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Leselupe.de > Kurzprosa
Gestank im Zimmer
Eingestellt am 27. 12. 2017 11:44


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Arno Abendschön
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Wie bin ich eigentlich wieder ins Bett gekommen? Ich höre auf einmal gar nichts mehr. Dieser störende Dauerton scheint erst abgeebbt und nun nicht mehr wahrnehmbar zu sein. Oder nur von mir nicht festzustellen? Hat der neue, ebenso rĂ€tselhafte Gestank im Zimmer das GerĂ€usch jetzt fĂŒr mich ĂŒberlagert? Wie kann ich mich in meinen frĂŒheren Zustand umfassender WahrnehmungsfĂ€higkeit zurĂŒckversetzen? Und was entgeht mir vielleicht sonst noch an fĂŒr mich Bedeutsamem in meiner Umgebung? Das sind existenzielle Fragen und ich weiß nicht, wie sie lösen. Dabei sollte es leicht sein, ist doch meine ganze Welt jetzt bloß auf eine Schlafkammer reduziert.

Du musst mit ganz kleinen Aufgaben anfangen, sagt Ronald, der auf einmal im Zimmer ist. Ich wundere mich keineswegs ĂŒber seine Anwesenheit. Am Fenster steht er, schwach erhellt von Lichtbahnen aus den Scheinwerfern vereinzelter Fahrzeuge draußen. Der Vorhang schließt nicht ausreichend ab, das kommt noch zu allem Übrigen hinzu. Ich mĂŒsste aufstehen, ihn ordentlich zuziehen. Mein Versuch, das Bett erneut zu verlassen, scheitert. Ich fĂŒhle mich sehr viel schwerer als sonst, scheine seit gestern Abend um ein Mehrfaches an Gewicht zugenommen zu haben. Ob auch das möglich ist: Gewichtszunahme durch die Einwirkung von Gestank? Nein, sagt Ronald, du musst dir zunĂ€chst die einfachen Fragen vorlegen und zu beantworten versuchen. Er hat noch immer seinen schwarzen Vollbart. Ich starre Ronald an und will herausfinden, ob er sich inzwischen verĂ€ndert hat. FrĂŒher hatte er ausgeprĂ€gt starke Falten auf der Stirn, besonders wenn er lachte oder wenn er Ă€rgerlich wurde. Ich versuche, seine Mimik zu ergrĂŒnden, aber der Bart ĂŒberdeckt mit seinem Schatten alles fĂŒr mich.

Und du, frage ich ihn, ist es dir denn gelungen, die einfachen Aufgaben zu lösen? Teils, teils, sagt Ronald, und wenn ja, dann kamen hinterher fĂŒr eine gelöste ein Dutzend neue KalamitĂ€ten. Als ich noch Koch war, erzĂ€hlt er nun, hatte ich einen großen Widerwillen. Lach nicht, es war der Geruch von ParmesankĂ€se. Ich fand immer, er riecht wie Kotze. Vielleicht habe ich auch deshalb den Kochlöffel abgegeben 
 Diesen Löffel also auch abgegeben, unterbreche ich ihn, woraufhin er Ă€rgerlich wird und ich nun doch die Falten auf seiner Stirn bemerke, tiefer eingegraben als je: Löffelgeschichten spielen jetzt keine Rolle, spĂ€ter 


Du bist dann ja zur Post gegangen, helfe ich ihm weiter. Und olfaktorisch ging’s dir da besser? Ja, am Anfang. Briefmarken riechen ein bisschen nach Leim, nicht schlimm. Aber die Hunde, die sie ins Amt mitbringen, schon ĂŒbler. Besonders schwer zu ertragen dieser Geruch, wenn sie vorher draußen im Regen waren. Einmal habe ich einen in den Packraum hineinlaufen lassen und schnell die TĂŒr hinter ihm zu gemacht. Wie das Frauchen ihn ĂŒberall gesucht hat - lustig. Ronald fĂ€ngt an, Geschichten zu erzĂ€hlen, ganz wie frĂŒher. Er sprudelt sie noch immer heraus und das GerĂ€usch, das er dabei macht, ist es nicht das GerĂ€usch von vorhin? Steht Ronald schon die ganze Nacht am Fenster und erzĂ€hlt seine Geschichten? Wie einer schlecht verpackte Manner-Schnitten nach Togo schicken musste – die haben da so was nicht -, wie der Zoll von Togo die Einfuhr ablehnte und der ganze KrĂŒmelkram nach Europa zurĂŒckkam und der frustrierte Schenker das hohe RĂŒckporto berappen musste, fĂŒr nichts! Zum Muttertag, erzĂ€hlt Ronald, kommen im letzten Moment immer dieselben traurigen Gestalten, wickeln Blumenstöcke in Packpapier, schreiben Mamas Adresse außen drauf und glauben, das kommt rechtzeitig an und auch noch heil!

