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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fünfzehn Minuten nach Sieben.
Eingestellt am 09. 08. 2001 11:08


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

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Fünfzehn Minuten nach Sieben.

Fünfzehn Minuten nach Sieben. Der Wecker. Er tappst barfuß ins Bad, zieht sich an. In der Küche schmiert er seine Brote. Dann packt er seine Tasche, nimmt Portemonnaie und Schlüssel vom Bord und zieht die Wohnungstüre hinter sich zu und die Zeitung aus dem Briefkasten.
Nach wenigen Schritten wartet er an der Haltestelle bis der Bus kommt und ihn in seinem Bauch bis zum Bahnhof trägt. Wenn er auf das Gleis kommt ist die S-Bahn schon da. Vierzig Minuten in diesem orangen Lindwurm aus Metall und Plastik. Endlos geduldig lässt sich die Menschenmenge durchrütteln. Zeitungsrascheln. Schlafen. Generve mit Handy und Walkman. Rücksichtslos. Immer das Gleiche. Auch in der Zeitung, immer das Gleiche. Aus dir soll mal was besseres werden, hatten seine Eltern stets beschworen, ihn aufs Gymnasium geschickt. Es hatte insofern geklappt, dass er sein Geld tatsächlich nicht mit körperlicher Arbeit verdienen musste, er war ein Verwaltungszombie geworden. Jetzt war er Anfang Dreißig, doch es schien ihm, als könne er nicht älter werden, nicht noch älter als er sich fühlte, nicht noch älter.

Nachdem die S-Bahn ihn ausgespuckt hat, ist er noch mal auf den Bus angewiesen, der ihn zu dem großen Verwaltungsgebäude bringt, in dem er dann für acht Stunden seine Seele an der Garderobe abgeben wird. Doch hier ist seine Verbindung nicht so lückenlos, hier muß er sieben Minuten warten. Hier nippt er kurz am Leben: die Zeitung als Alibi vor sich haltend blickt er sich um und beschaut die Passanten, belächelt Socken in Herrensandalen und ergötzt sich an gutgewachsenen Frauen. Da ist auch wieder die Blonde, die sieht er fast täglich. Sein Alter, seine Größe, schlank, unauffällig aber geschmackvoll gekleidet, eine etwas zu spitze Nase, aber ansonsten ein hübsches Gesicht mit klaren blauen Augen, lange glatte Haare, meist hochgesteckt, so dass die Haarspitzen lustig über ihrem Hinterkopf hüpfen. Sie steht in seiner Nähe, wartet auf den gleichen Bus, steigt an seiner Haltestelle aus und verliert sich dann in den Weiten des Campus.

Fünfzehn Minuten nach Sieben. Der Wecker.

Diesmal geschieht etwas unerwartetes. Die blonde Frau lächelt ihm zu, lächelt ihn an. Nur ganz kurz, wie zufällig und doch ist er sich sicher, dass dieses Lächeln absichtlich gelächelt wird, dass sie wirklich ihn meint. Der Augenblick fährt durch seine Augen in sein Hirn, dreht dort einige stürmische Runden und gräbt sich dann tief in seinen Leib, irgendwo zwischen Magen und Rückenmark. Er lächelt seinerseits, kurz, dann blickt er wieder in seine Zeitung, wo die Buchstaben Ringelrein zu tanzen scheinen.

Fünfzehn Minuten nach Sieben. Der Wecker.

Beschwingt steht er auf, beinahe hätte er gepfiffen. Er kann es kaum erwarten an der Bushaltestelle anzukommen. Dann ist er da, und sie ist da, aber sie steht mit dem Rücken zu ihm und er kann sich nicht in ihr Blickfeld schieben, nicht ohne aufzufallen. So studiert er sieben Minuten lang ihre Rückenansicht: der hüpfende Schopf, eine Jeansjacke, eine enge, schwarze Stoffhose, geschlossene, schwarze Schuhe mit einem niedrigen Absatz.
Im Bus ist es voll. Sie setzt sich ans Fenster, neben ihr der Platz ist noch frei. Ein Lidschlag des Zögerns, dann setzt er sich neben sie. Beide blicken nur in ihre Zeitung, aber sie sitzen nebeneinander, elf Minuten lang, dann sind sie da.

Fünfzehn Minuten nach Sieben. Der Wecker.

