚ÄĒ, doch um wieder zu Franz zur√ľckzukehren und zu dessen Unwissenheit dar√ľber, dass jeder Schritt, den er auf der einsamen Hauptstra√üe tat, welche einem l√§cherlichen, zum Baden viel zu √§rmlichen kleinen Gerinnsel folgte, n√§mlich dem Gr√ľnbach, der weder gr√ľn noch wichtig genug war, um Namenspatron f√ľr das Tal zu sein, welches eigentlich auch gar keines war, und eben dieser besagten Stra√üe er nun folgte, welche ihn um ein St√ľck seiner Bestimmung n√§her bringen sollte, und auf welcher er nun schnellen Schrittes entlang ging, sich weder die Zeit nehmend, um auf seine Uhr zu schauen, um die wenigen Minuten die ihn noch von seiner Schicksalsf√ľgung trennen sollten, abzulesen, noch sein Haupt, welches er der K√§lte wegen, tief in aufgestellten Kragen seines Mantels gedr√ľckt hatte, zu erheben, als er zu seiner linken am imposanten Hainzlhof, welcher seit dem pl√∂tzlichen Tod des Altbauern Franz Voraberger erst im letzten Jahr in den Besitz seiner Witwe Aloisia √ľbergegangen war, und dem Lippenguetl zu seiner Rechten, gefolgt vom abgewirtschafteten Demmelguetl der Familie √Ėttl und dem alten Scheiderhaus des Kramerbauerns, in dessen unmittelbarer N√§he der Traunerhof steht, dessen Bewohnern, der Familie B., in dieser immer d√ľster werdenden Geschichte, wie wir sp√§ter noch genauer erfahren werden, eine wichtige Rolle zukommen wird, welche deren Schicksal mit dem des nun im kalten Wind steten Schrittes vorbei marschierenden zitternden Jungens, der durch Schneematsch ‚ÄĒ denn es hatte heute Mittag noch geregnet ‚ÄĒ und in der einbrechenden Dunkelheit dieser schicksalstr√§chtigen Nacht, √ľber welche in den kommenden Wochen noch viel gesprochen, vieles falsch berichtet und vor allem b√∂sartig getratscht werden wird, und der von dem einzigen Wunsch √ľberkommen war, so schnell wie m√∂glich nach Hause zu gelangen, um dem eisigen Nachtfrost zu entfliehen, und sich endlich! in die Arme seiner Mutter fallen und an ihren weichen Busen dr√ľcken zu lassen, als er eine fatale, eine katastrophale Entscheidung traf, oder es sein unabwendbares Schicksal war, in dem Moment, als der Maurer Weber von Langwies, der letzte aus der Wandergruppe, welche sich nach und nach aufgel√∂st hatte, der noch, als sich ihre Wege trennten, zu ihm gesagt hatte, er solle doch etwas warten, weil ohnehin Maurer aus Offenhausen bald nachkommen w√ľrden und er dann wieder eine Begleitung auf dem Heimwege h√§tte, sodass er dann gemeinsam mit seinen neuen Weggef√§hrten den Rest seines Nachhausegangs fortsetzen k√∂nne, welcher ihn √ľber Kurzenkirchen und Gro√ükrottendorf, an der Mairhofkapelle vorbei nach Stritzing f√ľhren sollte, wo der von drohendem Ungl√ľck beseelte Bub vorhatte, die Hauptstra√üe zu verlassen und √ľber einen kleinen Feldweg das Bauernhaus seiner Eltern in Stockerberg, zu erreichen, doch die Vorsehung hatte mit ihm andere Pl√§ne, wie ein paar Tage sp√§ter, die k. k. Gerichts-Kommission unter der Leitung des honorigen Studienrates Dr. Huber herausfinden w√ľrde und deren Zusammenfassung des bisherigen Standes der Ermittlungen in sorgf√§ltig gew√§hlten und einige Male im Stillen geprobten, dann jedoch gestotterten Worten, durch den Gendarmen von Gunskirchen den vor Sorge fast verr√ľckt gewordenen Eltern des bemitleidenswerten Jungen √ľberbracht worden war, n√§mlich, dass der k√ľrzlich von einem Knecht aus Kappling im dichten Buschwerk neben dem Gr√ľnbach ‚ÄĒ an einer Stelle an der das Dickicht jener, ohne Zweifel vom leibhaftigen Teufel besessenen Person, Mutma√üungen und Ger√ľchte sprechen von einem Ortsfremden, wahrscheinlich einem Zigeuner, Landstreicher oder umherziehenden Scherenschleifer, ausreichend Schutz und Verborgenheit bot, um durch das Abdr√ľcken der Luftr√∂hre diesen vom Leben zum Tode zu bringen ‚ÄĒ mit dem Kopf nach unten und in einer Pf√ľtze gefundene, leblose, mittlerweile starre und gefrorene K√∂rper, ohne dass es dar√ľber den geringsten Zweifel gab, als der des zw√∂lfj√§hrigen Ackerbausch√ľlers Franz Aichinger identifiziert wurde. Wer diese furchtbare Tat begangen hat und aus welchem Motiv ein junger unschuldiger Knabe hatte sterben m√ľssen, sollte nie wirklich aufgekl√§rt werden.

(V 1.1)

Version vom 15. 11. 2016 12:45

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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