Die Blumenerde, frage ich, ist es die Blumenerde, die wir jetzt durch die Löcher im Packpapier riechen? Ronald lacht und fragt: Dein Geruch oder besser: der Gestank in deiner Nase? Was weiß ich! Ich bin’s jedenfalls nicht. Und das weißt du doch sowieso 
 Ja, sage ich, ich weiß, dass ich dich jetzt nur trĂ€ume. Tote stinken nicht oder jedenfalls nicht so lange, wie du schon tot bist. Außerdem bist du ja eingeĂ€schert worden.

Ronald ist plötzlich nicht mehr da. Es scheint draußen heller geworden zu sein. Ich quĂ€le mich doch noch aus dem Bett, luge mit Ă€ußerster Anstrengung zwischen den Vorhangbahnen auf die leere Straße. TrĂ€ume ich noch, trĂ€ume jetzt Wachsein, wie ich vorhin TrĂ€umen getrĂ€umt habe? Jedenfalls stinkt es noch immer.


Version vom 27. 12. 2017 11:44

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Ord
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Arno,

der ungewöhnliche Titel hat mich neugierig auf Deine Geschichte gemacht.

Der Einstieg ist Dir mit der Fragestellung gut gelungen.

quote:
Wie bin ich eigentlich wieder ins Bett gekommen?


Einiges ist mir beim Lesen aufgefallen.
Vielleicht möchtest Du die eine oder andere Anregung umsetzten.

quote:
Das GerĂ€usch, dieser störende Dauerton, scheint erst abgeebbt und nun nicht mehr wahrnehmbar zu sein. Oder nur von mir nicht festzustellen? Hat der neue, ebenso rĂ€tselhafte Gestank im Zimmer es jetzt fĂŒr mich ĂŒberlagert?

Das „es“ hinter Zimmer, welches sich auf „das GerĂ€usch“ am Anfang bezieht, ist recht weit entfernt. Möglich wĂ€re:
Dieser störende Dauerton scheint erst abgeebbt und nun nicht mehr wahrnehmbar zu sein. Oder nur von mir nicht festzustellen? Hat der neue, ebenso rĂ€tselhafte Gestank im Zimmer das GerĂ€usch jetzt fĂŒr mich ĂŒberlagert?

quote:
Und was entgeht mir vielleicht sonst noch an fĂŒr mich Bedeutsamem in meiner Umgebung? (Ich vermeide mit Absicht das Wort Umwelt, um mir nicht klarmachen zu mĂŒssen, dass meine ganze Welt jetzt identisch ist mit dieser Schlafkammer.)

Die Klammer mit der ErlĂ€uterung stört fĂŒr mich den Lesefluss. Die ErklĂ€rung könnte in den Text eingeflochten werden, in etwa so:
Und was entgeht mir vielleicht sonst noch an fĂŒr mich Bedeutsamem in meiner Umwelt? Welt?! Reduziert auf diese Schlafkammer. Meine Umgebung.

quote:
FrĂŒher hatte er ausgeprĂ€gt starke Falten auf der Stirn, besonders wenn er lachte oder wenn er Ă€rgerlich wurde.

Ich brauchte eine Weile, bis ich herausgefunden hatte, was mich an diesem Satz stört.
Dann habe ich mich vor den Spiegel gestellt, gegrinst und danach die Stirn in Falten gelegt. Das Ergebnis war fĂŒrchterlich.
Ich denke, das Lachen kann raus.
FrĂŒher hatte er ausgeprĂ€gt starke Falten auf der Stirn, besonders wenn er sich Ă€rgerte.

quote:
Er sprudelt sie noch immer heraus und das GerĂ€usch, das er dabei macht, ist es nicht das GerĂ€usch von vorhin? Steht Ronald schon die ganze Nacht am Fenster und erzĂ€hlt seine Geschichten? Wie einer schlecht verpackte Manner-Schnitten nach Togo schicken musste – die haben da so was nicht -, wie der Zoll von Togo die Einfuhr ablehnte und der ganze KrĂŒmelkram nach Europa zurĂŒckkam und der frustrierte Schenker das hohe RĂŒckporto berappen musste, fĂŒr nichts! Zum Muttertag, erzĂ€hlt Ronald, kommen im letzten Moment immer dieselben traurigen Gestalten, wickeln Blumenstöcke in Packpapier, schreiben Mamas Adresse außen drauf und glauben, das kommt rechtzeitig an und auch noch heil!

