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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Freundschaftsnadeln
Eingestellt am 09. 04. 2018 12:10


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cyranelli
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2018

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Freundschaftsnadeln



Mirandas blaue Stoffturnschuhe waren ĂŒbersĂ€t mit ihnen. An den Seiten, an den Laschen, sogar an den SchnĂŒrbĂ€ndern steckten einige. Mit Perlen verzierte Sicherheitsnadeln in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen. Perlen in allen Farben: durchsichtig, leuchtend, metallic, Pastell.

„Das sind Freundschaftsnadeln. Freunde schenken sie dir und dann steckst du sie an deine sneakers. Guck, wie viele ich habe. So machen wir das in hier in den USA.“

Baumwollsneakers in allen Farben waren voll im Trend in diesem Sommer 1983 in den USA und wahrscheinlich nicht nur dort. Alle amerikanischen Modewellen schwappten frĂŒher oder spĂ€ter nach Europa und in den Rest der Welt. Die Turnschuhe wurden zu allen KleidungsstĂŒcken getragen: Hosen, Shorts, Miniröcke, Bikinis. Und je mehr Freundschaftsnadeln daran steckten, desto besser.

In diesem Jahr war Sally das erste Mal in die USA gereist, noch dazu alleine. In diesem Jahr erklĂ€rte ihr ihre Patentante mit ernster und sehr leiser Stimme, dass in einem Teil der Vereinigten Staaten eine neue Krankheit aufgetaucht sei. Nur Homosexuelle wĂŒrden sie bekommen, sie sei absolut tödlich und sie wĂ€re von Affen ĂŒbertragen worden. Und es war das Jahr, in dem Michael Jackson eine ganze Nation mit dem Moonwalk in seinen Bann riss.

Als erstes kaufte sich Sally in ihrem Amerika-Urlaub ein Paar weiße Baumwollturnschuhe. Ohne Freundschaftsnadeln. Ihre Freunde waren schließlich zu Hause in Deutschland und hatten von dieser neuen Tradition noch nichts mitbekommen.
Sally hatte keine Locken oder StrÀhnen in den Haaren. Ihr einziges Make-up-Utensil war ein schwarzer Kajalstift, den sie aber selten auftrug.
Die Nachricht von der Affenkrankheit machte ihr Angst.
Sie hatte noch nie einen richtigen Freund gehabt.
Verwundert stellte sie fest, dass in David Bowie’s China-Girl-Video die Sexszene am Strand herausgeschnitten war.
Sie liebte Michael Jackson wie alle anderen und schaute mit ihren Cousinen zehnmal tĂ€glich den gruseligen Thriller-Video-Clip, in dem Michaels Augen giftgrĂŒn wurden, bevor er sich in einen Werwolf verwandelte.

In dem Zimmer ihrer mittleren Cousine Miranda stand ein riesiger Schminktisch mit Spiegel, auf dem sich Schminkartikel stapelten. Rouge, Lidschatten, Kajalstifte und Nagellack sowie eine ganze Armada von Cremes und Tiegelchen. Miranda brauchte eine Ewigkeit, um sich morgens zu stylen, dabei hatte sie ebenso wie ihre Schwestern und Sally Sommerferien und musste nirgendwohin.
Sally fand Miranda umwerfend, egal ob sie Jeans trug, ein Kleid oder einen Bikini. Sie schien Berge von Klamotten zu haben und zog sich mehrere Male am Tag um.

Eines Tages kam Miranda vom Friseur, wo sie den halben Nachmittag verbracht hatte. Ihre Mutter schimpfte, weil sie eine Menge Geld ausgegeben hatte und noch dazu aussah wie Farrah Fawcett. Und sie war doch erst VIERZEHN!!! Miranda lĂ€chelte und sagte nur, sie wolle halt so aussehen und das sei ĂŒberhaupt ihre Sache und wĂŒrde niemanden etwas angehen. Dann knallte sie ihre ZimmertĂŒr zu.

