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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Heimwärts
Eingestellt am 12. 09. 2010 14:10


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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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Heimwärts

Der alte Mann schaute auf die Uhr.
Es war kurz nach Neun am Morgen. Noch war ein wenig Zeit.
Aber dann kämen sie doch, um ihn zu holen.
Dies war er also, der letzte Morgen an dem alles so war wie immer:
Der Kaffee tröpfelte durch den Filter und verbreitete sein Aroma in der Küche.
Das Käseschnittchen, mit Löwensenf bestrichen, lag auf dem alten Schneidebrett, daneben die Tageszeitung.
Sein erster Blick galt schon seit langem den Todesanzeigen.
Hier fand er vertraute Namen. Und wenn er sie fand, wurde seine Welt kleiner.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte ihn dies erschreckt.
Jetzt nicht mehr.
Er las die Namen halblaut; studierte die kleinen Erinnerungstexte, fragte sich, ob diese wenigen Worte wohl das waren, was man die Essenz des Lebens der Verstorbenen nennen könnte, und hoffte, dass für ihn, diejenigen, die blieben, auch einen passenden Satz finden würden.
So wie jenen neulich, den er sich auf einen Zettel notiert hatte, nur um doch zu vergessen, wo er ihn hingelegt hatte.
Die Erinnerung an die wenigen Worte und der Verbleib des Zettels waren beinahe greifbar - und doch in ihm gänzlich versunken.
Er leerte den Kaffee und schüttete nach.
„Nie mehr selber Kaffee kochen“; dachte er, „und auch die Käseschnitte werden mir nun andere schmieren.“
Er öffnete das Küchenfenster, legte ein Kopfkissen auf das Fensterbrett, lehnte sich mit gekreuzten Armen heraus, und schenkte seiner Welt einen letzten langen Blick.

Die Pappel auf dem Rasen vor seinem Haus hatte sich der Sturm geholt.
Der Stamm war in der Nacht geborsten und so hatte sein Schwiegersohn das Grünflächenamt gerufen.
Ein paar Männer waren gekommen, die fällten den Baum oberhalb der Grasnarbe, zersägten den Stamm und die Äste in handliche Stücke und fragten ihn schließlich, ob er das Holz gebrauchen könnte.
„Nehmt`s mit und gebt es einem der Särge macht. Das ist gutes Holz. Hält lang die Würmer ab“, hatte er geantwortet.
Die Männer lachten, luden alles auf den Wagen und waren davongefahren.
Er hatte die Pappel selbst gepflanzt. Das war eine Ewigkeit her.
Jetzt sah er auf den Stumpf, sah wie Licht und Schatten über die freigelegten Jahresringe wanderten, und versuchte vergeblich vom Fenster aus die Ringe zu zählen.
Dann kam das Auto.
Er ging hinaus. Sein Schwiegersohn lächelte.
„...und, alles erledigt?“, fragte er ihn.
„Ich habe das Fenster offen gelassen.“
Sein Schwiegersohn nickte.
„Ist nicht schlimm. Ich mach´s zu, wenn wir das Bett holen!“
Sie schwiegen.
Nach einer Weile seufzte der alte Mann.
„Weißt du, was die Männer vom Amt mit dem Holz machen?“
Der Schwiegersohn zuckte mit den Achseln:
„Wen interessiert´s? Ich denke, es wird brennen. Ja, sie werden es verbrennen.“
Dann stiegen sie ein und fuhren heimwärts.
__________________
RL

Version vom 12. 09. 2010 14:10
Version vom 12. 09. 2010 14:25
Version vom 12. 09. 2010 18:27
Version vom 14. 09. 2010 16:57

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Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

Werke: 41
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Lieber Ralf!

Großartig deine Geschichte!!!
Chapeau!
Habe auch schonmal über das Thema geschrieben, wesentlich ausführlicher, aber meine Geschichte war längst nicht so beeindruckend wie dein Text!

