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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Friday for Future - Ein selbstversuch
Eingestellt am 30. 05. 2019 15:27


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Baxi
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2019

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Friday for Future
Was f├╝r eine Bewegung! Angespornt von der Jugend schaue ich mich in meinem Leben um. Was kann ich pers├Ânlich f├╝r den Umweltschutz tun? Als erstes f├Ąllt mein Blick auf den Berg von Verpackungsm├╝ll, der sich nach jedem Einkauf bei mir ansammelt. Das geht doch sicher besser. Am einfachsten erscheint es mir, die Einwegflaschen der Getr├Ąnke durch Mehrwegglasflaschen zu ersetzen. Kein Problem. Vor allem, weil mein Mann die schweren Kisten in den Keller schleppt.
Schokolade kaufe ich nur noch in Pappe und Alufolie. Immerhin besser als Plastik, denke ich mir. Aber da geht doch sicher noch was. Auf Fleisch verzichte ich schon l├Ąnger. Doch ich beschlie├če, meinen K├Ąse jetzt an der Theke im Supermarkt um die Ecke in mitgebrachten Vorratsdosen abpacken zu lassen. Wo ich noch mit dem skeptischen Blick der Verk├Ąuferin rechne, als sie mir Leerdamer und Gr├╝nl├Ąnder abwiegt, scheint das f├╝r sie wohl eher normal zu sein. Mit Erstaunen sehe ich, dass sogar extra Kunststoffdosen daf├╝r angeboten werden. Ebenso in der Obst- und Gem├╝seabteilung. Statt Plastikt├╝ten kommen hier feine Stoffbeutelchen zum Einsatz, die ich dort erwerben kann. Wunderbar. Ist doch alles easy. Auch meinen Lieblingsjoghurt finde ich im Pfandglas. Als ich meine Eink├Ąufe nach Hause fahre, f├╝hle ich mich gro├čartig. Ich parke meinen SUV in der Garage und denke mir zun├Ąchst nichts dabei. Dann kommen mir doch Zweifel. Okay, der n├Ąchste Wagen wird kleiner, verspreche ich mir selbst.

Als ich zwei Tage sp├Ąter unseren Urlaub planen will, hat mein Mann das Kistenschleppen scheinbar noch nicht vergessen. Er schl├Ągt mir statt einer Flugreise nach Teneriffa ein Hotel im bayrischen Wald vor. Breit grinsend erkl├Ąrt er mir, eine Bahnreise sei besser f├╝r unsere Umweltbilanz - und sein Portemonnaie. Etwas murrend stimme ich schlie├člich zu, obwohl ich mir noch nicht sicher bin, ob es dort auch eine Sonnengarantie gibt. Aber notfalls kann man mit der Bahn ja auch bis Italien fahren.

Apropos Sonne, meint mein Mann und grinst immer noch. Ich k├Ânnte doch bei gutem Wetter die 8 km bis zur Arbeit auch locker mit dem Rad fahren. Das w├╝rde neben den Abgasen auch Sprit sparen. Ein Fahrrad besitze ich sogar, mit Gangschaltung und Korb auf dem Gep├Ącktr├Ąger. Weil ich immer noch den Ansporn der Friday-for-Future-Bewegung sp├╝re, verspreche ich ihm, es auszuprobieren. Schlie├člich f├╝hle ich mich sportlich genug, um auch den kleinen H├Âhenzug dazwischen im eigentlich platten M├╝nsterland zu schaffen. Mit blo├čem Auge ist er kaum zu erkennen, aber mit dem Fahrrad sp├╝rt man ihn deutlich. Und wof├╝r habe ich eine Gangschaltung? Au├čerdem will ich mir nicht die Bl├Â├če geben, es mit dem Umweltschutz doch nicht so ernst zu meinen.