Auf ihrem obersten Regal war ein Stapel leerer Pralinenschachteln, der bis unter die Decke reichte und dort festgeklemmt war. Von ihren ganzen Verehrern, wie sie stolz erzĂ€hlte. Manche hatten ihr auch zwei oder drei Schachteln geschenkt, manche hĂ€tten ihr sogar welche geschickt. Es waren ausschließlich teure Luxus-Pralinen, nicht welche aus dem Discounter, das konnte Sally an den Verpackungen erkennen.

Sally hatte noch niemals Schokolade von einem Jungen bekommen. Einmal jedoch ein Buch, allerdings ein sehr schönes Buch, das sie sicher zwanzigmal gelesen hatte.

WĂ€hrend Miranda Sally schminkte, erzĂ€hlte sie ihr, dass sie im SpĂ€tjahr, im Ferienlager, ihre JungfrĂ€ulichkeit verlieren wollte. JungfrĂ€ulichkeit, das war wohl das einzige, was die beiden Cousinen gemeinsam hatten. Und die Haarfarbe vielleicht, aber Sallys Haar war kurz geschnitten, fein und flatterig, wĂ€hrend Mirandas Haar in dicken glĂ€nzenden Locken ĂŒber ihre Schultern fiel.

„So siehst du besser aus,“ sagte Miranda, nachdem sie mit Sallys Gesicht fertig war. „Warum machst du das nicht öfter? Du solltest dir ein paar Schminkartikel zulegen. Wir haben sicher bessere Sachen hier in Amerika als ihr in Deutschland.“


An manchen Tagen ging Miranda zum Babysitten bei einer allein erziehenden Mutter. Sie hatte drei Kinder und lernte in Abendkursen fĂŒr ihren Highschool-Abschluss. An einem Abend durfte Sally sie begleiten. Noch ehe die Kinder im Bett waren, rief Miranda bereits ihren damaligen Freund Billy an, der dann vorbeikam, um den Abend mit ihr zu verbringen. Sally fĂŒhlte sich dabei wie das fĂŒnfte Rad am Wagen und war ganz erleichtert, als eines der Kinder Ohrenschmerzen bekam, sie es auf dem Sofa tröstete, wĂ€hrend Miranda die Mutter informierte. Der Freund musste verschwinden, damit die Sache nicht aufflog. Vom Babysitter-Lohn gab Miranda Sally nichts ab.

An manchen Tagen war Miranda jedoch richtig nett zu Sally. Sie durfte einige ihrer Kleider anprobieren, die meisten davon sahen an ihr nur halb so gut aus wie an Miranda, weil sie grĂ¶ĂŸer und krĂ€ftiger war. Miranda wiederholte das auch immer wieder. Aber da war dieser rote Minirock mit einem elastischen Bund, der Sally viel besser stand, weil er fĂŒr Miranda eigentlich zu lang war. Sally verliebte sich in den Minirock und bat öfter darum, ihn tragen zu dĂŒrfen. Miranda ließ sie, trug an diesen Tagen jedoch extra etwas viel Schickeres.

An ihrem vorletzten Urlaubstag schenkte ihr Miranda den Rock. Sally war ĂŒberrascht und begeistert zugleich, das hatte sie nicht erwartet. In ihren Augen schimmerten TrĂ€nen, als sie sich ĂŒberschwĂ€nglich bedankte.

Am folgenden Morgen begann Sally mit dem Packen ihres Koffers und konnte den roten Minirock nirgends entdecken. Dabei hatte sie ihn am Abend zuvor noch vorsichtig auf einen BĂŒgel in den Kleiderschrank gehĂ€ngt. Als sie Miranda danach fragte, schien diese nichts davon zu wissen, machte ihr aber in scharfem Ton klar, wie unmöglich und unhöflich es sei, Geschenke zu verlieren. Sally schluckte ihre TrĂ€nen hinunter und bat um Entschuldigung.