Kleine Anmerekungen zum Text, Erbsenzählerei:

quote:
Aber dann kämen sie doch , um ihn zu holen.

quote:
Das Käseschnittchen , mit Löwensenf bestrichen, lag auf dem alten Schneidebrett, daneben die Tageszeitung.

quote:
Und wenn er sie fand, wurde seine Welt kleiner.
- sehr schön

quote:
diejenigen die blieben

quote:
nur um doch zu vergessen , wo er ihn hingelegt
hatte.
- Diese Satzform mit um - zu liest man zwar öfter, sie stimmt aber in diesem Zusammenhang nicht. Er hatte nicht die Absicht zu vergessen!

quote:
die Käseschnitte werden mir nun andere schmieren.“

„Nehmt`s mit und gebt es einem , der Särge macht.
- gefällt mir sehr


Ich mach´s zu , wenn wir das Bett holen!“

quote:
„Weißt du , was die Männer vom Amt mit dem Holz machen?“

quote:
Dann stiegen sie ein und fuhren heimwärts.
- sehr, sehr gut formuliert

Gruß

Retep
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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hallo retep,
hab dank für die beseitigung der fehler.
mit dem "um zu" satz hast du recht. werde mir eine andere formulierung einfallen lassen.
möglicherweise interessant bei diesem text, ist seine entstehunggeschichte:
ich habe ein halb fertiges stück lyrik zu diesem thema geschrieben. aber es wollte nicht so recht, wie ich wollte.

es gab ein schönes wortspiel :

zum einem mit den "jahresringen" und homonym "jahrelangem ringen"
" jetzt nur noch stumpf
mit freigelegtem jahrelangen ringen"

desweiteren ein gereimten blick aufs Ende

" dann lächelt er( der alte mann)
und ihm fällt ein
die letzte immobilie
wird wohl sein grabstein sein"

dann entschied ich mich um
und versuchte es mit diesem text,
der ganz schnörkellos daher kommt.
( wie ich hoffe)

lg ralf

__________________
RL

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Retep
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2008

Werke: 41
Kommentare: 607
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Lieber Ralf!

Er kommt völlig schnörkellos rüber und sagt sehr viel zwischen den Zeilen.
Deshalb hat er mir sehr gefallen.

Gruß

Retp
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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gerian
Festzeitungsschreiber
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Kommentare: 85
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Heimwärts

Hallo Ralf,

Glückwunsch zu deiner gelungenen Kurzgeschichte!
Du beginnst mit einem unmittelbaren Einstieg und lässt den auktorialen Erzähler die Geschichte vorführen, wobei die kurzen Dialoge zusätzlich die Handlung vorantreiben.
Ich schlage vor, die eine oder andere Passage noch mehr zu verdichten, z.B. dass mit dem Zeitungslesen bzw. Todesanzeigen.
Schön gemacht auch, wie du den Vergleich zwischen dem alten Mann der Pappel herstellst. "Wie Innen, so Außen..."
So verstärkst du den Spannungsbogen und nochmals die Wiederholung am Schluss: Alter Mann vers. Pappel.
Der pointierte Schluss ist dir gut gelungehn.

LG
Gerian

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Aaron
Guest
Registriert: Not Yet

quote:
Nach einer Weile seufzte der alte Mann.
„Weißt du, was die Männer vom Amt mit dem Holz machen?“
Der Schwiegersohn zuckte mit den Achseln:
„Wen interessiert´s? Ich denke, es wird brennen. Ja, sie werden es verbrennen.“

Auch ich dachte, es wird brennen. Übrigens schon nach der Überschrift. Nach den ersten beiden Sätzen dachte ich eigentlich, es wird explodieren.
Naja.
Mich hat jetzt doch mal interessiert, was Du so schreibst. Sieh es bitte nicht als Retourkutsche an, aber solche Geschichten kriegst Du etwas variiert täglich auf jedem Fernsehkanal, von Lindenstraße bis "weiß nich wo".
Handwerklich eigentlich in Ordnung, wenn man Klischees mag. Inhaltlich fordert der Text ein wenig die Toleranz des Lesers, aber gewiss nicht die eines jeden.


Grüße

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