Mutig radle ich an einem sonnigen Aprilmorgen los. Ich lasse mir etwas mehr Zeit und plane vorsichtig 30 Minuten f├╝r den Weg ein. Ich m├Âchte ja nicht durchgeschwitzt und atemlos im B├╝ro erscheinen. Zum Gl├╝ck kann ich ausnahmslos ├╝ber Radwege fahren. Trotzdem f├╝hle ich mich mit einem Fahrradhelm sicherer. Schon beim ersten Linksabbiegen im dichter Verkehr muss ich den Radweg verlassen und mich vor einem LKW auf der Abbiegespur einordnen. Hoffentlich sieht mich der Fahrer, denke ich noch. Ich komme heil ├╝ber die Kreuzung. Der Radweg danach zeigt sich allerdings als wahrer Hindernislauf. ├ťberall stehen M├╝lltonnen auf meinem Weg. Zus├Ątzlich wird der Radweg immer holpriger. Die sch├Ânen Linden am Stra├čenrand, die einen angenehmen Schatten spenden, haben leider auch dicke Wurzeln, die die Pflasterung stellenweise aufwerfen. Ich denke an die Glasflasche mit der Apfelschorle in meiner Arbeitstasche auf dem Gep├Ącktr├Ąger und hoffe inst├Ąndig, dass sie ganz bleibt.
Dann qu├Ąle ich mich im 2. Gang die kleine Anh├Âhe hinauf. Bin ich wirklich so schlapp? Mein Gesicht ist schon rot angelaufen und die 17┬░C, die mir vorhin noch etwas k├╝hl vorkamen, sind mir nun doch zu warm. Meine langen Haare liegen mir hei├č wie ein Pelzkragen im Nacken. Hochstecken geht ja nicht, wenn ich Helm trage. Daf├╝r liege ich wenigstens noch gut in der Zeit, wie mir ein Blick zur Armbanduhr verr├Ąt. Ich habe noch ganze 20 Minuten vor mir. Ein ├Ąlterer Herr, gesch├Ątzte 70 Jahre, ├╝berholt mich locker auf seinem E-Bike. F├╝r einen kurzen Moment m├Âchte ich mich an seinem Gep├Ącktr├Ąger festklammern und mich mitziehen lassen. Aber er ist viel zu schnell an mir vorbei.
Der kleine H├╝gel ist dann doch geschafft. Ich muss noch einem Paketwagen ausweichen, der frech meine Spur blockiert und dann geht es parallel zur Landstra├če im Schatten von noch mehr B├Ąumen ├╝ber Schlagl├Âcher und notd├╝rftig geflickte Stellen weiter. Was f├╝r eine Buckelpiste. Daf├╝r brauche ich nicht mehr treten, sondern lasse mich l├Ąssig rollen. Mit Sorge denke ich an den R├╝ckweg, wenn ich nach Feierabend hier wieder rauf fahren muss. Ich flitze dann noch im 4. Gang an mehreren Querstra├čen vorbei, immer die H├Ąnde auch an den Bremsen. Wer wei├č schon, ob mich der Autofahrer auch rechtzeitig sieht, wenn er das raus kommt. So ohne metallische Knautschzone und Airbag f├╝hle ich mich sehr verletzlich.
Etwas weiter folgt ein St├╝ckchen durch einen kleinen Wald. Im Dunkeln m├Âchte ich hier nicht langfahren, denke ich noch. Aber um diese Jahreszeit ist es ja schon lange hell. Die Insekten scheinen dann doch die gr├Â├čte Gefahr zu sein. Nach knapp 30 Minuten komme ich endlich zwar p├╝nktlich, aber ziemlich abgek├Ąmpft im B├╝ro an. Die 16 Stufen zu meiner Etage fallen mir mit meinen weichen Knien richtig schwer. Aber einen Fahrstuhl gab es hier noch nie. Ersch├Âpft lasse ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Meine Kollegin bringt mir ein Glas Wasser und fragt besorgt, ob alles in Ordnung sei. Nicht ohne Stolz erkl├Ąre ich ihr, dass ich mit dem Fahrrad gekommen bin. Der Umwelt wegen, Friday for Future halt. Und meine Gesundheit profitiert auch noch davon. Dann denke ich nur noch: hoffentlich regnet es morgen und ich habe eine gute Ausrede, um den Wagen zu nehmen.

Nach zwei Wochen habe ich ganze 160 km mit dem Fahrrad geschafft. Ich bin fitter und brauche f├╝r den ganzen Weg zur Arbeit nur noch 25 Minuten, ohne weiche Knie. Ich bleibe Unfallfrei. Nur im Waldst├╝ck gab es Verluste. F├╝nf M├╝cken oder Fliegen (lie├č sich nicht so genau unterscheiden am Geschmack), zwei Nacktschnecken und eine Blindschleiche fielen meinem Fahrradfahren zum Opfer.
Ich ├╝berlege sogar, mein Auto abzuschaffen. Aber dann regnet es wieder.

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