Hier meine ich, dass die Manner-Schnitten-Geschichte zu sehr den Fokus auf sich lenkt.
Mögliche Lösung:

Er sprudelt sie noch immer heraus und das GerĂ€usch, das er dabei macht, ist es nicht das GerĂ€usch von vorhin? Steht er schon die ganze Nacht am Fenster und redet? Zum Muttertag, erzĂ€hlt Ronald, kommen im letzten Moment immer dieselben traurigen Gestalten, wickeln Blumenstöcke in Packpapier, schreiben Mamas Adresse außen drauf und glauben, das kommt rechtzeitig an und auch noch heil!

quote:
Ronald lacht und fragt: Dein Geruch oder besser: der Geruch in deiner Nase? Was weiß ich! Ich bin’s jedenfalls nicht, der hier so stinkt. Und das weißt du doch sowieso 
 Ja, sage ich, ich weiß, dass ich dich jetzt nur trĂ€ume. Toten stinken nicht oder jedenfalls nicht so lange, wie du schon tot bist. Außerdem bist du ja eingeĂ€schert worden.

Den Zusatz „der hier so stinkt“ wĂŒrde ich weggelassen:

Ronald lacht und fragt: Dein Geruch oder besser: der Gestank in deiner Nase? Was weiß ich! Ich bin’s jedenfalls nicht. Und das weißt du doch sowieso 
 Ja, sage ich, ich weiß, dass ich dich jetzt nur trĂ€ume. Tote stinken nicht oder jedenfalls nicht so lange, wie du schon tot bist. Außerdem bist du ja eingeĂ€schert worden.

Der Text ist fesselnd bis zum Ende.
Zum Schluss fragt sich der Protagonist, ob er das Wachsein trÀumt, wie vorher auch das TrÀumen.
Die Antwort bleibt er schuldig.

Viele GrĂŒĂŸe
Ord

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Arno Abendschön
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Großes Dankeschön, Ord, fĂŒr deine MĂŒhe und die VorschlĂ€ge. Sie zeugen von gut ausgebildetem Stilempfinden und haben mich zumeist auch ĂŒberzeugt. Von fĂŒnf Anregungen bin ich dreien gefolgt und habe zusĂ€tzlich noch den Schreibfehler korrigiert. Warum ich in zwei weiteren FĂ€llen beim Bisherigen bleiben will, begrĂŒnde ich kurz.

Doch, bei einem Gesicht mit ausgeprĂ€gter Faltenbildung können diese Runzeln durch intensives Lachen noch deutlicher hervortreten. Das war auch bei "Ronald" so, fĂŒr den es ein reales Vorbild gab. - Auf die "Manner"-Episode möchte ich aus zwei GrĂŒnden nicht verzichten: 1. Wenn hinter dem "GerĂ€usch" möglicherweise ein Geschichten erzĂ€hlender Ronald steckt, dann sollten mindestens drei davon kurz angerissen werden. 2. Der KrĂŒmelexport und -import soll das komische Element verstĂ€rken, als Gegengewicht zur nĂ€chtlichen Erscheinung eines Toten im Schlafzimmer.

Ja, warum bleibt fĂŒr den Ich-ErzĂ€hler offen, ob er am Schluss tatsĂ€chlich wach ist? Nun, der Text insgesamt behandelt die fließenden ÜbergĂ€nge zwischen Traumphasen und Wachsein, auch die Einwirkung Ă€ußerer VorgĂ€nge (GerĂ€usche, GerĂŒche) auf den Schlaf und ihre synchrone Verarbeitung beim TrĂ€umen. Und wenn man im Traum ein Bewusstsein vom momentanen TrĂ€umen haben kann, dann kann natĂŒrlich auch das Erwachen aus dem Traum getrĂ€umt sein.

Freundliche GrĂŒĂŸe
Arno Abendschön

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