Mittags beobachtete Sally Miranda durch ihr Fenster im ersten Stock beim FĂŒttern der Kaninchen. Mit klopfendem Herzen ging sie schnell in Mirandas Zimmer, das direkt neben ihrem lag. Ein ParfĂŒmhauch lag in der Luft. Sallys Schritte wurden vom dicken flauschigen Teppich verschluckt. Leise öffnete sie die TĂŒr von Mirandas Kleiderschrank und schob die vielen KleiderbĂŒgel auseinander.
Der rote Minirock hing nicht bei den Kleidern und Röcken, sondern war zwischen den Blusen versteckt.

Sally zögerte keine Sekunde und schob den Rock unter ihr Kleid. Durch das Fenster sah sie Miranda mit einem weißen Kaninchen auf dem Schoß auf der Treppe sitzen.

Als Sally den Kleiderschrank leise schließen wollte, fiel ihr Blick auf eine mittlere blaue Plastikbox, die unter den Socken herauslugte. Sie zog die Box heraus, atmete tief ein und öffnete sie. In kleinen FĂ€chern nach Farben geordnet waren darin Perlen in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen.
Und Sicherheitsnadeln, ungefÀhr zwanzig.
Ohne Perlen.


Sally zuckte zusammen, als die HaustĂŒr klappte. Schnell sah sie aus dem Fenster. Die Treppe war leer. Sally stopfte die Box hastig unter die Socken, knallte den Kleiderschrank zu und huschte in ihr Zimmer.
Gerade hatte sie den Minirock unter einer Kleiderschicht in ihrem Koffer versteckt, als Miranda ohne Anklopfen in ihr Zimmer platzte.

“Hast du den Rock gefunden?”

“Nein, er ist verschwunden. Es tut mir leid. Aber du wirst ihn ja sicher bald wiederfinden, er muss hier im Haus sein. Du kannst ihn mir ja dann schicken, er passt in einen großen Umschlag.“

“Okay, mache ich dann. Aber ich glaube es echt nicht, du hast ihn schon verloren, ich habe ihn dir doch erst gestern geschenkt.“
Sally senkte den Blick und befĂŒrchtete eine kleine schreckliche Sekunde lang, rot zu werden. Dann bat sie Miranda, sich auf ihren Koffer zu setzen und ließ dann das Schloss zuschnappen, verdrehte die Codenummern und prĂŒfte, dass das Schloss zu war.

Beim Abendessen fragte Miranda mit zuckersĂŒĂŸer Stimme, ob jemand heute in ihrem Zimmer gewesen wĂ€re.
„Warum, fehlt dir was oder ist etwas nicht am gewohnten Platz?“ fragte ihre Ă€ltere Schwester?
Sally sagte nichts und aß ihre Suppe.
„Nein, ich hatte nur das GefĂŒhl, jemand sei drin gewesen, wĂ€hrend ich im Garten war,“ sagte Miranda. „Aber ich habe mich wohl getĂ€uscht.“

Sie aß nur ein paar Löffel und ging dann nach oben in ihr Zimmer.

Am nĂ€chsten Morgen blieb sie als einzige zu Hause verabredete sich fĂŒr den Nachmittag mit ihrem Freund, wĂ€hrend alle anderen Sally zum Flughafen brachten.



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Hallo cyranelli!

Es ist bereits eine recht stimmungsvolle Kurzgeschichte. Allerdings wirkt sie zu Beginn noch etwas schwerfĂ€lliger als unbedingt nötig. Ich wĂŒrde sagen: je kĂŒrzer ein Text, desto weniger ErklĂ€rungen und Hintergrundinfos sollte er enthalten. Das Ganze ist natĂŒrlich kein Muss, aber es wĂŒrde die LektĂŒre etwas erleichtern.

Schöne GrĂŒĂŸe
steyrer

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