Jeden Tag sitzt er jetzt im Bus neben ihr. Sie grüßen sich mit einem Kopfnicken, doch sie haben noch keine Worte gewechselt und Blicke nur scheu und flüchtig. Heute berührt sie mit ihrem Knie seinen Schenkel. Wie Strom durchfährt es ihn. Wie damals, als er die Küchenlampe aufgehängt hatte ohne die Sicherung rauszunehmen.

Fünfzehn Minuten nach Sieben. Der Wecker.

Der Bus fährt los. Ihre Rechte findet seine Linke. Ihre Finger verschränken sich ineinander, ganz so als sei dieser Weg für diese Finger unumgänglich vorbestimmt. Gegenseitig geben sie sich Zeichen mit den Händen, indem sie den Druck variieren. Sein Daumen streichelt ihren Handrücken. Sein Blut schießt in die Hose. Aus der knisternden Glut ist eine lodernde Flamme geworden. Hand in Hand steigen sie aus dem Bus. An der Haltestelle stehen sie sich gegenüber. Hand in Hand. Die Menschen strömen an ihnen vorbei. Dann sind sie mit sich alleine. Ihre Blicke tauchen ineinander ein. Minutenlang halten sie sich bei den Händen, sehen sich an. Er schluckt. Sein Hals schnürt sich zu, sein Herz krampft, seine Augen werden wässrig.
"Ich bin verheiratet.", krächzt er.
Sie lässt seine Hände los, steht ihm eine Weile stumm gegenüber und sagt dann zwei Worte:
"Du Schwein."
Er nimmt weniger den Schmerz wahr, den die Ohrfeige verursacht, als ihr Geräusch, das in der Stille seines Körpers nachhallt. Er kann nicht sehen wie sie von ihm weg geht, hat nicht die Kraft sich umzudrehen. Doch er ist sich sicher, dass er sie nie wiedersehen wird. Er weint.

fz

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fz

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Camaun
Hobbydichter
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Schön geschrieben!
Nur war das vielleicht so ziemlich das dämlichste, was er in so einem Moment hätte sagen können.
Allerdings... nun ja, er hats ja nicht anders gewollt.
Und sie auch nicht.
Kann man nur mit den Schultern zucken und sagen: "naja, dann ebe net..." *g*

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gez. Camaun

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo frank

deine geschichte läßt sich flüssig lesen und der schluß ist überraschend, da in der ganzen gechichte ja kein hinweis ist das er verheiratet ist. eigentlich hat mich nur eines gestört und das ist der wecker. vielleicht kannst du ihn weglassen, oder hat er eine bestimmte bedeutung?
ganz liebe grüße leonie

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La Luna
Fast-Bestseller-Autor
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Hallo Frank,

zunächst möchte ich dir sagen, dass mir deine Geschichte sehr gut gefällt.
Erstaunlicherweise begrüße ich gerade die Dinge, die eben kritisiert wurden.
Der Wecker....also dieses tägliche Einerlei macht doch gerade die Entwicklung deutlich, die diese "Liebe" nimmt.
Dass der Protagonist sogleich mit der Realität - nämlich verheiratet zu sein - herausplatzte, finde ich durchaus korrekt, zeugt es einerseits von Ehrlichkeit und andererseits macht die Spontaneität deutlich, dass er über diese Tatsache schon länger nachdachte, sie wahrscheinlich sogar bedauerte.
Ihre Reaktion fand ich da schon recht blöd.
Sie lässt die Leser abrupt erwachen.
Warum Worte?
Lass sie wortlos gehen, mit einen zarten, bedauernden Lächeln und Trauer in den Augen, dann träumt der Leser weiter.


Liebe Grüße
Julia

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Frank Zimmermann
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Danke!

Euch allen schönen Dank für das Feedback!
Ich denke vielleicht wirklich nochmal über die letzten Sätze nach, aber der Wecker bleibt!
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fz

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Kommentare: 1400
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Hallo Frank,

eine schöne Geschichte. Am Anfang dachte ich ja noch: 'Ach ja, wieder mal der ewige Weltenschmerz, der irgendwo im Selbstmord endet. Aber dann - je öfter der Wecker klingelte, um so mehr begann mich die Story zu fesseln. Ich hätte sicherlich einen richtigen Kommentar geschrieben, wenn La Luna nicht schneller gewesen wäre. Ihr vermag ich mich voll und ganz anzuschließen.

Gruß Ralph
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